
Schon wieder ein Großereignis zeitgenössischer Kunst: diesmal in Barcelona und mit dem Namen Manifasta. Auch dies ist eine Biennale wie Venedig, Helsinki oder Berlin, doch im Gegensatz zu den anderen findet die Manifesta alle zwei Jahre an einem anderen Standort in Europa statt.
Die Ausstellungsorte der Manifesta in Barcelona sind außergewöhnlich, beispielsweise stillgelegte Industrieanlagen, ein aufgegebenes Gefängnis, ein altes Kloster oder eine Künstlervilla, die wegen des nahe an sie herangewachsenen Flughafens nicht mehr wirklich bewohnbar ist.
Das markanteste und größte Gebäude der Manifesta 15 ist das ehemalige Kraftwerk „Las Tres Chimeneas“ („Die drei Schornsteine“). Am Strand mitten in einer Industrie-Brache ragen die drei Türme wie Wolkenkratzer in den Himmel. Sie übertreffen sogar das Wahrzeichen der Stadt, die Sagrada Familia in Barcelonas City an Höhe.


Zu Beginn der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts stand in diesem Gebiet ein Kohlekraftwerk, das aber so starke Emissionen erzeugte, dass Arbeiter kaum eine 8 Stunden Schicht durchhielten und die ganze Umgebung mit den Arbeitersiedlungen mit schwarzem Ruß überzogen waren. Daraufhin protestierten die Frauen und organisierten einen Streik. Auch die Arbeiter der strombeziehenden Fabriken schlossen sich an. Die Schornsteine wurden zumindest erhöht.

Doch letztlich wurde in den 70er Jahren das neue Kraftwerk mit den extrem hohen Schornsteinen als große Innovation gebaut. Da es jedoch allein durch fossile Brennstoffe betrieben wurde, kam auch dessen Stillegung 2011. Jetzt bekommt der Komplex aber wieder neue Berühmtheit und wird selbst zu einem Kunstwerk.



Für die Gäste der Manifesta 2024 ist allein der Anblick dieses Giganten sofort faszinierend. Empfangen wird man dann auch von der wunderbaren Installation tanzender Stoffbahnen in dem 20 Meter hohen Fabrikraum. Man wird eingehüllt in ein Meer lauwarmen Meereswindes und dessen sanfter Melodie. Ein Kunstwerk von Asad Raza, das ungeteilte Bewunderung erntet.


Eine weitere künstlerische Position in dem Kraftwerk sind die großen Leuchtbuchstaben an der Stirnseite der Halle. Sie stammen von Claire Fontaine, der Künstlergruppe, die bereits den Slogan der Venedig-Biennale multipel gestaltete („Foreigners everywhere“). In Barcelona heißt es: „WHEN WOMEN STRIKE THE WORLD STOPS“ in Anspielung auf die lokale Historie.


Julien Charriere thematisiert in Form von Feuerwerk und Beleuchtungen in seinem Video die endlose Suche der Menschen nach Energie und Licht.


Auf die Probleme von Grundwasserverlust mit Austrocknung der Erde am Beispiel des portugiesischen Südens machen die mit Schlamm gefärbten Fahnen durch ihre kämpferischen Schriften aufmerksam. Die Künstlerin Maja Escher ergänzte im Gespräch, dass sie zusätzlich dafür plädiere, dass die Menschen in gemeinsamer Kommunikation Probleme bewältigen sollen, ohne immer nur bei anderen die Schuld zu suchen.
Fröhliche bunte von der Decke hängende Figuren von Nnena Kalu sollen vor allem zu meditativer Introspektion anregen. Sie erinnern ein wenig an die Nanas von Niki de Saint Phalle und geben dem brutalistischen Betonbau einen herrlichen Kontrast.
Das Konzept der Manifesta wurde vor 30 Jahren in den Niederlanden von Hedwig Fijen gegründet, die auch als aktuelle Direktorin die Hauptverantwortung trägt. Die Manifesta präsentiert nicht die Kunst einer Stadt, sondern bringt Kunst und damit Aufmerksamkeit in Randgebiete bekannter Kunstmetropolen. So sind auch im Großraum Barcelona 11 Gemeinden beteiligt.



Zum künstlerischen Team gehört je ein Vertreter jedes Ortes, der/die als fach- und ortskundig in das kuratorische Team deligiert wurde. Ergänzend wurde die erfahrene Kuratorin Filipa Oliveira als internationale Expertin engagiert, die jedoch nicht über Konzept und Künstlerauswahl allein bestimmt, sondern als kreative Moderatorin das Gremium unterstützt. Ebenfalls ist Hedwig Fijen als Direktorin Teil des kuratorischen Teams.
Die ausgewählten Künstler*innen steuern teils bereits bestehende Werke bei, die zur Thematik der Transformation von Gesellschaft, Industrie und Natur passen. Andere Künstler*Innen fertigen jedoch für ganz spezielle Räume auch ortspezifische neue Werke an, was besonders spannende Ergebnisse bringt.
Das Künstler-Interview mit Asad Raza


INArtberlin traf den Künstler Asad Raza am Rande der ART WEEK in Berlin, wo er über seine großartige Installation „Prehension“ (Wahrnehmung) auf der Manifesta Barcelona sprach.
Es ist ein langer Weg von der MANIFESTA 15 in Barcelona bis zur Art-Week in Berlin, aber für manche Künstler ziemlich kurz. Asad Rasa, der in Buffalo USA geboren wurde und jetzt als Neu-Berliner mit seiner Familie hier lebt, verwandelte das entkerntes alte Kohlekraftwerk der drei Schornsteine am Rand von Barcelona mit einer sehr imposanten luftigen Installation in eine Ort der Kontemplation.
INArtberlin:
Wie begann Ihr Manifesta-Projekt eigentlich? Woher kam der Auftrag, für diese Biennale zu arbeiten?
Asad Raza:
Oh ja! Ich wurde tatsachlich persönlich von Filipa Oliveira selbst eingeladen. Sie ist die Kreativ-Mediatorin der Manifesta und fragte mich, ob ich einer der Künstler zu sein wolle. Dann war ich im November letzten Jahres dort und habe die drei Schornsteine gesehen. Ich fand sofort, dass es ein sehr interessanter Ort ist. Für mich fühlte es sich an wie ein Werkzeug oder ein Denkmal des 20. Jahrhunderts. Außerdem mochte ich den Ort, weil er am Strand liegt. Ich fühlte mich sehr verbunden. Das Gebäude befindet sich trotz seiner Größe direkt neben etwas viel Größerem als dem Menschen und unseren Energien und Kräften, diese Art von Naturkräften des Meeres und der Luft und dem Wind.
Also war ich daran interessiert, dort zu arbeiten und sagte zu.
I.B.:
Haben Sie den Ausstellungsort selbst auswählen können?
A.R.
Ich glaube, ich war der erste Künstler, der kam. Dabei hatte ich das Glück, zufällig direkt am Tag nach dem Anruf in Barcelona anzukommen, weil mich eine Freundin sowieso zu ihrer Eröffnungs-Show im Macba eingeladen hatte. Filipa Oliveira zeigte mir mehrere mögliche Locations und ja, ich hatte wirklich die Auswahl.
I.B.:
Es heißt, dass Sie die Fenster aus diesem Gebäude entfernt haben, um den Wind einzufangen oder waren die schon vorher entfernt?
A.R.:
Oh nein. Als ich das Gebäude zum ersten Mal sah, waren die Fenster drin. Doch sie waren blind. man konnte nicht durchsehen, weil sie wie Milchglas verfärbt waren, wissen Sie? Aber dann sagten mir die Organisatoren, dass die Versicherungsgesellschaften oder die Leute von der öffentlichen Sicherheit meinten, dass die Fenster gefährlich seien für den Publikumsverkehr und sie vielleicht entfernt werden müssten.
Und als ich das hörte, dachte ich sofort: „Das bringt mich auf die Idee, dass ich mit dem Wind arbeiten kann, wenn wir die Fenster entfernen.“ Also freute ich mich sogar über diese Maßnahme. Von dem Augenblick an wusste ich, dass ich mit Stoff arbeiten werde, der sich mit dem Wind bewegt.
I.B.:
Und haben Sie diese Stoffe oben selbst an der Decke befestigt?

A.R.:
Nein, es ist eine sehr schwierige Arbeit. Dazu braucht man Leute, die klettern können. Ich bekam ein Team von Spezialisten, die die Drähte befestigten, wobei sie Seile benutzten, um an die Decke hochzuklettern. Es sind 20 Meter, also sehr gefährlich.
Ich habe selbst auch viele Stoffe auf Leitern hochgehalten und ausprobiert, wie sie sich im Wind verhalten und davon viele Videos aufgenommen. Es hat länger gedauert, bis eine Sorte mit ihrer Art und Weise, wie sie sich bewegte, mir gefiel. Dann erst habe ich diese Komposition inszeniert. Wissen Sie, ich habe die Anordnung zunächst gezeichnet.
Am Ende habe ich jedoch vieles auch wieder geändert.
I.B.:
Aus welchem Material bestehen die endgültigen Stoffe jetzt?
A.R.:
Es ist ein Stoff, der ungefärbt ist, und sehr leicht, wie ein Musselin. Er enthält Polyester und Baumwolle und er bewegt sich eben hervorragend: langsam, aber sehr reaktionsfähig, er reagiert sehr stark auf den Wind, wird aber auch wieder langsamer, besonders weil die Bahnen sehr lang sind. Sie sind 20 mal 3 Meter groß und sie kommen von einem normalen Stofflieferanten in Barcelona. Sie sind nichts Besonderes.
I.B.:
Als Sie die Stoffe auswählten, gab es irgendwelche Einschränkungen oder Vorschriften von einer Versicherungsgesellschaft?
A.R.:
Sie wollten, dass der Stoff feuerhemmend ist. Außerdem durfte ich keine Ausgänge und Türen, besonders den Notausgang, blockieren., mehr nicht. Ich habe bewusst einen Stoff gewählt, durch den man hindurchsehen kann und der keine Farbe hat. Ich wollte, dass die Besucher sich auf den Wind konzentrieren und nicht auf den Stoff. Der Stoff ist da, damit Sie den Wind visualisieren, nicht der Fokus selbst. Das Kunstwerk ist nicht der Stoff, sondern die Bewegung. Durch die entfernten Fenster verbinden sich der Wind und das Tuch in einem Tanz.
I.B.:
Haben Sie durch diese Arbeit auch Inspiration für, sagen wir, die nächste Aktion bekommen?
A.R.:
Nein, das ist ein sehr ortsspezifisches Werk. Ich arbeite normalerweise aktuell für jeden Auftrag oder einer Einladung individuell und beziehe mich dann auf deren örtliche Situation. Ich habe in einer Schule gearbeitet, in einer kleinen Wohnung oder auf Tennisplätzen, mit Bäumen und auch mit Erde. Ich habe mit Flüssen gearbeitet, mit Licht oder mit Wind. Ich bin nicht nur der Typ, der Erde macht wie jetzt mit der Gruppe Kinder. Vielmehr versuche ich jedesmal auf eine Einladung eine Antwort darauf zu finden, was zu einem Ort passt. Darüber denke ich oft intensiv nach. In Barcelona dachte ich sofort an diesen Wind, den Scirocco, der von Afrika über das Mittelmeer nach Südeuropa weht. Als die Sache mit den Fenstern aufkam, war ich sehr glücklich.


I.B.
Sie haben früher an einer Ruhr-Triennale teilgenommen. Die nächste Manifesta 2026 wird auch im Ruhrgebiet stattfinden. Möchten Sie mit Ihren Erfahrungen über die Gegend daran teilnehmen und haben vielleicht schon eine Idee für eine Arbeit?
A.R.:
Nein, solch einen Gedanken hatte ich noch nicht. Doch über eine Einladung würde ich mich sicher sehr freuen.
I.B.
Vielen Dank für das Gespräch und das beeindruckende Kunstwerk in Barcelona!
Berichte über weitere Ausstellungsorte der Manifesta folgen bald!
MANIFESTA 2024 Barcelona und Metropolregion, 8.Sept -24.Nov.2024