Israelischer Künstler in Hannover


Der Kunstverein Hannover hat den israelischen Künstler Roee Rosen für eine Einzelpräsentation vor 1 ½ Jahren eingeladen. „Auch wenn alle von Cancel-Culture reden, man kann doch einen Künstler nicht wieder ausladen. Außerdem zeugt die Kunst von Roee Rosen seit jeher von seiner kritischen Haltung gegenüber der Politik seines Landes. Da müssen propalästinensische Protestgruppen auch mal genau hinsehen, bevor sie uns kritisieren.“, betont der Direktor und Kurator des Kunstvereins Hannover Christoph Platz-Gallus anlässlich der Eröffnung der Ausstellung.
Roee Rosens Film „The Dust-Channel” war das Lieblingskunstwerk vieler BesucherInnen auf der Documenta 14 im Ausstellungsteil in Kassel. Hier kritisierte er seine Landsleute als übertriebene Sauberkeitsfanatiker, jedoch nicht nur beim Staubsaugen mit dem Dyson, sondern auch wegen der permanenten Säuberungsideen von illegalen Einwanderern.



„Kafka for Kids“ ist der neue farbenkräftige, kitschig-skurrile Musik-Film, in dem Rosen im Jahr des 100jährigen Geburtstags des Dichters seine Interpretation der „Verwandlung“ als Musikfilm zeigt. Er ist absolut nicht nur für Kinder, sondern gespickt mit Spitzen, wie Kindheit in den israelisch besetzen Gebieten durch das Militärrecht zerstört wird.


Roee Rosen kreiert auch gern fiktive Charaktere inklusive Lebenslauf, die als Schriftsteller oder Malerinnen politische Kritik gestalten: Maxim Komar-Myshkin (geb 1978 in der Sowjetunion, gestorben 2011 in Israel) wanderte 2000 nach Israel aus, weil er – wahrscheinlich wahnhaft- überzeugt war, dass Putin seine Ermordung angeordnet hätte. In einem Saal ist die – fiktive – Geschichte dieses Künstlers in über 20 Bildern und Texten ausgestellt, die erstaunliche Ähnlichkeiten mit sowjetischen Ereignissen und Namen aufweisen. Maxims Tod wurde als Suizid deklariert.



Auch die Geschichte der jüdisch-belgischen Malerin Justine Frank ist ein Konstrukt des Künstlers. Sie wanderte 1934 nach Palästina aus und malte provokant surrealistisch gegen das gängige sexuelle Modell des dominanten Mannes und der krampfhaften Pflicht der Frau zu Schönheit. Sie nannte sich „Frankomas“ in Analogie zum genial kriminellen Fantomas. 1943 verließ sie das Haus, in dem sie bei ihrer Freundin wohnte und wurde nie wieder gesehen. Ein Video und viele Bilder illustrieren dieses Narrativ von Roee Rosen.


Ein anderes Thema für ihn ist Freuds Psychoanalyse. Die Titelseite der englischen Ausgabe des Standardwerkes veränderte der Künstler auf viele Arten und somit auch die Aussagen.


Sehr bedrückend und aktuell ist der letzte Raum mit den „Gaza War Tattoos“. Die Schriften der Tattoos beinhalten viele Formulierungen, die vom Militär als verharmlosende Ausdrücke für Greueltaten benutzt werden. Auf einen menschlichen Rücken projiziert der Künstler Namen, die die israelische Armee ihren Angriffen auf Gaza gegeben hat. Auf der anderen Seite deklariert Israel sogenannte „Sichere Zonen“, doch auch dort wurde heftig bombardiert.


Es ist eine Ausstellung mit klarer politischer Haltung des Künstlers zu den Taten seiner Regierung. Aber es sind auch Werke zu finden, die einfühlsam über Liebe, Krankheit, Zuwendung und Tod sprechen. Wer sich auf diese Kunst einlassen will, sollte sich Zeit fürs Lesen mitbringen. Durch die Hintergrundinformationen gewinnt diese Ausstellung enorm.
Roee Rosen: “The Kafka Companion to Wellness” im Kunstverein Hannover vom 9. November 2024 bis 12. Januar 2025