Ein Projekt von Tania Bruguera
Im Hamburger Bahnhof wird vom 7.2.2024 19.Uhr bis zum 11.2.2024 23 Uhr aus dem Buch von Hannah Arendt: „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1951/1952) gelesen. Es gab hierzu einen Open Call, durch den sich alle Menschen als Leser*Innen melden konnten. Bei stündlichem Wechsel wird auf Englisch oder Deutsch gelesen. Dabei ist es der Leserin freigestellt, nur vorzulesen, zu kommentieren oder noch besser die Zuhörer in eine lebendige Diskussion über das Thema zu bringen. Der Hamburger Bahnhof ist über alle 100 Stunden kostenlos weit geöffnet.


Die Künstlerin und Aktivistin Tania Bruguera lebte ursprünglich in Kuba, brachte jedoch wegen ihrer kritischen Performances die dortige Regierung so gegen sich auf, dass sie großen Repressalien ausgesetzt war und sogar unter Hausarrest leben musste. Während dieser Zeit in Unfreiheit 2015 organisierte sie zum ersten Mal das Projekt der 100-Stunden Lesung. In ihrem Haus war ihr jedoch jegliche Kunstaktivität verboten worden. Doch vor ihren Fenstern lasen Freunde und Mitstreiter Tag und Nacht. Die Behörden wussten sich nicht anders zu helfen, als eine lautstarke Baustelle auf der Straße zu installieren.

Bereits auf der Documenta fifteen (2022) erreichte Tania Bruguera eine weltweite Öffentlichkeit, als sie auf die totalitäre Unterdrückung kritischer Kunst und Künstler in Kuba mit ihrem Kollektiv INSTAR (Instituto de Artivismo Hannah Arendt) hinwies. Sie selbst war bereits ins Exil genötigt worden. Man hatte ihr unmissverständlich klargemacht, dass ein befreundeter Künstler aus seiner langjährigen Gefängnisstrafe nur freigelassen würde, wenn sie das Land verlasse.


Auf die heutige Frage, ob sich inzwischen in Kuba etwas verändert habe, ob insbesondere Verbesserungen durch ihre Arbeit erreicht wurden, antwortete Tania Bruguera: „Die Kunstszene in Kuba ist inzwischen völlig ausgeblutet.“ Bis auf sehr wenige seien ihre Kolleg*Innen alle ins Exil gegangen, weil sie ständigen Anfeindungen und Sanktionen ausgesetzt gewesen seien. Jegliche Rückkehr ins Land werde ihnen allen verwehrt.

Die Rechte an der Performance hat inzwischen die Irene und Peter Ludwig-Stiftung erworben. Hier in Berlin ist es eine Art Neuinszenierung, denn wir leben in einem demokratischen Land mit aktuell wenig Sanktions-Sorgen. Weltweit wird jedoch inzwischen wieder eine Form von Zensur für Künstler sehr negativ bewertet am Beispiel der geplanten, aber zurückgenommenen Bekenntnisauflage gegen Antisemitismus etc. Außerdem hat Deutschland eine schwere qualvolle Geschichte mit totalitären Regimen.
Die Lesenden seien laut Direktor Till Fellrath nicht ausgesucht worden, sondern bis auf wenige Experten bunt gemischt aus dem Open Call zufällig hervorgegangen.
Es ist für alle Menschen, die gerade in Berlin leben, arbeiten oder zu Besuch sind eine Aufforderung, zum Hamburger Bahnhof zu gehen, zu hören und auch intensiv mitzudiskutieren, gerade angesichts der aktuellen Rechtsorientierung von viel zu vielen Menschen im Land.
„Where your Ideas become Civic actions“, 100 Hours reading: The Origins of Totalitarianism.
Berlin, Hamburger Bahnhof (Museum für zeitgenössische Kunst)
Donnerstag, 7. Februar 19Uhr bis Sonntag 11.2.2024