75. Berlinale 2025, DAS Filmfestival

Ein fulminanter Eröffnungsfilm, wundervolle fremdsprachige Filme mit doppelten Untertiteln und Tausende interessante und kenntnisreiche Kinoliebhaber in der Hauptstadt! Es ist wieder ein großes Fest, wenn Konzertsäle für Filme mit über 1000 Zuschauern gefüllt sind, die aufgeregt und ohne Popcorn auf Meisterwerke warten. Es ist die erste Berlinale, die Tricia Tuttle leitet und alles ist wie immer spektakulär. Den Preis für ihr Lebenswerk erhielt in diesem Jahr Tilda Swinton.

„Das Licht“ ist der Eröffnungsfilm außer Konkurrenz des Wettbewerbs, in dem Tom Tykwer alle Register an Filmkunst zieht. Er spielt mit extrem überzeichneten Klischee-Charakteren einer öko-liberalen Akademiker-Familie in einer ebenso woken Altbauwohnung am Prenzlauer Berg, die aber keine Zeit für so profane Aufgaben wie Haushalt hat. Die alte Haushälterin liegt tot auf dem Küchenfußboden und gleich wird eine neue eingestellt. Farrah kommt aus Syrien und ist eigentlich eine Psychotherapeutin, die mit einer eigentümlichen Lampe arbeitet. Diese versetzt mit Flackerlicht Menschen in eine Art Seance. Hiermit kommt eine große Portion Übersinnliches mit ins Spiel. Doch zusätzlich  durchziehen die Handlung weitere schmückende Perlen der Filmkunst das Werk: animierte Comic-Szenen und perfekte Tanzakrobatik an der roten Ampel oder Bewegungsmuster eines Video-games in reale Stadtkulisse übertragen und immer wieder die „Bohemian Rhapsody“ von Queen. Tykwer lässt großartige schauspielerische Leistungen glänzen mit Lars Eidinger als Gutmensch-Werbemanager, Nicolette Krebitz als Entwicklungshelferin in Nairobi und Tola Al-Deen als skurrile Haushaltshilfe mit einem großen Geheimnis.

Ist dieser Film mehr Psychodynamik oder ein Politikum? Alles, einfach alles, was uns Menschen in dieser Zeit bewegt, ist im „Licht“ angesprochen! Und es regnet permanent, sogar in Nairobi!

262 Minuten ohne eine Sekunde Langeweile sind ein Genuss der besonderen Art. Fragt sich nur, warum gerade einige Berliner Medien negative Kritik äußern. Ist die Situation dieser Generation in dieser Stadt vielleicht zu gut getroffen?

Tom Tykwer: „Das Licht“ Kinostart ab 20.März

„ARI“ von der Französin Léonor Serraille zeigt vorwiegend die Dilemmata von Männern um die 30. Als von der Mutter wie ein schützenswürdiges  feinsinniges Juwel behandeltes Kind wird ARI Lehrer einer Vorschulklasse. Als er für eine Lehrprobe den Kleinen ein Seepferdchen plötzlich wissenschaftlich inklusive Sexualität (Der Vater trägt die Babys aus, ist so auch die Mutter) erklären will, hören die Kinder nicht zu, machen Unfug und Ari kommt mit einem Zusammenbruch ins Krankenhaus. Es folgt die berühmte „Sinnkrise“. „Arbeit ist nichts für mich, ich kann das nicht. Ich bin 2 Monate krankgeschrieben.“ Ari besucht Kumpels, von denen er annahm, dass sie viel erfolgreicher sind als er und merkt, dass auch diese nicht wirklich etwas Konstruktives leisten und ebenso ohne Tätigkeit sinnlos herumhängen.

Die Wendung zum absolut Guten wirkt dann so banal und kitschig, dass es nur nachvollziehbar wird, wenn man einen Bezug zu der Generation der Elternschaftsverweigerer herstellen will. ARI erfährt, dass er von seiner Ex-Freundin eine kleine Tochter hat. Er ist verzückt, spielt mit ihr, kann wieder arbeiten und die Sinnfrage ist gelöst.

ARI , Filmstart 6.4.2025

„Dreams“ des mexikanischen Regisseurs Michel Franco: Der junge gut gebaute mexikanische Tänzer überquert unter extremen Strapazen illegal die Grenze von Mexiko in die USA und hofft auf Unterstützung seiner älteren Geliebten in San Francisco. Sie ist die Tochter eines reichen US-Mäzens, die mithilfe der Familien-Stiftung ein Tanz-Projekt in Mexiko aufgebaut hat, jedoch nicht uneigennützig. Vielmehr kann sie so ungesehen von der US-Society ihre Liebschaft ausleben. Als er jetzt in ihrem Land auftaucht, ist er nur noch ein benutzter Lover, der mit seinen Wünschen nach einer Beziehung auf Augenhöhe nicht tragbar ist. Es kommt zu Machtkämpfen, die immer aggressiver ausufern. Sehr deutlich wird, dass die Träume beider Protagonisten völlig unterschiedlich sind und so miteinander kollidieren.

Der Film ist eine Mischung aus intrapsychischen Konflikten und angesichts des Amtsantritts von Donald Trump mit der Verschärfung des Grenzkonfliktes zu Mexiko hoch politischer Brisanz. Geschickt geschnittene Sex- und fantastische  Tanzszenen sind eine reizvolle Bereicherung.

„Dreams“ mit Jessica Chastain und Isaac Hernandes, Kinostart noch offen

75. BERLINALE des internationalen Films noch bis 23.Februar 2025. Tickets nur online, jeweils 3 Tage vor der Aufführung


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