Fast ein ganzes Jahrhundert gelebte Fotographie

Als Fotokünstler in den USA kam Ralph Gibson als Sohn eines Regieassistenten bei Warner Bros. schon in den Anfängen des Films mit dem Spiel von Licht und Schatten in Berührung. So waren seine ersten Fotos auch durch starke Schwarz-Weiß-Kontraste gekennzeichnet.


Als Marinesoldat erlernte er zusätzlich die Dunkelkammerarbeit, so dass er seine Motive komplex gestalten konnte. Ein erstes Alleinstellungsmerkmal war Anfang der 70ger Jahre das Festhalten der Aufnahmen in Fotobüchern, womit er über eine Ausstellung hinaus die Bilder in ihrer gewollten Serienidentität überdauern lassen konnte.
Von seiner Lehrerin an der Kunsthochschule lernte er, dass er erst ein Thema, einen Standpunkt (point of departure) festlegen solle, bevor er mit der Motivsuche beginne, was die Serien in sich konsitent machte.
Eine erste krasse Veränderung brachte die Farbfotographie, der er sich kreativ stellen musste, was ihm zunächst nicht wirklich gefiel. „Ein Schwarz-Weiß-Foto erzählt eine spannende Geschichte, was das Farbfoto überhaupt nicht kann.“ Ralph Gibson kreierte daraus eine Serie, in der er stets zwei Fotos zusammen zeigte, eins schwarz-weiss, ein Farbiges in direktem Kontrast daneben, um seine These zu beweisen. Erst in den letzten Jahren freundete er sich mit der Farbe mehr an.


Die zweite technische Revolution der Fotographie war die Digitalisierung. Sie nahm dem in der analogen Technik der Dunkelkammer versierten Experten die Lust am Neueinstieg. Doch da schickte ihm der Hersteller unaufgefordert eine Digital-LEICA- Kamera, die ausschließlich schwarz-weiß Fotos produzierte. Gibson nahm die Herausforderung an und fand bis heute großes Vergnügen am schnellen Bild. Erneut nutzte er aussagestarke Ausschnitte und starke Kontraste.

Später fand er auch einen Zugang zu digitalen Farbfotos. Es entstand eine Serie „The vertical horizon“. Vertikale Motive für das Hochformat entdeckte er nicht nur im Städtebau, sondern auch zunehmend in der Natur.


Ralph Gibson ist 1939 geboren und hatte somit die Chance, die Fotographie, die er stets als „Malen mit Licht“ begriff, über alle technischen Veränderungen hinweg immer wieder neu mit künstlerischem Blick zu erfassen und zu nutzen.
Am Ende der Präsentation seiner neuen Ausstellung in den Deichtorhallen in Hamburg wurde er gefragt, was er zu den aktuell diskutierten KI-Bildern sage: „Das sind keine Fotographien, das ist etwas anderes und hat aber auch seinen spezuellen Stellenwert. Doch die Fotographie wird trotzdem niemals sterben, so wie der Film nie vom Fernsehen getötet wurde.“


Die Austellung ist von der Kuratorin Sabine Schnakenberg geschickt empathisch und didaktisch „choreographiert“ worden, so dass sowohl die Schaffensprozesse gut nachvollziehbar, aber auch die künstlerische Kraft hervorragend genussvoll erlebbar sind.
Ralph Gibson: „The Secret of Light“ Deichtorhallen Hamburg bis 20. August 2023