„Beauty, history and meaningfull material!“



Ausnahmsweise in Englisch, denn so sind die Werke der kanadischen Künstlerin angelegt, deren große Einzelausstellung das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt. Bei allen Werken entsteht auf diese Art eine Interpretationskette, die man schrittweise entdecken kann, aber nicht muss.
Kapwani Kiwanga (Jg 1978) studierte ursprünglich Antropologie und Religionswissenschaften und arbeitete zunächst als Dokumentarfilmerin, um auf die Themen aufmerksam zu machen, die ihr am Herzen liegen. Als sie in diesem Metier zunehmemd die Grenzen der Ausdrucks-möglichkeiten sah, wechselte sie zur Kunst mit all deren Freiheiten.
Die Künstlerin läd ein, ihre Werke rein aesthetisch zu genießen. Doch die Geschichten dahinter lösen bei Interessierten viel mehr Intensität und Bedeutung aus. Sie berichten über Rassismus, Disziplinierung oder Ausbeutung.


Bei Kapwani Kiwanga spielen stets die ausgewählten Materialien eine bedeutungsvolle Rolle. So geht es z.B. mehrfach um ganze und teilweise Sichtbarkeit: ein Paravant aus halbdurchsichtigen Spiegeln, der aber segmental komplette Durchblicke gewährt. Auch eine Jalousie erfüllt diese Funktion: wer sieht wen? Wer entscheidet darüber? Eine Anspielung auf Überwachungssituationen!
Für ein Werk, das neu für die Ausstellung in Wolfsburg angefertigt wurde, ist gitterartig gewebter Stoff verwendet worden, der unterschiedlich viel Licht durchlässt. „Black blue hour“ sei trotz der blauen Farbe nicht extra für Volkswagen angefertigt, betont die Künstlerin.

Ein großer transparenter Vorhang mit den Farben des Sonnenuntergangs in der Wüste hing bereits auf der Biennale di Venezia 2022. Vervollständigt wird dieses Werk („Terrarium“) durch zwei Glasobjekte: Sanduhren, ein Symbol für Vergänglichkeit, gefüllt mit Wüsten-Quarzsand, wie er beispielsweise zur Glasherstellung , aber auch für Fracking mit den bekannten schweren Umweltproblemen genutzt wird.



„Ein Blumenmeer für Afrika“: Das mit Eukalyptus behangene Tor diente ebenso wie die Blumengestecke als Dekoration bei Unabhängigkeitsfeiern am Ende der Kolonialherrschaft in afrikanischen Ländern. Kapwani Kiwanga hatte akribisch historische Fotos darüber gesammelt, die das besondere Ereignis abbilden. Zu jeder Ausstellung werden die Blumenarrangements von lokalen Floristinnen nachgestellt und dürfen verblühen: ein Indikator für Enthusiasmus und Ernüchterung in den neuen selbständigen Staaten? „Die Geschichte in die Gegenward bringen“ möchte die Künstlerin, gesellschaftsananlytisch, dokumentierend, nicht anklagend.



Kapwani Kiwangas Kunstwerke erfreuen und berühren schon allein durch ihre Schönheit. Andererseits berichten die dahinter stehenden Narrative über komplizierte ungereimte Situationen in unser globalisierten Welt.
Das Kunstmuseum Wolfsburg hatte bereits für die frühere Empowerment Ausstellung (s.a. früherer Artikel hier im Blog) mit nur weiblichen Künstlerinnen Kontakt mit Kapwani Kiwanga aufgenommen, doch beide Seiten spürten rasch, dass die Werke Kiwangas den ganzen großen Raum mit ihrer Ausstrahlung erfüllen können.
„Die Länge des Horizonts“ Kunstmuseum Wolfsburg, 16.9.23 bis 7.1.2024