So viel soll bei einer Auktion für ein Werk des Künstlers gezahlt worden sein. Die Fondation Beyerle zeigt sogar acht seiner riesigen farbenfroh leuchtenden Gemälde, die mit Sicherheit ein breites Publikum anlocken. Die jugendlich dynamische ungezügelte Wildheit seines Street-Art-Styles ist inzwischen ein höchst wertvoller Klassiker des bereits 1988 mit 27 Jahren an einer Drogen-Mischüberdosis verstorbenen Kult-Stars und besonderen Freundes von Andy Warhol.
Die gezeigte Serie schuf er innerhalb kürzester Zeit 1982 in Modena, wohin ihn einer seiner Galeristen, Emilio Mazzoli eingeladen hatte. Thematisch ist -typisch für ihn – die Ungleichbehandlung dunkelhäutiger Menschen erkennbar: Selbstportraits, wobei er sich letztlich eine Krone aufsetzt. Schließlich hat Basquiat als erster afroamerikanischer Künstler (Vater aus Haiti, Mutter aus Puerto Rico) die Vorherrschaft der weißen Männer in der POPART-Szene New Yorks durchbrochen.
Komplett wurden die acht Werke nie zuvor ausgestellt, da mehrere bereits damals sofort an zahlungskräftige Kunden verkauft worden waren. So ist es in Basel das Besondere, dass dieser Zyklus erstmals komplett gezeigt wird.
Eine besondere Spannung entsteht bei Beyerle durch die direkte Nähe mit den Werken von Doris Salcedo, die ebenfalls Anklage erhebt, jedoch mit völlig anderen künstlerischen Mitteln. (s. nächster Beitrag)
In der Fondation Beyerle in Basel ist eine große Sammlung von Werken der kolumbianischen Künstlerin Doris Salcedo zu erleben. Sie ist bekannt dafür, Gewalt und Schmerz darzustellen, diese jedoch niemals explizit zu zeigen.
So findet sich im großen Saal über den ganzen Boden eine Installation, bei der bisher unbekannten Opfern, die bei der Flucht über das Mittelmeer nach Europa aus überfüllten havarierten Booten ertrunken sind, mit ihren Namen postum Würde zurück gegeben wird. Aus winzigen Düsen tritt Wasser in Form der Buchstaben wechselnd an die Oberfläche, symbolisch für die Erde, die weint.
In einem anderen Werk finden sich kleine Nischen in der Wand, die jeweils mit dünnen Tierhäuten halb durchscheinend verschlossen wurden. Darin sind einzelne Schuhe oder Paare, größtenteils von Frauen, die Doris Salcedo über Jahre von unbekannt verschwundenen Menschen in ihrem Heimatland Kolumbien gesammelt hat.
Schon bei der Sharjah Biennale 2023 erhielt die Künstlerin einen Preis für ihr faszinierendes Haus aus Bäumen zum Thema Migration wegen Klimawandel, das auch jetzt in Basel den Ausstellungskatalog umhüllt.
Zwei Künstler*Innen im gleichen Haus der Fondation Beyerle, beide aufwühlende Anklagen an eine ungerechte gewaltvolle Welt, und doch so unterschiedlich in der Darstellung:
Da ist der laut schreiende Protest von Jean Michel Basquiat und im anderen Ausstellungsflügel finden sich die leisen, aber emotional aufwühlenden Töne der Werke von Doris Salcedo: ein großartiger künstlerischer Kontrast.
Ein modernes künstlerisches Juwel zum 375ten Jubiläum des Wesphälischen Friedens
Osnabrück feiert sich als Friedensstadt und hat den erst 36 jährigen Ibrahim Mahama aus Tamale im Norden Ghanas eingeladen, auch hier eines seiner weltweit berühmten Verhüllungskunstwerke zu installieren.
Das Ergebnis ist ein gigantischer Vorhang aus gebrauchten Jutesäcken und handgewebten Stoffen, der das verlassene ehemalige Kaufhaus am Neumarkt wunderschön und inhaltlich relevant verkleidet. Die Jutesäcke symbolisieren Handelswege zwischen der Heimat des Künstlers in Ghana und weit entfernten Ländern. Kakaobohnen, Kaffee oder Kohle wurden von Arbeitern schweißtreibend darin transportiert. Deren Spuren inklusive Aufdrucken sind Dokumente hiervon.
Die Materialien sind nachhaltig, weil sie schon so vielfältig genutzt wurden, erst für den Warentransfer, jetzt als Kunstwerke.
Erstmals kombiniert treffen sie in Osnabrück auf die strahlend blauen traditionell in Ghana gewebten Streifenstoffbahnen. Darauf appliziert erzählen traditionelle Kleider ebenfalls von der westafrikanischen Kultur. Das Kunstwerk verschönert den trostlosen Bau gegenüber dem Landgericht in eine prächtige Pralinenschachtel der europäisch-afrikanischen Verbundenheit. Doch Kunst im öffentlichen Raum produziert offensichtlich auch hier sofort Kommentare in der Bevölkerung, die sich im Netz unter Anonymität als bösartige Hasstiraden verbreiten. Ist Osnabrück letztlich den Ruf als fröhliche offene Friedensstadt dabei zu verlieren?
Der Neumarkt ist seit langem ein Dorn im Auge der Stadt. Beispielhaft ist das Scheitern mehrerer Kaufhäuser seit 1955, dazu ein angeblicher Bauskandal um ein geplantes überflüssiges Shopping Center und das dortige permanente Verkehrschaos. Jetzt gibt es endlich ein Highlight an dem ungeliebten Ort.
Documenta 14, 2015
Mehrere Teilflächen hingen schon bei der Kunstbiennale in Venedig 2015, auf der Dokumenta 14 in Kassel und Athen 2017 oder auf der diesjährigen Biennale in Sharjah in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Somit sind sie auch reisende Botschafter der Kunst und Verständigung.
Sharjah Biennale 2023
Auch in Berlin an der liebevoll genannten „Schwangeren Auster“, dem Haus der Kulturen der Welt ist gerade die Freitreppe von Ibrahim Mahama verhüllt worden. Allerdings wirkt die Installation im Vergleich lange nicht so strahlend und aussagestark wie das funkenlde Osnabrücker Pendant.
Spannend wird es bestimmt, wenn das Kunstwerk „Transit(s)“ in Osnabrück am 2. Oktober wieder abgehängt wird. Werden es dann womöglich auch die heutigen Kritiker schmerzlich vermissen, wenn sie wieder auf das alte darunter versteckte triste Bauwerk schauen müssen?
Doch bis dahin lohnt sich -gerade für Kunstliebhaber, die spätestens seit der Documenta 15 gemerkt haben, dass inzwischen faszinierende neue Kunst aus dem globalen Süden stammt, ein Ausflug in die niedersächsische kleine Großstadt absolut.
Vor einiger Zeit wurde in diesem Blog der Nobelpreisträger für Quantenphysik Anton Zeilinger besprochen wegen seiner Rolle bei der Documenta 13 als Beispiel für die „Verschlungenheit“ von Kunst und Naturwissenschaft.
Der Künstler Piet Truhlar nennt sein Kunstwerk „Indifferentia – 3 Projektoren und 3 Laptops“ und zeigt es in der oberen Etage des Fotogeschäfts DRS in der Lützowstr. 33.
Hört sich zunächst sachlich profan an, doch das Künstlerische hierbei ist das Konzept hinter allem.
Der Künstler berichtet, ihn habe ein Buch zweier Brüder beeindruckt: die Brüder Grün: der eine Franziskaner-Mönch, der andere Quantenphysiker. Sie diskutierten – auch in einem You Tube-Interview – über einen möglichen Zusammenhang zwischen christlicher Spiritualität und der so unvorstellbaren Quantenphysik. Das Entanglement, die Verschlungenheit von kleinsten subatomaren Teilchen mit der Fähigkeit zu nicht messbarer Informationsübertragung über lange Strecken ohne Strahlung, Wellen oder Photone ist ein bewiesenes naturwissenschaftlich mathematisches Phänomen, doch unser menschliches Vorstellungsvermögen bleibt hierfür überfordert. Ist hier vielleicht etwas Göttliches im Spiel? Das philosophische Thema der beiden unterschiedlichen Brüder ist der Zufall. Haben wir uns nicht alle schon mal über glückliche Zufälle gewundert? Sind sie wirklich zufällig oder doch einem höheren Plan entsprechend? Oder pure Physik?
Künstlerisch stellt Piet Truhlar das Thema durch sich im 3 dimensionalen Raum überschneidende Projektionen dar: Gesichter, unbelebte Strukturen und tanzende Menschen. Die Kombination ist immer zufällig…….. und doch entsteht der Eindruck, dass vieles ungeheuer stark zusammen passt.
In der Mitte stehen groß die technischen Geräte, aufgebaut zu einem Turm wie eine Skulptur um die technisch physikalische Welt zu symbolisieren.
Im wahrsten Sinn ist dies zusammen ein „Denk-Mal!“
Erneut geht es im Hamburger Bahnhof um „Verschlungenheit“. Bei Christina Quarles sind es erkennbare Körper, bei Eva Fabregas eher abstrahierte Liebende.
Der spanischen Künstlerin aus Barcelona ist es ausgesprochen genial geglückt, die riesige kalte harte Bahnhofshalle des Museums in einen soften geschmeidigen und stillen Raum zu verwandeln. Sie berichtet selbst, dass sie nach der Einladung der Direktoren Sam Bardaouil und Till Fellrath und erster Besichtigung der Halle schockiert und zweifelnd war, ob sie der Aufgabe gewachsen sei. Neben dem Industriecharakter machte ihr auch die Akustik Kopfzerbrechen.
Es sind 70 einzelne Skulpturen, textile Schläuche, gefüllt mit unterschiedlichen Bällen in weichen Pastellfarben. So bleibt letzlich das Hauptmaterial LUFT.
Bewegen sie sich vielleicht? Atmen sie? Sind sie lebendig? ….könnte man fragen und möchte am liebsten eintauchen und mit ihnen spielen. Doch nein! Auch Kinder dürfen sich nicht in den Werken tummeln, so verführerisch es auch wirkt. Eigentlich schade. Doch es bleibt auch so ein sinnlich schönes Kunsterlebnis.
Es ist erst die zweite Ausgabe der Helsinki Biennale. Ein so neuer Kunst-Event macht unglaublich neugierig, zumal in diesem Jahr keine der klassischen anderen Großausstellungen stattfinden.
Kuratiert wurde sie von Joasia Krysa aus dem UK mit polnischen Wurzeln, aber mit internationalen Erfahrungen schon seit sie 2012 kuratorisch bei der Documenta 13 tätig war. Ihr ist hier ein kleines Juwel geglückt.
Die Biennale findet vor allem auf der Hesinki vorgelagerten Insel Vallisaari statt mit seiner nahezu unberührten Natur. Die bewaldete felsig hügelige Insel war lange erst schwedisches und später bis 1917 russisches Militär-Territorium, wovon auch wie Hügel gestaltete und durch Bewachsung getarnte halb unterirdische Gebäude zeugen. Später übernahm nach der Unabhängigkeit das finnische Militär diesen Stützpunkt als Munitionslager. 1937 erschütterte eine ungewollte Explosion wahrscheinlich in einem Sprengstoff-Depot die Insel, weshalb die eine Hälfte immer noch nicht zugänglich ist. Niemand wisse genau, was wo aus welchen militärischen Episoden noch gelagert sei. Erst seit 2016 dürfen Zivilpersonen die – halbe – Insel besuchen.
Aktuell reihen sich hier auf dem etwa 3 km langen Rundweg mit viel Auf und Ab die Werke der Künstler wie Perlen an einer Schnur aneinander.
Sasha Huber and Petri Saarikko: „Remedies“
Mitten auf Vallisaari ist ein kleiner See. Ursprünglich von den russischen Besatzern ausgehoben als Süsswasserreservoir ist es jetzt ein idyllischer Ort mit klarem Wasser…… oder doch nicht? Da sprudelt etwas Unbekanntes Nebeliges bedrohlich aus der Tiefe und wabert über die Oberfläche. Niemand weiß genau, welche verbotenen russischen Stoffe noch zurückgelassen wurden. Die Fantasie bildet die Vorlage und das Konzept für dieses naturnahe Nebelkunstwerk der Schweizer Künstlerin Sasha und ihrem für die Technik zuständigen Partner Petri.
Alma Heikkilä (Helsinki): In einem kleinen Zelt steht eine weiße Pilz-artige Skulptur aus Gips, die aufgrund von Mikrobenbesiedlungen und Regenwasser während des Sommers ihre Farbe mehrfach verändern soll
Suzanne Treister (London): Futuristische Zeichnungen in einem kleinen Häuschen sollen Visionen zeigen, wie auch in einer unbestimmten Zukunft auf der Erde oder in einem anderen Universum ein alternatives Überleben gesichert werden könnte.
Adrián Villar Rojas (Argentinien): Bekannt ist er von der Documenta 13 und der Biennale 2011, wo er große und großartige Gips/Beton-Skulpturen im Weinberg bzw. Arsenale gebaut hatte. Seine Beiträge für Helsinki sind jedoch sehr klein und unauffällig. Er düpiert die Besucher, indem er die 15 Werke auf dem 3 km langen Wanderweg im Wald auf Vallisaari an Bäumen versteckt, wo sie sich fast symbiotisch mit den Stämmen verbinden, so dass es für BesucherInnen ein schwierige Suchaktion wird. Inspiriert sind sie von den Nestbauarbeiten der Hornero Vögel, die aus Schlamm ihre Nester wie kleine Ton-Öfen gestalten.
Emilija Škarnulytė (Littauen): präsentiert Unterwasser-Videos mit Schönheiten der Natur in einem halb unterirdischen Haus, womöglich einem ehemaligen Sprengstofflager.
Sie zeigt Phänomene, die üblicherweise nicht sichtbar sind, z.B. in der Tiefsee. Der Titel „Hypoxia“ bezieht sich auf die dort sauerstoff-freie Umgebung. Aber auch andere optisch beeindruckende Bilder wie die Wasserblühte nach der North-Stream-Explosion faszinieren! Und es sind keine Methan-bubbles!
KEIKEN: Künstlerkollektiv (London/Berlin). Die Gruppe baute ein Häuschen auf dem Steg, der Vallisaari mit seiner Nachbarinsel verbindet. Der besondere Ort bietet von hier einen Blick ins freie Meer. Es stellt ein Portal in eine andere spekulative Welt hinter jeder gesicherten Erfahrung dar.
Doch auch im Helsinki Art Museum und in der City finden sich Beiträge der Biennale.
Bita Razavi: (Estland/Finnland) hat ihre Spinnen-Druckmaschine aus dem Estland-Pavillon bei der Biennale in Venedig 2022 erneut aufgebaut. Der Titel „Kratt“ soll an eine mythologische Figur aus estländischer Folklore erinnern. Wunderschöne botanische Zeichnungen oben, sowie zerstörte Landschaftsbilder aus niederländisch Ost-Indien im unteren Bereich der kinetischen Skulptur betonen die zerstörerischen Folgen der Kolonialzeit.
Zhengh Mahler: (Künstlerpaar ausHongkong/China)hat ein riesiges Grafity-Bild gestaltet, das in dem tiefen Fahrrad-Kanal, der sich durch Helsinki zieht, montiert ist. Motive sind eine Fantasy-Bodengemeinschaft im Erdreich aus Kleinstlebewesen wie Bakterien oder Würmer, zusammen mit erfundenen Wirbeltieren; nein keine richtigen Ratten, doch eigentlich schon hässlich, wenn nicht alles in leuchtenden Farben dargestellt wäre.
Joasia Krysa berichtet bei der Eröffnung ebenfalls stolz, dass ihre „Lehrerin“, die Kuratorin der Documenta 13, Carolyn Christov-Bakargiev wenige Tage vor Eröffnung diese Biennale besucht und sich sofort begeistert mehrere Künstlerkontakte notiert habe. Offensichtlich war sie sehr zufrieden mit der kuratorischen Leistung der jungen Kollegin.
In der Berlinischen Galerie werden raumfüllende Werke des Berliner Künstlers Julius von Bismarck (Jg 1963) ausgestellt, die er in Auseinandersetzung mit dem großen Familiennamen kreiert hat. Der erste deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck (1815 bis 1898) war sein Urururgroßonkel und ihm begegnen wir heute überall in der Welt. Nach ihm sind z.B. ein Meer, ein Hering, eine Pflanze und zahlreiche Straßen sowie Denkmäler benannt worden. In Göttingen allerdings wurde der damalige Student Otto unehrenhaft in ein Häuschen verbannt, das außen an der Stadtmauer gebaut ist, weil er wegen zu lautem Feiern, groben Unfugs und Raufereien nicht mehr im Stadtkern geduldet wurde. Doch seinen Namen hat das Haus bis heute: das Bismarckhäuschen.
Der Urururgroßneffe Julius von Bismarck zeigt im ersten Ausstellungsraum ein riesiges Tuch, bemalt mit abstrahierten Wellen. Auf einer Fotographie daneben sieht man es auf dem Meer schwimmen, und zwar in der Bismarck-Sea nahe Papua-Neu Ghinea.
Ein weiterer Raum hängt voller riesiger getrockneter und gepresster exotischer Pflanzenblätter, eines davon stammt von der Bismarck-Palme (Bismarckia nobilis), die ursprünglich aus Madagaskar stammt.
Julius von Bismarck sieht sich nicht als Bewunderer, der sich mit dem berühmten Namen schmücken möchte, er habe aber festgestellt, dass dieser Name doch so prägnant ist, dass er ihn künstlerisch dekonstruieren sollte. Seine Intention liegt vielmehr darin, die Natur neu zu bewerten, unsere üblichen Wahrnehmungen und Kontextualisierungen zu konterkarieren. Die Pflanzen hat er der dritten Dimension beraubt und trotzdem bekommen sie auf diese Weise eine überwältigende, machtvoll erhabene Dimension. Warum holen wir uns eigentlich so exotische Pflanzen ins Haus? Die Domestizierung der Natur wird von Julius von Bismarck deutlich infrage gestellt.
Die Rezeption der geschichtlichen Person des Otto von Bismarck zu verändern und neu bewerten zu lassen ist dem Künstler ein wesentliches Anliegen. So engagiert er sich z.B. dafür, dass die Bismarck-Sea den Namen verliert. Angeblich gibt es 12 Bismarckstraßen allein in Berlin. Auch deren Umbenennung möchte er helfen zu realisieren .
Otto von Bismarck gilt als extrem wichtiger Politiker der Kolonialisierung im 19. Jahrhundert. Im Rahmen heutiger Neubetrachtung gilt aber auch, dass er eigentlich nichts davon hielt, dass der Kaiser Wilhelm II Kolonien besitzen wollte. Er hielt das für Fehlinvestitionen. Richtig ist aber, dass Bismarck alle Kolonialmächte 1884 zu einer Afrika-Konferenz nach Berlin einlud, wo letztlich der afrikanische Kontinent unter den europäischen Mächten aufgeteilt und die Grenzen festgeschrieben wurden, alles ohne jegliche Beteiligung der ursprünglichen Einwohner. Bismarck wollte wohl im wesentlichen Ordnung in das Treiben der Kolonialmächte bringen, damit sie sich nicht noch gegenseitig in Grenzkonflikten bekriegen müssten. Auch das wäre kraftzehrend und unproduktiv. Otto von Bismarck war vorrangig ein Verwalter. Auch seine damals innovativen und bis heute teils gültigen Sozialgesetze zielten auf ein geordnetes friedliches Miteinander ohne auszehrende kämpferische Auseinandersetzungen.
Aus heutiger Sicht ist das Kolonialisieren, also Unterwerfen, Ausbeuten und Töten anderer Völker zutiefst verwerflich und so muss auf jeden Fall die hohe Verehrung eines wesentlich daran Beteiligten beendet werden.
Julius von Bismarck stürzt Otto symbolisch vom Sockel. Ein fast lebensgroßes nachgebautes Reiterdenkmal, wie es in Bremen steht, zerlegt er in Einzelsegmente, die wie eine Wackelfigur in sich zusammenfallen, wenn man von unten auf einen Knopf drückt. Ihm zur Seite stellt er mit gleichem Mechanismus eine Giraffe, ein Stück Natur und deutlich größer als der Mensch.
Sind wir nicht immer noch Kolonialisierer, indem wir die Natur unseren Wünschen unterwerfen und sie herausgerissen aus ihrer natürlichen Umgebung ebenso missachten wie früher die Kolonialisten die Menschen in Afrika?
Julius von Bismarck in der Berlinischen Galerie bis 14.8.2023
(Goethe und Schiller wackeln bereits seit 1999 auf ihrem Sockel in Europas Kulturhauptstadt Weimar.)
Die kleine Stadt im Harz verleiht seit 1975 jährlich den Kaiserring an besondere Persönlichkeiten der Kunstszene und alle kommen hierher, obwohl kein Preisgeld damit verbunden ist. Eine Bildergalerie im Eingangsbereich des Mönchehausmuseums zeigt sie komplett vereint: beginnend mit Henry Moore über Gerhard Richter, Olafur Elliasson, Sigmar Polke bis Isaac Julien. Aktuell werden hier Neuerwerbungen der Stadt von Kaiserringträgern gezeigt und das sind viele große Namen.
Zur Zeichnung von Christo (1987) steht im Museumshof sogar die als Vorbild dienende Lore in einem gläsernen Pavillon.
Hier im Garten finden sich auch inzwischen hochgewachsene Eichen, die durch den Basaltstein daneben als Kunstobjekt von Joseph Beuys (1979) gekennzeichnet sind.
William Kentridge (2003) ist mit einem Animationsfilm aus seinen typischen Kohlezeichnungen vertreten, wobei seine Thematisierung der schwierigen Zustände im südafrikanischen Bergbau und die Harzer Bergbauregion Bezüge zueinander ermöglichen.
Christian Boltanski erhielt 2001 den Kaiserring. Er bereichert das Museum dauerhaft mit gebrauchten Schuhen, die er an Fäden von der Decke hängen lässt. Seine Intension war, die Erinnerungen der -verstorbenen – Menschen nicht so schnell verblassen zu lassen. Ob er wohl auch die Geschichten über Till Eulenspiegel (Erstveröffentlichung 1510) kannte, der genau in der Region des Museums, nämlich in und um Braunschweig herum seine Scherze getrieben haben soll? Z.B. forderte er Bürger auf ihm ihre linken Stiefel abzugeben, die er später wild durcheinander auf den Marktplatz purzeln ließ?
Olafur Eliassons (2013) Kaleidoskop und die Gemälde von Viktor Vasarely (1978) sind farbenfrohe fröhliche Werke, die die Ausstellung bereichern.
Über Eduardo Chillida (1985) und Isaak Julien (2022) wurde in diesem Block bereits berichtet.
„Ringe sind’s, die eine Kette machen“ noch bis 25. Juni
In den Hamburger Deichtorhallen erwecken die großformatigen farbigen Gemälde aus „Haushaltslack“ der Künstlerin aus New York sofort Freude und ein Lächeln auf den Lippen. Die klare cleane grafische Unterteilung mit den bunten Feldern ist für unsere heutigen Augen ein bekanntes und beliebtes Schema, allerdings bereits seit etwa 100 Jahren. Gerade wurde in der großen Mondrian-Ausstellung in Wolfsburg gezeigt, wie seine damals revolutionäre auf Gitter und farbige einzelne Flächen reduzierte Abstraktion bis heute durchgehend beliebt ist. Viele heutige Kunstwerke sind von ihm geprägt. So auch die von Sarah Morris. Die Perfektion und vielfältige Wiederholung ähnlicher Strukturen könnte fast Glauben machen, sie seien von einer KI generiert nach zusätzlichem Einbau der PopArt der 1960ger Jahre.
Die Künstlerin berichtet jedoch von einem anderen Schaffensprozess.
In Hamburg wird auch ihr komplettes Film-Werk gezeigt. In den zwei Boxen kann man natürlich nicht rasch in viele Filme hineinschauen. Daher sei beispielhaft „Los Angeles“ beschrieben. Es handelt sich um eine Aneinanderreihung unterschiedlicher kurzer Filmsequenzen, die Szenen aus der Stadt und der Gala zur Oscarverleihung, hier aus der Vorbereitung, aber auch von Stars zeigt. Für Zuschauer bleibt die Aufgabe, sich aus dem kommentarlosen Kaleidoskop ein Bild über die Stadt zusammenzusetzen.
Sarah Morris beschrieb bei der jetzigen Eröffnung, dass sich bei ihr spontan während der Arbeit am Film vor ihrem inneren Auge die Abstraktion der Stadt entwickelte, die sie dann in den grafischen Gemälden ausdrückt.
Braucht es wirklich diese intellektualisierte Beschreibung? Zumindest in den USA treffen die Bilder den Zeitgeschmack bestimmt: dekorative Kunst ohne hintergründige Problematisierung. Und ist das nicht völlig legitim, auch bei uns?
Richtig interessant sind aber auf jeden Fall collagierte Filmplakate die die Künstlerin ebenfalls ausstellt.
Die Deichtorhallen haben mit dieser Ausstellung einen Augenschmaus gewonnen, der sicher für große Besucherströme sorgen wird.
Sarah Morris „All Systems Fail“ bis 20.August 2023
Ein Besuch im Atelier einer weltweit gefeierten Künstlerin ist etwas sehr Besonderes. Hier spührt und riecht man, wie die Werke entstehen. Modelle sind zu sehen, die Ausstellungsräume darstellen, wo die Hängung geprobt wird. Es sind Farbeimer und Leinwände überall, die sehnsüchtig darauf warten, zu einem dieser wunderbaren Kunstwerke zu werden.
Als Besonderheit kommt die Begegnung mit der Erschafferin dieser Bilder und Objekte hinzu, wodurch Intention, Entwicklung und Werdegang zusammen mit ihrer Persönlichkeit den Werken zusätzliche Lebendigkeit verleihen.
Hier ist es Katharina Grosse, die in Berlin ihr Atelier öffnete und einen fröhlich charmanten völlig unprätentiösen Einblick in ihre Arbeit gewährte.
Die Künstlerin ist inzwischen weltweit berühmt geworden mit ihren farbenprächtigen Installationen, bei denen sie mit ihrer überlangen Sprühdüse auf Leinwände, Stoffplanen, Steropor-Eisberge oder direkt auf Landschaften eindrucksvoll Farbe in ihrer typischen Gestaltungsweise verbreitet.
Frau Grosse plaudert entspannt darüber, dass sie z.B. keineswegs aus der Sprayerszene käme sondern vielmehr aus der Landschaftsmalerei. Zuvor habe sie auch Filme gedreht oder Musik gemacht, doch gefunden habe sie sich in der Malerei. Dabei möchte sie die Farbe auf einen Blick wirken lassen. Die Betrachter sollten keine Geschichte von links nach rechts suchen und entdecken müssen, sondern sofort die Farbigkeit emotional erleben. Ein Stilmittel ist auch ihre Beschränkung auf 6 kräftige Farben, was zum Wiedererkennungseffekt beiträgt.
Warum sie diesen großen Erfolg erreicht habe? Sie kann es auch nicht erklären, freue sich aber, denn so könne sie zunehmend auch junge Talente fördern durch Aufbau von einer Art Stipendiaten-Ateliers.