OULU 2026-Kulturhauptstadt Europas

Wo liegt das und was gibt es zu entdecken?

Oulu ist mit seinen etwa 220.000 Einwohnern die nördlichste Großstadt der EU und wird als Europäische Kulturhauptstadt 2026 das diesjährige Highlight des Nordens für die Kunstwelt. Oulu liegt im Norden Finnlands, noch eine Stunde Flugzeit von Helsinki entfernt kurz vor dem nördlichen Polarkreis. Für die Menschen in Oulu gehören Schnee und Eis zu ihrem genuinen Leben dazu, so dass sie das arktische Klima nicht nur in ihr Motto „Kultureller Klimawandel“ einbauen, sondern auch celebrieren. Geplant für 2026 sind aber nicht nur Beiträge wie das Schneeskulpturen-Fest im Februar, Konzerte mit Instrumenten aus Eis, Eisschwimmen und Lichtinstallationen auf gefrorenen Seen.

Im europäischen Kulturstadtjahr werden die Menschen – wie beispielsweise letztes Jahr in Chemnitz-  viele Feste für und mit der eigenen Bevölkerung feiern. Doch es sind in Oulu auch großartige künstlerische Ereignisse und Ausstellungen geplant. Schon zur Eröffnungsfeier bei Minusgraden und Schneesturm begannen die ersten Ausstellungen.

Samu Forsblom, Programmdirektor von Oulu 2026 betonte gegenüber Inartberlin, dass es auch eine ganz besondere Weltmeisterschaft in Oulu gebe: die „Air Guitar World Championships“ im August und auch viel Jazz- und Metal-Musik.

Ausstellungen im Museum:

Das Oulu-Art-Museum ist Europas nördlichstes Museum für Contemporary Art und hält 2026 drei große Ausstellungs-Blöcke bereit. Den Anfang macht die Ausstellung

Eanangiella – Voice of the Earth

Sie zeigt die Tradition, das Leben und die Kunst der Sami, der indigenen Bevölkerung im Norden Europas. Im finnischen Territorium leben etwa 10.000 der insgesamt etwa 90-140.000 Angehörigen dieser ethnischen Minderheit. Der größere Anteil lebt in Norwegen, einige auch in Schweden und Russland.

Viele erinnern sich vielleicht noch an die Sami-Kunstwerke auf der Biennale Venedig 2022, wo sie den kompletten Nordischen Pavillon füllten. Außerdem hatte auf der Documenta 14 Maret Anne Sara in eindruckvollen Kunstwerken die Problematik der Rentierzucht, von der viele Sami traditionell auch heute leben, thematisiert. Daraus ist zu schließen, dass wir Besucher*innen auch in Oulu nicht ausschließlich Kunsthandwerk zu sehen bekommen. Moderne Tanzvorführungen sind auf jeden Fall schon angekündigt.

Mode der Zukunft

ist der zweite Themenschwerpunkt des Museums vom 22.5.–11.10.2026. Die Garderobe von morgen soll nachhaltig sein und aus nachwachsenden natürlichen Materialien bestehen. Doch hier zeigen Modemacher auch künstlerisch gestaltete Mode, die nicht immer tragbar sein muss. Die kreative Arbeit von Modedesignern auf multidimensionale Weise zu präsentieren, fordert und definiert die Grenzen der Mode neu. Ein ähnliches Projekt wurde Ende letzten Jahres bereits im Emma-Museum Espoo gezeigt.

Ein Teil des Projektes wird von dem führenden japanischen Couture-Designer und Fotografen

YUIMA NAKAZATO gestaltet. „Die Ausstellung zeigt drei Kollektionen von Nakazato, die jeweils aus seinen Feldforschungen rund um den Globus entstanden sind. In seinen Arbeiten nutzt Nakazato bahnbrechende Techniken, erforscht Themen, die Jahrhunderte der Erdgeschichte umspannen, und vertieft sein Verständnis für lokale Kulturen und Traditionen. Während der Vorbereitungen für diese Ausstellung reiste Nakazato in den Norden Lapplands. Dort fand er Inspiration für seine Herbst-/Winterkollektion 2025–26:  GLACIER wurde auf der Paris Haute Couture Fashion Week präsentiert und kommt jetzt nach Oulu.

Out of Time

Out of Time ist vom 30.10.2026–28.3.2027 der dritte Part im Kunstmuseum Oulo. Es ist eine „Ausstellung über eine Zeit, in der die Realität eine Anhäufung paralleler und sich überschneidender Ereignisse ist; eine Zeit, in der sich die Ordnung, die unsere Realität definiert, im Wandel zu befinden scheint. Soziale Polarisierung und technologischer Wandel prägen seit langem die westliche Welt. Nun scheinen die vertrauten Strukturen der Gesellschaft – wie Demokratie und öffentliche Institutionen- auf die Probe gestellt und verändert zu werden. Wie leben wir auf dem Bildschirm und wie sieht die Realität außerhalb des Bildschirms aus? Was bewirkt dies bei uns und wie können wir die Herausforderungen unserer Zeit bewältigen?“  Selina Väliheikki, Ausstellungskuratorin am Kunstmuseum Oulu erläutert diese offiziellen Formulierungen gegenüber Inartberlin: „Die künstlerischen Positionen stellen unsere  Situation ungefähr wie eine posstraumatische Belastungsstörung dar, wie sie nach Kriegen oder Katastrophen entsteht und wie sie verarbeitet werden könnte.“

Climat Clock, ein Kunstpfad durch die Natur

Das größte dauerhafte öffentliche Kunstprojekt außerhalb des Museums wird laut Samu Forsblom am 11. und 12. Juni eingeweiht: Climate Clock ist eine multicentrische Ausstellung in verschiedenen Teilen von Oulu und Umgebung. „Ziel ist es, einen neuen kulturellen Wanderweg mit 7 Kunstwerken zu schaffen, die das Klimabewusstsein der Region und ihre Fähigkeit zur Anpassung an die sich verändernde Umwelt widerspiegeln.“

Einer der Künstler der Climat Clock ist Antti Laitinen. Eins seiner großartigen Werke ist im EMMA-Museum in Espoo installiert und ein Beispiel dafür, was in Oulu zu erwarten ist. Aus gesäuberten Holz-Stöcken, die als Ketten aufgefädelt an motorbewegten Halterungen hängen, entfaltet sich ein  wunderbaren Klang. Der Wald singt und spricht mit uns!

In Oulu wird Antti Laitinen ein großfächiges Werk harmonisch in die Waldlandschaft von Kiiminki integrieren, das die Betrachter dazu anregt, „inne zu halten und das Wasser und die Tierwelt mit neuen Augen zu sehen.“ Auch hier entsteht eine kinetische Installation, diesmal aus Moos und Flechten, den Bioindikatoren für Luftqualität.

Das Rathaus von Oulu hat sich bereits jetzt in ein Medienkunstzentrum verwandelt, in dem die immersive Installationen „Layers in the Peace Machine“ sowie „Earworm“ die Besucher zum Eintauchen und Partizipieren anregen.  Diese Medienkunst stammt aus dem Kiasma, dem wichtigsten finnischen Museum für zeitgenössische Kunst in Helsinki, das eine diesbezüglich umfangreiche Sammlung besitzt.

Earworm Die Ausstellung „Earworm“ präsentiert eine Auswahl an Videoarbeiten, in denen Musik und Sound integraler Bestandteil der Atmosphäre und Erzählung sind. Die besondere Ausdruckskraft des Klangs spiegelt sich in der Fähigkeit des Gehirns wider, Musik im Kopf als Ohrwurm spielen zu lassen. „Sie können auch in dieser Ausstellung Ohrwürmer fangen, die glücklicherweise nur gute Lieder enthalten.“

Layers in The Peace Machine im Rathaus von Oulu ist ebenfalls eine immersive und multidisziplinäre Medieninstallation, die Technologie und Kunst miteinander verbindet. Basierend auf dem literarischen Werk „Peace Machine” des verstorbenen Timo Honkela porträtiert die Installation Frieden als einen dynamischen Prozess, der sich durch die Interaktion der Teilnehmenden verändert und weiterentwickelt.

Das Fotografiska Tallinn (Wir kennen Fotografiska aus Berlin im ehemaligen Tacheles) ist in Oulu mit seiner neuen großen Foto- und Mitmachausstellung „PLAY“ vertreten, die das Spiel als Quelle der Freude herausstellen möchte.

Die Ausstellung lädt uns dazu ein, „über den Tellerrand hinauszublicken, tiefere Verbindungen zu schaffen und uns eine Zukunft auszumalen, in der Kreativität und Gemeinschaft an vorderster Stelle stehen.“ Zu finden ist die Ausstellung von Fotografiska im Einkaufszentrum Pekuri im Stadtzentrum.

AaltoSilo

In einem unscheinbaren Randviertel von Oulu befindet sich ein Bauwerk, das zu einem Wahrzeichen der Stadt werden kann, denn es wurde von dem berühmten finnischen Architekten Alvar Aalto entworfen und konstruiert: das Aalto-Silo! Doch es sieht so überhaupt nicht wie eins der eleganten vielseitigen Architekturen Aaltos aus. Auch er musste in seiner Anfangszeit Zweckbauten konstruieren, um Geld zu verdienen. Das Silo entstand 1931 in einem Komplex der Zellstoffindustrie, die weit außerhalb der damaligen Stadt lag und viel Schmutz produzierte. Auch wenn das Gebäude heute häßlich wirkt, so beweist es trotzdem eine innovative Idee Aaltos, nämlich einen sehr dünnschichtigen Beton zu verwenden, der durch die steile Dachkonstruktion trotzdem stabil ist. Für 2026 soll der Umbau zu einem Kulturstandort fertig werden, was der Bauleiter jetzt aber noch bezweifelt.

Venice Biennale 2026, Finnischer Pavillon

Ein späteres Kunstprojekt für Oulu 2026 wird aus Venedig angeliefert. Es ist die Ausstellung, mit der sich das Land in seinem Finnischen Pavillon, der auch von Alvar Aalto entworfen wurde,  in diesem Jahr auf der Biennale von Venedig präsentiert. Vom  30.10.2026–28.3.2027 wird in Oulu zu sehen sein, was die Künstlerin Jenna Sutela entwickelt haben wird. Sie arbeitet über „biologische und rechnerische Prozesse, vom menschlichen Mikrobiom und planetarischen Ökosystemen bis hin zu Sprache und Code.“  

Es wird sich bestimmt lohnen, in diesem Europäischen Kulturstadtjahr einmal in den hohen Norden Finnlands nach Oulu zu reisen, egal, ob man jetzt mit den Einwohnern das arktische Klima und die fantastischen Fischgerichte genießen möchte oder eher auf die Sommermonate mit den weiteren künstlerischen Positionen wartet. Chemnitz hat es im letzten Jahr vorgemacht, wie eine Stadt aus der Unsichtbarkeit zu einem Kulturstandort erblühen kann. Das können die Finnen mit Sicherheit auch. Und üben Sie schon mal mit der Luft-Guitarre!