Länderpavillons der Venedig Biennale 2024 im Stadtbereich
Die Biennale di Venezia findet nicht nur in den Giardini und dem Arsenale statt, vielmehr verteilen sich Länderpavillons und spezielle Ausstellungen anderer Anbieter, die collateralen Events über das komplette Stadtgebiet. Ein nahezu unersetzliches Hilfsmittel zum Finden einzelner Venues ist seit jeher trotz Google-Maps die Karte, die die Zeitschrift ART in ihrem gedruckten Heft veröffentlicht, besonders, weil in Venedig Straßennamen und Hausnummern nicht wirklich existieren.
ART-Magazin
Mühsam bleibt die Planung der Tour trotzdem aus Kombination von Vaporetti und Fußwegen. Doch die Belohnungen sind die Entdeckung idyllischer Gassen und Plätze sowie die Feude, wenn man die Banner mit der Aufschrift eines Biennale-Pavillons plötzlich entdeckt. Nur bei der Biennale bekommt man Einblicke in sonst unbewohnte verschlossene Prunkvillen, die einen großartigen Kontrast zu der dort präsentierten modernen Kunst bieten.
Starten wir mit einigen ausgefallenen Länderpavillons:
Pakui Hardware
LITTAUEN: Kirche Sant‘ Antonin. Die Gruppe Pakui Hardware möchte unter dem Titel „Inflamed“, also „entzündet“ den Zusammenhang zwischen Gesundheit und sozioökonomischem Hintergrund thematisieren. Dazu ergänzt sie ihre Installation aus orangefarbenem Glas und Metall-Skulpturen mit Bildern der verstorbenen Malerin Marija Terese Rozanskaite. Ob man wie gewollt die „Entzündungskräfte“ nachvollziehen kann oder den Sound als Geräusche von MRT-Geräten erkennt, bleibt letztlich unwichtig angesichts des faszinierenden atmosphärischen Gesamterlebnisses.
ZIMBABWE: Santa Maria della Pieta. Thematisch soll eine neue Welt imaginiert werden, in der Herkunft, Identität oder Nationalität der Menschen unwichtig werden und Migration sowie Veränderung der Landschaften bestimmen, wo wir unsere Heimat definieren. Künstlerisch sind wandteppichartige Assemblagen aus besonderen Abfallteilchen zu sehen: Computertasten, Reißverschlüsse, Knöpfe oder Zahnbürstenköpfe. Sie bilden beeindruckende „Landschaften“. Sprechen Sie auch mal die Aufsichtskräfte im Pavillon an und lassen Sie sich Geschichten und Fakten aus ihrem Heimatland berichten.
OMAN: Castello 4147, direkt am Weg zum Markusplatz entlang des Kanals in einem kleinen Laden. Auch hier werden untypische Materialien zu Kunstwerken benutzt: Stoffe werden zunächst zu einer Patchwork-Collage zusammengefügt und entwickeln sich durch Übermalung zu einem Stadtbild von farbenfroher Vielfalt. Ein weiteres Werk ist eine fast menschenhohe gold-schimmernde Maske, deren Bestandteile sich bei näherer Betrachtung als lauter Löffel entpuppen. Die Message der Ausstellung ist die Darstellung des Landes als weltoffene bunte Gesellschaft, doch zu finden ist einfach auch ein optischer Genuss.
Von russischen Soldaten entführte ukrainische Kinderrussische Orgel
From UKRAINE. Nicht der eigentliche Länderpavillon, sondern von der Victor Pinchuk Fondation geförderte Ausstellung im Pallazzo Contarini Polignac direkt am Canal Grande. Sie steht unter dem Titel: „Dare to Dream“. Hier ist verständlicherweise keine verspielte Farbenfreude zu finden, sondern gelungene vom aktuellen Kriegsgeschehen geprägte, starke Kunstwerke. Videos, in denen Stadtansichten zunehmend zwei Farben VERLIEREN: Gelb und Blau. Eine Orgel mit entstellten Spitzen der Pfeifen in Analogie zur „russischen Orgel“, dem gefährlichen Geschütz, das früher als Stalinorgel ein Begriff war. Doch so anklagend auch die weiteren Kunstwerke sind, so perfekt sind sie in der beschädigten Kulisse des Palastes passend inszeniert.
ÄTIOPIEN: Palazzo Bollani. Es ist der erste Auftritt Äthiopiens auf der Biennale Venedig und der Maler Tesfaye Urgessa wird von MONOPOL als große Neuentdeckung gefeiert. Er kann eine fundierte Ausbildung mit Kunststudium in Addis Abeba und an der Kunstakademie in Stuttgart vorweisen und zeigt abstrahierte Körper mit multiplen Extremitäten in mosaikförmiger Anordnung: auf jeden Fall ein Grund, sich selbst zu überzeugen, ob der Bewertung zugestimmt werden kann.
TAIWAN: Palazzo delle Prigioni, es ist das Gefängnis, vom Dogenpalast getrennt durch die Seufzerbrücke. Dieser kollaterale Event ist ein Geheimtipp zum Ausruhen auf der anstrengenden Odyssee durch Venedigs Gassen, denn im Raum stehen zum Anschauen der Videos gemütliche Gartenstühle und ein superweiches Sofa zur Verfügung. Doch Achtung: der Künstler Yuan Goang-Ming hat seiner Multimedia-Installation nicht grundlos den Titel: „Everyday War“ gegeben!
Foto Labiennale
VATIKAN: Auf der Giudecca in der Casa di Reclusione von Sant‘ Eufemia (Vaporetto Station Palanca) wird im laufenden Betrieb des Frauengefängnisses eine Gemeinschaftsausstellung im Namen des Vatikans mit dem Titel „With my Eyes“ gezeigt, die bereits auch der Papst besucht hat. Zutritt bekommt man ausschließlich durch vorherige -kostenlose- persönliche Anmeldung. Nach Abgabe allen Gepäcks inklusive Handy und strenger Kontrolle erfolgt die Führung der jeweils kleinen Gruppe durch zwei Insassinnen, begleitet von zwei Wärterinnen mit riesigen schweren Schlüsseln. Doch Achtung: manchmal kommt eine Ladung Wasser aus höheren Räumen auf die Besucher herunter!
Maurizio Cattelan schuf das Außenkunstwerk: zwei nackte Männerfüße, wobei bei genauem Hinsehen in den Großzehen Löcher sind. Vielleicht von Nägeln? Eine Interpretation wird nicht offiziell geliefert, sondern den BesucherInnen überlassen.
Die Guides sprechen nur italienisch, deshalb informiert man sich besser vorher ein wenig, denn Ansprechen ist verboten. Die gesamte Situation ist befremdlich und ergreifend zugleich. Zu sehen sind zum Beispiel Bilder von Kindern und Jugendlichen, angeblich von einer Künstlerin nach privaten Fotos der Gefangenen gemalt. Der Regisseur Marco Perego drehte in den Räumen des Frauengefängnisses für die Biennale 2024 einen 16 Minuten-Film mit seiner Frau als Schauspielerin. Sie spielt eine Gefangene, die entlassen wird, grandios nachfühlbar auch ohne Worte.
Foto LabiennaleFoto Labiennale
Der Titel „With my Eyes” soll uns die Perspektive der Insassinnen näherbringen. Dafür gab es deren – beratende – Beteiligung an den Werken der KünstlerInnen.
60. Biennale Arte di Venezia, 20.April bis 24.November 2024
Gespräch mit Till Fellrath, Kurator -nicht nur- am Hamburger Bahnhof Berlin
Viele öffentliche Diskussionen drehten sich in den letzten Jahren um die Aufgaben und die Verantwortung von Kuratoren bei Großausstellungen. Bei der aktuellen Venedig-Biennale und bei jeder Documenta finden sich Schlagzeilen über sie in der Presse. Vor 3 Tagen wurde sogar bundespolitisch über die Berufung des Kurators für die nächste Documenta debattiert.
Die 14. Taipeh Biennale 2025 hat bereits feste Kuratoren. Das sind Sam Bardaouil und Till Fellrath, die Leitern des Hamburger Bahnhofs in Berlin. Beide kuratierten zuvor viele internationale Ausstellungen und sind auch in großem Umfang für das Kuratieren im eigenen Haus verantwortlich.
INArt Berlin: Herr Fellrath, ich möchte mit Ihnen über „Das Kuratieren“ sprechen, und zwar am Beispiel der Taipeh-Biennale, weil Sie hierfür mit Ihrem Kollegen Sam Bardaouil die beauftragten Kuratoren sind.
Es fällt auf, dass sich ganz viele Menschen im Kunstbereich Kurator nennen, auch wenn sie teils gerade erst von der Uni kommen. Kurator ist ja kein geschützter Begriff.
Aber die großen Ausstellungen leben inzwischen vom Kuratieren, wobei immer noch viele Menschen denken, es ginge dabei nur um das Aufhängen von Bildern.
Till Fellrath: Genau.
I.B.: Wie kam es, dass Sie 8953km entfernt gegen die Konkurrenz vieler Kuratoren dieser Welt für die Taipeh-Biennale ausgewählt wurden? Mussten Sie sich bewerben?
T.F.: Wir sind tatsächlich direkt angesprochen worden. Die Taipeh-Biennale hatte ein internes Auswahlverfahren und dann gemeint, wir wären die geeigneten Personen. Dann haben sie uns gefragt. Wir haben kurz nochmal nachgedacht, aber das dann doch angenommen, weil es ein spannendes Projekt ist.
I.B.: Absolut! Und mussten sie sich später noch irgendwo präsentieren und ein Konzept vorstellen?
T.B.: Nein, das mussten wir tatsächlich nicht. Da sind vielleicht andere Biennalen auch etwas anders, aber hier hat man uns einfach aufgrund der Erfahrung mit unserem kuratorischen Stil eingeladen.
Wir Kuratoren sind ein bisschen wie Dirigenten einer Ausstellung und dabei hat man eine künstlerische wiedererkennbare Handschrift entwickelt. Das ist so einen Stil, wie man mit Kunst bei den Ausstellungen auf Menschen zugeht. Und da ist es möglicherweise besser, den gestaltenden „Dirigenten“ auszuwählen als ein Konzept.
I.B.: Doch zum thematischen Inhalt: haben Sie jetzt schon einen Titel? Sie brauchen ihn noch nicht zu nennen, aber wie entwickeln Sie eine Thematik?
T.F.: Einen Titel konkret haben wir nicht, aber wir haben schon erste Grundideen für eine Thematik oder Grundkonzepte oder so eine Emotionalität. Wir werden sicherlich eine Ausstellung machen, die die Menschen direkt anspricht, wie wir das immer machen, also wo auch Reibungen vielleicht entstehen, wo die BesucherInnen irgendwas empfinden, sich freuen oder etwas spüren können. Wir möchten Empfindungen bewirken, für die man nicht erstmal stundenlang lesen muss, bis man das Werk versteht, sondern schnell einen gefühlten Zugang bekommt.
I.B.: Wie haben Sie sich vor Ort informiert?
T.F.: Wir waren in März in Taipeh und haben uns die Räumlichkeiten angeschaut. Wir haben selbst auch schon eine frühere Ausgabe der Taipeh-Biennale gesehen. Jetzt haben wir einfach auch ein bisschen Zeit in der Stadt verbracht, sind durch die Straßen gegangen, haben andere Ausstellungshäuser angeschaut und uns mit der Alltagsgeschichte beschäftigt, um eine Emotionalität mitzunehmen, von der wir das Gefühl haben, dass wir andocken können.
I.B.: Also wird es eine Mischung aus Ihren bisherigen künstlerischen Projekten und der örtlichen Situation, die sie vorfinden, der Stimmung dort im Land?
T.F.: Ganz klar so. Es wird einerseits sicherlich viele künstlerische Positionen geben, die wir kennen und am meisten auch solche, mit denen wir schon immer mal was machen wollten. Wir überlegen gerade gezielt und testen unsere ersten Ideen auf ihre Machbarkeit. Ein besonders wichtiger Faktor sind immer die lokalen Gegebenheiten. Das ist ganz ganz wichtig für eine Biennale oder auch jede andere Ausstellung. Es muss immer einen Grund haben, warum man was gerade an diesem Ort macht. Das ist wichtig, auch hier im Hamburger Bahnhof. Wie ist der Berlinbezug? Hängt es mit der Sammlung zusammen oder widerspricht es ihr? Wie setzt sich die Ausstellung mit der Architektur des Hauses auseinander?
I.B.: Wie waren Ihre ersten Eindrücke vor Ort?
T.F.: Irgendwie muss es einen Grund geben, warum ein Projekt genau an dieser Stelle stattfindet. Das wird in Taipeh ganz genau so sein. Dort ist es nur etwas komplizierter, auf die Räume einzugehen. Es muss auf jeden Fall ein lokales Gefühl entstehen.
Das ist dann auch wichtig in Bezug auf die lokale Presse oder auch für die Menschen vor Ort. Es werden halt nur wenige Besucher aus 9000 km Entfernung kommen, die international zu Ausstellungen jetsetten. Das Wichtigste ist immer das lokale Publikum, auf das man eingehen muss; übrigens auch in Berlin.
I.B.: Welche Einzelschritte des Kuratierens folgen jetzt? Sie haben eine Idee, um Emotionen zu wecken? Next steps, was schwebt Ihnen vor?
T.F.: Also das Wichtigste, glaube ich, ist erstmal festzuhalten, dass kuratieren nicht mit dem Moment anfängt, wenn man beginnt eine Ausstellung zu konzipieren. Es ist die gesamte Lebenserfahrung, die in die Arbeit einfließt. Außerdem sind es alle künstlerischen Positionen, mit denen man in der Vergangenheit gearbeitet hat. Man fängt nie bei Null an, sondern bei etwa 70%. Dann fängt man an, Elemente zuammenzuziehen. An dem Punkt sind wir momentan dabei, mit unseren Grundideen erstmal eine lange Liste an künstlerischen Positionen aufzustellen. Das sind jetzt etwa 100 Künstler*Innen. Wir werden das reduzieren auf eine Größenordnung von 40 bis 50. Am Ende kommen dann sicherlich noch einige dazu. Im Weiteren werden wir mit den Elementen ein bisschen spielen und schauen, wie daraus eine interessante Ausstellung zusammengestellt werden kann. Wie sind die lokalen Bezüge und wo sagt das Bauchgefühl – da ist sehr viel Bauchgefühl dabei! -, dass wir gerade mit diesem Inhalt dort mit dem Publikum in Dialog treten können? Oder wo kann es spannend sein, ein Risiko einzugehen, wie sich eine künstlerische Position entwickelt? Da haben wir große Lust drauf. So wie bei Marianna Simnett, da wussten wir auch nicht, was passiert. Das ist eine ganz verrückte arrivierte Künstlerin, bei der wir dachten, das müssen wir mal ausprobieren und ihr eine Plattform geben. Das Ergebnis ist in unseren Augen ein aufregender Erfolg. So werden wir es in Taipeh auch machen: den Künstlern und Künstlerinnen eine große Plattform geben, auf der sie sich austoben können.
I.B.: Nochmal zu den künstlerischen Positionen: Ich stell mir immer vor, dass ein Kurator mit Erfahrung natürlich ein riesengroßes Adressbuch mit Künstlernamen hat, ein Repertoire, aus dem er dann gezielt aussucht.
T.F.: Das ist wirklich so, das passt auf jeden Fall und die Liste wird ständig erweitert. Die Welt ist unendlich groß, keiner kann alles erfassen, doch wir schauen ständig Ausstellungen an. Als wir in Taipeh waren, waren wir auch in Shanghai und Hongkong, wie wir auf jeder Reise versuchen andere Sachen anzuschauen, einfach weiter zu lernen. Unser Ansatz für diese Biennale ist auf jeden Fall: wir schauen wie immer eher nach vorne als nach hinten. Wir werden also nicht auf historische, sondern mehr auf jüngere Positionen setzen.
I.B.: Welche Message liegt Ihnen besonders am Herzen?
T.F.: Ich glaube, das ist ein wenig, was wir immer versuchen, nämlich Kunst für jeden zugänglich zu machen; dass man irgendwie ein stückweit Empathie mitnimmt, sich berührt fühlt, über etwas nachdenkt, in eigenen Erinnerungen plötzlich eine komische Querverbindung findet, die man gar nicht gleich versteht. Das ist so ein bisschen wie bei der Musik oder beim Essen: da denkt man manchmal auch an bestimmte Dinge und fühlt sich irgendwie berührt und weiß das gar nicht einzuschätzen. Kunst hat eigentlich auch diese Qualität und das ist auch ihre Stärke. Es macht einen ein Stück menschlicher, empathischer. Man hört auf, robotisch zu sein, sondern wird wieder sensibler. Kunst kann Menschen aus Vorurteilen rausreißen, auch wenn man sie nicht gleich versteht. Das ist dann viel wertvoller! Mehr als Politik!
I.B.: Wie suchen Sie die Künstler*Innen aus? Sie hatten vorhin bereits gesagt, es gehe nicht vorwiegend um eine Thematik, sondern darum, Menschen emotional zu berühren. Adriano Pedrosa hat für die Venedig Biennale vor allem die Künstlerbiografie in den Vordergrund gestellt. Spielt das bei Ihnen auch eine Rolle?
T.F.: Hintergründig würde ich sagen. Das ist sicher der zweite Grund. Wir würden jetzt generell nicht Künstler und Künstlerinnen aussuchen, weil sie Frauen sind oder aus Chile kommen. Es geht schon vorrangig um die für sie bekannte künstlerische Position. Für Taipeh haben wir ganz speziell mit dem Gebäude begonnen. Die Ausstellungsräume sind… schwer teilbar. Es gibt längere schmale Räume, manche haben Fenster nach draußen. Sie sind sehr unterschiedlich. Die Architektur, glaube ich, wird für eine gute Ausstellung eine große Rolle spielen. Wir müssen überlegen: Wie sind die einzelnen Werke? Wie können sie in den verschiedenen Räumen funktionieren? Wie kann man die einzelnen Räume bespielen? Alle haben eine andere Lichtqualität und differenzierte Architektur. Bei manchen muss man durchlaufen. Dann gibt es viele offene Räume und ein großes Atrium. Im Untergeschoss befinden sich große Bereiche, die mit Fenstern in einen Innenhof offen sind, aber auch viele große Hallen. Wir werden halt sehr stark darauf achten, dass sich die Werke sehr gut in die Architektur einpassen; das ist ein wichtiger Faktor.
I.B.: Welche äußeren Faktoren sind noch relevant?
T.F.: Ich glaube, dass es im Kontext von Taiwan sehr wichtig und gut ist daran zu denken, dass es eine Insel ist. Ich will jetzt nicht sagen, sie sei isoliert, denn es ist eine Insel mit einer guten Kunstszene, aber wir wollen schauen, dass es dort viele internationale Positionen gibt, die aus unserem Bauchgefühl heraus interessante Dialoge für die menschliche Annäherung mit der Bevölkerung vor Ort ermöglichen und thematisch auch in der großen politischen Situation eine Relevanz haben.
Dann schauen wir im zweiten Schritt ein wenig auf die Biografie der Künstler*Innen. In der Regel haben wir nie Probleme damit, eine Ausgewogenheit zu erreichen. Bisher hat sich das bei allen Projekten eigentlich fast automatisch eingestellt, wenn man wirklich inhaltlich genau schaut.
I.B.: Sie haben kurz das Politische angesprochen. Taiwan ist ja ein Brennpunkt zwischen China und der westlichen demokratischen Welt, und die Menschen kämpfen darum, ihre Eigenständigkeit zu behalten.
Haben Sie Sorgen, dass hierdurch irgendwelche Side Effects die Ausstellung stören könnten? Oder müssen Sie große Rücksicht nehmen auf die lokale politische Situation?
T.F.: Also Taiwan ist komplett frei, die Presse ist frei, die Kunst ist frei und Meinungsfreiheit ist dort komplett gewährleistet. Das haben wir in China und jetzt auch in Hongkong nicht so empfunden. In Taiwan ist die Freiheit den Verantwortlichen der Kunstwelt sehr wichtig. Es gibt schon viele Dinge, die auch sehr kritisch sind. Im großen Umfeld, auch in freien Gesellschaften bleiben immer die Fragen: Wenn man was sagen kann, was muss man sagen? Will man Menschen provozieren oder sie in einen Dialog überführen? Wenn man etwas sagen darf, heißt das nicht, dass man es auch sagen muss! Oder kann man Wege finden, um unterschiedliche Meinungen mit einzubringen?
I.B.: Es lauern ja überall Fettnäpfchen Haben Sie schon welche entdeckt?
T.F.: Unser Eindruck ist, dass es in Taipeh etwas entspannter ist als in Berlin. Und das ist die Herausforderung für uns und auch die Verantwortung in dem geopolitischen Umfeld, Spannung und Empathie zu fördern, und somit diese Offenheit nicht nur dem internationalen Publikum nahezubringen. Die Fettnäpfchen lauern immer und überall. Das ist Deutschland auch intensiv zu spüren, obwohl wir in Bezug auf Kunstfreiheit eigentlich alles haben.
I.B.: Herzlichen Dank!
Wir sind gespannt auf Ihre Arbeit, und hoffen, dass sich auch für die Kunstszene bei uns eine wichtige Brücke Taipeh Berlin durch Ihre Biennale festigt.
T.F.: Oh, ja, besuchen Sie doch unsere Biennale in Taipeh! Es ist sicher nicht einfach, denn der Flug ist wirklich sehr lang, zumal man nicht mehr über Russland fliegen darf! Aber es lohnt sich, auch für Berliner, weil man sicher mit vielen wunderbaren Eindrücken im Gepäck wieder in die Heimat zurückkommt.