Nicht schockierend, aber brisant politisch


In der Akademie der Künste im Berliner Hanseatenweg wird eine Ausstellung der Fotografin mit exemplarischen Bildern aus allen Schaffensperioden gezeigt. Nan Goldin ist aktuell hoch populär und wird vielfach geehrt. In der MONOPOL wurde sie zur einflussreichsten Künstlerin 2022 unter den HOT 100 gekürt, ähnlich in der ArtReview in London auf Platz 8 und in Berlin wird sie mit dem Käthe Kollwitz-Preis geehrt.

Dabei ist Nan Goldin bereits seit Ende der 70ger Jahren weltweit als Künstlerin berühmt. Damals schockierte und faszinierte sie die Gesellschaft mit Fotos aus der Nicht-Hetero-Community, insbesondere der Drag Queens in Boston. Fotos aus dieser Zeit sehen wir jetzt auch in der Ausstellung, nur wirken sie heute angesichts unserer medialen Überflutung mit ähnlichen Bildern aus der Subkultur nicht mehr schockierend.
Nan Goldins Biographie klingt ein wenig wie eine psychopathologische Anamnese: 1953 in Washington DC geboren verließ sie das Elternhaus als 14 Jährige, als sie es dort nach dem Suizid ihrer großen Schwester mit erst 19 Jahren nicht mehr aushielt. Nach einigen Irrwegen in Pflegefamilien und Internaten fand sie eine „Ersatzfamilie“ bei den Drag queens in Boston. Das Lokal „The other Side“ wurde Nan Goldins neue Heimat. Dort begann sie, die geliebten Menschen ihrer Umgebung zu fotografieren. Auch in der aktuellen Ausstellung erkennt man in ihren Aufnahmen den besonderen Blick einer Künstlerin, die nicht voyeristisch, sondern annehmend, unspektakulär, ja liebevoll die Abgebildeten in Szene setzt.


Dies erklärt den frühen Ruhm, jedoch nicht die aktuellen Ehrungen.
Sie begründen sich daraus, dass Nan Goldin intensiv gegen die superreiche Familie Sackler kämpfte. Diese erzielten ihren Reichtum aus der Produktion von Oxycodin, einem Opioid, das in den USA eine wahre Abhängigkeitsepidemie auslöste, weil es als großartiges Schmerzmittel beworben und vermarktet wurde, jedoch ohne jeglichen Hinweis auf die Suchtgefahr. Nan Goldin selbst bekam es im Rahmen einer Hand-OP. Sie kämpfte sich danach über 2 Jahre durch Sucht und Entzugssymptome, wobei sie einmal wegen Überdosierung mit Fentanyl fast gestorben wäre. Auf diese Zeit sollen ihre unscharfen Naturfotos hinweisen, indem sie den völlig getrübten Blick symbolisieren.

Die Familie Sackler rühmte sich selbst als großzügige Kunst-Mäzene der berühmtesten Museen der Welt: u.a. das MOMA, das Guggenheim, das Viktoria&Albert und auch der Louvre ewähnten ihre Dankbarkeit in auffälligen Schildern oder nach den Sacklers benannten ganzen Museumsflügeln.
Als Nan Goldin diese Zusammenhänge erkannte, bestand sie darauf, dass ihre Werke in den Museen abgehängt werden. Außerdem kämpfte sie – nicht juristisch oder mit Kartoffelsuppe -, sondern öffenlichkeitswirksam mit künstlerischen Performances gegen weitere Ehrungen der Familie, die ihren Reichtum auf dem Leid anderer Menschen aufgebaut hatte. Mit ihrer Gruppe P.A.I.N (Prescription Addiction Intervention Now) ließ Nan Goldin beispielsweise Rezepte über OxyCotin (Handelsname in den USA) in die Rotunde des Guggenheim Museums flattern. Im Londoner V&A Museum legten sie sich auf den teuren Sackler-gespendeten Steinfußboden mit Tablettenröhrchen um sich herum als „Suizid-Performance“. Die Aktivist*Innen verlangten, dass kein Museum mehr Sacklers Spenden annimmt. Und genau dies wurde in 5 von 6 Institutionen erreicht.


Am 3.März wurde Nan Goldin der Käthe Kollwitz-Preis in Berlin persönlich überreicht.

Am 5.3. wurde auch der Film von Laura Poitra „The Beauty and the Bloodshed“ gezeigt, der den Kampf der Künstlerin gegen den Pharmakonzern dokumentiert.
Hierzu der Beitrag: „Nan Goldin – Der Film“ vom 6.3.2023 in diesem Blog.
Kinostart Deutschland am 25.Mai. 2023