SCHWERELOS in Wolfsburg

Leandro Erlich stellt unsere Weltsicht auf den Kopf

Das Kunstmuseum erinnert zuerst an einen Hollywood-Freizeitpark, doch es ist weit mehr als reines Vergnügen, die Ausstellung mit allen Sinnen zu entdecken.

Leandro Erlich hat riesige Installationen geschaffen, die unsere Wahrnehmung verwirren und uns anregen, die darin liegenden Rätsel zu lösen.

Ein komplettes Haus schwebt in der Luft, herausgerissen aus seiner Umgebung, aber es hängen noch Wurzeln unter der Bodenplatte.

Der Mond scheint im Gegensatz dazu auf der Erde gelandet zu sein. In dieser 12 m hohen Kuppel mit 20 m Durchmesser können wir in das uns komplett umgebende Universum eintauchen und werden taumeln.

Die Erdoberfläche hängt dagegen über unseren Köpfen als Landschaft unter der Museumsdecke.

Außerdem steht eine Rakete startbereit senkrecht, doch unser Blick hinein sieht das Innere horizontal vor uns, während darin andere Besucher in Schwerelosigkeit zu schweben scheinen.

Eine Ausstellung voller Fragen, die unglaublich neugierig macht.

Künstlerinterview:

INArtberlin sprach mit dem sympathischen argentinischen Künstler Leandro Erlich (Jg.73) anlässlich der Eröffnung der Ausstellung:

I.B.: Wie entstand dieses Projekt und warum gerade in Wolfsburg?

L.E.: Der Museumsleiter Andreas Beitin lud mich ein, weil er meine Arbeiten mochte und sein Gebäude für besonders geeignet für meine Ideen hielt. So reiste ich hierher und war auch begeistert. Man findet kaum ein Museum mit solch einem riesigen Raum. Das inspirierte mich sofort.

I.B.: Sie hätten Ihre großen Objekte auch in einer alten Industriehalle aufbauen können?

L.E.: Nein, das ist nicht dasselbe. Ich möchte Menschen verblüffen und in Ihnen Zweifel und Neugier wecken. In einem Museum erwarten sie sonst Kunstobjekte, die sie passiv anzuschauen sollen. Doch man kann niemanden zum Denken aktivieren, indem man ihn auf eine Bank setzt und sagt, schau dir das an und lies den Text.

In meine Objekte kann man hineingehen, erlebt optische Phänomene und denkt kreativ nach, wie so etwas wohl funktioniert.

I.B.: Im Mond stehen wir komplett im Universum, Galaxien umkreisen uns aus allen Richtungen. Doch man sieht keinen Sternenprojektor wie im Planetarium. Wie funktioniert das?

L.E. Ja, das ist genau so eine Wahrnehmung, die schwindelig macht und Fragen aufwirft. Wir haben 8 Projektoren hinter der Wand im Kreis versteckt mit nur je einer kleinen durchgehenden Optik. Wie die Kugel im unteren Bereich funktioniert, sollten Sie selbst herausfinden!

I.B.: Auch die Rakete stellt die Gravitationsgesetze auf den Kopf.

L.E.: Meine Werke sind immer erst komplett, wenn die Besucher sie voller Zweifel erklettern und versuchen die Rätsel zu lösen, und zwar spielerisch mit viel Humor und Freude. Wir brauchen kritisch und kreativ denkende Menschen, um die großen Probleme unserer Zeit zu bewältigen.

I.B.: Auf der Empore stehen einige kleine Skulpturen. Eine erinnert an die Modelle von Mike Kelley, die Superman‘s geschrumpfte Heimatstadt auf Krypton darstellen sollten.

L.E.: Mein Quarz-Kristall soll die enge Verknüpfung von natürlichem Material und den baulichen Veränderungen durch die Menschheit darstellen. Deshalb wachsen Mini-Hochhäuser daraus hervor. Nein, ich wollte keinen Zusammenhang mit Superman zeigen.

Auch die anderen Skulpturen wie die Schlange mit menschlichen Händen sind Symbole für die Verbundenheit zwischen menschlichem Leben und der Natur.

I.B.: Das entwurzelte Haus schwebt bodenlos im Raum, als wolle es in einen Orbit um den am Boden gelandeten Mond herum kreisen. Im Inneren des Hauses schweben alle Gegenstände schwerelos.

L.E.: Symbolisch soll es daran erinnern, dass viele Menschen aktuell in Migrationssituationen leben. Sie verlassen ihre Heimat, weil sie dort durch Kriege oder Katastrophen bedroht sind. Sie sind entwurzelt und es bleibt stets die Frage, wo wir unsere Heimat empfinden und ob wir uns wieder neu verwurzeln können.

Doch heutzutage haben Menschen auch ohne Not ihren Ursprungsort verlassen. Auch ich zum Beispiel: ich bin in Argentinien aufgewachsen, bin zum Philosophiestudium nach Huston /Texas gegangen, später nach Paris und England. Heute lebe ich in Frankreich oder Buenos Aires. Mein Name hat einen deutschen und jüdischen Ursprung. Meine Vorfahren sind schon früh vor der Nazizeit aus der Ukraine nach Argentinien immigriert. Wir denken, dass damals durch einen Schreibfehler uns womöglich das „H“ im Namen verloren gegangen ist. Mein Sohn lebt jetzt in Barcelona. Migration ist also ubiquitär. Ich philosophiere oft über dieses Thema; auch immer gern mit anderen Menschen, die ich treffe.  

Mein Eindruck ist, dass auch die Menschen in Deutschland viel Philosophie in ihrem Denken haben. Nicht nur Goethe, Schiller und Nietzsche, sondern z.B. auch Karl Marx stammen hierher. Ich meine nicht den Marxismus als Staatsform, sondern die philosophischen Thesen von Marx.

Die Besucher in Wolfsburg werden sich von meinen Werken bestimmt zum intensiven Nachdenken anregen lassen. Doch sie sollen auch viel Spaß bei ihren Entdeckungen haben.

I.B.: Vielen Dank für Ihre Gedanken und die fantastische Ausstellung.

Leandro Erlich: „Schwerelos“ im Kunstmuseum Wolfsburg, 12.Oktober 2024 bis 13.Juli 2025


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