Pierre Huyghe „Liminals“



Im legendären Berliner Club Berghain stellt die LAS-Stiftung ein Werk von Pierre Huyghe aus. Auf einer riesigen Leinwand in der großen Halle läuft in tiefer Dunkelheit ein Video, in dem eine nackte weibliche Person in einer dystopen grauen Landschaft zwischen steinigen, teils sich bewegenden Formationen orientierungslos kriecht, geht oder stolpert. Das Wesen besitzt statt eines Gesichtes nur ein großes schwarzes Loch im Kopf. Dazu sind Geräusche zu hören, die an- und abschwellen, teils extrem laut und schmerzhaft im Ohr.
Im Informationsblatt stehen als Erklärungen Ausdücke wie: „Konzepte des Ungewissen“, „Moderner Mythos“, „Tanz der Materie“, „Etwas radikal Fremdes“, „Von Unbestimmtheit und Vielfachheit geprägte Quantenrealität“. „Ein nicht existierendes Wesen“, „eine Seelenlandschaft“, „ein auf Quantenrauschen basierendes KI-Modell“.
Zitat des Künstlers: „Die Figur ist ein hybrides Wesen, eine unendliche Membran, die von Leere geformt wurde.“ Das trifft es im Grunde genau: kein Kunstwerk, sondern lediglich sinnlose Leere!


Liminal (ohne s, weil ohne Sound) war bereits in Venedig 2024 in der Pinault-Collection in der Punta della Dogana installiert, dort jedoch in Kombinaltion mit Schaukästen, die real Steine und Puppenhände enthielten ähnlich den Szenarien des Films. Ebenso gab es einen interessanten älteren Film, in dem sich ein Affe mit der Maske eines jungen Mädchens in unbewohnten Häusern nach atomarer Zerstörung menschenähnlich bewegte und verhielt. In einem weiteren Werk waren Szenen wie auf einem fernen Planeten zu sehen, wo Krähne und Maschinen zwischen menschlichen Skeletten eine Art Eigenleben führen, die Erde offenbar nach der Apokalypse übernommen haben. Liminal konnte in diesem Zusammenhang vielleicht noch eine Bedeutung zeigen als Gegenüberstellung des Menschen ohne Persönlichkeit in seiner puren Animalität im Kontrast zu dem Affen mit einer gewissen Vermenschlichung. Doch es blieben auch hier mehr offene Fragen zurück und keinerlei emotionales Kunsterlebnis.


Jetzt im Berghain sei es eine Weiterentwicklung des Projektes: nämlich mit Sound! Und dieser sei von einem Quantencomputer hergestellt worden! Allerdings ist zu keinem Zeitpunkt zu erkennen, warum die Geräusche nicht auf herkömmliche Weise erzeugt werden konnten.
Pierre Huyghe kam nachweislich mit der Quantenphysik während seiner Teilnahme an der Documenta 13 (2012) in Kontakt. Der spätere Nobelpreisträger Anton Zeilinger aus Wien zeigte dort eine Präsentation seiner Forschung über Quantentheorie mit Ausblick auf technologische Anwendungen. Wie die Kuratorin Carolyn Christov-Barkagiev bei der 70-Jahrfeier der Documenta in Kassel letztes Jahr berichtete, bot Anton Zeilinger mehrfach abends nach Schließung der Türen Seminare über Quantenphysik für die Künstler*Innen an; für kreative Köpfe garantiert inspirierend, doch vielleicht auch ein Sackgasse?

Für Liminals beriet sich Pierre Huyghe mit dem Direktor des Instituts für Quantenkontrolle am Forschungszentrum Jülich, Tommaso Calarco, von dem ein recht passendes Zitat in der Presseinformation zu finden ist: „Fast alle Menschen haben bislang ohne Quantentechnologien gelebt, aber kein Mensch könnte je ohne Kunst leben.“

Dem kann man sich nur anschließen! Doch im Gegensatz zu früheren Arbeiten von Pierre Huyghe -beispielsweise 2017 bei den Skulpturenprojekten Münster- läßt Liminals jegliche künstlerische Ausstrahlung vermissen.
Pierre Huyghe: „Liminals“ , Berghain, Berlin, 23.Jan. bis 8. März 2026