Marianna Simnetts Kunstbeitrag zur Fussball EM 2024


Durch einen dunklen Tunnel schreitet man in den Ausstellungsraum wie die Fussballer aus den Tiefen der Kabinen in das tosende Stadion, wie stolze Gladiatoren in die Arena von Rom. Doch deren Weg führte in einen Kampf um Leben und Tod. Genau diesen Eindruck von lebensbedrohlicher Kampfstätte vermittelt Marianna Simnetts künstlerische Darstellung des heutigen Fussballs. Ihre Videoinstallation mit 3 großen und zwei kleineren Screens ist eine bissig brutale Persiflage auf die aktuelle Fussballwelt.


Ein halbes Jahr sei sie für die Recherche eingetaucht in die deutsche und englische Fußballszene aufgrund der Unterstützung der UEFA, die den Auftrag für das Kunst- und Kulturprogramm zur EURO 2024 gegeben hat.
Ihre ganz eigenen Eindrücke bringt sie in Filmszenen zum Ausdruck, wobei es keine Dokumentar- Mitschnitte realer Bilder sind, sondern minutiös mit Schauspielern und Tänzern inszeniert und choreografierte Sequenzen. Abgeschaut von typischen ganz üblichen Fussballergesten und -bewegungen zeigen sie diese in Zeitlupe und extrem überspitzt. Besonders bei Fouls oder beim Torjubel entstehen Bewegungsmuster, deren natürliche Skurilität uns gar nicht mehr auffällt, die jedoch bei Marianna Simnett theatralisch und albern wirken.


Es werden weiterin Szenarien aus der Kabine inszeniert, die eine Mischung aus zunächst gemeinsamem Jubeln und freundschaftlichen Kabbeleien bestehen, zuletzt jedoch in heftige Schlägereien ausarten mit Zerstörungswut am kompletten Mobiliar. Ist das noch ironisch oder schon ein krasser Hinweis auf die Verrohung in der Gesellschaft, exemplarisch auch im Fußball, der doch ein friedvoller sportlicher Wettkampf sein sollte?


Eine andere Szene zeigt genüsslich in ultra slow motion wie Unmengen Ketchup und Mayonaise langsam auf Kochwürste gequetscht werden. Fan-“Kultur“, sarkastisch interpretiert! Außerdem sehen wir Babys in Einheitskleidchen auf Zuschauerrängen sitzen, deren Mundbewegungen Fangesänge imitieren. Das ist mit special effects nachbearbeitet und kein Massentraining kleiner Kinder, keine Sorge. Doch diese Anspielung entstand laut der Künstlerin durch die Beobachtung englischer Fangruppen, die mit Schnullern und Babyspielzeug ins Stadion gehen, was auf die Lächerlichkeit von Fussballfan-Ritualen extrem anspielt.



Dagegen tragen Marianna Simnets Fußballer-Idol-Darsteller Ketten mit zwei roten Säckchen. Die Künstlerin meint, sie habe auch Anlehnungen an Hahnenkämpfe verwendet. Vielleicht auch Anspielungen auf männliche Hoden?
Auf jeden Fall ist dies wirklich kein Loblied auf die Sportart, die Millionen Fans weltweit hat, sondern ein bösartiger Blick auf die gewalttätig und blutig ausartende Seite eines gar nicht friedlichen Kampfsports, der sich Fußball nennt. Nichts für zarte Seelen oder leidenschaftliche Fans. Man kann gespannt sein, wie die UEFA und die Fussballbegeisterten hierauf reagieren.
Marianna Simnett „Winner“, Hamburger Bahnhof, Nationalgalerie der Gegenwart, Berlin 17.05.24 bis 31.08.2024