

In der Berlinischen Galerie werden raumfüllende Werke des Berliner Künstlers Julius von Bismarck (Jg 1963) ausgestellt, die er in Auseinandersetzung mit dem großen Familiennamen kreiert hat. Der erste deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck (1815 bis 1898) war sein Urururgroßonkel und ihm begegnen wir heute überall in der Welt. Nach ihm sind z.B. ein Meer, ein Hering, eine Pflanze und zahlreiche Straßen sowie Denkmäler benannt worden. In Göttingen allerdings wurde der damalige Student Otto unehrenhaft in ein Häuschen verbannt, das außen an der Stadtmauer gebaut ist, weil er wegen zu lautem Feiern, groben Unfugs und Raufereien nicht mehr im Stadtkern geduldet wurde. Doch seinen Namen hat das Haus bis heute: das Bismarckhäuschen.


Der Urururgroßneffe Julius von Bismarck zeigt im ersten Ausstellungsraum ein riesiges Tuch, bemalt mit abstrahierten Wellen. Auf einer Fotographie daneben sieht man es auf dem Meer schwimmen, und zwar in der Bismarck-Sea nahe Papua-Neu Ghinea.

Ein weiterer Raum hängt voller riesiger getrockneter und gepresster exotischer Pflanzenblätter, eines davon stammt von der Bismarck-Palme (Bismarckia nobilis), die ursprünglich aus Madagaskar stammt.


Julius von Bismarck sieht sich nicht als Bewunderer, der sich mit dem berühmten Namen schmücken möchte, er habe aber festgestellt, dass dieser Name doch so prägnant ist, dass er ihn künstlerisch dekonstruieren sollte. Seine Intention liegt vielmehr darin, die Natur neu zu bewerten, unsere üblichen Wahrnehmungen und Kontextualisierungen zu konterkarieren. Die Pflanzen hat er der dritten Dimension beraubt und trotzdem bekommen sie auf diese Weise eine überwältigende, machtvoll erhabene Dimension. Warum holen wir uns eigentlich so exotische Pflanzen ins Haus? Die Domestizierung der Natur wird von Julius von Bismarck deutlich infrage gestellt.
Die Rezeption der geschichtlichen Person des Otto von Bismarck zu verändern und neu bewerten zu lassen ist dem Künstler ein wesentliches Anliegen. So engagiert er sich z.B. dafür, dass die Bismarck-Sea den Namen verliert. Angeblich gibt es 12 Bismarckstraßen allein in Berlin. Auch deren Umbenennung möchte er helfen zu realisieren .
Otto von Bismarck gilt als extrem wichtiger Politiker der Kolonialisierung im 19. Jahrhundert. Im Rahmen heutiger Neubetrachtung gilt aber auch, dass er eigentlich nichts davon hielt, dass der Kaiser Wilhelm II Kolonien besitzen wollte. Er hielt das für Fehlinvestitionen. Richtig ist aber, dass Bismarck alle Kolonialmächte 1884 zu einer Afrika-Konferenz nach Berlin einlud, wo letztlich der afrikanische Kontinent unter den europäischen Mächten aufgeteilt und die Grenzen festgeschrieben wurden, alles ohne jegliche Beteiligung der ursprünglichen Einwohner. Bismarck wollte wohl im wesentlichen Ordnung in das Treiben der Kolonialmächte bringen, damit sie sich nicht noch gegenseitig in Grenzkonflikten bekriegen müssten. Auch das wäre kraftzehrend und unproduktiv. Otto von Bismarck war vorrangig ein Verwalter. Auch seine damals innovativen und bis heute teils gültigen Sozialgesetze zielten auf ein geordnetes friedliches Miteinander ohne auszehrende kämpferische Auseinandersetzungen.
Aus heutiger Sicht ist das Kolonialisieren, also Unterwerfen, Ausbeuten und Töten anderer Völker zutiefst verwerflich und so muss auf jeden Fall die hohe Verehrung eines wesentlich daran Beteiligten beendet werden.

Julius von Bismarck stürzt Otto symbolisch vom Sockel. Ein fast lebensgroßes nachgebautes Reiterdenkmal, wie es in Bremen steht, zerlegt er in Einzelsegmente, die wie eine Wackelfigur in sich zusammenfallen, wenn man von unten auf einen Knopf drückt. Ihm zur Seite stellt er mit gleichem Mechanismus eine Giraffe, ein Stück Natur und deutlich größer als der Mensch.


Sind wir nicht immer noch Kolonialisierer, indem wir die Natur unseren Wünschen unterwerfen und sie herausgerissen aus ihrer natürlichen Umgebung ebenso missachten wie früher die Kolonialisten die Menschen in Afrika?
Julius von Bismarck in der Berlinischen Galerie bis 14.8.2023
(Goethe und Schiller wackeln bereits seit 1999 auf ihrem Sockel in Europas Kulturhauptstadt Weimar.)

