Nadia Kaabi-Linke zeigt verborgene Spuren der Gewalt

„Seeing without light“ ist der Titel der neuen Ausstellung im Hamburger Bahnhof .
„Als in der Ukraine die ersten Bomben einschlugen, blieben die Menschen sitzen in Kälte und Dunkelheit.“ „Doch wenn man die Augen schließt, hört man nur sein Herz und mit dem Herzen.“ Das ist die Message von Nadia Kaabi-Linke. Ihre Kunst habe als wichtiges Thema die Dunkelheit, aber auf der Suche nach Licht, denn es gebe keine Schatten ohne Licht.



Nadia Kaabi-Linke wurde in Tunesien geboren, hat ukrainische Wurzeln und lebt nach ihrem Studium in Frankreich jetzt in Berlin. Dies ist ihre erste große Einzelausstellung. Sie erforscht gezielt Spuren von Zerstörung und Gewalt, die wir gern verdrängen und vergessen.


Der ersten Raum „Blindstrom for Kasimir“ zeigt nur schwarze Rechtecke. Sie symbolisieren Gemälde von Kasimir Malewitsch, die im Kunstmuseum der Ukraine schon in den 30ger Jahren vom sowjetischen Geheimdienst zensiert, beschädigt und beschlagnahmt wurden.


Im Hamburger Bahnhof sind durch ein Fenster Reste stillgelegter Gleise zu sehen. Sie waren ein Teil der Strecke, auf der in der NS-Zeit Juden in Vernichtungslager in der West-Ukraine transportiert wurden. Die Künstlerin nahm zwei Holzbänke, die eigentlich an Bahnsteigen zum geruhsamen Verweilen auffordern. Sie verwandelte sie zu Folterbänken, um an diese Zeit der Grausamkeit zu erinnern.




Ein großes farbenfrohes Gemälde ist ein richtiger Eyecatcher für die Besucher*Innen. Nadia Kaabi-Linke hat mit Papier einen Abdruck eines großen Grabmals auf dem Friedhof genommen, ihn auf die Leinwand kopiert und mit kräftigem Schwarz und Pink übermalt. Besonders imponiert das große schwarze Loch, das sogar den Namen der Familie unlesbar macht. Dieses stammt von einem Bombeneinschlag im 2. Weltkrieg. „Sogar nach dem Tod werden Menschen durch Krieg und Gewalt noch einmal zerstört.“ Doch das Pink stehe für Freude, Feiern und Genießen des Lebens, das all die schlimmen Traumata überdecken kann. „Feiern geht doch immer!“ ist auch ein ihrer Devisen.

(Barbie is everywhere.)
Die einzelnen Ausstellungsstücke sind aufwändig gestaltet und aesthetisch absolut beeindruckend. Doch sie entfalten ihre Großartigkeit erst, wenn man auch ihre Bedeutung entdeckt. Dafür lohnt es sich, die hervorragenden Erklärungstexte direkt neben den Werken zu lesen.
Hamburger Bahnhof, Berlin 8.9. 2023 bis 24.3.2024