
„Utopien entstehen als Visionen häufig in Zeiten der Unzufriedenheit über eine negativ empfundene Gegenwart.“ So leiten die Ausstellungsmacher des Kunstmuseums Wolfsburg rund um den Direktor Andreas Beitin die Thematik des aktuellen Projektes in der großen Halle ein. „You may say I’m a dreamer, but I’m not the only one.“ Dieses Zitat von John Lennon aus „Imagine“ gilt dem Untertitel: „Recht auf Hoffnung“. Ehemals utopische Gedanken und was aus ihnen geworden ist werden präsentiert. Ebenso finden sich Kunstwerke, die künstlerische Darstellungen und Projekte für eine positive Zukunft visualisiert.
Von Thomas Demand stammt das fast originalgroße Foto der Schaltzentrale des Atomkraftwerks in Fukushima. Richtig ist, dass das AKW 2011 komplett durch den Tsunami zerstört wurde. Es war ursprünglich eine Utopie der Menschheit, dass mit der Atomtechnologie unendlich viel Energie bereitgestellt werden könnte. Doch diese Vorstellung zerplatzte mit der Katastrophe endgültig. Tschernobil 1986 blieb also kein Einzelfall. Der Künstler hat übrigens für das Foto den Raum vollständig aus Papier nachgebaut.

Auch die Wiedervereinigung Deutschlands war jahrzehntelang eine Utopie, die fast jeder als unrealistisch empfunden hatte. Sven Johne stellt diese Realität gewordene schöne Utopie in einer Fotoserie dar, die gefundene Heilpflanzen zeigt, die er im ehemaligen Todesstreifen gefunden hat.


Daneben liegen demolierte Eisensterne auf dem Boden von Raimund Kummer und Stefen Huber. Sie symbolisieren die vom Himmel gefallenen Sterne der Flaggen sozialistischer Staaten, in denen die Utopie ihres Staatssystems kein geglücktes Ende fand. Ob die Künstler die „Stars and Stripes“ der US-Flagge mit einbeziehen, bleibt zunächst offen.


Die dem gegenübergestellte zukünftige hoffnungsvolle Utopie einer nationalstaatenfreien Menschheit möchte die Collage der Société Realisé ausdrücken. Hier sind die Nationalflaggen in ihre Bestandsfarben abstrakt reduziert worden und bilden gemeinsam ein vielfältiges buntes Miteinander.

Mit hoher Anziehungskraft lockt die BesucherInnen ein Ensemble eleganter Porzellanskulkpturen unter dem Titel „Mare Mediterraneum“: AES+F hat als Gruppe von KünstlerInnen Szenen dargestellt, die das Thema Mittelmeer verbindet. Da gibt es kitschige Luxustouristen ebenso wie bedrohte Flüchtlingsboote. Alles enorm attraktiv anzuschauen.




Der Licht- und Aktionskünstler Olafur Eliasson ist mit einem „Navigation Star for Utopia“ vertreten, der uns offensichtlich in eine helle bunte Zukunft navigieren soll.
Eine abstrahierte Palmeninsel von Phillipp Fürhofer symbolisiert unsere utopischen Fantasien und Sehnsüchte nach einer paradisischen Südseeinsel.
Yinka Shonibares Öko-Astronaut ist auch auf dem Weg zu neuen friedlichen ökologischen Welten.



In dieser Art gilt es 60 künstlerische Umsetzungen zum Thema Utopie auf der Wolfsburger Ausstellung zu entdecken. Man sollte auch Zeit mitbringen, denn es sind viele großartige Video-Arbeiten von z.B. Francis Alys (Childrens Game), Melany Bonayo (Nocturnal Gardening), Cao Fei oder Yael Bartana (aus dem deutschen Pavillon der Venedig Biennale) auf jeden Fall sehenswert, die ein ausgiebiges Verweilen mit großem Genuss belohnen.



Der Katalog ist eine wunderbare hintergründige Sammlung von guten Essays über Utopien. Leider ist er als Erklärung für die einzelnen Kunstwerke mühsam und nicht so hilfreich.
„UTOPIA, Recht auf Hoffnung“ im Kunstmuseum Wolfsburg, 27.9.2025 bis 11.1.2026