17. Biennale de LYON

“Les voix des fleuves, crossing the water”

Der Titel „Biennale“ ist für sich keineswegs ein Qualitätssiegel, er bezeichnet lediglich ein Ereignis, das alle zwei Jahre stattfindet. Doch in Bezug auf zeitgenössische Kunst sind die Erwartungen einer großartigen Präsentation aktueller Kunst allein schon mit diesem Begriff verbunden, weil es nahe liegt, jede Ausstellung mit dem Namen Biennale zunächst an der größten, ältesten und international renommiertesten Biennale, nämlich der in Venedig zu messen. Doch dieses Niveau wird weltweit an keinem anderen Ort erreicht. Daher ist es angemessener, auch in Lyon die Maßstäbe etwas bescheidener zu setzen. Unter dieser Prämisse sind auf dieser französischen Biennale auch 2024 viele interessante Perlen zeitgenössischer Kunst zu entdecken.

Gestaltet wurde die Lyon-Biennale von der Art-Direktorin Isabella Bertolotti und der Kuratorin Alexia Fabre, die stets im Duo in trauter Einigkeit auftreten.

Die größte Location in Lyon sind die riesigen Lockhallen, in denen die ausgewählten Künstler und Künstlerinnen Größe zeigen können, aber auch müssen. Einige Beispiele:

Die 27-jährige Französin Mona Cara zeigt eine textile Installation, die sie Kaktus genannt hat. Ihre eigene Erklärung ist, dass ein Kaktus auch bei Wassermangel überleben könne und somit ein Fluchtpunkt für alle möglichen Lebewesen sei. Sie übertrug dies auf eine Herberge mit Café für Menschen und ließ ihren Computer-Entwurf von einer speziellen Weberei gestalten. Der bunte beeindruckend große Webteppich fällt sofort ins Auge und bereitet nicht nur den Kindern viel Freude.

Der Österreicher Hans Schabus (Jg 1970) baute in den Dimensionen des Airbus A 321, der in Toulouse gebaut wird, aus Holz eine Röhre, die eine besondere Empfindung beim Durchschreiten erzeugt. Er verrät im Gespräch, dass er die Mobilität von uns Menschen thematisieren möchte, diese jedoch erheblich verlangsamt. Hierfür symbolisch werden die haltenden Holzringe von Schildkröten gestützt. Doch der große Tunnel sei ebenfalls geeignet, im Sinn des Ausstellungstitels (Crossing the water) einen Fluss zu überbrücken. Das Kunstwerk liegt majestätisch in der großen Lockhalle und duftet herrlich nach dem Holz.

Die „Healthy Boy Band“ aus Wien ist eine Gruppe von drei jungen Koch-Künstlern. Sie haben auf der Lyon-Biennale einen langen Tisch aufgestellt als Anreiz, gesellig zusammen zu sitzen. Ergänzt wird diese Installation von Automaten mit selbst-kreiertem Saft-Cocktail (sehr lecker mit Karottengeschmack, leichter Chili-Note und mehr). Ihre künstlerische Botschaft sei, wie Felix Schellhorn im Interview erklärte, dass nicht nur ein exzellentes Menu die Qualität eines Restaurants ausmachen soll, sondern immer auch die kreative Art, Menschen beim Essen und Trinken zu einer lebendigen Gemeinschaft zusammenzuführen. Die „Healthy Boy Band“ hat bereits im deutschen TV ihre Kochkunst durch einen Sieg im Duell gegen Tim Mälzer unter Beweis gestellt. Kochen als Kunstwerk? Durchaus! Man kann dies analog zu Rirkrit Taravanija (aktuelle Präsentation im Gropius-Bau in Berlin) als soziale Skulptur, einen etablierter Kunstbegriff, definieren.

Jeremy Deller (London, 1976) stellte Banner in bunter Vielfalt zusammen, wie sie bei Demonstrationen oder Prozessionen von Menschen durch die Straßen getragen werden könnten. Die Botschaften sollen leicht verstehbar sein, wobei der kritische Inhalt mit der fröhlichen Farbenfreudigkeit kontrastiert.

In einem Gebäude in der charmanten City von Lyon, der „Cité internationale de la Gastronomie – Grand Hotel-Dieu“ finden sich ästhetisch beeindruckende Kunstwerke, deren Schönheit sich besonders im kompositorischen Arrangement in den historischen Räumen entfaltet.

Ein weiterer Ausstellungsort ist das IAC- Institut d’art contemporain, in dem die Besucher*Innen ein wahres Labyrinth extrem unterschiedlich gestalteter fantasievoller Räume durchschreiten müssen und immer wieder herrlich überrascht werden.

Das MacLYON ist das Museum für zeitgenössische Kunst, in dem Werke der Biennale zwischen denen der Dauerausstellung hängen. Als Ort wenig interessant, da es nach dem Prinzip des White Cube in keiner Weise die Spannung aufbauen kann wie zum Beispiel die alte verlassene Industriehalle  „Grandes Locos“.

Die Lyon Biennale zeigt durchaus ansprechende Highlights zeitgenössischer Künstler*Innen, auch wenn es beispielsweise in der großen Lockhalle an den Vorbesichtigungstagen etwas leer und verloren wirkte. Doch dann strömten nach der offiziellen Eröffnungsrede plötzlich wirkliche Massen an Kunstinteressierten aller Altersklassen und Nationalitäten durch die geöffnete Absperrung und feierten die Kunst bei Musik im Sonnenuntergang, und nicht nur am Getränkestand, sondern auch bei den Kunstwerken, wo gelacht, getanzt und intensiv diskutiert wurde. Ein fantastisches Fest für die Kunst!

17. Biennale de Lyon (Frankreich), 21.Sept. 2024 bis 5.Jan. 2025


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