Die doppelte Bedeutung von Ketten

Melvin Edwards in Kassel

Melvin Edwards wurde 1937 in Housten/Texas geboren. Als Afroamerikaner erlebte er seither Rassendiskriminierung hautnah. Die Kritik an jeglichem Rassismus durchzieht auch thematisch seine Werke.

Im Fridericianum in Kassel wird mit ihm auch zwischen den Documenta Ausstellungen hervorragende Kunst gezeigt. Aktuell sind 50 Werke des US-Amerikaners in den großen Räumen zu erleben.

1963 entstand das erste Wandrelief der Serie, die Melvin Edwards Lynch-Fragmente nannte. Dessen Titel „Some bright morning“ steht auch für die komplette Ausstellung und bezieht sich auf einen Bericht über eine schwarze Familie, die frisch in eine weiße Siedlung gezogen von Lynchjustiz offen bedroht wurde. Weiße Trupps von Nachbarn kamen „eines schönen Morgens“ an ihre Tür, um sie zu vertreiben. Der Familie gelang es sich durch rechtzeitige Bewaffnung davor zu schützen. Symbolisch sollen die an Klingen erinnernden spitzen Ecken des Kunstwerkes darauf hinweisen.

Auch hier arbeitet Edwards bereits mit Kettenelementen. Sie tauchen ebenfalls in großen Außenskulpturen aus Stahl auf und werden in seinen Papierarbeiten als eine Art Schablone benutzt. Die farbenfrohen Bilder wirken zwar fröhlich, behalten aber auch die Schwere der metallischen Kettenglieder.

Ketten treten in Edwards Werk in doppelter Bedeutung auf. So sind sie stets ein Symbol für Verbundenheit, aber gleichzeitig auch für erzwungene Unfreiheit, wenn sie, schon seit es Sklaverei gab, der afroamerikanischen Bevölkerung angelegt wurden.

Stacheldraht ist ein weiteres bevorzugtes Material des Künstlers: einerseits wie zarte Fäden verwendet und andererseits gefährlich scharf.

Melvin Edwards studierte Malerei in Los Angeles, wo ihn zusätzlich Hollywoods Filmstudios beeinflussten, auch bei seinem Job bei „Grafic Films“. Später lernte er Schweißen und den Umgang mit schweren Materialien. Dies war der Ursprung, sich mit Skulpturen künstlerisch auszudrücken. 1970 zog er nach New York, erneut in eine wichtige Kunstmetropole.

Im Jahr 2000 reiste Edwards nach Afrika und richtete sich sogar in Dakar ein Atelier ein, um die künstlerischen Positionen in den Ländern seiner Vorvorfahren zu erkunden. Melvin Edwards Werk spiegelt somit eine Verbindung der unterschiedlichen Kulturen wider. Der Künstler richtet jetzt beim Eröffnungsrundgang auch einen mitreißenden Apell an die Besucher, sich dafür einzusetzen, dass die Benin-Kunstwerke an ihr Herkunftsland zurückgegeben werden.

In Europa wurde der Künstler durch Teilnahme an der Biennale 2015 bekannt, die Okwui Enwezor kuratierte. Kassel sieht sich in Reminiszenz an diesen großartigen Documenta 11 -Kurator (2002) und ist die erste Station, die Melvin Edwards in einer Einzelpräsentation zeigt. Die Ausstellung wandert weiter zur Kunsthalle in Bern und das Palais de Tokyo in Paris.

Melvin Edwards „Some bright morning”, Fridericianum Kassel 11. August 2024 bis 12. Januar  2025.


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