Julian Charrière: „Midnight Zone“

„Bei mir ist alles echt!“

Die spektakuläre Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg zeigt Julian Charrières aktuelle Meisterwerke, diesmal zum großen Thema Wasser, dem Lebensraum unzähliger Organismen und zugleich hart umkämpfte Ressource. Charrières Arbeit ist eine Mischung aus Bildern, Videoproduktionen und Exponaten, die thematisch Naturphänomene und deren Beeinflussung durch die Menschheit mit Hilfe künstlerischer Interventionen veranschaulichen.

Im Mittelpunkt der Wolfsburger Ausstellung steht die Expedition des Künstlers in die Mitte des pazifischen Ozeans in eine Region, die lediglich wegen ihrer großen Vorkommen der begehrten Manganknollen für den Tiefseebergbau interessant ist. Charrière versenkte dort eine achteckige Laterne mit rotierender Fresnellinse, wie sie in Leuttürmen verwendet wird, bis in 1000 m Tiefe. Diese wird als Midnight Zone bezeichnet, weil bis hierhin keinerlei Sonnenlicht dringt. Doch Charrières Lichtquelle zieht einzelne Fische und ganze Schwärme magisch an, die sie koordiniert umkreisen. Von dem berühmten Unterwasserfilmer und Meeresforschers Jacques-Yves Cousteau (1910-1997) gibt es den ikonischen Fim: „Die schweigende Welt“. Darin behauptet er, die Tiefseewelt sei völlig still. Charière filmte nicht nur, sondern kann durch Tonaufnahmen belegen, dass dort sehrwohl recht laute akustische Phänomene  existieren.Er erklärt: „Es gibt die Geophonetik ausgehend von Erdformationen; die Biophonetik der Tierwelt und die Anthropophonetik, das sind menschengemachte Geräusche wie von Schiffsschrauben oder Sonargeräten. Diese mischen sich zu einer erheblichen Geräuschkulisse.“ Der Film wird von diesen Geräuschen begleitet, die teils intensiv den riesigen Museumsraum erschüttern lassen. Da liegt die Frage an den Künstler nahe, ob der Ton KI-generiert sei (oder von Quantencomputern wie zuletzt recht unangenehm bei Pierre Huyghe). „Nein, bei mir ist alles echt!“ Charrière bringt den Beweis, dass ein Ernten der Manganknollen kein harmloses Agieren im stummen Nichts wäre, sondern eine massive Zerstörung in einem lebendigen Biotop mit großer Tierpopulation zu Folge hätte.

Neben der Großbildprojektion steht ein achteckiger Pavillon, in dem genau die Leutturm-Laterne in ihrer vollen Aktion mit dem rotierenden Licht ausgestellt ist, reizvoll mit Spiegeln in Szene gesetzt.

Julian Charriére ist schweizerisch-französischer Künstler mit bereits weltweitem Renommeé. Die Liste der Orte, an denen seine Werke gezeigt wurden, läßt kaum einen weißen Fleck auf der globalen Landkarte erscheinen. Aktuell lebt und arbeitet er in Berlin. Die nächsten Projekte sind in Vorbereitung für Venedig und Peking.

In einer früheren Expedition hat sich Charrière bei Island auf einer großen Eisberg-Scholle absetzen lassen und ist auf die Spitze des Eises geklettert, wo er mit einem Propangas-Brenner 7 Stunden lang den Gletscher angeschmolzen hat. Solch eine paradoxe Aktion macht die Problematik drohender Naturzerstörung durch uns Menschen mit viel Humor großartig populär.

In der Ausstellung ist ein weiterer Film zu sehen, der an die Decke projeziert wird. Er wurde aus der Perspektive von tief unter Wasser nach oben an die Oberfläche zum Tageslicht hin aufgenommen. Man schaut ihn am besten liegend auf den Liegesäcken an. Kanten von Eisschollen wirken darin plötzlich wie Raumschiffe.

Einige aus der Tiefsee geborgene ausgestellte Objekte unterstreichen die Verschmelzung von Menschlichem und Natur wie z.B. überwucherte Teile von Schiffswracks.

Die Kunst von Julian Charrière ist typisch für „Artistic Research“. Dabei betreiben KünsterInnen reale Forschung, aber nicht mit Statistiken und Tabellen, sondern mit künstlerischen Mitteln. Charrières Kunstwerke sind Wissenschaft, mit aufwändigen technischen Mitteln perfekt aufgenommen. Sie fordern durchaus unser naturwissenschaftliches Denkvermögen, um ihre Komplexizität voll zu erfassen. Das ist faszinierend. Doch ebenso ist es ein großer Genuss, die gezeigten Phänomene in ihrer Präsentation rein als Kunstwerke emotional auf uns wirken zu lassen, absolut ohne Gedanken an jegliche Uni-Vorlesung.

Wieder einmal gibt das Kunstmuseum Wolfsburg Kunstwerken den Raum, der sie zur allerbesten Entfaltung bringt.

Julian Charrière „Midnight zone“ im Kunstmuseumm Wolfsburg vom 14.März bis 12.Juli 2026. Tipp: Gönnen Sie sich eine professionelle Führung durch die Ausstellung. So erhöht sich bestimmt der Kunstgenuss durch besseres Verstehen.


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