Huguette Caland

„A Life in a few Lines“

Manchmal geht man in eine Kunstausstellung, weil man gerade in einer Stadt ist und Vertrauen in die Auswahl der jeweiligen Museums-direktor*Innen oder Kurator*Innen hat. Dann ergibt sich plötzlich das beglückende Erlebnis, eine bisher unbekannte Künstlerin kennenzulernen, deren Werke wirklich überraschen und berühren. So passiert: zuletzt in den Deichtorhallen in Hamburg mit der Libanesin Huguette Caland (1931-2019).

Zunächst ziehen ihre farbigen, Pop-Artigen Gemälde den Blick auf sich, deren Abstraktion noch ursprüngliche Formen von z.B. Häusern aufweisen.

Doch die Malerin thematisierte auch offen weibliche Körperlichkeit. Ihre Frauenfiguren bestehen zwar meist fragmentiert aus einzelnen Körperteilen, doch alle stellen weibliche üppige Rundungen hoch attraktiv dar. Ein Bild mit zwei deutlichen Po-Rundungen nannte sie ironisch „Selbstportrait“. Erkennbar ist eine Künstlerin, die ihre Körperfülle mit Stolz und Erotik dargestellt hat.

Calands Kunst und ihre Lebensgeschichte sind intensiv miteinander verwoben.

Sie war eine Vorreiterin für die Selbstbestimmung der Frau, unabhängig von religiösen, politischen oder kulturellen Vorschriften. 1931 zur Zeit ihrer Geburt in Beirut, bekam Huguette Caland diesen französischen Vornamen, weil sich der Libanon noch unter französischer Herrschaft befand und dies auch eine Amtssprache war. Der Libanon ist schon traditionell kein ausschließlich muslimischer Staat, sondern hat einen hohen Anteil von Menschen mit christlicher Religion. Die Künstlerin wuchs daher in einem kulturellen Spannungsfeld zwischen Islam, Christentum und westlich europäischem Einfluss auf, doch sie nahm von keinem irgendwelche Einschränkungen für Frauen einfach hin.

Seit 1943 war ihr Vater nach Abzug der Franzosen erster Präsident in dem neuen unabhängigen Libanon. Huguettes Heirat mit einem Franzosen und außerdem Sohn eines politischen Gegenspielers des Vaters 1952 war ein deutliches Statement weiblicher Selbstbestimmung. Nach dem Tod des Vaters 1964 fing sie ein Studium an der amerikanischen Uni in Beirut an. Doch der Freiheitswille war so groß, dass Huguette Caland 1970 trotz 3 Kindern einfach aus ihrer Familie verschwand und nach Paris zog, wo sie ihre Kunst ausgiebig entfaltete und Liebhaber hatte.

1979 entwarf Caland für Pierre Cardin klassische Kaftane, jedoch mit modernen, provokativ erotischen Andeutungen im Design. Sie selbst trug konsequent Kaftane, egal in welcher Kultur sie gerade lebte.

Viele der Kunstwerke sind auf textilen teils sehr zarten Geweben gemalt oder apliziert, wobei einige Motive an Hundertwasser oder Klimt erinnern.

Ihr zeichnerisches Werk aus zarten Linien beweist aber auch ihr ausgezeichnetes Talent und die professionelle Ausbildung an Hochschulen.

1987 zog die Künstlerin in die USA. Inzwischen lebte und studierte dort ihr Sohn. Dort habe sie es jedoch sehr schwer gehabt, als Künstlerin anerkannt zu werden. Galeristen hätten sich kaum dazu entscheiden können, eine Frau zu präsentieren, selbst wenn sie ihre Bilder bewunderten.

Letztlich zog Huguette Caland 2013 wieder nach Beirut, um ihren -immer noch- Ehemann bis zu seinem baldigen Tod noch zu begleiten. Sie blieb im Libanon – weiterhin künstlerisch hoch aktiv-  bis sie selbst 2019 starb.

Viele der Werkgruppen weisen eine hohe Anziehungskraft auf, jede auf eine andere Art. Sowohl die quadratischen Alltags-Kollagen, als auch die großartigen akribisch gezeichneten mystisch-fantasievollen Figuretten sind besondere Kostbarkeiten. Insgesamt besticht die feinsinnige einfühlsame Vielfalt an Techniken und Ausdrucksfähigkeit. Der Titel bescheibt es: Feine Linien erzählen ein feministisch multikulturell fröhlich gelebtes Leben!

Huguette Caland: „A Life in a few Lines“, Deichtorhallen Hamburg, 24.Okt. 2025 bis 26. April 2026


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