Das Emirat Sharjah in den Vereinigten Arabischen Emiraten zeigt eine bemerkenswerte Biennale 2023

Thinking historically in the Present

Alles hat seine Historie, so auch diese Biennale. Sie beginnt mit Okwui Enwezor, dem weltbekannten Kurator der Documenta 11 (2002) und der Venedig Biennale (2015), der zuletzt Direktor des Hauses der Kunst in München war. Er entwickelte den Titel und konzipierte für Sharjah diese bereits 15. Biennale. Da er plötzlich verstarb, übernahm die Direktorin der Sharjah Art Foundation Hoor Al Qasimi, ebenfalls mit globaler kuratorischer Erfahrung ausgebildet, die Realisation. Es entstand eine höchst beachtenswerte beeindruckende Ausstellung in einem weltoffenen freundlichen Scheichtum mit außergewöhnlichen Highlights.

Hierzu gehören zunächst die Werke von Ibrahim Mahama, der in vergangenen Jahren im Arsenale von Venedig Mauergänge und in Kassel 2017 die Torhäuser mit alten Jutesäcken verkleidet hatte.

Für Sharjah gestaltete er eine Installation mit historischen Schulbänken seiner Heimat Ghana. Hier ist die Verbindung von Vergangenheit und deren Einfluss auf das Heute im Sinn des Ausstellungsthemas sichtbar abzuleiten.

In einer ehemaligen Eisfabrik in Kalba zeigt Mahama außerdem gewaltige Stoffbahnen mit aufgenähten abgetragenen Frauenkleidern aus Ghana, die teils auch schon aus gebrauchten Warensäcken geschneidert waren. Sie bilden eine überwältigende und anrührende Arbeit, mit der der Wind vom Golf von Oman spielt und sie tanzen lässt. Zusätzlich ein Beispiel für nachhaltige Kunst, denn die Materialien sind ja upgecycled.

Doris Salcedo aus Columbien gestaltete aus 800 Bäumen ein Haus, das doch kein Heim sein kann, stark, duftend und doch zerfließend und undurchdringlich. Sie erhielt dafür auch einen Preis der Jury.

Ebenfalls riesig ist „Collossus“ von Nari Ward, Künstler aus New York mit jamaikanischen Wurzeln. Das Werk erinnert an eine überdimensionale Reuse aus alter Fischertradition, also ein historisches Utensil, aber künstlerisch überhöht. Da ergeben sich doch Assoziationen an die gigantischen Hochhausketten fast nebenan.

Auch Kader Attia, Künstler der Documenta13 (2012) und Kurator der Berlin Biennale 2022, ist an der Sharjah Biennale beteiligt. In einer alten Wüsten-Klinik legt er Spiegelscherben in das ehemalige Badebecken, die die Umgebung zerrissen und doch leuchtend zurückscheinen lassen.

Weiterhin zeigt er eine Installation von Modellen einer historischen Lehmhaussiedlung. Hier gepresst aus sandfarbenem Pappmasché wird sie in einem Video einer aktuellen Wohnbebauung gegenübergestellt. Der Künstler scheibt hierzu, dass in den Steinen und Mauern die „Memories“ der Bewohner bewahrt seien; von Baubeginn und Einrichtung über Reparaturen bis zum Abriss könnten sie viel über das vergangene Leben der Menschen in ihnen berichten.

Michael Rakowitz, irakisch-amerikanischer Künstler, wohnhaft in Chicago, bekannt von der Dokumenta13 mit seinen steinernen Büchern (2012), sowie durch die Gestaltung einer temporären Skulptur auf dem Trafalgar Square bereichert Sharjah mit einer Performance, bei der er einfühlsam Fundstücke aus seiner zerstörten Heimat im „Zweistromland“ präsentiert mit persönlichen Geschichten seiner Familie.

Viel Aufmerksamkeit verdient auch das externe Ausstellungsgelände in Al Hamriyah, neu gebaut mit perfekten variablen großen weißen Räumlichkeiten, das weitere spannende und ästhetische Kunstwerke für die Besucher bereit hält.

Diese Sharjah Biennale kann sich auch im internationalen Kontext sehen und genießen lassen. Besucher erleben nicht nur ein sicheres, sondern auch gastfreundliches Land, in dem gerade Senioren besonders geehrt und privilegiert behandelt werden.

Auch bei Fahrten außerhalb der Touristenstrecken ist es spannend zu sehen, wie mit finanziellem Hintergrund und unerschöpflichen Energiequellen in kürzester Zeit fantastische Bauvorhaben realisiert werden können. Hier ein Gebäude von Zaha Hadid, eine Konzernzentrale, die sich wie Sanddünen mitten in die Wüste einbettet.

15.Sharjah Biennale 2023 vom 7. Februar bis 11. Juni 2023


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