
In seinem eigenen Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal hat Tony Cragg, einer der zurzeit bedeutendsten Bildhauer schon vielen Kollegen Ausstellungen ermöglicht, doch diesmal zeigt er eine Auswahl eigener Werke aus mehreren Jahrzehnten.
Als ehemaliger Hochschullehrer in Düsseldorf und Berlin kann er selbst auch hervorragend über seine Arbeit und Ansichten berichten.


Wie ist diese fast florale Skulptur entstanden?
„Sie ist aus Aluminium, was eine Seltenheit für meine Arbeiten ist. Doch so eine komplizierte Arbeit kann man nicht in Bronze gießen, das würde viel zu schwer werden. Außerdem ist die Form viel zu kompliziert. Die Skulptur ist wegen des leichten Aluminiums gar nicht so schwer, nur etwa 1,5 Tonnen(= 1500 kg). Sie ist vor etwa 10 bis 15 Jahren entstanden.“



Welche Rolle spielt der Computer, wenn sie ihre Kunstwerke entwerfen? Wir sehen sonst eigentlich nur Zeichnungen von Ihnen.
„Der Computer spielt gar keine Rolle für mich beim Erdenken und Entwerfen meiner Werke. Doch ich habe einen jungen Mann, der damit für den Herstellungprozess sehr gut arbeitet. Wir bauen alle Formen immer zunächst mit den Händen. Alle Formen entstehen im Atelier in Gips oder Holz oder Polyuretan. Man hat früher sowas dann abgeformt in eine Negativ-Form und später gegossen. Das verbrauchte wahnsinnig viel Material. Heutzutage kann man sie einscannen. Der Computer ist für mich ein Werkzeug, das sehr nützlich ist in der Herstellung, aber nicht beim Entwurf eines Kunstwerks. Junge Leute fragen mich durchaus oft, welches Programm ich benutze, doch als ich 1985 anfing, gab es ja überhaupt noch keine Programme für Gestaltung. Ab 2005 haben wir mit ein paar jungen Leuten probiert, mit dem Computer einige Werke zu bauen. Allerdings ist das für mich sinnlos. Solche Entwürfe bleiben für mich völlig emotionslos. Eine gute amerikanische Kollegin hatte den Computer entdeckt und macht seither große schwebende Objekte, doch der Effekt ist für mich emotional gleich null. Für die Herstellung benutzen wir aber auch neuste industrielle Methoden, die aus eingescannten Daten die Objekte herstellen können, besonders die Negativformen.“

Eduardo Chiliida wurde in seiner Kunst von den Eisengießereien in seiner Heimat im Baskenland geprägt. Gibt es solch einen Einfluss eines Materials auch bei Ihnen?
„Nein, die Bildhauerei hat sich weiter entwickelt, wenn es um Materialien geht. Für mich ist aber das einzig wichtige Material, das mich wirklich interessiert, das höchstentwickeltste Material überhaupt, nämlich das menschliche Neuron. Das ist das menschliche Gehirn, weil es ohne das Gehirn gar nichts gäbe: keine Farben, keine Form, kein Denken, kein Fühlen, keine Kunst. Das Großartigste ist, wie wir sehen, empfinden und denken. Ich bin ein begeisterter Bildhauer und denke immer über Material nach. Das findet sich überall: die Natur, mein eigener Körper, meine Umgebung und was das alles in mir auslöst. Material ist zunächst immer etwas niedriges, erst durch den menschlichen Geist entwickelt es sich zu etwas Besonderem. Wie Ideen und Emotionen entstehen, wissen wir nicht und ich kann es nicht steuern, doch es kommt einfach aus mir heraus.“ Hier erklärt sich jetzt auch der Titel der Ausstellung: „Line of Thought“ : eine Linie oder Kette menschlicher Gedanken, die Gestalt angenommen haben.
„Wir haben eine Wahrnehmung, doch die ist sehr gering. Die Wissenschaft forscht weiter, um uns mehr Realitäten verständlich zu machen. Aber die Kunst spielt da auch eine Rolle. Wir verbringen so viel Zeit mit Alltäglichkeiten und unsinnigem häßlichen Streit. Der ganze Globus wird im Moment von Idioten und bösen Menschen regiert. Aber die Kunst nicht. Die Kunst hat niemanden umgebracht. Die Kunst ist eine wahnsinnig positive Eingebung. Sie ist das Höchste, was Menschen hervorbringen.“
Es gibt hier keine Schilder. Wie können Sie Besuchern helfen, die Kunst zu verstehen? „Kunst ist keine Unterhaltung. Kunst ist auch ein bisschen Arbeit. Man kann auch die beste Musik, Literatur oder Wissenschaft nicht verstehen, wenn man sich nicht ein wenig damit befasst. Und den Menschen, die nur durch Ausstellungen rasen und nach kurzem Blick auf Kunstwerke einfach mit: „Gefällt mir, gefällt mir nicht.“ reagieren, kann ich nicht helfen. Wenn Sie 100 Leute fragen, was ein Bild, vor dem sie stehen, aussagt, bekommen Sie 100 Antworten, denn vor dem Bild steht ein individueller Mensch mit all seinen Erfahrungen, Gefühlen und Ideen. Ich möchte die Besucher aufrufen, vor meinen Werken eigene Gedanken zu entwickeln. Wir Menschen entdecken am Ende uns selbst in der Kunst. Kunst definiert uns. Das ist das besondere einmalige Erlebnis.“



In der unteren der 3 großen lichtdurchfluteten Ausstellungshallen finden sich 200 Zeichnungen sowie Glasfiguren von Tony Cragg, die in Murano hergestellt wurden. Aus den Zeichnungen ist der Prozess der Formgestaltungen der großen Skulpturen zu entdecken.



„Glas ist ein fantastisches Material, weil es fluide ist. Ich kann das auch nicht selbst herstellen. Das ist viel zu schwer. Die Stangen und das 1000 Grad heiße Glas wiegen 40 Kilo und mehr. Ich stehe nur dabei und sage an, wie ich die Form haben möchte. Die Glasbläser in Murano machen das hervorragend.
Dabei interessiert mich: Was macht Material mit mir? Wie reagiere ich darauf? Glas will immer eine eigene geometrische Form einnehmen, eine Tropfenform, was ein komplexes Zusammenspiel zwischen mir, dem Künstler und dem Material hervorruft.“


Die Glasskulpturen sind wesentlich kleiner, filigraner und vielfältiger in Form und Farbe, doch in den meisten ist Tony Craggs typisch organische Formensprache wiederzuerkennen.
1949 in Liverpool geboren lebt Tony Cragg seit 1976 in Wuppertal. Er stellte mehrfach Werke auf der Documenta und auf Biennalen in Venedig aus. Aktuell stehen große Bronzeplastiken von ihm im Max Ernst-Museum in Wiesbaden, auf dem Skulpturenpfad Purple Path in Chemnitz und vor dem Forum Kunst des Bundestags in Berlin.



Der Skulpturenpark in Wuppertal ist zusätzlich voll gespickt mit dauerhaften Figuren auch anderer Bildhauer, die zwischen kühlenden Bäumen hinter jeder Wegbiegung neue Seherlebnisse bieten. Trotz des etwas beschwerlichen Aufstiegs ist jeder Ausflug eine wertvolle Mischung aus Natur- und Kunstgenuss.
Toni Cragg; Line of Thought im Skulpturenpark „Waldfrieden“ in Wuppertal. 20.August 2025 bis 1.1.2026


















