Skulpturen-Ikone früher Abstraktion


Constantin Brancusi (1876-1957) ist nicht neu, aber vielleicht immer noch modern? Er gehört ins letzte Jahrhundert. Doch er gilt als historische Schlüsselfigur, als Vorreiter der Abstraktion in der Gestaltung von Skulpturen.
Brancusi stammt aus einem kleinen Dorf in Rumänien, wo er 1876 geboren wurde. Er liebte schon früh die traditionelle Holzschnitzerei, doch er musste von zuhause weglaufen, um nicht zu einem anderen Beruf oder zum Militärdienst gezwungen zu werden. 1904 ging er nach Paris und bekam sogar eine Anstellung bei dem damaligen Star der Skulpturenszene Auguste Rodin. Brancusi kündigte jedoch nach wenigen Wochen mit seinem berühmten Satz: „Es wächst nichts im Schatten großer Bäume.“
Brancusis Werken ist in all ihrer Abstaktion noch die reale Grundfigur anzusehen. Aus einer Ei-Form entwickelte er den ausdrucksstarken Kopf der „schlummernden Muse“. Doch der Künstler reduzierte die Gesichtszüge durch Schleifen und Polieren immer mehr, bis am Ende ein eindrucksvolles Konzentrat stiller Emotionalität entstand.



„Prinzessin X“ (1915/16) war für Brancusi die perfekte Verschmelzung männlicher und weiblicher Figur, doch musste sie auch einmal aus einer Ausstellung rasch entfernt werden, weil viele nur den Phallus in ihr sahen.

Haupt, Symbol der Frau

Brancusi arbeitete mit Holz, Gips, Marmor und Stein. Gelungene Objekte ließ er in Bronze gießen. Dabei gibt es nur wenige Motive in seinem Schaffen, doch diese stellte er in vielen unterschiedlichen Varianten her. Z.B. schlummernde Muse, Vogel im Raum, der Kuss, Leda in Bewegung.



Ein besonderes Markenzeichen Brancusis ist, dass er die Sockel für seine Skulpturen besonders beachtete. Sie sollten stets ein wichtiges ergänzendes Pendant des Gesamtkunstwerkes sein, meist in konträrem Material. Der Vogel im Raum ist bereits ein schmaler, sehr langgestreckter Messingkörper, der aber zusätzlich einen hohen Holzsockel bekam, als solle er bis an den Himmel reichen. Aus mehreren Sockelkonstruktionen entstand ein ebeso wichtiges Werk Brancusis: die „Unendliche Säule“.



Brancusi gibt uns nebenbei ein gutes Beispiel zur ewigen Frage: „Ist das Kunst oder kann das weg?“ 1926 verschickte er seine Skulptur „Vogel im Raum“ von Paris nach New York. Sein Freund und Förderer Marcel Duchamp kuratierte dort eine Ausstellung, bei der er sie präsentieren wollte. Angekommen in den USA stuften die Mitarbeiter des Zolls das Werk jedoch einfach als ein Metallteil ein, das kostenpflichtig verzollt werden müsse. Kunstwerke waren in Gegensatz dazu zollfrei. Damals wurden in den USA nur Nachbilder von natürlichen Objekten oder Menschen als Kunstwerke angesehen. Erst nach vielen gerichtlichen Auseinandersetzungen über 2 Jahre bekam Brancusi Recht und seine abstrakte Skulptur wurde auch juristisch als KUNST anerkannt. Es ist erstaunlich, dass wohl die USA und Zölle schon vor 100 Jahren ein Kapitel von Willkür und Profit gewesen sind.
In der Neuen Nationalgalerie werden 150 Jahre nach seiner Geburt mehr als 150 Arbeiten des Künstlers gezeigt. Möglich wurde dies, weil das Centre Pompidou aktuell über 5 Jahre für eine Komplettsanierung geschlossen ist und seine Schätze somit gern ausleiht.


Ein Highlight der Ausstellung ist ein teilweiser Nachbau der Künstlerwerkstatt, in dem auch in Filmsequenzen der Meister bei der Arbeit „lebendig“ wird. Viele historische Dokumente und selbstgefertigte Fotos seiner Kunstwerke umrahmen den Werkstattbau in einem zentralen runden Pavillon. Sie sind mit einem guten Gespür für die Darstellung des damaligen Zeitgeistes zusammengestellt und angeordnet.

Brancusis glänzende Skulpturen ergeben zudem in der Neuen Nationalgalerie eine herrliche kontrastreiche, aber harmonische Einheit mit dem Museumsbau von Mies van der Rohe, als seien sie genau hierfür geschaffen worden.

„BRANCUSI“ Neue Nationalgalerie Berlin, 20. März bis 6. August 2026