Kunst im öffentlichen Raum: ein „Blitzableiter“ für die Bevölkerung?

In der Wiener Innenstadt steht seit dem 16. August für einige Monate eine neue, neun Meter hohe Skulptur als Kunst im öffentlichen Raum. „Chara“ (griechisch = Freude). Es ist die überdimensionale Darstellung eines Rentiergebisses aus Estland, das die estnische Künstlerin Kris Lemsalo, 38 Jahre, geboren in Tallin gestalten und aufstellen durfte. „Chara steht für mich symbolisch dafür, neue Kapitel und große Veränderungen ohne Angst anzugehen.“ Kris Lemsalu brachte ihre nordische Unbekümmertheit den Wiener Schaulustigen und Experten mit, indem sie einfach selbst 2 Flaschen Magnum ausschenkte; nicht ohne die Aufforderung, ein jeder müsse das Objekt durchschreiten.


Geschmeidig passt sich das pinke Gebiss wirklich nicht in die klassische Stadtsilhouette vis a vis von Louis Vutton ein, aber es fordert zum Selfie auf. Somit wird es mit Sicherheit eine große Verbreitung in der digitalen Welt finden und die Diskussion um die Kunstmetropole Wien anregen.

Vor etwa 10 Jahren fand eine Freundin der Künstlerin auf einem Waldspaziergang in Estland den Kiefer eines Rentieres und schenkte ihn ihr. Kris Lemsalu nahm die Form spielerisch in mehrere ihrer bekannt skurrilen Installationsideen auf, auch weil der Kiefer sie an ein Herz oder eine Vagina erinnerten.
In der City von Wien wird das aktuelle Werk bestimmt sehr kontrovers von den Menschen aufgenommen. Es ist stets ein Unterschied, ob etwas Provokantes in einem geschlossenen Museum auf bewusst interessierte Kunst-Besucher*Innen trifft oder von meist kommunalen Politikern ausgewählt allen Bürger*innen aufgezwungen wird. Stets gibt es in solchen Fällen heftige öffentliche Auseinandersetzungen und vielleicht muss – wie vor einigen Wochen in Osnabrück die textile Verhüllung eines leeren Kaufhauses durch Ibrahim Mahama – das Kunstwerk professionell bewacht und vor Zerstörungen geschützt werden.

In Wien gibt es die Besonderheit einer Institution, die über Kunstwerke im öffentlichen Raum entscheidet: KÖR = Kunst in öffentlichen Raum. Die Geschäftsbereiche der Stadt für Kultur, Stadtentwicklung und Wohnen gründeten diesen Fond – inzwischen eine GmbH – 2004 inklusive finanzieller Ausstattung. Sie wollen und sollen, künstlerisch qualifiziert, den öffentlichen Raum zum „Ort gesellschaftspolitischer und kultureller Debatten mit radikal ästhetischen Setzungen“ beleben. Mit dem Kunstwerk von Kris Lemsalu wird dies mit Sicherheit erreicht. Wie die Kuratorin Cornelia Offergeld vom Vorstand der KÖR äußerte, wird gespannt und mit Vorfreude auf emotionale „Blitzableiter“- Reaktionen der Bevölkerung gewartet.