Blitzlichter von der ART-WEEK Berlin

Die Berliner Art Week hat sich zu einem so riesigen vielfältigen Event entwickelt, dass sie zur absoluten Überforderung jedes begeisterten Besuchers führt. Nicht nur Galerien eröffnen ihre Herbstpräsentationen, sondern auch in Institutionen werden die neuen Ausstellungen gleichzeitig angesichts der Art Week vorgestellt. Kein einzelner Mensch ist in der Lage, all die Highlights aktueller Kunst in den 5 Tagen zu bewältigen. Deshalb auch hier ebenso wie bei anderen Publikationen nur Hinweise auf einzelne Positionen, die jedoch denkwürdig sind.

Mariechen Danz bekommt den GASAG-Kunstpreis für ihr bisheriges Lebenswerk, der speziell den Fokus auf die Verbindung von Kunst mit Wissenschaft und Technik legt. Die 1990 in Dublin geborene Künstlerin zeigt in der aktuellen Ausstellung in der Berlinischen Galerie Skulpturen und Installationen, in denen z.B. menschliche Organe in Acrylglas mit Versteinerungen von Schnecken vorkommen, sowie riesige quadratische Metallplatten, die an Computerplatinen erinnern. Aktuell gibt es auch einen Parcours aus Steinen wie aus klassischen Ausgrabungen in Kombination mit gläsernen Füßen, die darauf ihre Spuren hinterlassen. Zur Eröffnung schritt Mariechen Danz einen poetischen Text singend hierüber, womit sie dem Werk eine zusätzliche Bedeutung einhauchte. Sympathisch, nachdenklich und in einer bewundernswerten ausfüllenden Gestaltung in dem langen riesig hohen Raum.

Mariechen Danz: „edge out“, Berlinische Galerie 13.9.2024 bis 31.5.2025

Kai Schiemenz, 1966 in Erfurt geboren wird in der Galerie Eigen+Art des Leipziger Erfolgs-Galeristen Judy Lybke präsentiert. Sollte er der neue Neo Rauch werden? Doch darauf kommt es zunächst nicht wirklich an, denn der Künstler spricht so begeistert über seine völlig neuen Arbeiten, dass es einfach mitreißend ist. Ursprünglich fertigte er Architektur-Modelle aus Holz für Stadträume an, die bereits spektakulär waren. Jetzt arbeitet er mit Glas und ist selbst fasziniert, wie die Glasbläserei in Böhmen seine Entwürfe umsetzen konnte. Er war stets dabei und erlebte auch, wie ein Werkstück plötzlich brechen konnte und wie kompliziert es auch ist, kantige Modelle mit der Technik der Glasbläserei herzustellen. Das Ergebnis sind wunderschöne teils mehrfarbige zarte Skulpturen, die bestimmt Räume vom Sonnenlicht durchschienen in eine eigene Farbwelt verwandeln. Allerdings ein kostspieliges Vergnügen bei 5-stelligen Preisen.

Kai Schiemenz „Priel“, Galerie Eigen+Art Berlin, 12.Sept. bis 9. Nov.2024

„Träum weiter – Berlin, die 90er“ heißt die Ausstellung im C/O Amerikahaus und zeigt Fotos der Gruppe „Ostkreuz“, die seit 35 Jahren existiert. Die Fotograf*Innen hatten besonders die Wendezeit begleitet. Aus diesem Archiv stellten die Kurator*Innen Annette Hausschild von Ostkreuz und Boas Levin von der c/o Foundation Fotos zusammen, die den Geist der Wendezeit in Berlin mit der damaligen Neudefinition der Stadt dokumentieren sollen. Aus heutiger Sicht können die Besucher*Innen nachdenken, was aus Aufbruchstimmung, Ekstase und Utopien von einst inzwischen real geworden ist. Auch wenn viele Bilder bereits publiziert waren, besonders in der „Bunten“, so hinterlassen sie in dieser Zusammenstellung heute im Nachhinein ganz besondere, teilweise traurig melancholische nostalgische Gefühle. Doch vielleicht sollten wir auch jetzt das Träumen von einer besseren freien und friedlichen Zukunft nicht ganz aufgeben.

„Träum weiter – Berlin, die 90er“, C/O Berlin, 14.Sept.2024 bis 22.Jan.2015

„Das Glück ist nicht immer lustig“. Was für ein philosophischer Spruch! Darüber muss man erstmal sinnieren! Doch so titelt Rirkrit Tiravanija seine Retrospektive im Gropiusbau. Zu erleben sind tailändisches Kochen und Essen im Garten, eine Tee-Runde in einem Zelt, Tischtennisspielen in der großen Halle sowie mehrere Exponate über Aktionen des Künstlers in der Vergangenheit. Der 63-jährige Künstler wuchs in Thailand auf und wurde in den 90er Jahren bekannt durch seine Aktionen, in denen er Menschen zu gemeinschaftlichem Leben durch Kochen und Essen animieren wollte. Diese „soziale Skulptur“ war ursprünglich revolutionär in der Kunst und auch heute verwundert und verwirrt die Ausstellung den unvorbereiteten Besucher. Allerdings macht es viel Freude, mit anderen beim gemeinsamen Essen der köstlichen thailändischen Gerichte und bei Jasmin-Tee ins Gespräch zu kommen. „Ist das Kunst oder kann das weg?“ Diese berühmte Frage könnte hierher passen, doch sie sollte jede/r selbst beantworten.

Rirkrit Tiravanija im Gropiusbau, 12.Sept.2024 bis 12.Jan.2025

Der Fotografin Candida Höfer wurde der Käthe-Kollwitz-Preis verliehen. Sie wurde durch ihre großformatigen Aufnahmen markanter leerer Räume international bekannt. In ihrer aktuellen Ausstellung in der Akademie der Künste sind 3 Orte thematisiert. Raum 1 enthält Fotos aus Weimar, im zweiten Raum aus der Komischen Oper Berlin und im dritten wird die Neue Nationalgalerie kurz nach der letzten Sanierung gezeigt. Die menschenleeren Fotos lassen die Betrachtenden frei assoziieren, wer sich dort alles befunden haben könnte oder welche Geschichten hier ihren Ursprung nahmen. Zum Beispiel könnte das Treppenhaus des Neuen Museums in Weimar daran erinnern, dass die kleine Stadt in Thüringen in ihrem Europäischen Kulturhauptstadtjahr 1999 massiv verhinderte, dass der berühmte Künstler Daniel Buren kostenlos einen Platz in ein Kunstwerk verwandelt. Es wäre damit PARKPLATZ für Autos verloren gegangen. Buren hinterließ doch noch seine Spuren mit seinen berühmten Streifen in Weimar, eben an dieser Wand im Neuen Museum, die Candida Höfer abgebildet hat. Ähnliche unterschiedliche Narrative lösen die weiteren Bilder sicher auch aus und lassen der Fantasie viel Spielraum.

Candida Höfer in der Akademie der Künste am Pariser Platz, 14.Sept. 2024 bis 19.Jan.2025

Die Wilhelm-Hallen sind eine fantastische Location, um dort zeitgenössische Kunst zu präsentieren und damit für jeden Kunstinteressierten ein EXTRA-Tipp für die kommenden Jahre, denn leider beschränkte sich die aktuelle Ausstellung auf die Zeit der ART-Week.

Hervorgehoben werden soll jedoch noch in den Wilhelm-Hallen die Präsentation der Galerie Mehdi Chouakri des Künstlers Peter Roehr, die noch länger geöffnet bleibt. Der Künstler (1944 – 1968) wurde nur 24 Jahre alt, doch schuf er ein großes Oeuvre. Er war der Erfinder der seriellen Reihung und zeigte, wie durch Vervielfältigung gleicher Motive sie eine völlig neue Ausstrahlung bekommen; allerdings käme es auf die richtige Anzahl an: „Überschreitet die Anzahl der Gegenstände eine bestimmte Grenze, so lösen sie sich zugunsten einer spezifischen Struktur auf. Wird eine bestimmte Anzahl nicht erreicht, so bleib es bei einer Ansammlung von Gegenständen.“ (1965) Peter Roehr arbeitete sehr gern mit Motivdetails von Autos, so auch den Radkappen des VW-Käfers. Der VW-Konzern war begeistert.

Peter Roehr bei Mehdi Chouraki, Kopenhagener Str. 60-72, 7.Sept. bis 26.Okt. 2024

Die Ansammlung ausgemusterter Werkzeuge sowie Küchen- oder Gartengeräte aus Kellern oder Flohmärkten, die jedoch mit Goldfärbung offenbar wertiger gestaltet werden sollten, auf quadratischen weißen Platten wird in einer der renommiertesten Galerien gezeigt. Solche Werke sind eine wunderbare Idee für alle Ergotherapeut*Innen, wie sie z.B. in JVAs oder psychiatrischen Kliniken ihre Zielgruppen beschäftigen können. Wenn sie allerdings ein bekannter Künstlername signiert und eine weltbekannte Galerie sie ausstellt, sind es plötzliche hochWERTige Kunst. Nur Mut: man kann sie sich auch selbst basteln!

Galerie Ester Schipper: Ugo Rondinone „The alphabet of my mothers and fathers”, 14. Sept. bis 19. Okt. 2024


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