Erneut geht es im Hamburger Bahnhof um „Verschlungenheit“. Bei Christina Quarles sind es erkennbare Körper, bei Eva Fabregas eher abstrahierte Liebende.
Der spanischen Künstlerin aus Barcelona ist es ausgesprochen genial geglückt, die riesige kalte harte Bahnhofshalle des Museums in einen soften geschmeidigen und stillen Raum zu verwandeln. Sie berichtet selbst, dass sie nach der Einladung der Direktoren Sam Bardaouil und Till Fellrath und erster Besichtigung der Halle schockiert und zweifelnd war, ob sie der Aufgabe gewachsen sei. Neben dem Industriecharakter machte ihr auch die Akustik Kopfzerbrechen.
Es sind 70 einzelne Skulpturen, textile Schläuche, gefüllt mit unterschiedlichen Bällen in weichen Pastellfarben. So bleibt letzlich das Hauptmaterial LUFT.
Bewegen sie sich vielleicht? Atmen sie? Sind sie lebendig? ….könnte man fragen und möchte am liebsten eintauchen und mit ihnen spielen. Doch nein! Auch Kinder dürfen sich nicht in den Werken tummeln, so verführerisch es auch wirkt. Eigentlich schade. Doch es bleibt auch so ein sinnlich schönes Kunsterlebnis.
Es ist erst die zweite Ausgabe der Helsinki Biennale. Ein so neuer Kunst-Event macht unglaublich neugierig, zumal in diesem Jahr keine der klassischen anderen Großausstellungen stattfinden.
Kuratiert wurde sie von Joasia Krysa aus dem UK mit polnischen Wurzeln, aber mit internationalen Erfahrungen schon seit sie 2012 kuratorisch bei der Documenta 13 tätig war. Ihr ist hier ein kleines Juwel geglückt.
Die Biennale findet vor allem auf der Hesinki vorgelagerten Insel Vallisaari statt mit seiner nahezu unberührten Natur. Die bewaldete felsig hügelige Insel war lange erst schwedisches und später bis 1917 russisches Militär-Territorium, wovon auch wie Hügel gestaltete und durch Bewachsung getarnte halb unterirdische Gebäude zeugen. Später übernahm nach der Unabhängigkeit das finnische Militär diesen Stützpunkt als Munitionslager. 1937 erschütterte eine ungewollte Explosion wahrscheinlich in einem Sprengstoff-Depot die Insel, weshalb die eine Hälfte immer noch nicht zugänglich ist. Niemand wisse genau, was wo aus welchen militärischen Episoden noch gelagert sei. Erst seit 2016 dürfen Zivilpersonen die – halbe – Insel besuchen.
Aktuell reihen sich hier auf dem etwa 3 km langen Rundweg mit viel Auf und Ab die Werke der Künstler wie Perlen an einer Schnur aneinander.
Sasha Huber and Petri Saarikko: „Remedies“
Mitten auf Vallisaari ist ein kleiner See. Ursprünglich von den russischen Besatzern ausgehoben als Süsswasserreservoir ist es jetzt ein idyllischer Ort mit klarem Wasser…… oder doch nicht? Da sprudelt etwas Unbekanntes Nebeliges bedrohlich aus der Tiefe und wabert über die Oberfläche. Niemand weiß genau, welche verbotenen russischen Stoffe noch zurückgelassen wurden. Die Fantasie bildet die Vorlage und das Konzept für dieses naturnahe Nebelkunstwerk der Schweizer Künstlerin Sasha und ihrem für die Technik zuständigen Partner Petri.
Alma Heikkilä (Helsinki): In einem kleinen Zelt steht eine weiße Pilz-artige Skulptur aus Gips, die aufgrund von Mikrobenbesiedlungen und Regenwasser während des Sommers ihre Farbe mehrfach verändern soll
Suzanne Treister (London): Futuristische Zeichnungen in einem kleinen Häuschen sollen Visionen zeigen, wie auch in einer unbestimmten Zukunft auf der Erde oder in einem anderen Universum ein alternatives Überleben gesichert werden könnte.
Adrián Villar Rojas (Argentinien): Bekannt ist er von der Documenta 13 und der Biennale 2011, wo er große und großartige Gips/Beton-Skulpturen im Weinberg bzw. Arsenale gebaut hatte. Seine Beiträge für Helsinki sind jedoch sehr klein und unauffällig. Er düpiert die Besucher, indem er die 15 Werke auf dem 3 km langen Wanderweg im Wald auf Vallisaari an Bäumen versteckt, wo sie sich fast symbiotisch mit den Stämmen verbinden, so dass es für BesucherInnen ein schwierige Suchaktion wird. Inspiriert sind sie von den Nestbauarbeiten der Hornero Vögel, die aus Schlamm ihre Nester wie kleine Ton-Öfen gestalten.
Emilija Škarnulytė (Littauen): präsentiert Unterwasser-Videos mit Schönheiten der Natur in einem halb unterirdischen Haus, womöglich einem ehemaligen Sprengstofflager.
Sie zeigt Phänomene, die üblicherweise nicht sichtbar sind, z.B. in der Tiefsee. Der Titel „Hypoxia“ bezieht sich auf die dort sauerstoff-freie Umgebung. Aber auch andere optisch beeindruckende Bilder wie die Wasserblühte nach der North-Stream-Explosion faszinieren! Und es sind keine Methan-bubbles!
KEIKEN: Künstlerkollektiv (London/Berlin). Die Gruppe baute ein Häuschen auf dem Steg, der Vallisaari mit seiner Nachbarinsel verbindet. Der besondere Ort bietet von hier einen Blick ins freie Meer. Es stellt ein Portal in eine andere spekulative Welt hinter jeder gesicherten Erfahrung dar.
Doch auch im Helsinki Art Museum und in der City finden sich Beiträge der Biennale.
Bita Razavi: (Estland/Finnland) hat ihre Spinnen-Druckmaschine aus dem Estland-Pavillon bei der Biennale in Venedig 2022 erneut aufgebaut. Der Titel „Kratt“ soll an eine mythologische Figur aus estländischer Folklore erinnern. Wunderschöne botanische Zeichnungen oben, sowie zerstörte Landschaftsbilder aus niederländisch Ost-Indien im unteren Bereich der kinetischen Skulptur betonen die zerstörerischen Folgen der Kolonialzeit.
Zhengh Mahler: (Künstlerpaar ausHongkong/China)hat ein riesiges Grafity-Bild gestaltet, das in dem tiefen Fahrrad-Kanal, der sich durch Helsinki zieht, montiert ist. Motive sind eine Fantasy-Bodengemeinschaft im Erdreich aus Kleinstlebewesen wie Bakterien oder Würmer, zusammen mit erfundenen Wirbeltieren; nein keine richtigen Ratten, doch eigentlich schon hässlich, wenn nicht alles in leuchtenden Farben dargestellt wäre.
Joasia Krysa berichtet bei der Eröffnung ebenfalls stolz, dass ihre „Lehrerin“, die Kuratorin der Documenta 13, Carolyn Christov-Bakargiev wenige Tage vor Eröffnung diese Biennale besucht und sich sofort begeistert mehrere Künstlerkontakte notiert habe. Offensichtlich war sie sehr zufrieden mit der kuratorischen Leistung der jungen Kollegin.
In der Berlinischen Galerie werden raumfüllende Werke des Berliner Künstlers Julius von Bismarck (Jg 1963) ausgestellt, die er in Auseinandersetzung mit dem großen Familiennamen kreiert hat. Der erste deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck (1815 bis 1898) war sein Urururgroßonkel und ihm begegnen wir heute überall in der Welt. Nach ihm sind z.B. ein Meer, ein Hering, eine Pflanze und zahlreiche Straßen sowie Denkmäler benannt worden. In Göttingen allerdings wurde der damalige Student Otto unehrenhaft in ein Häuschen verbannt, das außen an der Stadtmauer gebaut ist, weil er wegen zu lautem Feiern, groben Unfugs und Raufereien nicht mehr im Stadtkern geduldet wurde. Doch seinen Namen hat das Haus bis heute: das Bismarckhäuschen.
Der Urururgroßneffe Julius von Bismarck zeigt im ersten Ausstellungsraum ein riesiges Tuch, bemalt mit abstrahierten Wellen. Auf einer Fotographie daneben sieht man es auf dem Meer schwimmen, und zwar in der Bismarck-Sea nahe Papua-Neu Ghinea.
Ein weiterer Raum hängt voller riesiger getrockneter und gepresster exotischer Pflanzenblätter, eines davon stammt von der Bismarck-Palme (Bismarckia nobilis), die ursprünglich aus Madagaskar stammt.
Julius von Bismarck sieht sich nicht als Bewunderer, der sich mit dem berühmten Namen schmücken möchte, er habe aber festgestellt, dass dieser Name doch so prägnant ist, dass er ihn künstlerisch dekonstruieren sollte. Seine Intention liegt vielmehr darin, die Natur neu zu bewerten, unsere üblichen Wahrnehmungen und Kontextualisierungen zu konterkarieren. Die Pflanzen hat er der dritten Dimension beraubt und trotzdem bekommen sie auf diese Weise eine überwältigende, machtvoll erhabene Dimension. Warum holen wir uns eigentlich so exotische Pflanzen ins Haus? Die Domestizierung der Natur wird von Julius von Bismarck deutlich infrage gestellt.
Die Rezeption der geschichtlichen Person des Otto von Bismarck zu verändern und neu bewerten zu lassen ist dem Künstler ein wesentliches Anliegen. So engagiert er sich z.B. dafür, dass die Bismarck-Sea den Namen verliert. Angeblich gibt es 12 Bismarckstraßen allein in Berlin. Auch deren Umbenennung möchte er helfen zu realisieren .
Otto von Bismarck gilt als extrem wichtiger Politiker der Kolonialisierung im 19. Jahrhundert. Im Rahmen heutiger Neubetrachtung gilt aber auch, dass er eigentlich nichts davon hielt, dass der Kaiser Wilhelm II Kolonien besitzen wollte. Er hielt das für Fehlinvestitionen. Richtig ist aber, dass Bismarck alle Kolonialmächte 1884 zu einer Afrika-Konferenz nach Berlin einlud, wo letztlich der afrikanische Kontinent unter den europäischen Mächten aufgeteilt und die Grenzen festgeschrieben wurden, alles ohne jegliche Beteiligung der ursprünglichen Einwohner. Bismarck wollte wohl im wesentlichen Ordnung in das Treiben der Kolonialmächte bringen, damit sie sich nicht noch gegenseitig in Grenzkonflikten bekriegen müssten. Auch das wäre kraftzehrend und unproduktiv. Otto von Bismarck war vorrangig ein Verwalter. Auch seine damals innovativen und bis heute teils gültigen Sozialgesetze zielten auf ein geordnetes friedliches Miteinander ohne auszehrende kämpferische Auseinandersetzungen.
Aus heutiger Sicht ist das Kolonialisieren, also Unterwerfen, Ausbeuten und Töten anderer Völker zutiefst verwerflich und so muss auf jeden Fall die hohe Verehrung eines wesentlich daran Beteiligten beendet werden.
Julius von Bismarck stürzt Otto symbolisch vom Sockel. Ein fast lebensgroßes nachgebautes Reiterdenkmal, wie es in Bremen steht, zerlegt er in Einzelsegmente, die wie eine Wackelfigur in sich zusammenfallen, wenn man von unten auf einen Knopf drückt. Ihm zur Seite stellt er mit gleichem Mechanismus eine Giraffe, ein Stück Natur und deutlich größer als der Mensch.
Sind wir nicht immer noch Kolonialisierer, indem wir die Natur unseren Wünschen unterwerfen und sie herausgerissen aus ihrer natürlichen Umgebung ebenso missachten wie früher die Kolonialisten die Menschen in Afrika?
Julius von Bismarck in der Berlinischen Galerie bis 14.8.2023
(Goethe und Schiller wackeln bereits seit 1999 auf ihrem Sockel in Europas Kulturhauptstadt Weimar.)
Die kleine Stadt im Harz verleiht seit 1975 jährlich den Kaiserring an besondere Persönlichkeiten der Kunstszene und alle kommen hierher, obwohl kein Preisgeld damit verbunden ist. Eine Bildergalerie im Eingangsbereich des Mönchehausmuseums zeigt sie komplett vereint: beginnend mit Henry Moore über Gerhard Richter, Olafur Elliasson, Sigmar Polke bis Isaac Julien. Aktuell werden hier Neuerwerbungen der Stadt von Kaiserringträgern gezeigt und das sind viele große Namen.
Zur Zeichnung von Christo (1987) steht im Museumshof sogar die als Vorbild dienende Lore in einem gläsernen Pavillon.
Hier im Garten finden sich auch inzwischen hochgewachsene Eichen, die durch den Basaltstein daneben als Kunstobjekt von Joseph Beuys (1979) gekennzeichnet sind.
William Kentridge (2003) ist mit einem Animationsfilm aus seinen typischen Kohlezeichnungen vertreten, wobei seine Thematisierung der schwierigen Zustände im südafrikanischen Bergbau und die Harzer Bergbauregion Bezüge zueinander ermöglichen.
Christian Boltanski erhielt 2001 den Kaiserring. Er bereichert das Museum dauerhaft mit gebrauchten Schuhen, die er an Fäden von der Decke hängen lässt. Seine Intension war, die Erinnerungen der -verstorbenen – Menschen nicht so schnell verblassen zu lassen. Ob er wohl auch die Geschichten über Till Eulenspiegel (Erstveröffentlichung 1510) kannte, der genau in der Region des Museums, nämlich in und um Braunschweig herum seine Scherze getrieben haben soll? Z.B. forderte er Bürger auf ihm ihre linken Stiefel abzugeben, die er später wild durcheinander auf den Marktplatz purzeln ließ?
Olafur Eliassons (2013) Kaleidoskop und die Gemälde von Viktor Vasarely (1978) sind farbenfrohe fröhliche Werke, die die Ausstellung bereichern.
Über Eduardo Chillida (1985) und Isaak Julien (2022) wurde in diesem Block bereits berichtet.
„Ringe sind’s, die eine Kette machen“ noch bis 25. Juni
In den Hamburger Deichtorhallen erwecken die großformatigen farbigen Gemälde aus „Haushaltslack“ der Künstlerin aus New York sofort Freude und ein Lächeln auf den Lippen. Die klare cleane grafische Unterteilung mit den bunten Feldern ist für unsere heutigen Augen ein bekanntes und beliebtes Schema, allerdings bereits seit etwa 100 Jahren. Gerade wurde in der großen Mondrian-Ausstellung in Wolfsburg gezeigt, wie seine damals revolutionäre auf Gitter und farbige einzelne Flächen reduzierte Abstraktion bis heute durchgehend beliebt ist. Viele heutige Kunstwerke sind von ihm geprägt. So auch die von Sarah Morris. Die Perfektion und vielfältige Wiederholung ähnlicher Strukturen könnte fast Glauben machen, sie seien von einer KI generiert nach zusätzlichem Einbau der PopArt der 1960ger Jahre.
Die Künstlerin berichtet jedoch von einem anderen Schaffensprozess.
In Hamburg wird auch ihr komplettes Film-Werk gezeigt. In den zwei Boxen kann man natürlich nicht rasch in viele Filme hineinschauen. Daher sei beispielhaft „Los Angeles“ beschrieben. Es handelt sich um eine Aneinanderreihung unterschiedlicher kurzer Filmsequenzen, die Szenen aus der Stadt und der Gala zur Oscarverleihung, hier aus der Vorbereitung, aber auch von Stars zeigt. Für Zuschauer bleibt die Aufgabe, sich aus dem kommentarlosen Kaleidoskop ein Bild über die Stadt zusammenzusetzen.
Sarah Morris beschrieb bei der jetzigen Eröffnung, dass sich bei ihr spontan während der Arbeit am Film vor ihrem inneren Auge die Abstraktion der Stadt entwickelte, die sie dann in den grafischen Gemälden ausdrückt.
Braucht es wirklich diese intellektualisierte Beschreibung? Zumindest in den USA treffen die Bilder den Zeitgeschmack bestimmt: dekorative Kunst ohne hintergründige Problematisierung. Und ist das nicht völlig legitim, auch bei uns?
Richtig interessant sind aber auf jeden Fall collagierte Filmplakate die die Künstlerin ebenfalls ausstellt.
Die Deichtorhallen haben mit dieser Ausstellung einen Augenschmaus gewonnen, der sicher für große Besucherströme sorgen wird.
Sarah Morris „All Systems Fail“ bis 20.August 2023
Ein Besuch im Atelier einer weltweit gefeierten Künstlerin ist etwas sehr Besonderes. Hier spührt und riecht man, wie die Werke entstehen. Modelle sind zu sehen, die Ausstellungsräume darstellen, wo die Hängung geprobt wird. Es sind Farbeimer und Leinwände überall, die sehnsüchtig darauf warten, zu einem dieser wunderbaren Kunstwerke zu werden.
Als Besonderheit kommt die Begegnung mit der Erschafferin dieser Bilder und Objekte hinzu, wodurch Intention, Entwicklung und Werdegang zusammen mit ihrer Persönlichkeit den Werken zusätzliche Lebendigkeit verleihen.
Hier ist es Katharina Grosse, die in Berlin ihr Atelier öffnete und einen fröhlich charmanten völlig unprätentiösen Einblick in ihre Arbeit gewährte.
Die Künstlerin ist inzwischen weltweit berühmt geworden mit ihren farbenprächtigen Installationen, bei denen sie mit ihrer überlangen Sprühdüse auf Leinwände, Stoffplanen, Steropor-Eisberge oder direkt auf Landschaften eindrucksvoll Farbe in ihrer typischen Gestaltungsweise verbreitet.
Frau Grosse plaudert entspannt darüber, dass sie z.B. keineswegs aus der Sprayerszene käme sondern vielmehr aus der Landschaftsmalerei. Zuvor habe sie auch Filme gedreht oder Musik gemacht, doch gefunden habe sie sich in der Malerei. Dabei möchte sie die Farbe auf einen Blick wirken lassen. Die Betrachter sollten keine Geschichte von links nach rechts suchen und entdecken müssen, sondern sofort die Farbigkeit emotional erleben. Ein Stilmittel ist auch ihre Beschränkung auf 6 kräftige Farben, was zum Wiedererkennungseffekt beiträgt.
Warum sie diesen großen Erfolg erreicht habe? Sie kann es auch nicht erklären, freue sich aber, denn so könne sie zunehmend auch junge Talente fördern durch Aufbau von einer Art Stipendiaten-Ateliers.
Letzten Sommer zog Hito Steyerl ihre Installation von der Documenta 15 zurück, weil sie nicht in den Zusammenhang mit dem aus ihrer Sicht fehlerhaften Umgang mit den Antisemitismusvorwürfen gebracht werden wollte.
Jetzt können Fans der Professorin der UDK das Kunsterlebnis in der Galerie Ester Schipper in Berlin nachholen.
Hito Steyerl wurde bereits bei der Documenta 12 mit ihrer Recherche-Videoarbeit über Bundage bekannt. Auch beeindruckten ihre Arbeiten auf den Venedig-Biennalen ein Weltpublikum: 2015 im Deutschen Pavillon („Factory of the sun“) und 2019 in der Hauptausstellung („This is the Future“).
„Animal Spirits“ ist eine Rauminstallation mit einem skurril-verwirrenden, aber beeindruckenden Video aus einem erfundenen Kandidaten-Casting für eine Reality-Show namens „The Sheperd-School“ und dem Kampf des wütenden viralen Schafhirten Nel dagegen. Die Überlegenheit ländlichen Wissens gegenüber pseudobiologischen Argumenten von Unternehmen wird u.a. thematisiert.
Und wir sehen erneut in einem Hito Steyerl Film Mark Watschke, hier gealtert und parodistisch in der Rolle eines englischen Wissenschaftlers.
Es wäre ein absolutes Highlight auf der Documenta im letzten Sommer gewesen und deshalb ist es eine Freude, das Werk nachträglich doch noch erleben zu können.
Galerie Ester Schipper, Potsdamer Str. 77, Berlin bis 25.Mai 2023
Als Fotokünstler in den USA kam Ralph Gibson als Sohn eines Regieassistenten bei Warner Bros. schon in den Anfängen des Films mit dem Spiel von Licht und Schatten in Berührung. So waren seine ersten Fotos auch durch starke Schwarz-Weiß-Kontraste gekennzeichnet.
Als Marinesoldat erlernte er zusätzlich die Dunkelkammerarbeit, so dass er seine Motive komplex gestalten konnte. Ein erstes Alleinstellungsmerkmal war Anfang der 70ger Jahre das Festhalten der Aufnahmen in Fotobüchern, womit er über eine Ausstellung hinaus die Bilder in ihrer gewollten Serienidentität überdauern lassen konnte.
Von seiner Lehrerin an der Kunsthochschule lernte er, dass er erst ein Thema, einen Standpunkt (point of departure) festlegen solle, bevor er mit der Motivsuche beginne, was die Serien in sich konsitent machte.
Eine erste krasse Veränderung brachte die Farbfotographie, der er sich kreativ stellen musste, was ihm zunächst nicht wirklich gefiel. „Ein Schwarz-Weiß-Foto erzählt eine spannende Geschichte, was das Farbfoto überhaupt nicht kann.“ Ralph Gibson kreierte daraus eine Serie, in der er stets zwei Fotos zusammen zeigte, eins schwarz-weiss, ein Farbiges in direktem Kontrast daneben, um seine These zu beweisen. Erst in den letzten Jahren freundete er sich mit der Farbe mehr an.
Die zweite technische Revolution der Fotographie war die Digitalisierung. Sie nahm dem in der analogen Technik der Dunkelkammer versierten Experten die Lust am Neueinstieg. Doch da schickte ihm der Hersteller unaufgefordert eine Digital-LEICA- Kamera, die ausschließlich schwarz-weiß Fotos produzierte. Gibson nahm die Herausforderung an und fand bis heute großes Vergnügen am schnellen Bild. Erneut nutzte er aussagestarke Ausschnitte und starke Kontraste.
Später fand er auch einen Zugang zu digitalen Farbfotos. Es entstand eine Serie „The vertical horizon“. Vertikale Motive für das Hochformat entdeckte er nicht nur im Städtebau, sondern auch zunehmend in der Natur.
Ralph Gibson ist 1939 geboren und hatte somit die Chance, die Fotographie, die er stets als „Malen mit Licht“ begriff, über alle technischen Veränderungen hinweg immer wieder neu mit künstlerischem Blick zu erfassen und zu nutzen.
Am Ende der Präsentation seiner neuen Ausstellung in den Deichtorhallen in Hamburg wurde er gefragt, was er zu den aktuell diskutierten KI-Bildern sage: „Das sind keine Fotographien, das ist etwas anderes und hat aber auch seinen spezuellen Stellenwert. Doch die Fotographie wird trotzdem niemals sterben, so wie der Film nie vom Fernsehen getötet wurde.“
Die Austellung ist von der Kuratorin Sabine Schnakenberg geschickt empathisch und didaktisch „choreographiert“ worden, so dass sowohl die Schaffensprozesse gut nachvollziehbar, aber auch die künstlerische Kraft hervorragend genussvoll erlebbar sind.
Ralph Gibson: „The Secret of Light“ Deichtorhallen Hamburg bis 20. August 2023
Bilbao ist ein Pflichtprogramm für Liebhaber moderner bildender Kunst, denn die Guggenheim-Stiftung hat Frank O. Gehry hier ein faszinierendes Bauwerk realisieren lassen, das dem einzigen Zweck dient, die Schätze moderner Kunst großartig zu präsentieren. Doch der Bau mit seinen multiplen Aus- und Durchblicken stiehlt eindeutig jedem noch so genialen Kunstwerk die Show. Überall ist der Wunsch größer, Wände, Gänge, Brücken und Konstruktionen zu bestaunen als den Blick auf die Kunstwerke zu lenken. 1997 wurde das Museum eingeweiht.
Im Inneren wird gerade die riesige Sammlung von Joan Miro gezeigt: bestimmt sehr wertvoll, jedoch einfach eher uninspirierend nebenenander gehängt in 3 großen Sälen.
Interessanter sind die dauerhaft installierten Werke, die sich besonders harmonisch in ihre speziellen Räume und Nischen einpassen:
Der große Up-Cycling-Vorhang aus Flaschenverschlüssen von El Anatsui, der gerade zu den einflußreichsten Künstlern unserer Zeit vom Time-Magazin NY gewählt wurde.
In einem weiteren Saal finden sich bunt vereint die POP-Art-Werke von Andy Wharhol, James Rosenquist und Jeff Koons.
Der größte Saal ist ausgfüllt mit einer großen Anzahl der Stahl-Skulpturen von Richard Sella. Sie müssen bei der Größe und dem Gewicht in der Bauphase dort plaziert worden sein, bevor der Bau verschlossen wurde und sind wahrscheinlich auch nicht wieder zu entfernen.
Im Außenbereich besonders eindrucksvoll ist das Nebelkunstwerk von Fujiko Nakaya, das die harten Kanten des Hauses herrlich kontrastierend umspielt.
Skulpturen des baskischen Künstlers Eduardo Chillida, die Riesenspinne von Louise Bourgeoise und die verspiegelten Kugeln von Anish Kapoor veredeln die Terrasse und den kleinen See.
Sogar die Konstruktion der das Gelände durchbrechenden Autobrücke trägt eine künstlerische Ummantelung, hier von Daniel Buren.
Das großartigste aesthetische Erlebnis bleibt jedoch dem Anblick der Titan-ummantelten Kuben und Rundungen des Museums vorbehalten, die zu jeder Tageszeit, bei jeder Art der Sonneneinstrahlung und von allen Seiten ein fantastisches Staunen auslösen.
Extra-Tipp: Das MARTA in Herford wurde ebenfalls von Frank o. Gehry gebaut, eine Art Miniaturausgabe des Guggenheim Bilbao in Backstein und als Sonntagsausflug leichter erreichbar.
Eduardo Chillida in Berlin und in seiner baskischen Heimat
Vielmals bei HEUTE und der TAGESSCHAU wurde dieses Kunstwerk gezeigt, aber meist wenig beachtet, denn die Berichte von wichtigen Empfängen vor dem Kanzleramt thematisierten eher die politische Bedeutung des Gastes und des Bundeskanzlers.
Doch die stählerne oxidierte Skulptur ist ebenfalls wert, mit ihrer Historie mal erwähnt zu werden. Im Jahr 2000 wurde sie enthüllt. Ihr Titel ist „Vereinigung“, wobei offen bleiben kann, ob der Bildhauer Eduardo Chillida hiermit die liebevolle Vereinigung zweier Menschen darstellen wollte oder verallgemeinert Vereinigung meinte, womit an diesem speziellen Ort die Wiedervereinigung Deutschlands großartig symbolisiert würde.
Chillida ist ein spanisch-baskischer Bildhauer, der auf einem Grundstück in San Sebastian seine Werke herstellte, nachdem er eine stillgelegte Metallfabrik in der Nähe entdeckt hatte, die für seine Zwecke reaktiviert werden konnte.
Auf dem Gelände des jetzt Chillida-Leku-Museums sind eine Fülle seiner Werke ausgestellt. Zur Einweihung 2000 waren nicht nur der Künstler selbst, sondern der spanische König sowie eine Delegation aus Deutschland mit dem Bundeskanzler Schröder gekommen. Er hatte ja auch eine Chillida-Skulptur vor seinem Regierungsgebäude.
Doch auch an der Steilküste von San Sebastian stemmen sich Skulpturen von Eduardo Chillida gegen den Wind und die Meeres-Brandung. Außerdem zeigt das Guggenheim-Museum in Bilbao mehrere Werke des Bildhauers aus der Region mit Weltruhm in seinem großartigen Bau und Gelände.
Ist jetzt der Blick auf die Skulptur vor dem Kanzleramt beim nächsten Staatsempfang oder einem Berlin-Besuch ein wenig geschärft ? Schön wär’s!