Das BERGSON in München

Industrie-Kathedrale mit Kunst und Kommerz

Am Münchner Stadtrand wurde ein ehemaliges Kraftwerk umgebaut zu einer zeitgemäßen Event-Location. „Kultur neu spüren“ lautet das übergreifende Motto. Hier finden Konzerte, Lesungen, Diskussionen und Partys statt. Auch Firmen mieten das ungewöhnliche Industriedenkmal für eine außergewöhnliche Produktpräsentation: „a place to be“. Ein Ort also, wo man sein sollte, wenn man zur modernen gutverdienenden jungen Community gehört. Hierzu passt dann auch zeitgenössische Kunst, die das Gesamtkonzept mit Hochkultur aufwertet.

Das komplette Projekt liegt inklusive der Vermarktung in privater Hand, so auch der Kunstbereich. Hier residiert die Münchner Filiale der Johann König Galerie, die insgesamt 2000 qm mit -verkäuflicher – Kunst bestückt, eine perfekte Symbiose, denn erwartet wird ein junges und vor allem zahlungskräftiges Publikum.

Doch welcher Kunstgenuss ist zu erwarten? Auf vier Etagen in einem modernen Teil des Komplexes präsentiert. Unter dem Titel“ Metaphor to Metamorphosis“ präsentiert das Bergson-Galerie-Team wirklich exzellente Werke zeitgenössischer Künstler.

Johann König erklärt, dass sich die Thematik an Franz Kafkas Geschichten locker orientiert. Die „Verwandlung“ von Gregor Samsa in einen Käfer werde als Metapher angesehen, wie Menschen heutzutage Transformationen durchlaufen zum Finden ihrer eigenen Identität.

Beispielhaft hierfür sei ein Werk aus 3 Teilen von Agnes Questionmark genannt. Die Künstlerin, die momentan auch auf der Biennale in Venedig vertreten ist, modulierte aus Silikon ihren Körper in 3 Teilen, der sich jedoch an den Extremitäten in tierische Tentakeln auflöst.

Besonders wertvolle Werke von Isa Genzken verwandeln Nofretete in eine neuzeitliche Touristin und ein Frauentorso verschmilzt mit seinem Reisegepäck.

Eine herausragende Figur ist auch „Perseus“ von Stephan Balkenhol. Sie zeigt der Künstler aus Kassel sein Alter Ego mit dem grandios geschnitzten Kopf der Medusa in der Hand. Vielleicht findet sich hierfür auch ein prominenter Platz in der Öffentlichkeit wie vor dem Axel-Springer Haus in Berlin, im Hamburger Hafen oder im Kirchturm der Kasseler Elisabethkirche.

Von Amir Fattal stammen Gemälde und zwei Büsten, die mittels KI entworfen und gestaltet wurden. Diese „Verwandlung“ wurde somit einem nicht menschlichen Algorhytmus überlassen.

Es finden sich weitere exklusive Werke in der Ausstellung von z.B. Gregor Schneider, Anselm Kiefer oder Volker März. Im Grunde hätte es bei der Qualität der Einzelwerke keines übergreifenden Themas gebraucht, da kein verbindendes Element erkennbar ist. Vielmehr bleibt die Ausstellung ein zusammengewürfeltes Sammelsurium, das zum Verkauf von der König Galerie angepreist wird, allerdings von ausgewählt hoher Qualität und Besonderheit.

Die Räume des zweiten Kunstbereichs wurden direkt in die trichterförmigen Kohle-Silos eingebaut, die durch den Gitterboden noch klar zu erkennen sind. Die erste Ausstellung dort zeigte zuvor Werke von Monira Al Qadiri, die wunderschöne Ölbohrköpfe zeigte und uns mit ihren gläsernen Galeeren die Komplexität dieser Lebensformen ins Bewusstsein brachte.

Aktuell befindet sich hier eine Einzelpräsentation von Jeppe Hein, dessen Vielseitigkeit seiner dynamischen Skulpturen beeindruckt. Die gelbe Parkbank, die rotierenden Spiegel sowie das Spiegel-Labyrinth sind typische Beispiele für die Intention des Künstlers, das Kunstwerk erst in Kombination mit den Betrachter*Innen als vollständig anzusehen.

Das BERGSON stellt kein neues Museum dar, sondern ist ein aktueller Ort für multiple kommerzielle und kulturelle Veranstaltungen, bei dem die ausgestellte Kunst den anspruchsvollen Ausstattungs-Rahmen zusammen mit der 25 m hohen Kathedralen-artigen Industrie-Architektur bildet. Ähnliche Ideen von Gebäude-Transformationen sind bei den weltweit verteilten Gebäuden von Fotografiska – auch in Berlin – zu finden, die Fotokunstausstellungen neben unterschiedlichen Events anbieten.

Die Verschmelzung von Kunst und Business ist in den USA selbstverständlicher, indem die dortigen Museen wie das BROAD in Los Angeles, das San Franzisko- MOMA oder auch das MOMA in New York immer schon komplett von privaten Wirtschaftsunternehmen finanziert werden. Die Freiheit der Kunst bleibt dort recht abhängig vom Sponsor.

Im Gegensatz dazu finden sich in Deutschland vorwiegend staatlich finanzierte Museen. Zu diskutieren bleibt, ob die Kunstfreiheit hier besser realisierbar ist. Doch ein nicht auf monetären Profit angewiesenes System bietet Künstler*Innen und Kurator*Innen womöglich mehr Spielraum! Trotzdem ist der Besuch des Bergson auch für nicht unbedingt kaufwillige Kunstfreunde sehr zu empfehlen, weil es eine vielseitige Augenweide ist.

Jeppe Hein: „Every Moment is a New Moment“ 13.Juli -1.Sept.24,  Galerie König Bergson: “Metaphor to Metamorphosis” 13.Juli – 17.November 2024;            Am BERGSON Kunstkraftwerk 2, 81245 München


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