Der Kunstgenuss in Zeiten der Biennale erscheint in Venedig unerschöpflich. Doch es ist einfach herrlich, durch die traumhafte Lagunenstadt zu schlendern und nebenbei bemerkenswerte und überraschende Ausstellungen anzusehen. Hier eine weitere Auswahl!
Jim Dine wird vom Göttinger Steidl-Verlag unter dem Titel: „Dog on the Forge“ präsentiert. Fantastisch sind nicht nur die Bronze-Statuen des 89jährigen US-Amerikaners. Er gestaltet einen Kopf, der ihn selbst zeigt, aber mit multiplen Werkzeugen bestückt ist. Jim Dines Großvater hatte einen Eisenwarenladen, in dem der Junge viel gespielt und ausgeholfen hat.
Im Obergeschoß hängen große abstrakte bunte Bilder in barocken Wandnischen, bei denen die Ölfarbe so dick aufgetragen ist, dass sie zusammen mit ebenfalls Metallutensilien für Handwerker zu einer 3-dimensionalen Assemblage werden. Mickey-mouse-Figuren daneben verstärken den großen optischen Genuss dieser Ausstellung.
Den Palazzo Diedo restauriert Nicolas Berggrün komplett und zeigt jetzt schon unter dem Titel „Janus“ eine erste Auswahl von Kunstwerken seines Museums. Der deutsch-US-amerikanische Unternehmer und Milliardär wurde 1962 als Sohn des Berliner Sammlers und Galeristen Heinz Berggruen in Paris geboren. Einige bekannte Künstlernamen kommen im Palazzo Diedo vor wie Urs Fischer, Lee Ufan oder Ai Weiwei.
Palazzo Diego: BaustelleUrs FischerLee Ufan
Doch der schönste Raum wurde von Ibrahim Mahama gestaltet. Fotos von seinem Eisenbahnprojekt in Ghana zeigen, was mit Freunden und Mitstreitern geschafft werden kann. Außerdem modellierte Mahama dazu thematische Stuck-Elemente für die Raumdecke, die auch dauerhaft dort bleiben sollen.
Ibrahim MahamaIbrahim MahamaIbrahim Mahama
Noch wirken viele Räume leer und Handwerker bevölkern das Haus, um große Räumlichkeiten fertigzustellen. Diskutiert werden könnte, warum das Gebäude ausschließlich in White Cubes umgestaltet wird. Gerade in Venedig liegt doch der besondere Charme in der Kombination zeitgenössischer Werke in vormals prunkvollen Räumlichkeiten.
Palazzo Diedo, Fondamenta Diedo, Cannaregio 2386, bis 24.11.2024
William Kentridge, der weiße südafrikanische Künstler aus Johannisburg ist inzwischen 69 Jahre alt. Waren seine Arbeiten früher, z.B. bei der Documenta 13 (2012) thematisch noch sehr vom Kampf gegen die Apartheit in Südafrika geprägt, so handeln sie jetzt von einer Selbstreflektion über sein Leben und seine Kunst. In „Selfportrait as a Coffee-Pot“ diskutiert er mit seinem Ebenbild kontrovers darüber, was sie für die Welt noch Sinnvolles schaffen sollten. Mehrere Animationsfilme seiner berühmten Kohlezeichnungen mit den zwei Williams als Schauspieler sind ein fröhliches, ironisches Erlebnis. Kuratiert wurde die Ausstellung von Carolyn Christov-Bakargiev, der Kuratorin der Dokumenta 2012.
Arsenale Institute for Politics of Representation, Riva del Sette Martiri, bis 24. November.
Wael Shawky ist nicht nur im heimatlichen ägyptischen Pavillon in den Giardini monumental vertreten, sondern auch im Museo Grimani in der Stadt.
Ulrich Obrist mit Wael Shawky
Im ersten präsentiert er mehrere Installationen, die einen direkten Bezug zu seinem Film haben. Der Künstler bezeichnet dessen Inhalt als Oper. Recht monoton in historisch anmutenden Kostümen berichtet die Handlung von den Konflikten und Kämpfen um den Bau des Suez-Kanals, und zwar aus ägyptischer Sicht. Das Land hatte sich durch die Baukosten hoch verschuldet und wurde von den englischen Kolonialherren zusammen mit den ausländischen Geldgebern so unter Druck gesetzt, dass sie die Rechte am Kanal verkaufen mussten: „Drama 1882“
Im Museo Grimani spielen Menschen mit Puppen-Köpfen Geschichten aus der griechischen Mythologie unter dem Titel: „I Am Hymns of the New Temples“.
Wael Shawky ist bekannt und hochgelobt wegen seiner Puppenspiel-assoziierten Filme, weil er einfühlsam und trotzdem aus einer gewissen objektiven Distanz erzählt.
Beide Filme sind für einen Biennale-Besuch recht lang: 45 Minuten. Doch wenn man genügend Zeit mitbringt, entsteht keinerlei Langeweile.
Giardini di Biennale, Ägyptischer Pavillon und Museo di Palazzo Grimani, Castello
Robert Indiana
Robert Indiana: “The Sweet History- Life and Death”. Auch wer den Namen des Künstlers nicht kennt, hat sein sicher bekanntestes Kunstwerk im Kopf: die quadratische Skulptur des Wortes LOVE. Neben Andy Warhol oder James Rosenquist ist Robert Indiana zu einer weiteren Ikone der Pop-Art zu zählen.
Als Robert Clark wurde er 1928 in New Castle geboren und nahm später den Namen seines Bundesstaates Indiana als Künstlernamen an, als er in New York bereits berühmt geworden war. In der Ausstellung am Marcusplatz in Venedig ist ein Querschnitt aus allen 50 Jahren künstlerischen Outputs zu sehen. Anfang der 60ger Jahre malte er Bilder mit großen farbigen Buchstaben und Symbolen, oft mit der Message: EAT, LOVE oder DIE. Seine Mutter soll ihm oft zugerufen haben, er solle immer ausreichend essen. Später folgten auch die dreidimensionalen Skulpturen. Er starb 2018.
Die wilde Zeit der POP-Art spiegelt sich herrlich in den Werken von Robert Indiana wieder und erinnert fröhlich an Love, Peace, und Hippie-Bewegung in Amerika.
Procuratie Vecchie, Eingang vom Marcusplatz aus. Bis 24.11.2024
Am Münchner Stadtrand wurde ein ehemaliges Kraftwerk umgebaut zu einer zeitgemäßen Event-Location. „Kultur neu spüren“ lautet das übergreifende Motto. Hier finden Konzerte, Lesungen, Diskussionen und Partys statt. Auch Firmen mieten das ungewöhnliche Industriedenkmal für eine außergewöhnliche Produktpräsentation: „a place to be“. Ein Ort also, wo man sein sollte, wenn man zur modernen gutverdienenden jungen Community gehört. Hierzu passt dann auch zeitgenössische Kunst, die das Gesamtkonzept mit Hochkultur aufwertet.
Das komplette Projekt liegt inklusive der Vermarktung in privater Hand, so auch der Kunstbereich. Hier residiert die Münchner Filiale der Johann König Galerie, die insgesamt 2000 qm mit -verkäuflicher – Kunst bestückt, eine perfekte Symbiose, denn erwartet wird ein junges und vor allem zahlungskräftiges Publikum.
Volker MärzZsofia Keresztes
Doch welcher Kunstgenuss ist zu erwarten? Auf vier Etagen in einem modernen Teil des Komplexes präsentiert. Unter dem Titel“ Metaphor to Metamorphosis“ präsentiert das Bergson-Galerie-Team wirklich exzellente Werke zeitgenössischer Künstler.
Johann König erklärt, dass sich die Thematik an Franz Kafkas Geschichten locker orientiert. Die „Verwandlung“ von Gregor Samsa in einen Käfer werde als Metapher angesehen, wie Menschen heutzutage Transformationen durchlaufen zum Finden ihrer eigenen Identität.
Agnes Questionmark
Beispielhaft hierfür sei ein Werk aus 3 Teilen von Agnes Questionmark genannt. Die Künstlerin, die momentan auch auf der Biennale in Venedig vertreten ist, modulierte aus Silikon ihren Körper in 3 Teilen, der sich jedoch an den Extremitäten in tierische Tentakeln auflöst.
Besonders wertvolle Werke von Isa Genzken verwandeln Nofretete in eine neuzeitliche Touristin und ein Frauentorso verschmilzt mit seinem Reisegepäck.
Eine herausragende Figur ist auch „Perseus“ von Stephan Balkenhol. Sie zeigt der Künstler aus Kassel sein Alter Ego mit dem grandios geschnitzten Kopf der Medusa in der Hand. Vielleicht findet sich hierfür auch ein prominenter Platz in der Öffentlichkeit wie vor dem Axel-Springer Haus in Berlin, im Hamburger Hafen oder im Kirchturm der Kasseler Elisabethkirche.
Von Amir Fattal stammen Gemälde und zwei Büsten, die mittels KI entworfen und gestaltet wurden. Diese „Verwandlung“ wurde somit einem nicht menschlichen Algorhytmus überlassen.
Amir Fattal
Es finden sich weitere exklusive Werke in der Ausstellung von z.B. Gregor Schneider, Anselm Kiefer oder Volker März. Im Grunde hätte es bei der Qualität der Einzelwerke keines übergreifenden Themas gebraucht, da kein verbindendes Element erkennbar ist. Vielmehr bleibt die Ausstellung ein zusammengewürfeltes Sammelsurium, das zum Verkauf von der König Galerie angepreist wird, allerdings von ausgewählt hoher Qualität und Besonderheit.
Anselm KieferGregor Schneider
Die Räume des zweiten Kunstbereichs wurden direkt in die trichterförmigen Kohle-Silos eingebaut, die durch den Gitterboden noch klar zu erkennen sind. Die erste Ausstellung dort zeigte zuvor Werke von Monira Al Qadiri, die wunderschöne Ölbohrköpfe zeigte und uns mit ihren gläsernen Galeeren die Komplexität dieser Lebensformen ins Bewusstsein brachte.
Monira Al QadiriMonira Al Qadiri
Aktuell befindet sich hier eine Einzelpräsentation von Jeppe Hein, dessen Vielseitigkeit seiner dynamischen Skulpturen beeindruckt. Die gelbe Parkbank, die rotierenden Spiegel sowie das Spiegel-Labyrinth sind typische Beispiele für die Intention des Künstlers, das Kunstwerk erst in Kombination mit den Betrachter*Innen als vollständig anzusehen.
Jeppe HeinJeppe Hein
Das BERGSON stellt kein neues Museum dar, sondern ist ein aktueller Ort für multiple kommerzielle und kulturelle Veranstaltungen, bei dem die ausgestellte Kunst den anspruchsvollen Ausstattungs-Rahmen zusammen mit der 25 m hohen Kathedralen-artigen Industrie-Architektur bildet. Ähnliche Ideen von Gebäude-Transformationen sind bei den weltweit verteilten Gebäuden von Fotografiska – auch in Berlin – zu finden, die Fotokunstausstellungen neben unterschiedlichen Events anbieten.
Die Verschmelzung von Kunst und Business ist in den USA selbstverständlicher, indem die dortigen Museen wie das BROAD in Los Angeles, das San Franzisko- MOMA oder auch das MOMA in New York immer schon komplett von privaten Wirtschaftsunternehmen finanziert werden. Die Freiheit der Kunst bleibt dort recht abhängig vom Sponsor.
Im Gegensatz dazu finden sich in Deutschland vorwiegend staatlich finanzierte Museen. Zu diskutieren bleibt, ob die Kunstfreiheit hier besser realisierbar ist. Doch ein nicht auf monetären Profit angewiesenes System bietet Künstler*Innen und Kurator*Innen womöglich mehr Spielraum! Trotzdem ist der Besuch des Bergson auch für nicht unbedingt kaufwillige Kunstfreunde sehr zu empfehlen, weil es eine vielseitige Augenweide ist.
Johann König
Jeppe Hein: „Every Moment is a New Moment“ 13.Juli -1.Sept.24, Galerie König Bergson: “Metaphor to Metamorphosis” 13.Juli – 17.November 2024; Am BERGSON Kunstkraftwerk 2, 81245 München
Das Kunstwerk in dieser Ausstellung ist eine Arena um ein riesiges Video-Game. Auf zwei Sesseln sitzen die Leader, die das Spiel steuern, während von den Zuschauerplätzen in einer Art demokratischem Prozess Anweisungen gerufen werden sollen. Im knallbunten Computer-Design wird eine imaginäre Parallelwelt simuliert, in der 6 Charaktere gerettet werden sollen. Indem die Community dies anstrebt, sollen auch die eigenen Seelen gereinigt werden.
Das aktuelle Werk ist eine Auftragsarbeit der LAS-Stiftung, die den Austausch zwischen Kunst, Wissenschaft und Technologie fördert. Themen der Zeit wie künstliche Intelligenz, Gaming und Quantencomputering sollen künstlerisch gestaltet werden.
Ein Projekt genau dieser Art stellt die Installation von Danielle Brathwaite-Shirley dar. Das immersive Eintauchen in ein Parallel-Universum können ältere Kunstbegeisterte sicher auch bei Caspar David Friedrich oder Marc Rothko, doch für die junge Generation sind es die virtuellen Welten im Cyber-Raum. Für diese junge Zielgruppe ist die Location des Berghain, dem legendären Berliner Club die perfekte Umgebung.
Danielle Brathwaite-Shirley ist eine junge Künstlerin, die nach Abschluss des Studiums an einer London School of Fine Art in Berlin lebt und arbeitet. Eine Rolle spielen in ihren Werken die Erfahrungen Schwarzer und queerer Menschen und letztlich sei ihr wichtig, dass im Spiel ein Gemeinschaftsgefühl entsteht. Dass niemand alleinige Entscheidungen treffen muss, sondern stets mit allen zusammenarbeitet und gegebenenfalls auch der Leader abgewählt und ersetzt werden kann, ist ein wichtiges Anliegen. „Du bist nicht allein“ soll den Mitspielern vermittelt werden.
Ob dies jedoch durch eine virtuelle Situation in einem Videogame vermittelt werden kann, muss eigentlich offenbleiben. Für Menschen älterer Generationen ist ein zwischenmenschliches Wir-Gefühl ausschließlich im direkten Face-to-Face-Kontakt vorstellbar. Die weltweit intensiv spielende Community hat diesbezüglich wohl aber eine andere Perspektive. Doch auch dieser Bericht ist eine Aufforderung, es mal auszuprobieren!
In der großen Halle am Berghain sind zusätzlich weitere frühere Games der Künstlerin aufgebaut, die alle gespielt werden können.
LAS Art Foundation: Danielle Brathwaite-Shirley,Halle am Berghain, Am Wrietzener Bahnhof, 10243 Berlin, 12.Juli bis 13.Oktober 2024
Das KW-Institut für zeitgenössische Kunst hat für die Sommermonate drei aktuelle künstlerische Positionen ausgesucht, die sich mit Problemen von Menschen außerhalb des Normativen befassen.
Luiz Roque
Luiz Roque aus Brasilien präsentiert mehrere großartige Videos mit offenem Ende. In der großen Halle berichtet er darin über das Leben ausgewählter Beispiele der queeren Community, teils Reportage artig, teils skurril oder als Science-Fiction. Außerdem werden Filme ohne sexuellen Bezug gezeigt, die künstlerisch vielschichtig sind oder in faszinierender hochauflösender Technik gedreht wurden. Da fliegt beispielsweise ein Wolf völlig allein in einem Flugzeug über verschiedene Landschaften oder ein Stein zerschlägt eine Fensterscheibe, die malerisch in Einzelteile zerspringt.
Pia Arke: die Künstlerin lebte von 1958 bis 2007 in Grönland. Ihre Mutter war indigener Herkunft als Inuk, der Vater Däne. Pia Arke erzählt in Dokumenten Collagen, Filmsequenzen und Zeichnungen über ihr Leben mit einer inneren Zerrissenheit im Kampf um die eigene Identität und Anerkennung. „Arctic Hysteria“ ist zusätzlich eine feministische Anklage, weil gerade der indigene weibliche Körper so oft lächerlich gemacht und schlecht behandelt wurde. Bei all dem spielt Dänemark als ausbeutende Kolonialmacht in Grönland eine wichtige Rolle.
Im Obergeschoß sind Werke zweier Künstler ausgestellt mit Schwerpunkt auf unterschiedlichen Darstellungen von Portraits. Der US-Amerikaner Jimmy DeSana starb 1990 an AIDS. Ihm gegenübergestellt finden sich Bilder des Californiers Paul P. (geb. 1970). Thematisch beschäftigen sich beide Künstler mit der Darstellung homosexuellen Begehrens und ihrem Kampf um gleichberechtigte gesellschaftliche Anerkennung.
Ein besonderes Highlight des Ausstellungsortes ist immer der schönste Innenhof in Berlins City mit dem Café Bravo, wo es stets zu wunderbaren bereichernden Gesprächen mit anderen Ausstellungsbesuchern aus aller Welt kommt.
Foto: Frank Ossenbrink
KW Institut, Auguststr. 69, 10117 Berlin, 6.Juli bis 20.Oktober 2024
Christoph Büchels Total-Ausverkauf in der Fondazione Prada
Eins der großartigsten Kollateral-Events anlässlich der Biennale Venedig ist die Verwandlung des prunkvollen Palastes der Fondatione Prada durch den Schweizer Künstler Christoph Büchel zurück in das ursprüngliche Pfandleihhaus, das er ursprünglich war, ein „Monte di Pieta“. 1834 bis 1964 konnten hier Menschen Kleinkredite gegen ein Pfand zu geringen Zinsen bekommen, ein Ort der Barmherzigkeit, der sich durch Spenden finanzierte. Der prächtige Bau ist jetzt wieder ein Warenlager voller minderwertiger Dinge, die arme Leuten auch heutzutage in Zahlung geben würden. Dass dieses Pfandhaus bankrott sein soll, wird aufgrund der Berge unverkäuflichen Trödels mehr als verständlich. Als BesucherIn fühlt man sich erschlagen und gleichzeitig verzaubert von den Massen an unnütz gewordenen Dingen, die jedoch auch unser schlechtes Gewissen als kritiklose Konsumenten ansprechen.
Der Künstler war 2019 bereits als Teilnehmer der Biennale in Venedig vertreten und hatte ein Flüchtlingsboot im Arsenale aufstellen lassen, in dem nachweislich alle Passagiere ertrunken waren.
Das Gebäude von PRADA war auch zeitweise provisorisches Lazarett, was durch allerlei medizinische Geräte wie Rollstühle oder Pritschen thematisiert wird.
Auf der Fassade zum Canal Grande sind Verkaufsschilder installiert, die das komplette Gebäude zum Verkauf anbieten. Auch diese sind Teil des Kunstwerks.
Zu einigen Besonderheiten sollte man besonders auf die Suche gehen. So hängt unscheinbar ein echter TIZIAN an einer Garderobe, der die frühere Kaiserin von Zypern zeigt, die an diesem Ort geboren wurde, jedoch in dem vorherigen gotischen Palast.
Ebenso sollen Original-Papiere vorhanden sein, aus denen hervorgeht, dass in Haiti nach erfolgreichem Aufstand gegen die französische Kolonialmacht zwar die Skalverei abgeschafft wurde, jedoch das Land zu erheblichen Reparationszahlungen verpflichtet wurde. Schulden, die Frankreich offensichtlich bis heute als legitim ansieht und keine Verantwortungsübernahme dafür zeigt, dass sie Haiti hiermit so ausgebeutet haben, dass die Bevölkerung keine Chance hat, jemals wieder menschenwürdige Verhältnisse zu erreichen.
Dahinter steht das moralische Prinzip: Schulden müssen bezahlt werden! Doch muss dies weiterhin als unumstößliches Dogma existieren?
In einem Saal läuft auf einem Monitor eine Verschuldungsuhr, die die stetig wachsenden Schulden der Welt darstellt. Schulden und deren Auswirkungen sowie die Frage nach Schuld, Wert und Moral sind die Themen Christoph Büchels, die er mit seiner Wahnsinns-Installation zur Debatte stellt.
Christoph Büchel „Monte di Pieta“, Fondazione Prada, Ca Corner della Regina bis 24.November 2024
In einem Hinterhof im Herzen von Wien, einen Hauch entfernt vom Hundertwasser-Haus liegt das Atelier von Alberto Storari. Der Künstler mit Herkunft aus Verona, einem Studienabschluss in Bologna und Erfahrungen aus London gestaltet hier Bilder unterschiedlicher Art. Alberto Storari fühlt sich in erster Linie als Maler, doch er erfindet für sich immer wieder innovative Techniken mit einem überraschenden Materialmix.
Nach dem Interview mit einem Kurator vor wenigen Wochen soll in diesem Blog jetzt auch ein aktiver bildender Künstler zu Wort kommen.
INArtberlin: Herr Storari, Sie schaffen hier im Fluidum des berühmten Malers Friedensreich Hundertwasser starke Gemälde, jedoch in Ihrem ganz eigenen anderen Stil. Können Sie bitte Ihre Techniken und Intentionen näher erklären?
Alberto Storari: Es ist richtig, dass ich trotz der Nähe des Hauses keinen wesentlichen Einfluss des verstorbenen Kollegen empfinde. In diesem Bild zum Beispiel habe ich meine Fotografie genommen und schwarzes Seidenpapier darübergelegt, dann mit Chlor in der Mitte einiges wieder weggeätzt. So entsteht eine Art Passepartout und eine Unschärfe, die beim Betrachten einen Abstand zum Subjekt bewirkt. Ich bin Maler und fühle mich gut mit den zwei Dimensionen. Ein Bild ist ein immer ein Fenster, eine Skulptur ist eine Präsenz.
I.B.: Machen Sie auch Skulpturen?
A.St: Im Studium habe ich auch Erfahrungen mit Skulpturen gemacht und in Zukunft möchte ich schon gern wieder einmal in die dritte Dimension gehen, doch meine Pläne sind noch nicht ausgereift.
I.B.: Diese Bilder sind ganz anders.
A.St.: Genau, hier habe ich Silberblätter verwendet und schwarze Farbe, es einsteht ein starker Kontrast. Es ist ein wenig wie ein Blick aus dem All auf die Erdkugel. Man braucht eine Sicht von außen, um eine neue Perspektive für neue Erkenntnisse einzunehmen.
I.B.: Ein weiterer Stil findet sich auf diesen großen Landkarten.
A.St.: Ich habe Seekarten der Erde verwendet. Die sind schon Vergangenheit, denn heute nutzen wir alle Navigationssysteme. Doch die Karten sind wunderschön. Ich habe Landschaftsbilder aus alten Atlanten genommen und hinein collagiert. Dabei sollen die Küstenlinien genau an Strukturen der Bilder passen. Die Realitäten werden jedoch verändert. So findet sich z.B. ein italienischer Küstenort in Australien wieder. Außerdem entstehen immer zwei verschiedene Perspektiven: Die Bilder zeigen einen Blick von vorn, die Karten von oben. Meine Bilder sind stets eine Reise, Metaphern einer eigenen Welt, die ich mir selbst gestalte.
Es gab eine Ausstellung im Künstlerhaus hier in Wien, wo ich so eine Collage ausgestellt hatte. Der Titel der Ausstellung lautete: “ Human Nature“, Mensch und Natur in Harmonie und in gegenseitigem Respekt. Ich denke, wir sollten die Natur schützen, doch auch wir müssen unseren Lebensraum finden dürfen. Vieles im Leben ist ein Kompromiss.
Foto: Pablo Chiereghin
I.B.: Wie wichtig sind Ihnen neue Technologien wie Digitalisierung?
A.St.: Bei aller Digitalisierung ist wichtig, was man am Ende Bleibendes hat. Und man muss wissen, wer die Kontrolle hat. Wenn ich Kunst mache, bin ich der Chef, nicht die Technologie.
I.B.: Wie gestalten Sie den Verkauf Ihrer Bilder?
A.St.: Ich habe eine Galerie in Italien und auch in Wien, die mich vertreten. Heutzutage wechselt man öfter, wenn es für beide Seiten besser ist. Aber vorwiegend sind es private Verkäufe. Sammler kennen mich und empfehlen mich weiter. Wir organisieren mit Kollegen außerdem Präsentationen, zu denen wir Interessenten einladen.
Ich nehme auch gern die Möglichkeit von Ausstellungen in größeren Häusern an wie im Künstlerhaus.
I.B.: Sie sagten, Sie arbeiten auch als Lehrer.
A.St: Ja, an der Akademie für Kunst unterrichte ich, denn ich habe im Studium auch eine Ausbildung zum Lehrer abgeschlossen. Die jungen Studenten sind großartig. Sie zeigen große Motivation, gehen mit frischer Energie und guten Ideen an die Arbeit, das ist inspirierend auch für meine eigene Arbeit, richtig ansteckend.
I.B.: Was ist Erfolg für Sie?
A.St.: (lacht) Ich bin zufrieden! Ich kann meine Kunst machen, denn ich wollte nie etwas anderes. Ich kann ausstellen und ja, ich verkaufe auch.
I.B.: Vielen Dank für den Einblick in Ihre Arbeit!
Ausgestellt im Kunstgewerbemuseum verteilt zwischen antiken Möbelstücken und modernen Designklassikern finden sich aktuell ausgefallene Gewänder, die Beispiele dafür sind, dass ein Kleidungsstück ein Kunstwerk sein kann. Es sind mit Pailletten bestickte Kleider, Hosenanzüge und Abendkleider mit ausgefallenem Materialmix.
Dawid Tomaszewski ist Modedesigner in Berlin mit überregionaler Popularität, wobei er mit nur 6 MitarbeiterInnen aufwändige Unikate in mühevoller Handarbeit gestaltet. Er sagt, er lege großen Wert darauf, dass jedes Teil ausschließlich seine persönliche Handschrift trage.
Sein Motto: „More is More, Less is Shit“.
Ausgestellt sind Entwürfe des Designers aus den letzten 15 Jahren. Bevor er sein eigenes Lable gründete, arbeitete bei Sonja Rykiel und Comme les Garcons in Paris. Mit der Selbstständigkeit habe es durchaus schwierige Zeiten gegeben: „Wir waren auch mal knapp vor dem Scheitern. Ich bin bis heute kein Geschäftsmann.“
Unikat für Bill KaulitzSpace Traveler
Inzwischen entwirft Dawid Tomaszewski zusätzlich erschwingliche Mode und Accessoires, die bei QVC vertrieben werden. „Ich denke, dass auch in dem Segment gutes Design realisierbar ist und dann vielen zugutekommt.“
Zusehen ist u.a. eine Atelier-Situation, ein kleiner Raum mit Vorentwürfen, Zeichnungen und Stoffmustern, die einen Eindruck von der Arbeitssituation des Designers widerspiegeln.
Design wird oft nicht zur Kategorie Kunst gerechnet, weil es für Gebrauchsgegenstände kreiert wurde, doch gutes Design ist für uns Rezipienten auf jeden Fall auch ein ästhetischer Genuss.
Auf dem Weg zu den Kleidern in verschiedenen Räumen entdeckt man außerdem die wunderbare Fülle der Design-Sammlung des Kunstgewerbemuseums, die doppelt zur Freude an dem Besuch beiträgt.
„Excess in Elegance“, Dawid Tomaszewski, Kunstgewerbemuseum Berlin 4.Juli bis 6.Oktober 2024
Länderpavillons der Venedig Biennale 2024 im Stadtbereich
Die Biennale di Venezia findet nicht nur in den Giardini und dem Arsenale statt, vielmehr verteilen sich Länderpavillons und spezielle Ausstellungen anderer Anbieter, die collateralen Events über das komplette Stadtgebiet. Ein nahezu unersetzliches Hilfsmittel zum Finden einzelner Venues ist seit jeher trotz Google-Maps die Karte, die die Zeitschrift ART in ihrem gedruckten Heft veröffentlicht, besonders, weil in Venedig Straßennamen und Hausnummern nicht wirklich existieren.
ART-Magazin
Mühsam bleibt die Planung der Tour trotzdem aus Kombination von Vaporetti und Fußwegen. Doch die Belohnungen sind die Entdeckung idyllischer Gassen und Plätze sowie die Feude, wenn man die Banner mit der Aufschrift eines Biennale-Pavillons plötzlich entdeckt. Nur bei der Biennale bekommt man Einblicke in sonst unbewohnte verschlossene Prunkvillen, die einen großartigen Kontrast zu der dort präsentierten modernen Kunst bieten.
Starten wir mit einigen ausgefallenen Länderpavillons:
Pakui Hardware
LITTAUEN: Kirche Sant‘ Antonin. Die Gruppe Pakui Hardware möchte unter dem Titel „Inflamed“, also „entzündet“ den Zusammenhang zwischen Gesundheit und sozioökonomischem Hintergrund thematisieren. Dazu ergänzt sie ihre Installation aus orangefarbenem Glas und Metall-Skulpturen mit Bildern der verstorbenen Malerin Marija Terese Rozanskaite. Ob man wie gewollt die „Entzündungskräfte“ nachvollziehen kann oder den Sound als Geräusche von MRT-Geräten erkennt, bleibt letztlich unwichtig angesichts des faszinierenden atmosphärischen Gesamterlebnisses.
ZIMBABWE: Santa Maria della Pieta. Thematisch soll eine neue Welt imaginiert werden, in der Herkunft, Identität oder Nationalität der Menschen unwichtig werden und Migration sowie Veränderung der Landschaften bestimmen, wo wir unsere Heimat definieren. Künstlerisch sind wandteppichartige Assemblagen aus besonderen Abfallteilchen zu sehen: Computertasten, Reißverschlüsse, Knöpfe oder Zahnbürstenköpfe. Sie bilden beeindruckende „Landschaften“. Sprechen Sie auch mal die Aufsichtskräfte im Pavillon an und lassen Sie sich Geschichten und Fakten aus ihrem Heimatland berichten.
OMAN: Castello 4147, direkt am Weg zum Markusplatz entlang des Kanals in einem kleinen Laden. Auch hier werden untypische Materialien zu Kunstwerken benutzt: Stoffe werden zunächst zu einer Patchwork-Collage zusammengefügt und entwickeln sich durch Übermalung zu einem Stadtbild von farbenfroher Vielfalt. Ein weiteres Werk ist eine fast menschenhohe gold-schimmernde Maske, deren Bestandteile sich bei näherer Betrachtung als lauter Löffel entpuppen. Die Message der Ausstellung ist die Darstellung des Landes als weltoffene bunte Gesellschaft, doch zu finden ist einfach auch ein optischer Genuss.
Von russischen Soldaten entführte ukrainische Kinderrussische Orgel
From UKRAINE. Nicht der eigentliche Länderpavillon, sondern von der Victor Pinchuk Fondation geförderte Ausstellung im Pallazzo Contarini Polignac direkt am Canal Grande. Sie steht unter dem Titel: „Dare to Dream“. Hier ist verständlicherweise keine verspielte Farbenfreude zu finden, sondern gelungene vom aktuellen Kriegsgeschehen geprägte, starke Kunstwerke. Videos, in denen Stadtansichten zunehmend zwei Farben VERLIEREN: Gelb und Blau. Eine Orgel mit entstellten Spitzen der Pfeifen in Analogie zur „russischen Orgel“, dem gefährlichen Geschütz, das früher als Stalinorgel ein Begriff war. Doch so anklagend auch die weiteren Kunstwerke sind, so perfekt sind sie in der beschädigten Kulisse des Palastes passend inszeniert.
ÄTIOPIEN: Palazzo Bollani. Es ist der erste Auftritt Äthiopiens auf der Biennale Venedig und der Maler Tesfaye Urgessa wird von MONOPOL als große Neuentdeckung gefeiert. Er kann eine fundierte Ausbildung mit Kunststudium in Addis Abeba und an der Kunstakademie in Stuttgart vorweisen und zeigt abstrahierte Körper mit multiplen Extremitäten in mosaikförmiger Anordnung: auf jeden Fall ein Grund, sich selbst zu überzeugen, ob der Bewertung zugestimmt werden kann.
TAIWAN: Palazzo delle Prigioni, es ist das Gefängnis, vom Dogenpalast getrennt durch die Seufzerbrücke. Dieser kollaterale Event ist ein Geheimtipp zum Ausruhen auf der anstrengenden Odyssee durch Venedigs Gassen, denn im Raum stehen zum Anschauen der Videos gemütliche Gartenstühle und ein superweiches Sofa zur Verfügung. Doch Achtung: der Künstler Yuan Goang-Ming hat seiner Multimedia-Installation nicht grundlos den Titel: „Everyday War“ gegeben!
Foto Labiennale
VATIKAN: Auf der Giudecca in der Casa di Reclusione von Sant‘ Eufemia (Vaporetto Station Palanca) wird im laufenden Betrieb des Frauengefängnisses eine Gemeinschaftsausstellung im Namen des Vatikans mit dem Titel „With my Eyes“ gezeigt, die bereits auch der Papst besucht hat. Zutritt bekommt man ausschließlich durch vorherige -kostenlose- persönliche Anmeldung. Nach Abgabe allen Gepäcks inklusive Handy und strenger Kontrolle erfolgt die Führung der jeweils kleinen Gruppe durch zwei Insassinnen, begleitet von zwei Wärterinnen mit riesigen schweren Schlüsseln. Doch Achtung: manchmal kommt eine Ladung Wasser aus höheren Räumen auf die Besucher herunter!
Maurizio Cattelan schuf das Außenkunstwerk: zwei nackte Männerfüße, wobei bei genauem Hinsehen in den Großzehen Löcher sind. Vielleicht von Nägeln? Eine Interpretation wird nicht offiziell geliefert, sondern den BesucherInnen überlassen.
Die Guides sprechen nur italienisch, deshalb informiert man sich besser vorher ein wenig, denn Ansprechen ist verboten. Die gesamte Situation ist befremdlich und ergreifend zugleich. Zu sehen sind zum Beispiel Bilder von Kindern und Jugendlichen, angeblich von einer Künstlerin nach privaten Fotos der Gefangenen gemalt. Der Regisseur Marco Perego drehte in den Räumen des Frauengefängnisses für die Biennale 2024 einen 16 Minuten-Film mit seiner Frau als Schauspielerin. Sie spielt eine Gefangene, die entlassen wird, grandios nachfühlbar auch ohne Worte.
Foto LabiennaleFoto Labiennale
Der Titel „With my Eyes” soll uns die Perspektive der Insassinnen näherbringen. Dafür gab es deren – beratende – Beteiligung an den Werken der KünstlerInnen.
60. Biennale Arte di Venezia, 20.April bis 24.November 2024
Gespräch mit Till Fellrath, Kurator -nicht nur- am Hamburger Bahnhof Berlin
Viele öffentliche Diskussionen drehten sich in den letzten Jahren um die Aufgaben und die Verantwortung von Kuratoren bei Großausstellungen. Bei der aktuellen Venedig-Biennale und bei jeder Documenta finden sich Schlagzeilen über sie in der Presse. Vor 3 Tagen wurde sogar bundespolitisch über die Berufung des Kurators für die nächste Documenta debattiert.
Die 14. Taipeh Biennale 2025 hat bereits feste Kuratoren. Das sind Sam Bardaouil und Till Fellrath, die Leitern des Hamburger Bahnhofs in Berlin. Beide kuratierten zuvor viele internationale Ausstellungen und sind auch in großem Umfang für das Kuratieren im eigenen Haus verantwortlich.
INArt Berlin: Herr Fellrath, ich möchte mit Ihnen über „Das Kuratieren“ sprechen, und zwar am Beispiel der Taipeh-Biennale, weil Sie hierfür mit Ihrem Kollegen Sam Bardaouil die beauftragten Kuratoren sind.
Es fällt auf, dass sich ganz viele Menschen im Kunstbereich Kurator nennen, auch wenn sie teils gerade erst von der Uni kommen. Kurator ist ja kein geschützter Begriff.
Aber die großen Ausstellungen leben inzwischen vom Kuratieren, wobei immer noch viele Menschen denken, es ginge dabei nur um das Aufhängen von Bildern.
Till Fellrath: Genau.
I.B.: Wie kam es, dass Sie 8953km entfernt gegen die Konkurrenz vieler Kuratoren dieser Welt für die Taipeh-Biennale ausgewählt wurden? Mussten Sie sich bewerben?
T.F.: Wir sind tatsächlich direkt angesprochen worden. Die Taipeh-Biennale hatte ein internes Auswahlverfahren und dann gemeint, wir wären die geeigneten Personen. Dann haben sie uns gefragt. Wir haben kurz nochmal nachgedacht, aber das dann doch angenommen, weil es ein spannendes Projekt ist.
I.B.: Absolut! Und mussten sie sich später noch irgendwo präsentieren und ein Konzept vorstellen?
T.B.: Nein, das mussten wir tatsächlich nicht. Da sind vielleicht andere Biennalen auch etwas anders, aber hier hat man uns einfach aufgrund der Erfahrung mit unserem kuratorischen Stil eingeladen.
Wir Kuratoren sind ein bisschen wie Dirigenten einer Ausstellung und dabei hat man eine künstlerische wiedererkennbare Handschrift entwickelt. Das ist so einen Stil, wie man mit Kunst bei den Ausstellungen auf Menschen zugeht. Und da ist es möglicherweise besser, den gestaltenden „Dirigenten“ auszuwählen als ein Konzept.
I.B.: Doch zum thematischen Inhalt: haben Sie jetzt schon einen Titel? Sie brauchen ihn noch nicht zu nennen, aber wie entwickeln Sie eine Thematik?
T.F.: Einen Titel konkret haben wir nicht, aber wir haben schon erste Grundideen für eine Thematik oder Grundkonzepte oder so eine Emotionalität. Wir werden sicherlich eine Ausstellung machen, die die Menschen direkt anspricht, wie wir das immer machen, also wo auch Reibungen vielleicht entstehen, wo die BesucherInnen irgendwas empfinden, sich freuen oder etwas spüren können. Wir möchten Empfindungen bewirken, für die man nicht erstmal stundenlang lesen muss, bis man das Werk versteht, sondern schnell einen gefühlten Zugang bekommt.
I.B.: Wie haben Sie sich vor Ort informiert?
T.F.: Wir waren in März in Taipeh und haben uns die Räumlichkeiten angeschaut. Wir haben selbst auch schon eine frühere Ausgabe der Taipeh-Biennale gesehen. Jetzt haben wir einfach auch ein bisschen Zeit in der Stadt verbracht, sind durch die Straßen gegangen, haben andere Ausstellungshäuser angeschaut und uns mit der Alltagsgeschichte beschäftigt, um eine Emotionalität mitzunehmen, von der wir das Gefühl haben, dass wir andocken können.
I.B.: Also wird es eine Mischung aus Ihren bisherigen künstlerischen Projekten und der örtlichen Situation, die sie vorfinden, der Stimmung dort im Land?
T.F.: Ganz klar so. Es wird einerseits sicherlich viele künstlerische Positionen geben, die wir kennen und am meisten auch solche, mit denen wir schon immer mal was machen wollten. Wir überlegen gerade gezielt und testen unsere ersten Ideen auf ihre Machbarkeit. Ein besonders wichtiger Faktor sind immer die lokalen Gegebenheiten. Das ist ganz ganz wichtig für eine Biennale oder auch jede andere Ausstellung. Es muss immer einen Grund haben, warum man was gerade an diesem Ort macht. Das ist wichtig, auch hier im Hamburger Bahnhof. Wie ist der Berlinbezug? Hängt es mit der Sammlung zusammen oder widerspricht es ihr? Wie setzt sich die Ausstellung mit der Architektur des Hauses auseinander?
I.B.: Wie waren Ihre ersten Eindrücke vor Ort?
T.F.: Irgendwie muss es einen Grund geben, warum ein Projekt genau an dieser Stelle stattfindet. Das wird in Taipeh ganz genau so sein. Dort ist es nur etwas komplizierter, auf die Räume einzugehen. Es muss auf jeden Fall ein lokales Gefühl entstehen.
Das ist dann auch wichtig in Bezug auf die lokale Presse oder auch für die Menschen vor Ort. Es werden halt nur wenige Besucher aus 9000 km Entfernung kommen, die international zu Ausstellungen jetsetten. Das Wichtigste ist immer das lokale Publikum, auf das man eingehen muss; übrigens auch in Berlin.
I.B.: Welche Einzelschritte des Kuratierens folgen jetzt? Sie haben eine Idee, um Emotionen zu wecken? Next steps, was schwebt Ihnen vor?
T.F.: Also das Wichtigste, glaube ich, ist erstmal festzuhalten, dass kuratieren nicht mit dem Moment anfängt, wenn man beginnt eine Ausstellung zu konzipieren. Es ist die gesamte Lebenserfahrung, die in die Arbeit einfließt. Außerdem sind es alle künstlerischen Positionen, mit denen man in der Vergangenheit gearbeitet hat. Man fängt nie bei Null an, sondern bei etwa 70%. Dann fängt man an, Elemente zuammenzuziehen. An dem Punkt sind wir momentan dabei, mit unseren Grundideen erstmal eine lange Liste an künstlerischen Positionen aufzustellen. Das sind jetzt etwa 100 Künstler*Innen. Wir werden das reduzieren auf eine Größenordnung von 40 bis 50. Am Ende kommen dann sicherlich noch einige dazu. Im Weiteren werden wir mit den Elementen ein bisschen spielen und schauen, wie daraus eine interessante Ausstellung zusammengestellt werden kann. Wie sind die lokalen Bezüge und wo sagt das Bauchgefühl – da ist sehr viel Bauchgefühl dabei! -, dass wir gerade mit diesem Inhalt dort mit dem Publikum in Dialog treten können? Oder wo kann es spannend sein, ein Risiko einzugehen, wie sich eine künstlerische Position entwickelt? Da haben wir große Lust drauf. So wie bei Marianna Simnett, da wussten wir auch nicht, was passiert. Das ist eine ganz verrückte arrivierte Künstlerin, bei der wir dachten, das müssen wir mal ausprobieren und ihr eine Plattform geben. Das Ergebnis ist in unseren Augen ein aufregender Erfolg. So werden wir es in Taipeh auch machen: den Künstlern und Künstlerinnen eine große Plattform geben, auf der sie sich austoben können.
I.B.: Nochmal zu den künstlerischen Positionen: Ich stell mir immer vor, dass ein Kurator mit Erfahrung natürlich ein riesengroßes Adressbuch mit Künstlernamen hat, ein Repertoire, aus dem er dann gezielt aussucht.
T.F.: Das ist wirklich so, das passt auf jeden Fall und die Liste wird ständig erweitert. Die Welt ist unendlich groß, keiner kann alles erfassen, doch wir schauen ständig Ausstellungen an. Als wir in Taipeh waren, waren wir auch in Shanghai und Hongkong, wie wir auf jeder Reise versuchen andere Sachen anzuschauen, einfach weiter zu lernen. Unser Ansatz für diese Biennale ist auf jeden Fall: wir schauen wie immer eher nach vorne als nach hinten. Wir werden also nicht auf historische, sondern mehr auf jüngere Positionen setzen.
I.B.: Welche Message liegt Ihnen besonders am Herzen?
T.F.: Ich glaube, das ist ein wenig, was wir immer versuchen, nämlich Kunst für jeden zugänglich zu machen; dass man irgendwie ein stückweit Empathie mitnimmt, sich berührt fühlt, über etwas nachdenkt, in eigenen Erinnerungen plötzlich eine komische Querverbindung findet, die man gar nicht gleich versteht. Das ist so ein bisschen wie bei der Musik oder beim Essen: da denkt man manchmal auch an bestimmte Dinge und fühlt sich irgendwie berührt und weiß das gar nicht einzuschätzen. Kunst hat eigentlich auch diese Qualität und das ist auch ihre Stärke. Es macht einen ein Stück menschlicher, empathischer. Man hört auf, robotisch zu sein, sondern wird wieder sensibler. Kunst kann Menschen aus Vorurteilen rausreißen, auch wenn man sie nicht gleich versteht. Das ist dann viel wertvoller! Mehr als Politik!
I.B.: Wie suchen Sie die Künstler*Innen aus? Sie hatten vorhin bereits gesagt, es gehe nicht vorwiegend um eine Thematik, sondern darum, Menschen emotional zu berühren. Adriano Pedrosa hat für die Venedig Biennale vor allem die Künstlerbiografie in den Vordergrund gestellt. Spielt das bei Ihnen auch eine Rolle?
T.F.: Hintergründig würde ich sagen. Das ist sicher der zweite Grund. Wir würden jetzt generell nicht Künstler und Künstlerinnen aussuchen, weil sie Frauen sind oder aus Chile kommen. Es geht schon vorrangig um die für sie bekannte künstlerische Position. Für Taipeh haben wir ganz speziell mit dem Gebäude begonnen. Die Ausstellungsräume sind… schwer teilbar. Es gibt längere schmale Räume, manche haben Fenster nach draußen. Sie sind sehr unterschiedlich. Die Architektur, glaube ich, wird für eine gute Ausstellung eine große Rolle spielen. Wir müssen überlegen: Wie sind die einzelnen Werke? Wie können sie in den verschiedenen Räumen funktionieren? Wie kann man die einzelnen Räume bespielen? Alle haben eine andere Lichtqualität und differenzierte Architektur. Bei manchen muss man durchlaufen. Dann gibt es viele offene Räume und ein großes Atrium. Im Untergeschoss befinden sich große Bereiche, die mit Fenstern in einen Innenhof offen sind, aber auch viele große Hallen. Wir werden halt sehr stark darauf achten, dass sich die Werke sehr gut in die Architektur einpassen; das ist ein wichtiger Faktor.
I.B.: Welche äußeren Faktoren sind noch relevant?
T.F.: Ich glaube, dass es im Kontext von Taiwan sehr wichtig und gut ist daran zu denken, dass es eine Insel ist. Ich will jetzt nicht sagen, sie sei isoliert, denn es ist eine Insel mit einer guten Kunstszene, aber wir wollen schauen, dass es dort viele internationale Positionen gibt, die aus unserem Bauchgefühl heraus interessante Dialoge für die menschliche Annäherung mit der Bevölkerung vor Ort ermöglichen und thematisch auch in der großen politischen Situation eine Relevanz haben.
Dann schauen wir im zweiten Schritt ein wenig auf die Biografie der Künstler*Innen. In der Regel haben wir nie Probleme damit, eine Ausgewogenheit zu erreichen. Bisher hat sich das bei allen Projekten eigentlich fast automatisch eingestellt, wenn man wirklich inhaltlich genau schaut.
I.B.: Sie haben kurz das Politische angesprochen. Taiwan ist ja ein Brennpunkt zwischen China und der westlichen demokratischen Welt, und die Menschen kämpfen darum, ihre Eigenständigkeit zu behalten.
Haben Sie Sorgen, dass hierdurch irgendwelche Side Effects die Ausstellung stören könnten? Oder müssen Sie große Rücksicht nehmen auf die lokale politische Situation?
T.F.: Also Taiwan ist komplett frei, die Presse ist frei, die Kunst ist frei und Meinungsfreiheit ist dort komplett gewährleistet. Das haben wir in China und jetzt auch in Hongkong nicht so empfunden. In Taiwan ist die Freiheit den Verantwortlichen der Kunstwelt sehr wichtig. Es gibt schon viele Dinge, die auch sehr kritisch sind. Im großen Umfeld, auch in freien Gesellschaften bleiben immer die Fragen: Wenn man was sagen kann, was muss man sagen? Will man Menschen provozieren oder sie in einen Dialog überführen? Wenn man etwas sagen darf, heißt das nicht, dass man es auch sagen muss! Oder kann man Wege finden, um unterschiedliche Meinungen mit einzubringen?
I.B.: Es lauern ja überall Fettnäpfchen Haben Sie schon welche entdeckt?
T.F.: Unser Eindruck ist, dass es in Taipeh etwas entspannter ist als in Berlin. Und das ist die Herausforderung für uns und auch die Verantwortung in dem geopolitischen Umfeld, Spannung und Empathie zu fördern, und somit diese Offenheit nicht nur dem internationalen Publikum nahezubringen. Die Fettnäpfchen lauern immer und überall. Das ist Deutschland auch intensiv zu spüren, obwohl wir in Bezug auf Kunstfreiheit eigentlich alles haben.
I.B.: Herzlichen Dank!
Wir sind gespannt auf Ihre Arbeit, und hoffen, dass sich auch für die Kunstszene bei uns eine wichtige Brücke Taipeh Berlin durch Ihre Biennale festigt.
T.F.: Oh, ja, besuchen Sie doch unsere Biennale in Taipeh! Es ist sicher nicht einfach, denn der Flug ist wirklich sehr lang, zumal man nicht mehr über Russland fliegen darf! Aber es lohnt sich, auch für Berliner, weil man sicher mit vielen wunderbaren Eindrücken im Gepäck wieder in die Heimat zurückkommt.
Andy Warhol mit 17 JahrenJoe DallesandroFilm Casting
Seine besonderen künstlerischen Darstellungen von Konservendosen und bunten Portraits von Franz Beckenbauer oder Marilyn Monroe machten ihn weltberühmt und sind Zeugen für Andy Warhols unzweifelhaften Ruf als einer der aufregendsten POP-ART-Künstler.
Die aktuelle Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin zeigt jedoch eine andere sehr private Seite: das Begehren und die Liebe zu männlichen Partnern.
1928 in Pittsburgh geboren lebte Andy Warhol bis zu seinem Tod 1987 permanent in einem Staat, den USA, in dem Homosexualität nicht nur verachtet, sondern auch strafrechtlich verfolgt wurde. In den Rezeptionen seiner Kunstwerke wurde dementsprechend seine sexuelle Orientierung gar nicht diskutiert und er wurde meist als asexuell wahrgenommen. Viele seiner Werke zeigen jedoch eine große eindeutige sexuelle Affinität zu jungen Männern. Ein offizielles Coming-out war jedoch angesichts der gesellschaftlichen Ächtung nie möglich.
Kurator Klaus Biesenbach berichtet, dass Andy Warhol oft seine Liebhaber portraitierte, die jetzt in Berlin gezeigt werden. Auch habe er meist mit einem festen Partner zusammengelebt. Einen seiner Partner lernte er kennen und lieben, als dieser den Künstler nach dem Attentat auf ihn 1968 aufopfernd gesund pflegte. Es bleibt jedoch bis heute offen, wie es in den USA damals möglich war, mit der Homosexualität nicht verfolgt und bestraft zu werden. Wurde der berühmte Künstler vielleicht geschützt, solange er nur kein offizielles Statement abgab?
Andy Warhol war wahrscheinlich auch nicht mit jedem Mann liiert, den er idealisiert darstellte. Von Jean-Michel Basquiat war er wahrscheinlich von dessen kreativer Wildheit und Schönheit fasziniert. Ihn bat er für eine Foto-/Zeichnung, sich in der Pose des David von Michelangelo aufzustellen.
Jean Michel BasquiatElvisMick Jagger
„Elvis, the Pelvis“ war der Inbegriff der schwingenden Hüfte.
Ein wiederkehrendes begehrliches Objekt waren auch volle sinnliche Lippen, die Warhol bespielhaft bei Mick Jagger fand.
In der aktuellen Zusammenstellung von Andy Warhol-Bildern in der Neuen Nationalgalerie ist die begehrliche die Suche nach Menschen, vorwiegend Männern zu erkennen, die für Warhol einem perfekten Schönheitsideal entsprachen.
Das ausschweifige Leben im New York der 70ger Jahre im Studio 54 fand ein jähes Ende durch die AIDS-Epidemie. Andy Warhol starb jedoch 1987 nicht an AIDS, sondern an Komplikationen einer Gallenblasen OP. Aufgrund der alten Schußverletzung hatten sich starke Vernarbungen und Verwachsungen im Bauchraum gebildet, die hierfür verantwortlich waren.
Andy Warhol „Velvet Rage and Beauty”,
Neue Nationalgalerie Berlin, 9.Juni bis 6.Oktober 2024.