„Demokratie am Abgrund“

Der Friedensnobelpreis 2025 wurde am 10. Oktober in Oslo an María Corina Machado aus Venezuela vergeben. Machado erhält die Auszeichnung für ihren „unermüdlichen Einsatz“ für die demokratischen Rechte des venezolanischen Volkes. Das Nobelpreiskomitee würdigte Machados „Kampf für einen gerechten und friedlichen Übergang von Diktatur zur Demokratie“. Die venezolanische Oppositionsführerin gelte als entschiedene Widersacherin des autoritären Präsidenten.
Inartberlin ist nach Oslo zur Eröffnung der Ausstellung über die Preisträgerin im berühmten Nobel-Friedens-Zentrum gereist. Dies ist keine Kunstausstellung im eigentlichen Sinn, sondern sie dient der Visualisierung und Aufklärung über Maria Corina Machado, ihre Verdienste und die Gründe, warum das unabhängige Nobel-Komitee sie gewählt hat.

Die Hauptperson selbst konnte aus Sicherheitsgründen, die inzwischen immer verständlicher geworden sind, letztlich am Opening nicht teilnehmen. Schon am Vorabend hatte ihre Tochter stellvertretend die Urkunde für den Preis angenommen. Maria Corina Machado war zwar nach Oslo gereist, wurde aber sicherheitshalber aus der Öffentlichkeit abgeschirmt, konnte sich nur später allein ihre Ausstellung ansehen.
Heute nun greift die USA mit Trump das Heimatland der Preisträgerin mit Bomben an und plötzlich ist das Wissen, das in der Ausstellung übermittelt wird, weltpolitisch hochaktuell.
Machado stammt aus einer wohlhabenden Industriellenfamilie. Ihr Vater war Vorsitzender des zweitgrößten Stahlproduzenten Venezuelas in Caracas. Mit zunehmender Autokratisierung, vor allem seit dem Beginn der Präsidentschaft von Nicolas Maduro, geriet Machado als wichtigste Person der Opposition ins Visier der Machthaber in Caracas. Zuletzt wurde ihr sogar die Teilnahme an Wahlen verweigert.
Inartberlin konnte mit einigen internationalen PressevertreterInnen und ausgiebig mit dem Kurator der Ausstellung, Serge von Arx sprechen. Er berichtet, dass sein Team nach Bekanntgabe der Preisträgerin lediglich 8 Wochen Zeit zur Recherche, Konzeption und Realisation hatte, was bei Kunstausstellungen eine Unmöglichkeit dargestellt hätte. Doch hier sei ein didaktischer, aber emotional bewegender Ansatz gefragt.


Ein Themenbereich der Ausstellung ist eine Fotoserie verbunden mit Original-Tonaufzeichnungen von Menschen, die in Columbien an der Grenze zu Venezuela leben, nachdem sie aus ihrem Land geflohen sind. Eine Ausreise steht der venezuelanischen Bevölkerung überhaupt nicht zur Verfügung.
Auch Maria Corina Machado lebte ohne offizielle Chance auf Ausreise seit den letzten Wahlen im Untergrund. Der Diktator Maduro drohte ihr mit einem Wiedereinreiseverbot, falls sie nach Oslo zur Preisübergabe fahren würde. Ob dies die schlimmste Drohung gewesen sei, muss offen bleiben. In der Geschichte sind weltweit viele Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit von Machthabern getötet worden. Letztlich berichtet Maria Corina Machado nach gelungener Reise, dass sie heimlich nächtlich mit Fischerbooten in die USA gebracht wurde und von dort nach Oslo fliegen konnte.
Für die Ausstellung hatten die Kuratoren nur drei Original-Objekte, die das Leben und den Verlust einer wahren Demokratie in Venezuela veranschaulichen:



Da ist eine kleine Handtasche aus inzwischen wertlosen Geldscheinen des Landes, das von seinem Ölreichtum der eigenen Bevölkerung kein auch nur annähernd humanes Leben möglich macht. Menschen, die solche Taschen gestalten, seien von hohen Strafen bedroht, wenn man sie überführt.
Das zweite Objekt ist eine SUPERMAN-Figur in Barbie-Größe mit dem Gesicht von Maduro, die in großen Mengen an Kinder in der Schule verteilt wurden. Ist das noch Wahlwerbung oder schon Kindes-Missbrauch?
Ein drittes Fundstück ist ein Stapel von Wahlauszählungszetteln, die Wahlhelfer heimlich kopiert und an die Oposition weitergegeben haben. Hier sei der Beweis erbracht, dass Machados Oppositionspartei gar nicht auf den Wahlzetteln aufgeführt werde und Nicolas Maduro nur so die meisten Stimmen zugestanden bekommen hätte.
Die zwiegespaltene Berichterstattung der globalen Medien über die Verleihung des Friedensnobelpreises wird durch ein Laufband mit Medienzitaten in eine Wand-Ecke projeziert.
Paradox war ja, dass weniger über Maria Corina Machado berichtet wurde, als darüber, dass Donald Trump den Friedensnobelpreis NICHT bekommen hatte. Serge von Arx erklärt, dass die Bewerbungsfrist dieses Jahres für Trump sowieso bereits abgelaufen wäre. Als er vorgeschlagen wurde, habe er gar nicht zur Wahl stehen können.
2019 hatte Machado im Interview mit dem Deutschlandfunk gesagt, das „kriminelle Regime“ in Venezuela müsse aufgelöst werden: „Wir brauchen eine venezolanische Privatwirtschaft, die wieder das herstellen wird, was die Gesellschaft zu ihrer Ernährung benötigt. Das wird aber nur in einem demokratischen und rechtsstaatlichen Venezuela geschehen, in dem die Rechte aller Bürger geachtet werden. Dafür kämpfen wir.“
In dem Zusammenhang ist unbedingt erwähnenwert, dass Machado ihren Preis teilweise Donald Trump gewidmet hat. Als Gegnerin des Maduro-Regimes befürwortete sie schon länger amerikanische Angriffe auf vermeindliche Drogentransportboote von Venezuela in die USA. »Ich unterstütze Präsident Trumps Strategie voll und ganz, und wir, das venezolanische Volk, sind ihm und seiner Regierung sehr dankbar«, sagte sie in der CBS-Sendung »Face the Nation«.
Das widerum führt jetzt zu Kritik ihrer Person in den Medien, weil sie „Frieden mit Krieg bekämpfen wolle.“ Das sei jetzt kein Kampf mehr für den friedlichen Übergang aus einer Diktatur zur Demokratie.
Die Verleihung des Friedensnobelpreises kam somit zu einem extrem komplizierten Zeitpunkt. Die Situation zwischen den USA und Venezuela spitzte sich seit Monaten immer weiter zu. Trump forderte von Venezuela zuletzt auch die »unverzügliche Rücknahme« von Migranten, insbesondere von Insassen psychiatrischer Einrichtungen, von denen er behauptet, sie seien gezielt in die USA geschickt worden. Er drohte Venezuela mit „unabsehbaren Folgen“, die er heute mit den Bomben auf Caracas und wohl auch der Festnahme Maduros und Überführung in die USA Wirklichkeit werden ließ.
Garten der Preisträger
Auf ein besonders Extra-Bonbon im Nobel-Friedenszentrum soll noch hingewiesen werden: die Dauerausstellung mit allen bisherigen Preisrägern! Die geschmackvolle und feierliche Inszenierung soll ein Nobel-Friedens-Garten sein, in dem diese besonderen Menschen mit Bild und Hintergrundwissen immer in Erinnerung bleiben:


Bundeskanzler Willy Brandt ( 1913 bis 1992) bekam den Friedensnobelpreis für das Jahr 1971 zugesprochen. Das Nobelpreiskomite würdigte Brandts Bemühungen, durch eine neue Ostpolitik die Verständigung der Bundesrepublik Deutschland mit ihren östlichen Nachbarn herbeizuführen und den Frieden in Europa sicherer zu machen.
Die Ausstellung über Maria Corina Machado in Oslo ist ein hervorragender Ort, um über die Schwierigkeit zu diskutieren, die vielen Seiten eines politischen Problems zu erfahren, abzuwägen und zu bewerten; nicht nur für Schulklassen, sondern für alle einheimischen und internationalen Besucher*Innen. Auch wenn kein künstlerischer Aspekt im Vordergrund steht, so ist der Besuch eine große Bereicherung für Geist, Verstand und Einfühlungsvermögen in menschliche Dramen, seien sie auch noch so weit von uns entfernt.
Nobel Peace Center Oslo, Nähe Rathausplatz:
„Democracy on the Brink“ (Demokratie am Abgrund) 12. Dez.2025 – 30. Sept. 2026









