Kerry James Marshall

BLACK is so Beautiful !

Kerry James Marshall war schon ein Lieblingskünstler der Kuratoren Roger Buergel und Ruth Novak bei ihrer Documenta 12 (2007). Doch inzwischen gilt er als einer der global bedeutendsten figurativen Maler der Gegenwart. Seine großformatigen, farbintensiven Gemälde sind voller kunsthistorischer Bezüge.

Der absolute Wow-Effekt offenbart sich aktuell in einer grandiosen Solo-Show des Künstlers im Chipperfield-Bau des Kunsthauses Zürich. Dort besticht auf den ersten Blick das glänzende Schwarz, mit dem Marshall die Menschen auf seinen Bildern darstellt. Es ist sein Markenzeichen und gibt diesen vormals unterdrücklten People of Color, selbst wenn man kaum Gesichtskonturen erkennt, einen stolzen strahlenden selbstbewußten Ausdruck.

Der Künstler malt fröhliche Alltagsszenarien: im Beauty-Salon, am See oder im Nachtclub, inszeniert jedoch die Diskriminierung der Afroamerikaner*Innen in den USA hochgradig sozialkritisch. Picknick, Golf, Krocket, Wasserski: sind das nicht die Hobbies reicher weißer Familien, die hier von Schwarzen selbstverständlich gelebt werden?

Kerry James Marshall wurde 1955 in den US-amerikanischen Südstaaten in Alabama geboren, zog später mit seiner Familie nach Los Angeles, wo er Art-and-Design studieren konnte. Später fand er – bis heute –  seine Heimat in Chicago. Da drängt sich sofort die wichtige Frage nach einer Teilnahme auch an der kommenden Documenta 16 auf. Bekanntermaßen bekräftigte deren Kuratorin Naomi Beckwith, dass sie sich ihrer Wurzeln in der Black-Community in Chicago sehr bewußt sei, was sich auch in der Konzeption der Documenta wiederfinden werde. Marshall dementiert jedoch INArtberlin gegenüber sofort: „Nein, ich werde auf keinen Fall erneut bei der Documenta ausstellen. Ich war dort schon zweimal (1997 und 2007). Das reicht völlig.“ Dies wiederholt der sympatische 70jährige jedoch mehrfach so vehement , dass man fast das Gegenteil glauben könnte.

1980 bot sich dem jungen Kerry James Marshall die Chance eines Besuchs im New Yorker MOMA. Allerdings war die Reise nur „Historienmalern“ vorbehalten. Er malte deshalb Szenen, die im Aufbau an klassische Historienmalereien anknüpften. Nur agierten bereits damals schon keine weißen reichen Adligen-Familien, sondern stolze Menschen in tiefem Schwarz. Damit qualifizierte er sich für die Reise zu seinem Lieblingsbild: Picassos „Guernica“, was für ihn ein prägendes Erlebnis wurde.

Der Titel der Züricher Ausstellung „Histories“ beinhaltet eine doppelte Bedeutung: Zunächst erzählen die Bilder Geschichten (his stories), doch sie sind ebenso Zeitdokumente (History / Geschichte).

Die monumentalen Gemälde sind aber auch Wimmelbilder. Überall sind kleine Details zu entdeckten, z.B. auch Collagen mit Zeitungsausschitten oder ironischen Spruchbändern. Ebenso finden sich Portraits berühmter Persönlichkeiten des antirassistischen Widerstands in den Bildern. Es macht große Freude mit den Augen auf Entdeckungsreise zu gehen.

Kerry James Marshals vielschichtige Gemälde in riesigem Format sind ein Kontrapunkt zur westlichen weißen Historienmalerei und ergänzen somit unsere Geschichtsschreibung auf extrem wichtige Weise. Selten macht es soviel Vergnügen, sich die weiterhin aktuelle Relevanz von Bürgerrechtsbewegungen zu vergegenwärtigen.

Kerry James Marshall: „The Histories, Geschichte(n)“, Kunsthaus Zürich, 26.März bis 16.August 2026


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