Keep Walking


Der Titel ist für diese Ausstellung zunächst wörtlich zu nehmen. So ist es schon ein langer Weg, um im Hamburger Bahnhof bis zu den Rieckhallen zu gelangen. Zusätzlich fordern die großen weitläufigen Ausstellungshallen einen langen Spaziergang, der jedoch eine besondere künstlerische Bereicherung bietet.
Allerdings steht der Titel „Keep Walking“ auch im übertragenen Sinn. Der US-amerikanische 1961 geborene hochgewachsene Mark Bradford symbolisiert in seinen Werken mehrere soziopolitische Problemfelder, für deren Lösungen noch weite Wege gegangen werden müssen.


Beispielsweise kritisiert „Johnny Buys Houses“ , das aus mehrfach geschichteten Plakaten entstand, den Immobilien-Ausverkauf in amerikanischen Vorstädten.
Was ist Ihrer Ansicht nach das dringendste Problem? fragte INArtberlin. „Education!“ springt spontan und intensiv die Antwort aus ihm heraus. Das Bildungssystem in den USA sei weiterhin schlecht und ungerecht verteilt. Gute Bildung stehe nur privilegierten, reichen Bürgern zur Verfügung und die Trump-Regierungszeit habe so viel verschlechtert, dass es kaum zu reparieren sei.
Wie sehe er die Chance einer Verbesserung, wenn die Präsidentschaftswahlen zugunsten von Kamala Harris ausgingen? Das hoffe er sehr und halte es für eine Chance. Doch die Menschen müssten auch alle engagiert daran mitarbeiten.
Mark Bradford selbst ist in der Lebensrealität als Afroamerikaner in Los Angeles aufgewachsen und weiß, wovon er spricht. Aus voller Überzeugung ist er Mitbegründer der gemeinnützigen Organisation „Art and Practice“ in LA, die Jugendlichen in Pflegefamilien unterstützt und den Zugang zu zeitgenössischer Kunst fördert.

In der Ausstellung im Hamburger Bahnhof werden 20 Werke aus 20 Jahren gezeigt. Darunter „Spoiled Food“, ein Werk, das er ursprünglich für den US-Pavillon auf der Venedig-Biennale geschaffen hat, den er 2017 allein gestalten durfte.
Mark Bradford erreichte den Bachelor und Master-Abschluss am California Institut of Arts, wo er sowohl Malerei lernte, als auch angeregt wurde, multiple Materialien und Techniken zu verwenden.


„Death Drop“ in einem anderen Raum zeigt eine weiß angemalte übergroße Figur seines eigenen Körpers wie tot auf dem Boden liegend. Doch der Hintergrund ist der Tanz, der in der Queer- und Drag-Szene beliebt ist und bei dem man nach einem Sprung breitbeinig auf den Boden fällt.


Ein riesiger „Teppich“ aus bunt bemalten und dann ausgeschnittenen langen Streifen collagiert, beeindruckt als Bodengemälde „Float“. BesucherInnen schreiten darauf vorsichtig herum, werden somit immersiv ein Teil des Werkes, das zum Weitermachen animiert. Die Welt brauche noch viel Verbesserung und Fortschritt, dementsprechend „Fortschreiten“.
„Keep Walking“ ist in Deutschland die erste eindrückliche Einzelpräsentation des engagierten und genialen Künstlers Mark Bradford, wobei lediglich anzumerken ist, dass sie sehr US-amerikanisch geprägt ist.
Mark Bradford „Keep Walking“, Hamburger Bahnhof, Berlin , 6.September 2024 bis 18.Mai 2025