Das Phänomen Anne Imhof

Finissage im Kunsthaus Bregenz

Dem Phänomen Anne Imhof auf die Spur zu kommen, kann nie vollkommen objektiv sein. Vielmehr vermischen sich Fakten mit Emotionen der Rezipienten, ebenso wie die Werke der Künstlerin Mixes aus einer Art Bühnen-Installation, Klangteppich, Beleuchtung und Aufführung sind. Die Performance ist Anne Imhofs lebendiges vorrangiges Medium, mit dem sie ihre widersprüchlichen emotional gespickten künstlerischen Messages ausstrahlt.

„Wish you were gay“ war der Titel ihrer Ausstellung in diesem Sommer 2024 in Bregenz, diesmal ohne Performance. Er entwickelte eine Eigendynamik, indem die Plakate in der österreichischen Stadt mehrfach zerstört wurden. Das Wort „GAY“ wurde heimlich nachts aus den großen Bannern herausgeschnitten oder übermalt. Der Zeitpunkt gerade jetzt vor den aktuellen Nationalratswahlen in Österreich zeugt von einem politischen Hintergrund angesichts der starken rechten Bewegung besonders durch die Partei FPÖ. Doch auch der grundsätzliche Angriff auf künstlerische Freiheit drückt sich hier exemplarisch für einen beängstigenden Zeitgeist aus, nicht nur in dem kleinen Alpenland. Die Kunst kam in die Schlagzeilen. Doch war es provokativ gemeint und gewollt?

Zum Ausstellungsende wurde darüber in einem Künstlergespräch mit Anne Imhof diskutiert. „Wish you were gay“ ist auch ein Songtitel von Billie Eilish. Darin erzählt die Sängerin, wie sie sich heftig in einen Jungen verliebt hatte, der aber ihre Liebe nicht erwiderte. Sie bat innerlich darum, dass er schwul sei und sie deshalb nicht attraktiv finden konnte. Anne Imhof meinte dazu: „Ja, ich kenne diesen Song, doch darauf habe ich meinen Titel nicht bezogen.

Sie liebe das Musical Westside-Story und sei völlig überraschend auf die Textzeile von Maria gestoßen: „……I feel pretty and witty and gay…“ In dem Song wäre Maria überglücklich verliebt gewesen. „Für mich ist „gay“ vielmehr ein Ausdruck von völliger Freiheit und Freude, in der man alles tun kann, was man möchte.“ An der Wand im großen Saal läuft ein Video von Anne Imhof, in dem sie zu dem Song „I feel pretty“ Boxübungen vollführt.  „Ich wollte mit dem Titel eben diese Lebensfreude ausdrücken.“ sagte die Künstlerin. Sie sei dann sehr erschüttert gewesen, dass die Zerstörung ein offensichtlicher Angriff auf LGBTQ-Menschen gewesen sei. „Nein, ich selbst fühle mich nicht bedroht, es war ein Angriff auf ein Plakat, nicht auf einen Menschen. Doch ich sprach mit meinem Team in Berlin, von denen viele zur LGBTQ-Community gehören. Sie hätten durchaus ein bedrohliches Gefühl auf ihrem täglichen Nachhauseweg.“

In Bregenz sah man in tiefes Rot getauchte Räume mit Bildern von Atompilzen zusammen mit realen Absperrbarrieren. „Ich wollte die Bedrohung der Welt zeigen, an die ich mich aus meiner Kindheit schon in Form von Abbildungen atomarer Explosionen erinnerte. Jetzt fühlt sich die Welt wieder bedrohlich an. Das soll das rote Licht betonen. Es ist heute mit den kriegerischen Situationen in der Ukraine und in Gaza aktuell wie zuvor.“

Ganz besonders persönliche Einblicke gewährten Videos aus Anne Imhofs frühen Jahren, als sie in Frankfurt in einem besetzen Haus mit anderen Künstler*Innen, Schauspieler*Innen und Tänzer*Innen zusammenwohnte. Die Filme vermitteln einen erstaunlich offenen Einblick in die noch unfertigen Entwicklungsprozesse ihrer künstlerischen Persönlichkeit.

Das Gespräch auf der Finissage führte Susanne Pfeffer. Die inzwischen ebenfalls erfolgreiche Kuratorin hatte mit Anne Imhof den Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig 2017 gestaltet, der mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Es war damals ein verblüffendes bewegendes Empfinden, als Besucher plötzlich Teil der Performance zu werden, während man sich inmitten der darstellenden Performer befand oder sie unter dem gläsernen Boden bei fantastischen Bewegungen beobachtete. Fast entwickelte sich Peinlichkeit beim Blicken auf die teilweise entblößten Agierenden, weil es so voyeuristisch war. Sound und Raum verschmolzen mit aktiven Menschen und ratlos wirkenden Besuchergruppen. 2017 war es noch befremdlich und neuartig, dass die Künstlerin unauffällig am Rand sitzend über ein Handy den Performer*Innen Anweisungen gab.

Es war der Höhepunkt des schnellen Aufstieges von Anne Imhof als innovative Performance-Künstlerin. „Ich hatte auch etwas Glück damals, denn in Frankfurt hörte William Forsythe mit seiner Dance-Company auf. Einige seiner Tänzer lebten in unserer WG und waren plötzlich arbeitslos. So bekam ich diese wundervollen Tänzer für meine Performances.“

Die unterschiedlichen künstlerischen Ideen Anne Imhofs und die ganz spezielle Art, sie auszudrücken, wirken auch nachdem ihre Einstellungen gehört werden konnten, assoziativ aus eigenem Erleben heraus, aber auch mit wilder Lebendigkeit professionell inszeniert, was wohl diese einzigartige Wirkung ausmacht, die von Frankfurt und Berlin aus über Paris und New York überall Begeisterung auslöst.


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