In Helsinki stellt Leandro Erlich erneut die Welt auf den Kopf. Nach der bombastischen Ausstellung „Schwerelos“ im letzten Jahr in Wolfsburg hat der argentinischen Künstler erneut typische interaktive Kunstwerke in einer Soloschau im AMOS REX im Herzen von Helsinki installiert. Auch hier beeindruckt er mit ungewöhnlichen Perspektiven und optischen Verwirrungen. Er spielt mit Illusionen, der Schwerkraft und veränderten Perspektiven.
Im großen Saal steht eins der iconischen Werke Leandro Erlichs. Auf „Bâtiment“ klettern Menschen an der Fassade eines Jugendstil-Hauses hinauf und hinunter. Sie kleben an der Fassade wie Spider-Man oder drohen von einem Fenstersims in die Tiefe zu fallen. Hierdurch werden sie selbst zu Bestandteilen des gewollt interaktiven Kunstwerkes.
Im nächsten Raum findet sich ein geisterhaftes Klassenzimmer, in das die Besucher selbst hinein geraten und sich gruseln können. Durch die Pandemie bekommt das Werk eines verwaisten Klassenzimmers sogar einen historischen Bezug auf diese besondere weltweite Ausnahmesituation.
Faszinierend ist auch das Video „Global Express“, das uns aus dem Fenster einer unendlich um die Welt fahrenden Bahn schauen lässt. Verwunderlich ist dabei, dass bespielsweise direkt nach dem Eiffelturm bereits die Oper in Sidney im Fenster erscheint.
Für Leandro Erlich ist die Ausstellung eine Art Spaziergang durch verschiedene Narrative, die uns Besucher auffordern, mit einem ganz neuen Blick auf die Realität unsere Wahrnehmungen neu zu hinterfragen.
Der Künstler lebt und arbeitet abwechselnd in Buenos Aires, Montevideo und Paris. Sein künstlerischer Durchbruch war die Repräsentation Argentiniens auf der Venedig-Biennale 2001, als er einen Swimmig-pool baute, in dem Menschen vermeintlich unter Wasser ungefährdet herum flanierten.
2025 war ein Jahr, in dem die Kunstwelt globale Themen, historische Reflexionen und technische Experimentierfreude gleichermaßen auf die großen Bühnen brachte. Diese Top Fifteen Hitliste versammelt Ausstellungen, Werke und Projekte, die durch Größe, Intensität, öffentliche Wirkung oder inhaltliche Dringlichkeit herausstachen. Die Auswahl orientiert sich an künstlerischer Innovationskraft, gesellschaftlicher Relevanz und der Fähigkeit, Zuschauer nachhaltig zu berühren. Ereignisse von monumentalen Retrospektiven bis zu subversiven Interventionen.
1. William Kentridge in Essen und in Dresden
William Kentridge bleibt der große Meister der multimedialen Bild- und Bühnenpoesie: seine Kombination aus Zeichnung, Animation, Film und Performance setzt sich mit der Kolonialgeschichte Afrikas und Erinnerung an politische Gewalt, nicht nur in den Goldminen Südafrikas auseinander. Im Folkwang-Museum Essen sind riesige Zeichnungen und Videos mit viel Selbstironie zu entdecken. Multimediale Installationen wie das kleine Welttheater sind auch handwerkliche Kunststücke. In Berlin gab es mit der Aufführung „The Great Yes and the Great No“ zusätzlich ein Bühnenwerk des vielseitigen Künstlers zu sehen. Spätestens seit der dOCUMENTA(13) ist sein Werk wegweisend für zeitgenössische Kunst und inzwischen auch Plichtstoff im Katalog für den Oberstufenunterricht an NRW-Gymnasien.
2. „WIR“ im Forum Kunst des Bundestags in Berlin
Kennen Sie das Grundgesetz? Die ersten 19 Artikel beinhalten die Menschenrechte. Für jeden Artikel wurde ein international bekannter Künstler beauftragt, ihn künstlerisch darzustellen. Die Verknüpfung von Verfassung, Bürgerrechten und künstlerischer Praxis verwandelt den Ausstellungsraum in einen Ort der politischen Bildung und Debatte, aber außergewöhnlich nur mit künstlerischen Mitteln. So wird ein Gesetzestext herrlich lebendig. Hätten Sie gedacht, dass beispielsweise ein Kunstwerk über das Postgeheimnis nicht nur ästhetisch großartig, sondern auch hochaktuell sein kann? Schließlich ist dieser Paragraf Grundlage für jegliche Datenschutzregelungen in allen Medien.
3. Jon Rafman: „Nine Eyes“
Dass das Louisiana-Museum für Moderne Kunst nicht in Amerika, sondern ganz in der Nähe in Dänemark in Humlebaek bei Kopenhagen liegt, war für sich schon eine prima Entdeckung. Doch die Arbeit von Jon Rafman begeisterte gleich wegen ihrer künstlerischen Idee. Im Prinzip ist es Konzeptkunst, denn es ist nur eine Sammlung zufälliger skurriler Fotos von Google-Street-View-Aufnahmen. Aber auch die Präsentation ist eindrücklich. Jon Rafmans Arbeit beleuchtet überraschende, verstörende und poetische Momente des Alltags unter der Bedingung digitaler Überwachung. „Nine Eyes“, benannt nach der Kamera auf den Google-Autos mit 9 Objektiven, fasst diese Funde zu einer Reflexion über Blick, Zufall und das fotografische Archiv unserer Zeit zusammen.
4. Tony Cragg: “Line of Thoughts” im Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal
Tony Craggs skulpturale Erforschung von Material, Form und Raum findet in dem wunderschönen Natur-Ambiente des Parks eine passende, kontemplative Einbindung. Die Ausstellung setzt Akzente zwischen organischer Gestalt, industrialer Materialität und provoziert neue Wahrnehmungsweisen im Lichtspiel zwischen den Bäumen. Tony Craggs Werke werden seit langem weltweit hochpreisig gehandelt. Die Zeitschrift KAPITAL setzt ihn auf Platz 5 der TOP 100 ihres Kunstkompasses. So sind auch in der diesjährigen Ausstellung seiner aktuellen Werke wieder neuartige Skulpturen, jetzt sogar aus Glas zu bewundern.
5. Victor Vasarely-Museum in Aix en Provence
Victor Vasarely war eher eine Wiederentdeckung in diesem Jahr, ein Deja-vue früherer Studentenzeiten mit Postern an WG-Zimmer-Wänden. Die Fondation in Aix en Provence würdigt Vasarelys Vermächtnis als Begründer der Op Art. Es ist beeindruckend, dass Vasarely seine optischen Effekte mit einer Dreidimensionalität ganz ohne Computergrafik gestalten konnte. Im Museum werden die Werke überdimensioniert bis zu 7m Höhe in 6-eckigen Räumen gezeigt, was ihre Effekte noch intensiviert.
6. Sigmar Polke in Arles, „Sous les paves, la terre“ (Unter dem Pflaster liegt die Erde)
Die Retrospektive in der Fondation Vincent van Gogh in Arles stellte sein spielerisches, zugleich kritisches Werk in den Mittelpunkt. Sigmar Polke zeichnete sich aus durch Experimente mit Material, ironischen Bildpolitiken und einem konsequent offenen, heterogener Stil, der traditionelle Kategorien sprengte. Als scharfsichtiger Beobachter und genialer Kopf, der sich stets neu erfand, brauchte Polke auch gar keinen einschränkenden STIL, weil er sich letztlich durch seine vielschichtigen Facetten ein Alleinstellungsmerkmal verschaffte.
7. Ayoung Kim: „Many Worlds Over“ im Hamburger Bahnhof Berlin
Die Präsentation der Preisträgerin des Guggenheim New York 2025 war wieder ein Beispiel für die Arbeit des Kuratoren-Teams Fellrath/Bardaouil, die so oft Künstlerinnen neu präsentieren, die uns überrascht aufmerken lassen, welche innovativen Tendenzen in der aktuellen Kunst existieren. Ayoung Kim zeigte mit allen erdenklichen technischen Finessen, wie eine utopische Idee künstlerisch umgesetzt werden kann. Ist unsere Welt nur eindimensional? Oder existieren in einem aufgelösten Raum-Zeit-Kontinuum parallele Welten? Und was passiert, wenn sie durchdringbar werden? Ein Training für unsere Vorstellungskraft über physikalische und soziale Denkschemata.
8. Anselm Kiefer: „Sag mir, wo die Blumen sind“ in Amsterdam
Wenn Anselm Kiefer etwas Neues schafft, dann muss es gross, riesig, gigantisch sein! So war die Ausgestaltung des repräsentativen Museums-Treppenhauses des Stedelijk-Museums in Amsterdam erneut überirdisch. Um die Monumentalität noch zu betonen, ließ er seiner beteuerten Freude an Blattgold zusätzlichen freien Lauf. Beim Betreten des immersiven Werkes waren durchaus Begeisterungs-Emotionen angebracht. Leider war der Auftritt des Künstlers nicht gerade respektvoll seinem Publoikum gegenüber, was die Bewertung in diesem Ranking negativ beeinflusst. Trotzdem ist die Idee, das alte Antikriegslied von Pete Seeger und Marlene Dietrich (deutsch) genau in dem Moment zu thematisieren, als in Deutschland wieder erste Worte über eine allgemeine Wehrpflicht fielen, großartig gewählt.
9. Christian Marclay „The Clock“
Christian Marclays „The Clock“ wurde zu Recht zu einem Jahrhundert-Kunstwerk gekürt. Das Schlüsselwerk der Videokunst erzeugt als 24 stündige Montage von Filmzitaten, die jeder Minute einer realen Uhrzeit entsprechen, ein überzeugendes Bewusstsein für Zeit, Kino und kollektive Erinnerung. Im März wurde The Clock in Stuttgart gezeigt, doch hier ein wichtiger Tip: The Clock ist nicht nur für Kunstfanatiker ein Must-See und es kann erneut vom 29.11.25 bis 25.1.26 in der neuen Nationalgalerie in Berlin erlebt werden.
10. Castello di Rivoli, Museum für Contemporary Art, bei Turin
Das Castello di Rivoli bestätigte erneut seine Rolle als ein europäisches Zentrum für zeitgenössische Kunst. Der Besuch ist ein Genuss aus Klassikern der Contamporary Art in dem romantischen Ambiente eines nur vorsichtig rekonstruierten alten Castell. Eine Sonderausstellung zeigte die vielseitige Arbeit von Enrico David.
11. Das LUMA, Frank Gehry’s Kunstpalast in Arles
Dem alten Industriegelände in Arles hat Frank Gehry mit seinem Turm, der zu jeder Tageszeit herrliche Spiegelungen zeigt, eine Sehenswürdigkeit, das LUMA beschert, das selbst das eigentliche Kunstwerk ist. Der markante Beitrag von Frank Gehry symbolisiert einen Schnittpunkt von Architektur, Kunst und Kulturförderung. Gehry’s Bau verändert auch hier das Stadtbild durch architektonische Kunst wie in Paris und Bilbao. Man spricht inzwischen als Fachausdruck vom „Bilbao-Effekt“. Dort hat das spektakuläre Guggenheim Museum von Frank Gehry die heruntergekommene Industriestadt zu neuer Blüte erweckt. Nicht nur Arles wäre das zukünftig auch zu wünschen.
12. Christoph Niemann, Zeichner mit Biss und Herz in Oldenburg
Christoph Niemann verbindet Comic und Präzision mit visueller Klarheit — seine „Randnotizen“ übersetzen Alltag, Politik und Popkultur in reduzierte, pointierte Zeichnungen. Die Oldenburger Schau zeigte die leichthändige, doch oft tiefsinnige Kraft der Illustration. Doch ebenso werden seine berühmten Cover-Grafiken für internationale Magazine wie den „New Yorker“ präsentiert.
13. Monira Al Qadiri und die Ölindustrie: Berlinische Galerie und KIASMA in Helsinki
Die kuwaitische Künstlerin mit marokkanischen Wurzeln thematisiert jeweils die kulturellen und ökonomischen Folgen der Ölindustrie durch beliebte ballonartige Skulpturen oder buntlackierte Nachbildungen von Bohrköpfen. In Berlin zeigt sie eine Installation aus Modellen von Ölfrachtern und LNG-Terminals. Außerdem sind Videoarbeiten und Glasskulpturen bedrohter Tiefseeorganismen von ihr bekannt. Ihre Arbeiten setzen Energiepolitik, Identität und Ästhetik in Beziehung und erzeugen so eine kritische Reflexion über Ressourcen, Gewalt und Zukunft.
14. „Utopia, Recht auf Hoffnung“ Kunstmuseum Wolfsburg
Die Ausstellung „Utopia, Recht auf Hoffnung“ versammelt künstlerische Entwürfe von Zukunft und Solidarität: sie fragt danach, welche Bilder von Hoffnung und politischem Möglichsein heute nötig sind und wie Kunst Räume für utopische Vorstellungskraft öffnet. Viele wunderschöne oder tiefsinnige Arbeiten finden sich zu einem vielfältigen Kunsterlebnis zusammen. Die KünstlerInnenliste ist lang und voller renomierter Namen, so dass es große Freude bereitet, viel Zeit in der Ausstellung zu verbringen. Die ist auch notwendig, weil die große Zahl hervorragender Filme auf keinen Fall ausgelassen werden sollte.
15. Chemnitz 2025 Kulturhauptstadt Europa
Der „Purple Path“ mit seinen 32 Kunstobjekten ist der eigentliche Schatz der Kulturhauptstadt 2025. Internationale Künstlerinnen und Künstler schufen ortsspezifische Skulpturen und Installationen nicht nur in Chemnitz, sondern auch in vielen kleinen Gemeinden um die Stadt herum. Sie bleiben und sollen den sonst vergessenen Orten eine spezifische aufwertende Identität geben. Leider ist es aufwändig, alle Werke aufzusuchen, denn oft trennen 20 bis 30 Minuten Fahrt mit dem Auto die Objekte voneinander. Doch die Schatzsuche lohnt sich! Zum Abschluss wird das letzte Projekt des Purple Path in Oelsnitz am 28.11.2025 eröffnet: eine Lichtskulptur von James Turrell.
Epilog: Diese Auswahl ist in ihrer Reihenfolge nicht so absolut zu werten. Vielmehr ist es ein Versuch, die facettenreichsten Eindrücke des Kunstjahres 2025 zu bündeln: von politischen Interventionen über retrospektive Rezeption bis zu technisch ästhetischen Grenzgängen. Jedes genannte Erlebnis verdiente 2025 besondere Aufmerksamkeit — als Moment, in dem Kunst ihre Fähigkeit zur Veränderung und zum Nachdenken eindrücklich bewies.
Die Welt liebt sie. Das ist völlig nachvollziehbar, seit Malgorzata Mirga-Tas den Polnischen Pavillon auf der Venedig-Biennale 2022 in ein Meer von Farben aus bunten Stoffen verzauberte. Ihre 12 riesigen Textil-Bilder reisten seither weltweit in Ausstellungen und wurden teilweise von Museen angekauft. Aktuell sind sie in Wolfsburg angekommen, um zu begeistern.
Heute wird die Künstlerin, die sie zweifelsohne ist, im Monopol-TOP-100-Ranking von 2025 auf Platz 54 erwähnt. Die Zeitschrift KAPITAL listet sie sogar auf Platz 8 der 100 „Stars von morgen“ der Kunstszene.
Jeweils 4,62 x 3,87m groß sind die 9 von insgesamt 12 Wandbildern, die auf der Venedig-Biennale gezeigt wurden und jetzt im Wolfsburger Kunstmuseum ihre beträchtliche Wirkung entfalten. Sie orientieren sich an den 12 Sternzeichen mit den passenden Monaten und thematisieren das historische Alltagsleben der Roma mit besonderer Betonung der Lebenssituation der Frauen.
Malgorzata Mirga-Tas gehört ebenfalls dieser Volksgruppe an, ist jedoch 1978 in Zakopane geboren und lebt bis heute dauerhaft in Polen.
Die zweite Serie der Ausstellung zeigt unter dem Titel „Herstories“ Bilder von „Heldinnen“ der Roma-Gemeinschaft. Auch sie sind weit überlebensgroß dargestellt.
Die Spezialität ihrer Kunst ist die komplette Darstellung mittels Textilien, die in Patchwork-Technik zusammengenäht sind. Da Mirga-Tas fast nur mit gebrauchten, gesammelten Stoffen arbeitet, sind es Werke der Nachhaltigkeit, wobei jedes Stück eine eigene Geschichte in sich trägt.
Sie beginne ein Bild stets mit einer Zeichnung, berichtet Malgorzata Mirga-Tas, die sie nach Original-Fotografien anfertige und zusätzlich collagenartig komponiere. Die hautfarbenen Bereiche und besonders die Gesichter bleiben gemalt auf Leinwand, wodurch der lebendige emotionale Ausdruck zur Geltung kommt.
Es bedarf schon einer weiten Auslegung des Kunstbegriffs für diese Art der Darstellung. Motivistisch entsprechen die Bilder naiver figürlicher Malerei und technisch sind sie das Resultat von Schneiderarbeit. Das erinnert an volkskundliches Kunsthandwerk. Doch wendet man die Definition von Joseph Beuys an, dass alles Kunst ist, was einem rein aesthetischen Zweck dient, so gibt es keinen Zweifel an einer künstlerischen Position. So viele Ausrufe der ungezügelten Begeisterung, wie sie in Venedig zu hören waren, können sich nicht irren.
Dabei erscheint der Faktor des riesenhaften Formates einen entscheidenden Anteil zu haben, was auch jetzt in Wolfsburg einen absoluten Wow-Effekt bewirkt. Zusätzlich ist die aufwändige ausgezeichnete handwerkliche Qualität der Näharbeiten extrem bewundernswert.
Die Kuratorin der damaligen Venedig-Biennale 2022, Cecilia Alemani wollte in ihrem Konzept vorrangig weibliche Künstlerinnen, gern auch aus ethnischen Randgruppen präsentieren, die im westlichen Kunstgeschmack zuvor kaum wahrgenommen worden waren. Dem schlossen sich die damaligen Kuratoren des polnischen Pavillons offensichtlich an. Malgorzata Mirga-Tas bringt nicht nur diesen Aspekt mit ein, sondern fügt noch einen feministischen Fokus hinzu. Womöglich waren aber an den Nährbeiten leider doch keine Männerhände beteiligt?!
Der Erfolg ist der sympatischen Künstlerin auf jeden Fall zu gönnen, denn ihr Werk hat es geschafft, den verdienten Respekt und die Wertschätzung sowohl für diese textile Technik als auch die Historie der Roma hervorzurufen und zu bestärken.
Malgorzata Mirga-Tas „Eine alternative Geschichte“, Kunstmuseum Wolfsburg, 22.Nov.2025 bis 15.März 2026
Artreview in GB macht es. Monopol macht es auch. Ein jährliches Ranking über das Kunstjahr. Der Erlebnishorizont der Autorin lässt zwar keine Bewertung von 100 TOPs zu und es gibt auch keine mehrköpfige Jury. Doch dieses rein persönliche Ranking über Kunstereignisse und Kunstwerke im vergangenen Jahr 2024 macht hoffentlich viel Freude beim Lesen.
TOP 5 der beeindruckendsten Kunstausstellungen 2024:
„The true size of Africa“ Die Ausstellung im Weltkulturerbe Völklinger Hütte strahlt mit besonderem Industrie-Charme. So viele fantastische Werke von über 20 internationalen Künstlerinnen und Künstlern sind beispiellos kreativ präsentiert. Mein absoluter Wow-Effekt des Jahres. https://inartberlin.com/2024/11/13/afrikas-wahre-grose/
„Schwerelos“ von Leandro Erlich. Dem Kunstmuseum Wolfsburg ist hier erneut eine fulminante Ausstellung gelungen, die nicht nur Kunstkenner, sondern auch Menschen jeden Alters magisch in diese besondere Sicht auf die Welt hineinzieht. https://inartberlin.com/2024/10/12/schwerelos-in-wolfsburg/
Manifesta 15 in Barcelona: Zwar war es mühsam, die vielen weit auseinander liegenden Venues zu erreichen, doch diese Suche endete so oft mit einer herrlichen Entdeckung. Ob im alten E-Werk oder im verlassenen Gefängnisbau, besonders auch in den „Drei Schornsteinen“ ; stets waren wunderbare Kunstwerke zu finden, die erstaunlich mit ihrer ungewöhnlichen Umgebung verschmolzen. https://inartberlin.com/2024/09/18/manifesta-15-barcelona/
Biennale di Venezia 2024: Auch wenn der von Adriano Pedrosa kuratierte Hauptpavillon in den Giardini enttäuschte, ist die Ansammlung von Kunst aus nahezu allen Ländern der Welt ein so beeindruckendes Erlebnis mit nicht enden wollenden Verzückungen. Niemals sollte man als Kunstinteressierter dieses Ereignis versäumen inklusive der Verirrungen auf der Suche nach den versteckten Pavillons in den romantischen Gassen der besonderen Lagunenstadt. https://inartberlin.com/2024/04/29/60-venedig-biennale-2024/
TOP 5 der besten Kunstwerke 2024:
Asad Raza: „Prehension“ in dem Gebäude des alten Verbrennungskraftwerks „Die drei Schornsteine“ auf der Manifesta 15 in Barcelona: Es sieht so einfach aus mit den flatternden Stoffbahnen in der großen Industriehalle, doch ihr Tanz im Wind, der vom Meer durch die leeren Fensterrahmen die Choreographie bestimmt, entfachte augenblicklich ein Lächeln und den berühmten Wow-Effekt. https://inartberlin.com/2024/09/18/manifesta-15-barcelona/
„Monte di Pieta“ von Christoph Büchel in der Fondatione Prada in Venedig. So viel Wohlstandsmüll so chaotisch und doch thematisch sauber geordnet, verwirrt, ist aber eine mehr als deutliche Provokation, über unser Leben im Überfluss mit Schulden, Zinsen, Moral und Boykott kritisch nachzudenken. Andererseits jedoch eine Augenweide, die Lust am Stöbern bereitet. https://inartberlin.com/2024/07/07/schulden-zinsen-moral-bankrott/
Marianna Simnett: „Winner“. Im Hamburger Bahnhof, Berlin: Verblüffung und Bewunderung waren die ersten Eindrücke, die die Installation auf mehreren Bildschirmen über Brutalität und Skurrilität des Fußballs auslösten. Kaum zu glauben, dass Kunst und Fußball-EM eine so passende gemeinsame Darstellung finden. https://inartberlin.com/2024/05/16/brutal-und-destruktiv-die-dunkle-seite-des-fussballs/
Bouchra Khalili: „The mapping journey project“ im Arsenale auf der Venedig Biennale. Eine spannende Visualisierung von zermürbenden Wegen, die Asylsuchende auf der Flucht aus ihrem Ursprungsland nach Europa erlebt haben. https://inartberlin.com/2024/04/29/60-venedig-biennale-2024/
Leandro Erlich stellt unsere Weltsicht auf den Kopf
Das Kunstmuseum erinnert zuerst an einen Hollywood-Freizeitpark, doch es ist weit mehr als reines Vergnügen, die Ausstellung mit allen Sinnen zu entdecken.
Leandro Erlich hat riesige Installationen geschaffen, die unsere Wahrnehmung verwirren und uns anregen, die darin liegenden Rätsel zu lösen.
Ein komplettes Haus schwebt in der Luft, herausgerissen aus seiner Umgebung, aber es hängen noch Wurzeln unter der Bodenplatte.
Der Mond scheint im Gegensatz dazu auf der Erde gelandet zu sein. In dieser 12 m hohen Kuppel mit 20 m Durchmesser können wir in das uns komplett umgebende Universum eintauchen und werden taumeln.
Die Erdoberfläche hängt dagegen über unseren Köpfen als Landschaft unter der Museumsdecke.
Außerdem steht eine Rakete startbereit senkrecht, doch unser Blick hinein sieht das Innere horizontal vor uns, während darin andere Besucher in Schwerelosigkeit zu schweben scheinen.
Leandro Erlich selbst
Eine Ausstellung voller Fragen, die unglaublich neugierig macht.
Künstlerinterview:
INArtberlin sprach mit dem sympathischen argentinischen Künstler Leandro Erlich (Jg.73) anlässlich der Eröffnung der Ausstellung:
I.B.: Wie entstand dieses Projekt und warum gerade in Wolfsburg?
L.E.: Der Museumsleiter Andreas Beitin lud mich ein, weil er meine Arbeiten mochte und sein Gebäude für besonders geeignet für meine Ideen hielt. So reiste ich hierher und war auch begeistert. Man findet kaum ein Museum mit solch einem riesigen Raum. Das inspirierte mich sofort.
I.B.: Sie hätten Ihre großen Objekte auch in einer alten Industriehalle aufbauen können?
L.E.: Nein, das ist nicht dasselbe. Ich möchte Menschen verblüffen und in Ihnen Zweifel und Neugier wecken. In einem Museum erwarten sie sonst Kunstobjekte, die sie passiv anzuschauen sollen. Doch man kann niemanden zum Denken aktivieren, indem man ihn auf eine Bank setzt und sagt, schau dir das an und lies den Text.
In meine Objekte kann man hineingehen, erlebt optische Phänomene und denkt kreativ nach, wie so etwas wohl funktioniert.
I.B.: Im Mond stehen wir komplett im Universum, Galaxien umkreisen uns aus allen Richtungen. Doch man sieht keinen Sternenprojektor wie im Planetarium. Wie funktioniert das?
L.E. Ja, das ist genau so eine Wahrnehmung, die schwindelig macht und Fragen aufwirft. Wir haben 8 Projektoren hinter der Wand im Kreis versteckt mit nur je einer kleinen durchgehenden Optik. Wie die Kugel im unteren Bereich funktioniert, sollten Sie selbst herausfinden!
I.B.: Auch die Rakete stellt die Gravitationsgesetze auf den Kopf.
L.E.: Meine Werke sind immer erst komplett, wenn die Besucher sie voller Zweifel erklettern und versuchen die Rätsel zu lösen, und zwar spielerisch mit viel Humor und Freude. Wir brauchen kritisch und kreativ denkende Menschen, um die großen Probleme unserer Zeit zu bewältigen.
I.B.: Auf der Empore stehen einige kleine Skulpturen. Eine erinnert an die Modelle von Mike Kelley, die Superman‘s geschrumpfte Heimatstadt auf Krypton darstellen sollten.
Leandro ErlichMike Kelley
L.E.: Mein Quarz-Kristall soll die enge Verknüpfung von natürlichem Material und den baulichen Veränderungen durch die Menschheit darstellen. Deshalb wachsen Mini-Hochhäuser daraus hervor. Nein, ich wollte keinen Zusammenhang mit Superman zeigen.
Auch die anderen Skulpturen wie die Schlange mit menschlichen Händen sind Symbole für die Verbundenheit zwischen menschlichem Leben und der Natur.
I.B.: Das entwurzelte Haus schwebt bodenlos im Raum, als wolle es in einen Orbit um den am Boden gelandeten Mond herum kreisen. Im Inneren des Hauses schweben alle Gegenstände schwerelos.
L.E.: Symbolisch soll es daran erinnern, dass viele Menschen aktuell in Migrationssituationen leben. Sie verlassen ihre Heimat, weil sie dort durch Kriege oder Katastrophen bedroht sind. Sie sind entwurzelt und es bleibt stets die Frage, wo wir unsere Heimat empfinden und ob wir uns wieder neu verwurzeln können.
Doch heutzutage haben Menschen auch ohne Not ihren Ursprungsort verlassen. Auch ich zum Beispiel: ich bin in Argentinien aufgewachsen, bin zum Philosophiestudium nach Huston /Texas gegangen, später nach Paris und England. Heute lebe ich in Frankreich oder Buenos Aires. Mein Name hat einen deutschen und jüdischen Ursprung. Meine Vorfahren sind schon früh vor der Nazizeit aus der Ukraine nach Argentinien immigriert. Wir denken, dass damals durch einen Schreibfehler uns womöglich das „H“ im Namen verloren gegangen ist. Mein Sohn lebt jetzt in Barcelona. Migration ist also ubiquitär. Ich philosophiere oft über dieses Thema; auch immer gern mit anderen Menschen, die ich treffe.
Mein Eindruck ist, dass auch die Menschen in Deutschland viel Philosophie in ihrem Denken haben. Nicht nur Goethe, Schiller und Nietzsche, sondern z.B. auch Karl Marx stammen hierher. Ich meine nicht den Marxismus als Staatsform, sondern die philosophischen Thesen von Marx.
Die Besucher in Wolfsburg werden sich von meinen Werken bestimmt zum intensiven Nachdenken anregen lassen. Doch sie sollen auch viel Spaß bei ihren Entdeckungen haben.
I.B.: Vielen Dank für Ihre Gedanken und die fantastische Ausstellung.
Leandro Erlich: „Schwerelos“ im Kunstmuseum Wolfsburg, 12.Oktober 2024 bis 13.Juli 2025
Das ART-Magazin hatte 12 Ausstellungen des Jahres 2023 im deutschsprachigen Raum für den Kuratorenpreis nominiert. Am 10.4.2024 wurde der Gewinner bekannt gegeben: Andreas Beitin, Kurator und Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg mit Elena Engelbrechter als Co-Kuratorin für die Ausstellung
„Re-Inventing Piet Mondrian und die Folgen“.
Auch in diesem Blog wurde darüber begeistert berichtet:
Eine Stadt, in der Frauenfußball zu enormer Qualität und Aufmerksamkeit gewachsen ist, ist unbedirgt prädestiniert, eine internationale, multikultiurelle Kunstausstellung über die multiplen Aspekte des Feminismus mit Aspekten von Ungleichbehandlung, Unterdrückung, aber auch Stärken von Frauen zu zeigen: WOLFSBURG ! Haben Sie gleich gewusst, um welchen Ort es sich handelt?
Zu sehen ist u.a. ein Bett, in das Immy Mali aus Uganda jede der vielen Rasierklingen selbst in die Matratze gesteckt hat. Außerdem sind dort die Selbstportraits weiblicher Stärke, die aus den Haaren gebildet wird von Laititia Ky von der Elfenbeinküste zu finden. Unbedingt zu beachten ist auch ein kleiner animierter Film von Irena Jukic Pranjic, der herrlich überspitzt, aber so völlig korrekt die Entwicklung einer Liebe während der Familiengründung humorvoll als Videogame darstellt.
Erneut ein großartiger Beweis für die Qualität des Kunstmuseums Wolfsburg, der durch viele ironische Anteile mit Spass und Freude genossen werden kann.