Die Biennale Venedig und die Länderpavillons


In einer offen pluralistischen heutigen Kunstwelt erscheint das traditionelle Grundprinzip der Biennale Venedig mit Pavillons, die einzelnen Ländern zugeordnet sind, inzwischen als obsolet und veraltet. Dabei ist besonders der fast olympisch anmutende Wettstreit um den Goldenen Löwen für den besten Länderpavillon zu hinterfragen, ob er noch in den Kontext zeitgenössischer Kunst passt. Doch in diesem Jahr haben viele Länder zwar ihren Pavillon finanziert und ins Rennen geschickt, jedoch aus eigener Entscheidung heraus konzeptionell entnationalisiert.
Beispielsweise überlässt Holland seinen Pavillon in prominenter Lage Plantagenarbeitern aus dem Kongo, die ihre Skulpturen der Welt präsentieren können. Der französische Künstler Julien Creuzet stammt aus Martinique, was zwar noch französische Kolonie ist, jedoch lebt dort eine typische Südseepopulation. Die USA überlassen dem Mitglied der First Nations Jeffrey Gibson ihren Pavillon komplett und der Schweizer Pavillon wird von Guerreiro do Divino Amor gestaltet, einem Brasilianer, der lediglich in Genf geboren ist, jetzt aber in Rio di Janeiro lebt.



In dieses Potpourri der gemischten Nationalitäten reiht sich auch der Deutsche Beitrag ein. Die Kuratorin Cagla Ilk wurde in der Türkei geboren, studierte in Istanbul und Berlin. Heute lebt und arbeitet sie in der deutschen Hauptstadt. Sie wählte für die Gestaltung des mächtigen klassizistischen Pavillons zwei Künstler*innen mit spezieller Migrationsgeschichte aus.
Ersan Mondtag ist als Kind türkischer Gastarbeiter in Berlin Neukölln geboren und aufgewachsen. Den Haupteingang verschüttete der Künstler mit einem großen Berg Erde, die er aus Anatolien bringen ließ, wodurch er die Monumentalität des Gebäudes kaschierte. Innen baute er in den Hauptsaal ein dreistöckiges Gebäude, das den Lebens- und Sterbeweg seines Großvaters thematisiert.



Man tritt hinein wie in eine staubige Spielfilmszene, in der PerformerInnen agieren und sprechen, als seien sie völlig emotionslos. Ersan Mondtag ist Bühnenbildner und Theaterregisseur. Seine persönliche Handschrift Stücke zu inszenieren, ist deutlich zu erkennen. In der unteren Etage stehen Regale und Blechkisten mit Resten aus dem Arbeitsleben seines Großvaters. Der Künstler berichtet, sein Großvater habe bei Eternit gearbeitet, wo bis 1989 Platten mit Asbest produziert wurden. Asbest ist bekannt als Auslöser bösartiger Tumorerkrankungen. Letztlich sei der Großvater diesbezüglich erkrankt und gestorben.



In der mittleren Etage ist seine Familienwohnung nachgebaut, ebenfalls verstaubt. Auffällig sind typische Elemente des DDR-Einrichtungsstils, eine bewusste Anspielung des Künstlers auf Parallelen zwischen den Lebenswelten der Arbeiter der DDR und der Gastarbeiter im Westen.
Oben wird auf einer Art Dachterrasse das Beerdigungszeremoniell des Großvaters mit der Familie dargestellt. Eine höchst bedrückende Atmosphäre schleicht sich permanent ein, der man nicht entfliehen kann und bei der man sich im Grunde doch viel zu eindringlich und voyeuristisch in dieser Familie fühlt.


Die zweite Künstlerin ist Yael Bartana. Sie wurde in Israel geboren, lebt und arbeitet wechselnd in Amsterdam und Berlin. Yael Bartana zeigt nach einer fiktionalen totalen Zerstörung der Erde eine Erlösungsfantasie. Dafür konstruierte sie ein Generationenraumschiff mit Natur und Wäldern innen drin, in dem eine große Anzahl von Menschen über Jahrhunderte überleben können soll. Zu sehen ist einerseits ein Modell im ersten Raum des Pavillons. Weiterhin eine riesige Leinwandprojektion auf der runden Seite des Hauptraumes sowie eine Kuppelprojektion mit gemütlichen Sofas, von wo aus man sich ins Innere dieses Paradieses hinein träumen kann.

Der deutsche Pavillon ist als Gesamtwerk überwältigend und ein fantastisches emotional bewegendes Erlebnis, auch gegen alle Diskussionen über „Schon-Dagewesenes“. Richtig ist, dass auch Gregor Schneider schon sein Elternhaus „UR“ 2001 in den deutschen Pavillon eingebaut hat mit ebenso bedrückender Wirkung wie jetzt bei Ersan Mondtag. Bei Tino Sehgal liefen 2013 auch Performer im deutschen Pavillon um die BesucherInnen herum und sprachen sie an. „2001- Odyssee im Weltraum“ und „Battlestar Galactica“ waren die Hollywood-Versionen einer Science-Fiction-Arche Noah. Doch all dies kann den Reiz des aktuell gelungenen Ensembles in keiner Weise zerstören.