„Auch ich lebe unter deinem Himmel“


„I live under your sky, too“ ist ein sinngebendes Zitat der Künstlerin für all ihre Werke. Shilpa Gupta ist eine indische Konzeptkünstlerin. Wir wissen hier kaum etwas über die Historie des indischen Kontinents, höchstens, dass dort mehr als eine Milliarde Menschen leben und die Kastenzugehörigkeit immer noch eine Rolle spielt. Doch die politischen Ereignisse, die die indische Künstlerin geprägt haben, müssen wir uns neu vor Augen halten.
Shilpa Gupta wurde 1976 im damaligen Bombay geboren, das heute Mumbai heißt. Sie wuchs in einer lauten Stadt auf, die bis heute von verschiedenen teils gewaltvollen Konflikten geprägt ist. Hier spielen ethnische Herkunft, aber auch die Religion eine Rolle. Schon die Abschiebung muslimischer Bürger aus „British India“ 1947 nach Pakistan oder Bangladesch und somit Trennung vom hinduistischen Indien war der Beginn eines ewig schwelenden Konfliktes. Shilpa Gupta hat schon früh immer wieder versucht, die Grenze zwischen den Ländern und den Religionen zu überwinden, mittels Freunsdchaften, aber auch mit ihrem künstlerischem Engagement.
Shilpa Gupta schaffte es durch intensives Bemühen an der School of Fine Arts in Mumbai zu studieren. Obwohl zeitgenössische Kunst in Indien kaum eine Rolle spielt, fand sie kleine Galerien, die ihre Konzeptkunst außergewöhnlich und interessant fanden, leider aber ohne kommerziellen Erfolg.
Die Künstlerin arbeitet mit vielen unterschiedlichen Materialien und Medien als Konzeptkünstlerin. In Gegensatz zu ihrer Heimat findet ihre Kunst im Ausland hohe Anerkennung. So werden ihre Werke in New York, London, Tokio und Dubai ebenso geschätzt wie in Paris, Istanbul und Venedig.
Aktuell sind wichtige Werke von Shilpa Gupta im Hamburger Bahnhof in Berlin zu bewundern.
„Sie sind offensichtlich ein sehr feministisches Haus. Schon wieder zeigen Sie die Arbeit einer Frau, wie schon so oft. Ist das Ihr Konzept?“ fragte INArtberlin Sam Bardaouil, den einen des Kuratoren-Duos des Museums. „Nein, das machen wir nicht extra. Wir sind immer auf der Suche nach spannender Kunst. Die ist das einzige Kriterium, das für unsere Auswahl zählt. Und im Augenblick finden wir zufällig fantastische Kunst bei einzigartigen Künstlerinnen.“


In Berlin ist ein dunkler Raum erfüllt von Protestgesängen aus viele Regionen der Welt. „We shall overcome“ oder „Bella Ciao“ sind leicht erkennbar. Sie erklingen aus altmodischen Mikrofonen, die zu Lautsprechern umgebaut sind und in einer Choreographie von der Deck hängend herumtanzen. Auf kleinen Hockern sitzend führt die Installation uns Besucher*Innen zu einem meditativen Innehalten.
Shilpa Gupta möchte mit ihren Kunstwerken all denen eine Stimme geben, die unterdrückt werden. Sie kämpft gegen soziale Ungleichheiten, thematisiert sowohl postkoloniale Spätfolgen als auch ganz aktuelle globale Wirtschaftsdynamiken.


Das zentrale Werk in Berlin ist „TRUTH“. Die einzelnen Buchstaben sind wie Monumente im Raum stehend oder liegend aufgestellt. Besucher laufen durch sie oder um sie herum; nicht nur um die Buchstaben, sondern auch um die „Wahrheit“, die im aktuellen Bezug jede/r anders bewertet. Anregen möchte das Werk ein strenges Nachdenken über Tatsachen kontra Fake-News.


Auf einem Podest unter Glas steht eine Auswahl von verschlossenen Fläschchen. In jedes hat Shilpa Gupta ein Poem unterdrückter Schriftsteller*Innen gesprochen.
Ein Eye-Catcher ist auch ein Buchregal mit Buch-Deckeln aus Edelstahl. Sie haben nicht nur Schriftsteller und Buchtitel eingrafiert, sondern auch die Gründe, warum dieses Buch unter einem Pseudonym veröffentlicht wurde.


Die jeweiligen Konzept-Ideen der Werke sind nicht immer auf den ersten Blick zu verstehen, doch die Tafeln daneben geben prägnante und einfühlsame Hinweise, mit denen ein einprägsames Verständnis für die Botschaft der Künstlerin ermöglicht wird.
Shilpa Gupta: „What Still Holds“ im Hamburger Bahnhof, Nationalgalerie für zeitgenössische Kunst in Berlin 27.März 2025 bis 3.Januar 2027
Als Extra noch etwas zur Vorfreude auf die kommende Ausstellung in der großen Halle des Hamburger Bahnhofs:


400.000 rohe Holzwürfel mit einer Kantenlänge von 10 cm kündigen das nächste Kunstwerk von Lina Lapelyté an. Wird es wieder eine Oper? Die Komponistin gewann mit zwei Kolleginnen den Goldenen Löwen für den besten Länderpavillon in Venedig 2019 für Litauen. „Sun and Sky“ war eine Inszenierung mit Opernsängern in einem Strand-Szenarium. Wir können also gespannt sein, was ab 1.5.26 hier geboten wird!

