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Isaac Julien und die Visualisierung des KAPITALs
„Playtime“ (2014) der Film zur Finanzkrise von 2008



Der britische Videokünstler Isaac Julien bekam bereits viele Auszeich-nungen, zuletzt den Kaiserring in Goslar. Der Film Playtime soll die Wirkmacht des Geldes erklären, beispielhaft anhand der Finanzkrise, die von Island und den USA ausgehend in den Jahren ab 2008 die gesammte Weltwirtschaft einbrechen lies, ganz ohne Naturkatastrophe oder Krieg.


Exemplarisch dargestellt werden Menschen: der verzweifelte Künstler auf Island, der sein Traumhaus nicht fertigstellen konnte und durch die Rohbau-Ruine irrt. Außerdem die tieftraurig erstarrte phillippinische Hausangestellte, die als Arbeitssklavin in Dubai für den Lebensunterhalt ihrer Familie sorgt. Die Aufnahmen der ultrakapitalistischen Glitzerwelt von Dubai sind wunderschön und somit ein um so demütigender Kontrast zu ihrem Schicksal.
Natürlich kommen auch Gewinner der Krise zu Wort: ein Hedgefond-Manager und der – übrigens wirkliche – Kunsthändler und -Auktionator Simon de Pury.

Es mag banal klingen, dass hier Kritik am Spekulieren geübt wird, wo doch inzwischen jeder weiß, wie skrupellos und immer noch kaum kontrollierbar Finanzjongleure agieren, doch es ist ein künstlerisch beeindruckender Film mit wenigen Worten und viel Tiefgang.
Berlin, Palais Populaire bis 10. Juli 2023. (Extra-Tipp: das herrliche Terrassen-Café)
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Orient in Zürich
„Re-Orientations“ im Kunsthaus Zürich
Der Titel weist schon direkt auf die Message der Ausstellung hin. Es soll dargestellt werden, welchen Einfluss die Kunst aus dem islamischen Kulturkreis seit langem auf künstlerische Positionen im Rest der Welt besitzt.



Zu sehen sind zunächst ursprüngliche orientalische Werke, die typischerweise – religiös begründet – auf keinen Fall Menschen abbilden, sondern ornamental gestaltet sind.
Dagegen zeigen Gemälde von Henri Matisse, Wassili Kandinski und Paul Klee orientalisches Leben. Recht abstrakt, aber farbenfroh im Sonnenlicht. So wurde es offensichtlich von diesen Künstlern der klassischen Moderne wahrgenommen und als Inspiration in ihre Werke integriert.



Von den aktuellen Adaptationen sollen hier zwei Künstlerinnen exemplarisch erwähnt werden.
Nevin Aladag hatte auf der Documenta 14 mit einer großen Paravant-ähnlichen Skulptur aus Keramik-Bausteinen mit orientalischen Ornamenten beeindruckt. Auch in Zürich werden ähnliche Elemente ausgestellt. Dazu auch ein Werk aus geschnittenem Aluminium, ebenfalls ornamental.



Doch auch aktuelle politische Video-Kunst der marokkanischen Künstlerin Buchra Khalili wird in Zürich gezeigt. Ein fiktives Gartengespräch zwischen Che Guevara und Abdelkrim al Katthabi über die Taktik von Guerilla-Kämpfen ist Inhalt dieses Videos „Garden Conversations“.


Buchra Khalili machte in diesem Jahr bereits Furore, als sie den Preis der Sharjah-Biennale für ihr künstlerisches Werk erhielt.

Die Züricher Ausstellung beeindruckt durch die Vielfalt und interessante Kombination der Werke. Klar wird wieder einmal, dass die rein westliche Bewertung von Kunst im Zeitalter realer Globalisierung keineswegs die allein führende mehr ist.
In Zürich bis 16.Juli 2023
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Documenta 16: Die Findung der Findung
Mitte November 2022 wurde bekannt gegeben, dass die Findungs-kommission für die neue Kuratorin, den neuen Kurator oder die kuratorische Gruppe aus den noch lebenden früheren Documenta-kuratoren zusammengesetzt werde. (Blog-Beitrag vom 17.11.2022)

Jetzt stellt sich aber heraus, dass dies so nicht korrekt ist. Vielmehr war es nur die Findungskommission, die die Mitglieder der neuen Findungs-kommission zusammenstellen sollte. Offensichtlich ist es nach der Diffamierung von Mitgliedern der früheren Findungskommission anlässlich der Antisemitismusvorwürfe bei der Documenta fifteen extrem schwierig gewesen, Menschen zu finden, die nicht nur kompetent sind, sondern auch bereit, die Verantwortung für eine Entscheidung zu übernehmen.
Aber es gibt sie offenbar doch, diese mutigen und gleichzeitig erfahrenen Menschen aus dem Kunstbereich:
Bracha Lichtenberg Ettinger aus Israel
Gong Yan aus Shanghai
Ranjit Hoskoté aus Mumbai
Simon Njami aus Lausanne, jetzt Paris
Kathrin Rhomberg aus Köln/Wien/Berlin
Maria Inès Rodriges aus Sao Paulo und Paris
(lt MONOPOL vom 30.3.2023)


Von hier ist ihnen zu wünschen, dass sie für ihren Mut und ihre zukünftige Arbeit den verdienten Respekt bekommen – auch von der deutschen Presse.
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Zineb Sedira
„DREAMS HAVE NO TITLES“
Eintauchen in eine bessere Welt
Kunst als Wohlfühl-Oase! Funktioniert das?




Im Hamburger Bahnhof in Berlin empfängt Zineb Sedira den Besucher in einer Art Holywood-Kulisse: eine Wohnung mit kuscheliger Atmosphäre im gemütlichen französischen Schnörkelbarock. In einem Wohnzimmer steht ein alter Plattenspiele. Zentral ist eine Bar mit Kaffeehausstühlen installiert, wo ein stummes Paar einen Tango auf die Tanzfläche bringt, der auch Herrn Llambi gefallen würde.




„Dreams have no Titles“. Man könnte – und sollte sich auch vielleicht – wie in einem unendlichen Liebestraum fühlen. Ein immersives Kunstwerk, so diese neue Kategorie. Der Betrachter, der hier- für die Kunstwelt ausnahmsweise – relevant ist, soll komplett eintauchen in diese idealisierte Traumwelt und wird ein notwendiger Teil des Werkes. Respekt dafür! Doch alles hat ja immer einen Haken. Im letzten fast versteckten Raum steht ein aufgebockter Sarg. Die schönste Idylle hat zwar „keine Titel“, aber ein sicheres Ende.


Das Werk ist angelehnt in die 60ger/70ger Jahre, als im Herkunftsland von Zineb Sedira, Algerien nach dessen Befreiung von der Kolonialherrschaft ein internationales Film-Mekka entstand. Sie sammelte Filmrollen aus dieser Zeit, teils geschenkt aus Hinterlassenschaften und collagierte hieraus und aus weiteren Stationen ihres eigenen Lebens diese Installation und das dazu gehörige Video.


Die erste Präsentation fand auf der Biennale in Venedig 2022 statt, wo es den gesamten französischen Pavillon ausfüllte. Kuratiert war dieser bereits von Sam Bardaouil und Till Fellrath, den aktuellen Direktoren des Hamburger Bahnhofs. Sie spielen auch kurz im Film mit, der im Kunstwerk gezeigt wird. Wer findet sie darin?
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Re-inventing Piet Mondrian
Wie die Kunst erstmals in die kommerzielle Welt vordrang
Im Wolfsburger Kunstmuseum wird diesmal nichts Neues gezeigt. Der Künstler Piet Mondrian gehört zur klassischen Moderne und ist weltweit bekannt, doch er begegnet uns bis heute tagtäglich in vielfachen Alltagsgegenständen.



Was vor 100 Jahren der Beginn einer radikalen Abstraktion in der Kunst war, findet sich heute als dekoratives Muster auf vielen Produkten. Die Einteilung der weißen Leinwand in Rechtecke mit schwarzen Umrandungen und einigen wenigen in rot, blau oder gelb gefüllten Feldern schmückt heute Kaffeebecher, Bauchtaschen oder Geschirrhandtüchern.


Die Wolfsburger Bürger waren aufgerufen, eigene Gegenstände mit dem typischen Muster der Ausstellung zur Verfügung zu stellen. Diese werden gleich im Eingangsbereich präsentiert: z.B. ein Fahrrad, ein Brettspiel oder eine Back-Anleitung für einen Mondrian-Kuchen.




Einige Original-Kunstwerke vom Künstler werden in Wolfsburg auch gezeigt, prominent platziert in einer zentralen Rotunde.


Dann widerum finden sich Adaptationen von Zeitgenossen Mondrians z.B. von Künstlern der de Stijl-Gruppe: Gerrit Rietveld und Theo van Doesburg. Offenbar war Mondrian schon zu Lebzeiten ein Trendsetter, der Kollegen wichtige Anregungen lieferte. Dazu gehören zeitgleich auch die Künstler des Bauhauses.


In einem weiteren Bereich der Ausstellung werden Werke von aktuellen Künstlern präsentiert, u.a.Ryan Gander, der IKEA-Tische zu einem hohen Turm in Grundfarben stapelte, und Iza Genzken.


Yves Saint Laurent übernahm als erster das Mondrian-Design in den 60ger Jahren in seine Kleider-Kollektion, womit die Kommerzialisierung begann, die in der Mode bis heute immer wieder auftaucht.


Sind die Exponate jetzt nur alt Bekanntes? Wohl nicht, denn die exemplarische Darstellung zeigt den Ursprung des heute aktuellen Trends, dass gerade wieder in großem Umfang global agierende Firmen Künstler*innen zur Gestaltung ihrer Produkte und/oder für deren Werbung heranziehen.
Als Beispiel hier die Schaufenster-Vitrine am KaDeWe mit Produkten im Stil von Yayoi Kusama. Doch wahrscheinlich hat sie im Gegensatz zu Piet Mondrian ein anschauliches Honorar hierfür bekommen.

„Re-Inventing Piet Mondrian und die Folgen“ , Kunstmuseum Wolfsburg 11.3. bis 16.7.2023
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Martin Wong „Boshafter Unfug“
im Berliner KW-Institute for Contemporary Art in der Auguststraße



So lässt sich der Ausstellungstitel „Malicious Mischief“ wohl übersetzen. Zu erwarten wäre also etwas Witziges, Freches, doch zu sehen sind wunderbare Gemälde aus den 70ger und 80ger Jahren in San Francisco und New York. Martin Wong, US-Amerikaner mit chinesischen Vorfahren (1946-1999) zeigt die malerische Schönheit der damals völlig heruntergekommen Metropolen in deren eher glanzlosen Vierteln und der queeren Community.


„Sonntags gehen die Leute hier zum Essen, um an einem Tag der Woche chinesisch zu sein.“ sagt Wong im gezeigten Video, der wie auch schon seine Eltern in den USA geboren ist. Darin sind auch gesammelte chinesische, eher kitschige Porzellanfiguren seiner Sammlung zu sehen deren Formensprache Martin Wong auch abgewandelt in seine Bilder aufnimmt.


Ein spielerisches magisches und symbolisches Denken findet sich wiederholt in den Abbildungen der 8er-Kugel, den Totenköpfen und dem Fingeralphabet.


Über einen Freund bekommt er Einblicke in das Leben in den Gefängnissen, was zu einem vielfachen Thema in seinen Gemälden wird. Er selbst musste nie in Haft, doch ihn faszinierte die Maskulinität dort: sowohl bei den Gefangenen als auch dem Personal.




Beim Eintreten in die Ausstellung, spätestens beim Blick in die große Halle entfachen die Bilder über ihre grandiose farbenfrohe Ausstrahlung eine erstaunliche Anziehungskraft. Doch wie im Titel versprochen, dürfen sie durchaus auch mit Humor und Ironie betrachtet und genossen werden.



Martin Wong verstarb 1999 an AIDS.
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Nan Goldin – Der Film
Extra-Info: Kinostart in Deutschland ab Donnerstag, 25.Mai 2023


Der Dokumentarfilm von Laura Poitras ist ein Mosaik einzelner wichtiger Episoden aus dem komplizierten Leben der Fotokünstlerin Nan Goldin, der den Zuschauer permanent emotional in die Handlungen hineinzieht und aufwühlt. Zwei Tage vor der Vorführung von „The Beauty and the Bloodshed“ in der Akademie der Künste in Berlin war Nan Goldin an gleicher Stelle live erschienen, um ihren Käthe Kollwitz-Preis entgegen zu nehmen. Erlebt wurde sie als lebensbejahende, fröhliche und starke Frau, deren Kämpfergeist durchgehend spürbar ist.
In der Dokumentation wurden Zeiten und Situationen eingefangen, die für Nan Goldin mit erheblichem Leid und vielen Enttäuschungen besetzt waren: die Traumata aus einer dysfunktionalen Familienstruktur und dem Suizid ihrer 19jähigen Schwester, die Anfeindungen ihrer Freunde aus der Queer Szene, die gewalttätigen Übergriffe ihres Partners, die vielen AIDS-Toten in ihrem Umfeld, die eigene unverschuldete Opiatsucht nach OXICODON-Gabe als Schmerzmittel nach einer OP, all diese Katastrophen überstand sie und wurde offenbar sogar immer stärker.
Zu sehen sind vor allem auch Original-Szenen ihrer Kunst-Aktionen, ja eher Performances gegen die Sackler-Familie, deren Pharmakonzern durch Oxycodon ultrareich wurde und dafür die hierdurch ausgelösten Drogenabhängigkeiten vieler Amerikaner*Innen in Kauf nahmen.
Ein Staat solle dafür sorgen, dass seine Bürger am Leben bleiben, sagte Nan Goldin am Freitag. Sie bezog sich darauf, dass die Verursacher juristisch ungestraft blieben. Außerdem würde der US-Staat sich nicht um Drogentherapie oder auch nur Schadensbekämpfung kümmern mit z.B. sauberen Räumen und Materialien zum Konsum. „America is broken!“ Zusätzlich betonte sie, dass sie dies gerade in Deutschland und Berlin ganz anders erlebe.
Originale Filmszenen beweisen auch die Lügen und das Verschweigen der Konzerninhaber über Nebenwirkungen. Sie wurden nicht strafrechtlich verurteilt und entzogen sich hoher Entschädigungen durch eine manipulierte Insolvenz.
Doch letztlich reagierten die angesehenen großen Museen auf den enthüllenden Kampf der Künstlerin und verweigern inzwischen weitere Spenden der Sacklers . Zuletzt gingen sie auch auf die Forderung der Aktivistin ein, indem sie die Namen „Sackler“ aus allen Ehrentafeln entfernten.
Der Film ist psychoanalytisch, politisch, radikal, aber vor allem empathisch und mit vielen der wunderbaren Dia-Serien von Nan Goldin gespickt, ein mitreißendes aufwühlendes und spannendes Erlebnis.
Beim Filmfestival in Venedig gewann er bereits den Goldenen Löwen und war Oskar- nominiert.
Top – Sehenswert!
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Future of Motion in der VW-Autostadt in Wolfsburg
Kunst, Design, Technologie der Zukunft ?

Manuel Cirauqui
Große Namen sind mit dieser Ausstellung verbunden: Norman Foster und das Guggenheim Museum Bilbao haben eine Ausstellung zur Historie der Mobilität gezeigt. Den Part, der die Zukunft darstellt, hat die Autostadt in Wolfsburg übernommen und präsentiert hiermit Entwürfe von 15 internationalen Hochschulen für Design und/oder Technologie, in denen sie ihre Utopien zukünftiger Mobilität der Menschheit vorgedacht haben.

Eine Zeichnung zeigt, welche Vision die Menschen 1956 hatten: ein selbstfahrendes Auto, in dem locker Familienleben möglich ist.
Manuel Cirauqui, Kurator am Guggenheim Museum Bilbao erklärte jetzt enthusiastisch in Wolfsburg die einzelnen Positionen der Zukunfts-Entwürfe. Hier einige Beispiele:
Die Universität in Kapstadt baute mit ihren Studenten Mono-wheel-Fahrzeuge, die sich zur besseren Effizienz aneinander hängen können. Hierfür dienten als Vorbild die Spiele der Jungen, die große LKW Reifen Berge hinauf transportieren, sich hineinsetzen und dann in unendlichen Loopings hinunterrollen. In den Prototypen überschlägt sich der Insasse jedoch nicht. Ein bisschen erinnern sie auch an Röhnräder.





Venedig Biennale 2022, Francis Alys 
Das Umea Design-Institut in Schweden ging von einer postapokalyptischen Situation einer wüstenartigen Welt aus und konstruierte fliegende Fahrzeuge mit Landetürmen.

Aus der ETH Zürich wird ein Wohnturm gezeigt, der völlig ohne Krähne aus Appartmentmodulen aufgebaut ist, die von Drohnen aufgetürmt werden. Hier hat es den Anschein, dass der Mensch gar nicht mehr mobil sein muss, denn im Turm sind alle Einrichtungen einer kompletten Stadt, deren Versorgung von Drohnen übernommen wird.


Doch auch elegante Sportwagenentwürfe sind zu entdecken, z.B. aus dem ArtCenter of Design in Pasadena (USA)


Leider fehlen aus der Ursprungsausstellung in Bilbao die Kunstwerke, die die Geschichte der Mobilität dort begleiteten: von z.B. Henry Moore, Roy Lichtenstein, Umberto Boccioni, James Rosenquist oder Andreas Gursky. Sie hätten die Verwobenheit von Utopien aus der Formensprache der Künstler und Designer mit deren Umsetzung in reale Automobile anschaulich ergänzen können. So bleibt in der Autostadt vorwiegend eine didaktisch technologische Ausstellung, die sich leider nicht von allein erklärt, aber viele Möglichkeiten bei kompetenten lebendigen Führungen bietet.
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Das Emirat Sharjah in den Vereinigten Arabischen Emiraten zeigt eine bemerkenswerte Biennale 2023
Thinking historically in the Present



Alles hat seine Historie, so auch diese Biennale. Sie beginnt mit Okwui Enwezor, dem weltbekannten Kurator der Documenta 11 (2002) und der Venedig Biennale (2015), der zuletzt Direktor des Hauses der Kunst in München war. Er entwickelte den Titel und konzipierte für Sharjah diese bereits 15. Biennale. Da er plötzlich verstarb, übernahm die Direktorin der Sharjah Art Foundation Hoor Al Qasimi, ebenfalls mit globaler kuratorischer Erfahrung ausgebildet, die Realisation. Es entstand eine höchst beachtenswerte beeindruckende Ausstellung in einem weltoffenen freundlichen Scheichtum mit außergewöhnlichen Highlights.
Hierzu gehören zunächst die Werke von Ibrahim Mahama, der in vergangenen Jahren im Arsenale von Venedig Mauergänge und in Kassel 2017 die Torhäuser mit alten Jutesäcken verkleidet hatte.

Für Sharjah gestaltete er eine Installation mit historischen Schulbänken seiner Heimat Ghana. Hier ist die Verbindung von Vergangenheit und deren Einfluss auf das Heute im Sinn des Ausstellungsthemas sichtbar abzuleiten.





In einer ehemaligen Eisfabrik in Kalba zeigt Mahama außerdem gewaltige Stoffbahnen mit aufgenähten abgetragenen Frauenkleidern aus Ghana, die teils auch schon aus gebrauchten Warensäcken geschneidert waren. Sie bilden eine überwältigende und anrührende Arbeit, mit der der Wind vom Golf von Oman spielt und sie tanzen lässt. Zusätzlich ein Beispiel für nachhaltige Kunst, denn die Materialien sind ja upgecycled.



Doris Salcedo aus Columbien gestaltete aus 800 Bäumen ein Haus, das doch kein Heim sein kann, stark, duftend und doch zerfließend und undurchdringlich. Sie erhielt dafür auch einen Preis der Jury.


Ebenfalls riesig ist „Collossus“ von Nari Ward, Künstler aus New York mit jamaikanischen Wurzeln. Das Werk erinnert an eine überdimensionale Reuse aus alter Fischertradition, also ein historisches Utensil, aber künstlerisch überhöht. Da ergeben sich doch Assoziationen an die gigantischen Hochhausketten fast nebenan.



Auch Kader Attia, Künstler der Documenta13 (2012) und Kurator der Berlin Biennale 2022, ist an der Sharjah Biennale beteiligt. In einer alten Wüsten-Klinik legt er Spiegelscherben in das ehemalige Badebecken, die die Umgebung zerrissen und doch leuchtend zurückscheinen lassen.




Weiterhin zeigt er eine Installation von Modellen einer historischen Lehmhaussiedlung. Hier gepresst aus sandfarbenem Pappmasché wird sie in einem Video einer aktuellen Wohnbebauung gegenübergestellt. Der Künstler scheibt hierzu, dass in den Steinen und Mauern die „Memories“ der Bewohner bewahrt seien; von Baubeginn und Einrichtung über Reparaturen bis zum Abriss könnten sie viel über das vergangene Leben der Menschen in ihnen berichten.



Michael Rakowitz, irakisch-amerikanischer Künstler, wohnhaft in Chicago, bekannt von der Dokumenta13 mit seinen steinernen Büchern (2012), sowie durch die Gestaltung einer temporären Skulptur auf dem Trafalgar Square bereichert Sharjah mit einer Performance, bei der er einfühlsam Fundstücke aus seiner zerstörten Heimat im „Zweistromland“ präsentiert mit persönlichen Geschichten seiner Familie.
Viel Aufmerksamkeit verdient auch das externe Ausstellungsgelände in Al Hamriyah, neu gebaut mit perfekten variablen großen weißen Räumlichkeiten, das weitere spannende und ästhetische Kunstwerke für die Besucher bereit hält.












Diese Sharjah Biennale kann sich auch im internationalen Kontext sehen und genießen lassen. Besucher erleben nicht nur ein sicheres, sondern auch gastfreundliches Land, in dem gerade Senioren besonders geehrt und privilegiert behandelt werden.
Auch bei Fahrten außerhalb der Touristenstrecken ist es spannend zu sehen, wie mit finanziellem Hintergrund und unerschöpflichen Energiequellen in kürzester Zeit fantastische Bauvorhaben realisiert werden können. Hier ein Gebäude von Zaha Hadid, eine Konzernzentrale, die sich wie Sanddünen mitten in die Wüste einbettet.



15.Sharjah Biennale 2023 vom 7. Februar bis 11. Juni 2023
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Nan Goldin – Die Ausstellung
Nicht schockierend, aber brisant politisch


In der Akademie der Künste im Berliner Hanseatenweg wird eine Ausstellung der Fotografin mit exemplarischen Bildern aus allen Schaffensperioden gezeigt. Nan Goldin ist aktuell hoch populär und wird vielfach geehrt. In der MONOPOL wurde sie zur einflussreichsten Künstlerin 2022 unter den HOT 100 gekürt, ähnlich in der ArtReview in London auf Platz 8 und in Berlin wird sie mit dem Käthe Kollwitz-Preis geehrt.

Dabei ist Nan Goldin bereits seit Ende der 70ger Jahren weltweit als Künstlerin berühmt. Damals schockierte und faszinierte sie die Gesellschaft mit Fotos aus der Nicht-Hetero-Community, insbesondere der Drag Queens in Boston. Fotos aus dieser Zeit sehen wir jetzt auch in der Ausstellung, nur wirken sie heute angesichts unserer medialen Überflutung mit ähnlichen Bildern aus der Subkultur nicht mehr schockierend.
Nan Goldins Biographie klingt ein wenig wie eine psychopathologische Anamnese: 1953 in Washington DC geboren verließ sie das Elternhaus als 14 Jährige, als sie es dort nach dem Suizid ihrer großen Schwester mit erst 19 Jahren nicht mehr aushielt. Nach einigen Irrwegen in Pflegefamilien und Internaten fand sie eine „Ersatzfamilie“ bei den Drag queens in Boston. Das Lokal „The other Side“ wurde Nan Goldins neue Heimat. Dort begann sie, die geliebten Menschen ihrer Umgebung zu fotografieren. Auch in der aktuellen Ausstellung erkennt man in ihren Aufnahmen den besonderen Blick einer Künstlerin, die nicht voyeristisch, sondern annehmend, unspektakulär, ja liebevoll die Abgebildeten in Szene setzt.


Dies erklärt den frühen Ruhm, jedoch nicht die aktuellen Ehrungen.
Sie begründen sich daraus, dass Nan Goldin intensiv gegen die superreiche Familie Sackler kämpfte. Diese erzielten ihren Reichtum aus der Produktion von Oxycodin, einem Opioid, das in den USA eine wahre Abhängigkeitsepidemie auslöste, weil es als großartiges Schmerzmittel beworben und vermarktet wurde, jedoch ohne jeglichen Hinweis auf die Suchtgefahr. Nan Goldin selbst bekam es im Rahmen einer Hand-OP. Sie kämpfte sich danach über 2 Jahre durch Sucht und Entzugssymptome, wobei sie einmal wegen Überdosierung mit Fentanyl fast gestorben wäre. Auf diese Zeit sollen ihre unscharfen Naturfotos hinweisen, indem sie den völlig getrübten Blick symbolisieren.

Die Familie Sackler rühmte sich selbst als großzügige Kunst-Mäzene der berühmtesten Museen der Welt: u.a. das MOMA, das Guggenheim, das Viktoria&Albert und auch der Louvre ewähnten ihre Dankbarkeit in auffälligen Schildern oder nach den Sacklers benannten ganzen Museumsflügeln.
Als Nan Goldin diese Zusammenhänge erkannte, bestand sie darauf, dass ihre Werke in den Museen abgehängt werden. Außerdem kämpfte sie – nicht juristisch oder mit Kartoffelsuppe -, sondern öffenlichkeitswirksam mit künstlerischen Performances gegen weitere Ehrungen der Familie, die ihren Reichtum auf dem Leid anderer Menschen aufgebaut hatte. Mit ihrer Gruppe P.A.I.N (Prescription Addiction Intervention Now) ließ Nan Goldin beispielsweise Rezepte über OxyCotin (Handelsname in den USA) in die Rotunde des Guggenheim Museums flattern. Im Londoner V&A Museum legten sie sich auf den teuren Sackler-gespendeten Steinfußboden mit Tablettenröhrchen um sich herum als „Suizid-Performance“. Die Aktivist*Innen verlangten, dass kein Museum mehr Sacklers Spenden annimmt. Und genau dies wurde in 5 von 6 Institutionen erreicht.


Am 3.März wurde Nan Goldin der Käthe Kollwitz-Preis in Berlin persönlich überreicht.

Am 5.3. wurde auch der Film von Laura Poitra „The Beauty and the Bloodshed“ gezeigt, der den Kampf der Künstlerin gegen den Pharmakonzern dokumentiert.
Hierzu der Beitrag: „Nan Goldin – Der Film“ vom 6.3.2023 in diesem Blog.
Kinostart Deutschland am 25.Mai. 2023