Vorboten des Europäischen Kulturstadtjahres, Kunstschätze beleben die entlegene Region
Im tiefsten Sachsen in und um Chemnitz herum findet eine bemerkenswerte Transformation statt. Kleine Dörfer, die einst in Vergessenheit schlummerten, erwachen jetzt, nicht durch erneuten Industrielärm, sondern durch den Reiz erstklassiger Kunst. Dieser Wandel wird durch den Skulpturenpfad „Purple Path“ vorangetrieben, das ehrgeizigste Projekt der Kulturhauptstadt Europas 2025.


Der „Purple Path“ist nicht nur eine Sammlung von Skulpturen, sondern ein lebendiger Leitfaden durch die reiche Geschichte, Kultur und Identität dieser oft übersehenen Region. Das von Alexander Ochs kuratierte Projekt brachte international anerkannte Künstler und Künstlerinnen mit 38 Bürgermeister*Innen des Erzgebirges zusammen. Durch die lokalen Gespräche erfuhren die Kunstschaffenden alle spezifischen Narrative des jeweiligen Ortes und schufen mit diesem Wissen ortsspezifische Skulpturen unter dem verbindenden Thema „Alles kommt vom Berg her“. Dieses Konzept ist eine Hommage an das tief verwurzelte Bergbauerbe der Region, in der bereits im 12. Jahrhundert Silber, später Zinn, Kobalt und Eisen abgebaut wurden. Die geförderten Uranmengen lieferten Russland über Jahrzehnte bis zu 60% ihres Bedarfs, während Bergleute in Aue an Bronchialkarzinomen aufgrund chronischer Strahlenexposition im Bergbau starben.



Die Skulpturen sind mehr als nur ästhetische Ergänzungen dieser Dörfer – sie sind in Metall, Stein und andere Materialien gespeicherte Erzählungen. Jedes Stück spiegelt die lokalen Geschichten über die Industrie und die Erlebnisse der Menschen wider, die dort leben. In Zschopau einer Stadt, die einst für ihre Motorradproduktion im VEB Motorradwerk bekannt war, hat der Künstler Michael Sailstorfer am Ufer des idyllisch plätschernden Flusses, dem der Ort seinen Namen verdankt, eine riesige Motorradspiegelskulptur installiert. Anders als typische Original-Spiegel reflektiert dieser auf beiden Seiten und symbolisiert die Dualität der Perspektiven – eine Anspielung auf die industrielle Vergangenheit der Region und ihre sich entwickelnde neue Identität.


Viele Skulpturen des Purple Path sind bereits an ihren Standorten verankert, so dass schon jetzt eine Rundfahrt spannend ist. Dabei werden abgelegene, stille Orte durchquert, in denen fast keine Menschen auf den Straßen zu sehen sind. Es schleicht sich ein Gefühl von Dornröschenschlaf ein, der vielleicht durch die Kunstwerke zunehmend aufgeweckt wird.
Weiter entlang des Weges, in Schneeberg, hat der britisch-amerikanische Künstler Sean Scully einen abstrahierten Münzstapel aus Bronze geschaffen. Dieses Stück ist nicht nur eine zufällige Anordnung. Sie erinnert an die Silberbergbautradition der Stadt und an die Geschichte des Vaters des Künstlers, eines Friseurs, der jeden Abend sorgfältig seinen Verdienst aufstapelte. Die Skulptur erinnert auch an einen bedeutenden Moment in der Arbeitergeschichte, möglicherweise an den ersten Arbeiterstreik, als die Bergleute gegen Lohnkürzungen aus Protest die Arbeit verweigerten.


In Aue-Bad Schlema steht prominent im Kurpark eine faszinierende riesige Bronze-Skulptur von Tony Cragg. Einige der Skulpturen seien laut Kurator Alexander Ochs auch geliehen, was bei den üblicherweise erzielten Verkaufspreisen dieses Künstlers angesichts des doch begrenzten Etats möglich erscheint.


In Zwönitz hat sich die in Berlin lebende Künstlerin mit türkischem Migrationshintergrund Nevin Aladag von der Strumpfwarenindustrie der Stadt inspirieren lassen. Die Installation der Documenta 14-Teilnehmerin besteht aus bunten Laternen aus Strumpfstoff, der über Metallrahmen gespannt ist. Diese Laternen, die in der Nacht sanft leuchten, symbolisieren das Licht, nach dem sich die Bergleute sehnten, wenn sie im Dunkeln arbeiteten – eine schöne Metapher, die Vergangenheit und Gegenwart verbindet.


Die öffentliche Interaktion mit den Kunstwerken wird nicht nur gefördert, sondern gefeiert. In Jahnsdorf beispielsweise lädt die komplex gewundene Parkbank in hellem Grün des dänischen Künstlers Jeppe Hein sowohl zum entspannten Nachdenken als auch zum Spielen ein. Bei einem kürzlichen Besuch verwandelten ein Vater und seine Kinder die Bank in einen Spielplatz, und ihr Lachen hallte durch das Dorf – ein lebendiges Zeugnis der Vision des Künstlers, Nähe und Kommunikation im öffentlichen Raum zu fördern. Über Jeppe Hain wurde in diesem Blog vor kurzem berichtet, weil die Galerie König im mondänen Bergson Kunstkraftwerk in München aktuell eine Einzelpräsentation des Künstlers zeigt. Auch hier steht unter anderem eine ähnliche verschlungene Bank in gelb, zu der er von den Bänken im New Yorker Central Park inspiriert wurde.


Die Fähigkeit der Kunst, zu fesseln und zu inspirieren, zeigt sich auch in Freiberg, wo Wilhelm Mundts glänzender Silberstein zu einem Magneten für Kinder geworden ist, die eifrig seine glatten Oberflächen erkunden und erklettern. Diese lebendige Interaktion unterstreicht die Überzeugung, dass öffentliche Kunst gelebt und erlebt und nicht nur aus der Ferne betrachtet werden sollte.



Allerdings sind nicht alle Installationen von Destruktionen verschont geblieben. In Lößnitz steht eine Porzellanskulptur von Uli Aigner, die offensichtlich zerstört ist. Doch hier herrschte kein Vandalismus, denn sie brach schon während der Herstellung in China zusammen. Die Künstlerin veränderte sie jedoch nicht, denn in ihrem zerbrochenen Zustand kann die Skulptur noch Bedeutung gewinnen. Ähnlich wie Ai Weiweis sturmgeschädigte Installation auf der Documenta 12 in Kassel, die zum Symbol der unberechenbaren Kraft der Natur wurde, ist Aigners Skulptur ein Beweis für die physikalischen Genzen, an die wir Menschen immer noch stoßen.


Der „Purple Path“ ist mehr als ein Kunstpfad – es ist eine mutige Initiative, die einer Region, die lange Zeit eher für ihre industrielle Produktion als für ihre kulturellen Beiträge bekannt war, neues Leben einhaucht. Während sich Chemnitz darauf vorbereitet, im Jahr 2025 als Kulturhauptstadt Europas in den Mittelpunkt zu rücken, wird dieses Projekt hoffentlich ein Beweis für die transformative Kraft der Kunst selbst in den entlegensten Winkeln Europas.
Für Besucher bietet der Purple Path eine aufregende Entdeckungsreise, ähnlich den Skulpturenprojekten in Münster oder den kollateralen Pavillons der Biennale in Venedig. Es ist eine Chance, die verborgenen Schätze Sachsens zu erkunden, wo Kunst von Weltklasse an den unerwartetsten Orten blüht. Allerdings ist ein modernes Navigationssystem unerlässlich.






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umgestaltet von Daniel Buren 2013

Seit die Europäische Union 1985 begann, Kulturhauptstädte zu ernennen, hat die Initiative den Fokus schrittweise von etablierten Kulturzentren wie Athen, Paris, Berlin oder Weimar auf Regionen verlagert, die keine solche Tradition haben. Diese Verlagerung hat es Gebieten wie Chemnitz und dem Erzgebirge ermöglicht, sich neu zu definieren und über ihr industrielles Erbe hinauszugehen. Während die ehemalige Karl-Marx-Stadt mit ihrem Umland ihre neue kulturelle Identität annimmt, besteht die Hoffnung, dass eine mentale Einstellung von Offenheit und Wertschätzung für Ungewohntes und Überraschendes wie die zeitgenössischen Kunstwerke entsteht und auch dann noch Bestand haben wird, wenn das Rampenlicht des Jahres 2025 längst verblasst ist.
Eröffnung des Europäischen Kulturhauptstatjahres Chemnitz: 18.Januar 2025 Offizielle Eröffnung des „Purple Path“: 11. bis 13. April 2024 https://chemnitz2025.de/programm/purple-path/
Bergson mit Jeppe Hein: https://wordpress.com/post/inartberlin.com/2634 Nevin Aladag: https://wordpress.com/post/inartberlin.com/2064