im Berliner KW-Institute for Contemporary Art in der Auguststraße
So lässt sich der Ausstellungstitel „Malicious Mischief“ wohl übersetzen. Zu erwarten wäre also etwas Witziges, Freches, doch zu sehen sind wunderbare Gemälde aus den 70ger und 80ger Jahren in San Francisco und New York. Martin Wong, US-Amerikaner mit chinesischen Vorfahren (1946-1999) zeigt die malerische Schönheit der damals völlig heruntergekommen Metropolen in deren eher glanzlosen Vierteln und der queeren Community.
„Sonntags gehen die Leute hier zum Essen, um an einem Tag der Woche chinesisch zu sein.“ sagt Wong im gezeigten Video, der wie auch schon seine Eltern in den USA geboren ist. Darin sind auch gesammelte chinesische, eher kitschige Porzellanfiguren seiner Sammlung zu sehen deren Formensprache Martin Wong auch abgewandelt in seine Bilder aufnimmt.
Ein spielerisches magisches und symbolisches Denken findet sich wiederholt in den Abbildungen der 8er-Kugel, den Totenköpfen und dem Fingeralphabet.
Über einen Freund bekommt er Einblicke in das Leben in den Gefängnissen, was zu einem vielfachen Thema in seinen Gemälden wird. Er selbst musste nie in Haft, doch ihn faszinierte die Maskulinität dort: sowohl bei den Gefangenen als auch dem Personal.
Beim Eintreten in die Ausstellung, spätestens beim Blick in die große Halle entfachen die Bilder über ihre grandiose farbenfrohe Ausstrahlung eine erstaunliche Anziehungskraft. Doch wie im Titel versprochen, dürfen sie durchaus auch mit Humor und Ironie betrachtet und genossen werden.
Extra-Info: Kinostart in Deutschland ab Donnerstag, 25.Mai 2023
Der Dokumentarfilm von Laura Poitras ist ein Mosaik einzelner wichtiger Episoden aus dem komplizierten Leben der Fotokünstlerin Nan Goldin, der den Zuschauer permanent emotional in die Handlungen hineinzieht und aufwühlt. Zwei Tage vor der Vorführung von „The Beauty and the Bloodshed“ in der Akademie der Künste in Berlin war Nan Goldin an gleicher Stelle live erschienen, um ihren Käthe Kollwitz-Preis entgegen zu nehmen. Erlebt wurde sie als lebensbejahende, fröhliche und starke Frau, deren Kämpfergeist durchgehend spürbar ist.
In der Dokumentation wurden Zeiten und Situationen eingefangen, die für Nan Goldin mit erheblichem Leid und vielen Enttäuschungen besetzt waren: die Traumata aus einer dysfunktionalen Familienstruktur und dem Suizid ihrer 19jähigen Schwester, die Anfeindungen ihrer Freunde aus der Queer Szene, die gewalttätigen Übergriffe ihres Partners, die vielen AIDS-Toten in ihrem Umfeld, die eigene unverschuldete Opiatsucht nach OXICODON-Gabe als Schmerzmittel nach einer OP, all diese Katastrophen überstand sie und wurde offenbar sogar immer stärker.
Zu sehen sind vor allem auch Original-Szenen ihrer Kunst-Aktionen, ja eher Performances gegen die Sackler-Familie, deren Pharmakonzern durch Oxycodon ultrareich wurde und dafür die hierdurch ausgelösten Drogenabhängigkeiten vieler Amerikaner*Innen in Kauf nahmen.
Ein Staat solle dafür sorgen, dass seine Bürger am Leben bleiben, sagte Nan Goldin am Freitag. Sie bezog sich darauf, dass die Verursacher juristisch ungestraft blieben. Außerdem würde der US-Staat sich nicht um Drogentherapie oder auch nur Schadensbekämpfung kümmern mit z.B. sauberen Räumen und Materialien zum Konsum. „America is broken!“ Zusätzlich betonte sie, dass sie dies gerade in Deutschland und Berlin ganz anders erlebe.
Originale Filmszenen beweisen auch die Lügen und das Verschweigen der Konzerninhaber über Nebenwirkungen. Sie wurden nicht strafrechtlich verurteilt und entzogen sich hoher Entschädigungen durch eine manipulierte Insolvenz.
Doch letztlich reagierten die angesehenen großen Museen auf den enthüllenden Kampf der Künstlerin und verweigern inzwischen weitere Spenden der Sacklers . Zuletzt gingen sie auch auf die Forderung der Aktivistin ein, indem sie die Namen „Sackler“ aus allen Ehrentafeln entfernten.
Der Film ist psychoanalytisch, politisch, radikal, aber vor allem empathisch und mit vielen der wunderbaren Dia-Serien von Nan Goldin gespickt, ein mitreißendes aufwühlendes und spannendes Erlebnis.
Beim Filmfestival in Venedig gewann er bereits den Goldenen Löwen und war Oskar- nominiert.
Große Namen sind mit dieser Ausstellung verbunden: Norman Foster und das Guggenheim Museum Bilbao haben eine Ausstellung zur Historie der Mobilität gezeigt. Den Part, der die Zukunft darstellt, hat die Autostadt in Wolfsburg übernommen und präsentiert hiermit Entwürfe von 15 internationalen Hochschulen für Design und/oder Technologie, in denen sie ihre Utopien zukünftiger Mobilität der Menschheit vorgedacht haben.
Eine Zeichnung zeigt, welche Vision die Menschen 1956 hatten: ein selbstfahrendes Auto, in dem locker Familienleben möglich ist.
Manuel Cirauqui, Kurator am Guggenheim Museum Bilbao erklärte jetzt enthusiastisch in Wolfsburg die einzelnen Positionen der Zukunfts-Entwürfe. Hier einige Beispiele:
Die Universität in Kapstadt baute mit ihren Studenten Mono-wheel-Fahrzeuge, die sich zur besseren Effizienz aneinander hängen können. Hierfür dienten als Vorbild die Spiele der Jungen, die große LKW Reifen Berge hinauf transportieren, sich hineinsetzen und dann in unendlichen Loopings hinunterrollen. In den Prototypen überschlägt sich der Insasse jedoch nicht. Ein bisschen erinnern sie auch an Röhnräder.
Venedig Biennale 2022, Francis Alys
Das Umea Design-Institut in Schweden ging von einer postapokalyptischen Situation einer wüstenartigen Welt aus und konstruierte fliegende Fahrzeuge mit Landetürmen.
Aus der ETH Zürich wird ein Wohnturm gezeigt, der völlig ohne Krähne aus Appartmentmodulen aufgebaut ist, die von Drohnen aufgetürmt werden. Hier hat es den Anschein, dass der Mensch gar nicht mehr mobil sein muss, denn im Turm sind alle Einrichtungen einer kompletten Stadt, deren Versorgung von Drohnen übernommen wird.
Doch auch elegante Sportwagenentwürfe sind zu entdecken, z.B. aus dem ArtCenter of Design in Pasadena (USA)
Leider fehlen aus der Ursprungsausstellung in Bilbao die Kunstwerke, die die Geschichte der Mobilität dort begleiteten: von z.B. Henry Moore, Roy Lichtenstein, Umberto Boccioni, James Rosenquist oder Andreas Gursky. Sie hätten die Verwobenheit von Utopien aus der Formensprache der Künstler und Designer mit deren Umsetzung in reale Automobile anschaulich ergänzen können. So bleibt in der Autostadt vorwiegend eine didaktisch technologische Ausstellung, die sich leider nicht von allein erklärt, aber viele Möglichkeiten bei kompetenten lebendigen Führungen bietet.
Alles hat seine Historie, so auch diese Biennale. Sie beginnt mit Okwui Enwezor, dem weltbekannten Kurator der Documenta 11 (2002) und der Venedig Biennale (2015), der zuletzt Direktor des Hauses der Kunst in München war. Er entwickelte den Titel und konzipierte für Sharjah diese bereits 15. Biennale. Da er plötzlich verstarb, übernahm die Direktorin der Sharjah Art Foundation Hoor Al Qasimi, ebenfalls mit globaler kuratorischer Erfahrung ausgebildet, die Realisation. Es entstand eine höchst beachtenswerte beeindruckende Ausstellung in einem weltoffenen freundlichen Scheichtum mit außergewöhnlichen Highlights.
Hierzu gehören zunächst die Werke von Ibrahim Mahama, der in vergangenen Jahren im Arsenale von Venedig Mauergänge und in Kassel 2017 die Torhäuser mit alten Jutesäcken verkleidet hatte.
Für Sharjah gestaltete er eine Installation mit historischen Schulbänken seiner Heimat Ghana. Hier ist die Verbindung von Vergangenheit und deren Einfluss auf das Heute im Sinn des Ausstellungsthemas sichtbar abzuleiten.
In einer ehemaligen Eisfabrik in Kalba zeigt Mahama außerdem gewaltige Stoffbahnen mit aufgenähten abgetragenen Frauenkleidern aus Ghana, die teils auch schon aus gebrauchten Warensäcken geschneidert waren. Sie bilden eine überwältigende und anrührende Arbeit, mit der der Wind vom Golf von Oman spielt und sie tanzen lässt. Zusätzlich ein Beispiel für nachhaltige Kunst, denn die Materialien sind ja upgecycled.
Doris Salcedo aus Columbien gestaltete aus 800 Bäumen ein Haus, das doch kein Heim sein kann, stark, duftend und doch zerfließend und undurchdringlich. Sie erhielt dafür auch einen Preis der Jury.
Ebenfalls riesig ist „Collossus“ von Nari Ward, Künstler aus New York mit jamaikanischen Wurzeln. Das Werk erinnert an eine überdimensionale Reuse aus alter Fischertradition, also ein historisches Utensil, aber künstlerisch überhöht. Da ergeben sich doch Assoziationen an die gigantischen Hochhausketten fast nebenan.
Auch Kader Attia, Künstler der Documenta13 (2012) und Kurator der Berlin Biennale 2022, ist an der Sharjah Biennale beteiligt. In einer alten Wüsten-Klinik legt er Spiegelscherben in das ehemalige Badebecken, die die Umgebung zerrissen und doch leuchtend zurückscheinen lassen.
Weiterhin zeigt er eine Installation von Modellen einer historischen Lehmhaussiedlung. Hier gepresst aus sandfarbenem Pappmasché wird sie in einem Video einer aktuellen Wohnbebauung gegenübergestellt. Der Künstler scheibt hierzu, dass in den Steinen und Mauern die „Memories“ der Bewohner bewahrt seien; von Baubeginn und Einrichtung über Reparaturen bis zum Abriss könnten sie viel über das vergangene Leben der Menschen in ihnen berichten.
Michael Rakowitz, irakisch-amerikanischer Künstler, wohnhaft in Chicago, bekannt von der Dokumenta13 mit seinen steinernen Büchern (2012), sowie durch die Gestaltung einer temporären Skulptur auf dem Trafalgar Square bereichert Sharjah mit einer Performance, bei der er einfühlsam Fundstücke aus seiner zerstörten Heimat im „Zweistromland“ präsentiert mit persönlichen Geschichten seiner Familie.
Viel Aufmerksamkeit verdient auch das externe Ausstellungsgelände in Al Hamriyah, neu gebaut mit perfekten variablen großen weißen Räumlichkeiten, das weitere spannende und ästhetische Kunstwerke für die Besucher bereit hält.
Diese Sharjah Biennale kann sich auch im internationalen Kontext sehen und genießen lassen. Besucher erleben nicht nur ein sicheres, sondern auch gastfreundliches Land, in dem gerade Senioren besonders geehrt und privilegiert behandelt werden.
Auch bei Fahrten außerhalb der Touristenstrecken ist es spannend zu sehen, wie mit finanziellem Hintergrund und unerschöpflichen Energiequellen in kürzester Zeit fantastische Bauvorhaben realisiert werden können. Hier ein Gebäude von Zaha Hadid, eine Konzernzentrale, die sich wie Sanddünen mitten in die Wüste einbettet.
15.Sharjah Biennale 2023 vom 7. Februar bis 11. Juni 2023
In der Akademie der Künste im Berliner Hanseatenweg wird eine Ausstellung der Fotografin mit exemplarischen Bildern aus allen Schaffensperioden gezeigt. Nan Goldin ist aktuell hoch populär und wird vielfach geehrt. In der MONOPOL wurde sie zur einflussreichsten Künstlerin 2022 unter den HOT 100 gekürt, ähnlich in der ArtReview in London auf Platz 8 und in Berlin wird sie mit dem Käthe Kollwitz-Preis geehrt.
Dabei ist Nan Goldin bereits seit Ende der 70ger Jahren weltweit als Künstlerin berühmt. Damals schockierte und faszinierte sie die Gesellschaft mit Fotos aus der Nicht-Hetero-Community, insbesondere der Drag Queens in Boston. Fotos aus dieser Zeit sehen wir jetzt auch in der Ausstellung, nur wirken sie heute angesichts unserer medialen Überflutung mit ähnlichen Bildern aus der Subkultur nicht mehr schockierend.
Nan Goldins Biographie klingt ein wenig wie eine psychopathologische Anamnese: 1953 in Washington DC geboren verließ sie das Elternhaus als 14 Jährige, als sie es dort nach dem Suizid ihrer großen Schwester mit erst 19 Jahren nicht mehr aushielt. Nach einigen Irrwegen in Pflegefamilien und Internaten fand sie eine „Ersatzfamilie“ bei den Drag queens in Boston. Das Lokal „The other Side“ wurde Nan Goldins neue Heimat. Dort begann sie, die geliebten Menschen ihrer Umgebung zu fotografieren. Auch in der aktuellen Ausstellung erkennt man in ihren Aufnahmen den besonderen Blick einer Künstlerin, die nicht voyeristisch, sondern annehmend, unspektakulär, ja liebevoll die Abgebildeten in Szene setzt.
Dies erklärt den frühen Ruhm, jedoch nicht die aktuellen Ehrungen.
Sie begründen sich daraus, dass Nan Goldin intensiv gegen die superreiche Familie Sackler kämpfte. Diese erzielten ihren Reichtum aus der Produktion von Oxycodin, einem Opioid, das in den USA eine wahre Abhängigkeitsepidemie auslöste, weil es als großartiges Schmerzmittel beworben und vermarktet wurde, jedoch ohne jeglichen Hinweis auf die Suchtgefahr. Nan Goldin selbst bekam es im Rahmen einer Hand-OP. Sie kämpfte sich danach über 2 Jahre durch Sucht und Entzugssymptome, wobei sie einmal wegen Überdosierung mit Fentanyl fast gestorben wäre. Auf diese Zeit sollen ihre unscharfen Naturfotos hinweisen, indem sie den völlig getrübten Blick symbolisieren.
Die Familie Sackler rühmte sich selbst als großzügige Kunst-Mäzene der berühmtesten Museen der Welt: u.a. das MOMA, das Guggenheim, das Viktoria&Albert und auch der Louvre ewähnten ihre Dankbarkeit in auffälligen Schildern oder nach den Sacklers benannten ganzen Museumsflügeln.
Als Nan Goldin diese Zusammenhänge erkannte, bestand sie darauf, dass ihre Werke in den Museen abgehängt werden. Außerdem kämpfte sie – nicht juristisch oder mit Kartoffelsuppe -, sondern öffenlichkeitswirksam mit künstlerischen Performances gegen weitere Ehrungen der Familie, die ihren Reichtum auf dem Leid anderer Menschen aufgebaut hatte. Mit ihrer Gruppe P.A.I.N (Prescription Addiction Intervention Now) ließ Nan Goldin beispielsweise Rezepte über OxyCotin (Handelsname in den USA) in die Rotunde des Guggenheim Museums flattern. Im Londoner V&A Museum legten sie sich auf den teuren Sackler-gespendeten Steinfußboden mit Tablettenröhrchen um sich herum als „Suizid-Performance“. Die Aktivist*Innen verlangten, dass kein Museum mehr Sacklers Spenden annimmt. Und genau dies wurde in 5 von 6 Institutionen erreicht.
Am 3.März wurde Nan Goldin der Käthe Kollwitz-Preis in Berlin persönlich überreicht.
Am 5.3. wurde auch der Film von Laura Poitra „The Beauty and the Bloodshed“ gezeigt, der den Kampf der Künstlerin gegen den Pharmakonzern dokumentiert.
Hierzu der Beitrag: „Nan Goldin – Der Film“ vom 6.3.2023 in diesem Blog.
Bundeskunsthalle Bonn bis 10.4.2023 Deichtorhallen Hamburg 13.5. bis 27.8.2023
Eine Ausstellung mit viel Humor und Ironie, die richtig Spass macht!
Hervorzuheben sind zwei Arbeiten:
Henrike Naumann zeigt eine Art Wohnzimmer, das Spießigkeit und Kitsch deutscher Wohnkultur liebevoll und sarkastisch widerspiegelt. Die Berliner Installationskünstlerin stellt weltweit aus, zurzeit im Skulpturencentrum New York.
Im Sommer erklärte sie angesichts der Documenta 15 das Prinzip der Ghetto-Biennale in Haiti, an der auch sie teilnahm. In Kassel zeigte sie ihr „Museum of Trance“ in St. Kunigundis, eine Skulptur aus Metallröhren in einem Kleiderschrank, ähnlich einer Orgel, jedoch mit Techno-Beats, plaziert direkt vor der Kirchenorgel.
Jetzt also in Bonn viele kleine liebenswert ironische Objekte.
Ein weiteres hoch interessantes Werk der Bonner Ausstellung: Der Film von Roee Rosen „The Dust Channel“. Er war eins der beeindruckendsten Werke der Documenta 14, 2017, wobei es besonders lustig war, die Zuschauer zu beobachten, wenn sie die Szene mit dem Spiegelei sahen. Hauptfigur ist ein Dyson-Staubsauger, was für sich schon skurril ist. Thematisch wird jedoch die Politik Israels ironisch kritisiert bezüglich ihres Umganges mit Flüchtlingen. Sie werden gezeigt in Lagern außerhalb der Landesgrenze, wo sie angeblich immer wieder vertröstet werden, letztlich nicht einreisen dürfen und wie Staub oder Dreck weg geputzt werden müssen, um das Land „sauber“ zu halten.
Ist das nun ein „Albernes“ Kunstwerk im Sinn des Ausstellungstitels? In diesem Jahr wurde der Documenta 15 extrem intensiv Antisemitismus angelastet, wobei es egal sei, ob jüdische Menschen oder der Staat Israel kritisiert würden. Das war 2017 offensichtlich kein Problem. Oder lag es daran, dass der Künstler selbst Israeli ist? Doch sein Werk wurde ja ebenfalls in der großen deutschen Weltkunstausstellung gezeigt. Unbedingt ansehen: in Bonn oder in Hamburg
Die Findungskommission für die Documenta 16 soll es offenbar aber schaffen.
In Kassel wurde die Findungskommission für die künstlerische Leitung der kommenden Documenta 16 veröffentlich. Die Stadt Kassel mit der Documenta-Geschäftsleitung wählt für diesen Job die noch lebenden ehemaligen KuratorInnen aus.
Welche Idee steckt wohl dahinter? Vorstellbar ist der Glaube an eine Art Sicherheit, dass sich dieser Personenkreis bereits als untadelig erwiesen hat, wenigstens nicht antisemitisch eingestellt ist.
Unumstritten waren die Documenta-Ausstellungen dieser ehemaligen KuratorInnen schon bei spontaner Erinnerung jedoch nicht.
Bei Rudi Fuchs (D7) hatte 1982 Joseph Beuys die Stadt Kassel genötigt 7000 Eichen zu pflanzen. Die Asphaltsteine, die neben jedem Baum stehen sollten, verschandelten den Friedrichsplatz bis zur Documenta 8. Außerdem muss bis heute bei neuen Straßenplanungen mit großem Aufwand jede Eiche und jeder Stein vorsichtig gerettet und umgesetzt werden.
Catherine David (D10) wurde 1997 ein Theoriewahn vorgeworfen, weil gefühlt mehr theoretische Publikationen und Veranstaltungen stattfanden als sinnlich erfahrbare Kunstwerke.
Roger Buergel (D12) holte 2007 1000 Chinesen nach Kassel und traf auf Unverständnis. Dann fiel das große Werk von Ai Weiwei in der Aue im Sturm einfach um. Außerdem gab es große Kritik daran, dass Buergel Kunstwerke auf bunte Hintergründe hängte und sich nicht dem White Cube Diktat unterwarf.
Carolyn Christov-Bakargiev (D13) forderte 2012 das gleiche Recht für Erdbeeren und Hunde wie für Menschen, womit sie Kritik bis zur Fassungslosigkeit erntete. Allerdings war ihre Documenta schon ziemlich klasse.
Adam Szymczyk (D14) gab Kassel 2017 nur die halbe Documenta, indem er die zweite Hälfte Athen, der Hauptstadt des Herkunftslandes seiner Frau schenkte und verantwortete das bisher größte finanzielle Desaster einer Documenta.
Soll bei dieser Zusammensetzung jetzt die neue rettende Kompetenz enthalten sein? Ist es wirklich ausreichend, einfach nur NICHT antisemitisch zu sein? Es handelt sich um eine Gruppe von ausschließlich weißen Menschen aus den USA und Europa. Da ist Kassel nach den medialen Negativkampagnen der diesjährigen D15 offensichtlich der Mut ausgegangen, die Kunst des „Globalen Südens“ zu berücksichtigen.
Das wirkt nun doch kleinkariert, einer Weltkunstausstellung nicht würdig. Bitte liebe Stadt Kassel ergänze diese sicher illustre und kompetente Gruppe doch nochmal um ein paar Menschen aus anderen globalen und ideologischen Kontexten.
Foto: AFP PHOTO / JUSSI KOIVUNEN / SARA HILDEN ART MUSEUM
Welche Bedeutung hat eine eher kleinere Stadt mitten in den Wäldern Finnlands für den berühmten Hollywood-Star?
Tampere liegt etwa 150 km nördlich von Helsinki und verfügte vormals über eine blühende Industrie durch Nokia. In diesem entlegenen Ort gibt es das private Sara Hilden Museum, das aktuell die Ausstellung „Thomas Houseago: WE with Nick Cave & Brad Pitt“ zeigt. Es ist das erste Mal, dass Brad Pitt seine eigenen Werke öffentlich ausstellt. Thomas Houseago ist ein britischer Künstler mit Wohnsitz in LA, der vorwiegend Skulpuren herstellt. Er hatte Freunde in sein Atelier eingeladen, den Sänger Nick Cave und den Schauspieler Brad Pitt, um sie in ihrem künstlerischen Schaffen zu unterstützen.
Wir kennen Brad Pitt mit seinem ausgeprägten Interesse an zeitgenössischer Kunst als Sammler. So besuchte er auch oft die Documenta in Kassel, z.B. 2012.
Wie sind jetzt seine eigenen Werke zu beurteilen? Geht es überhaupt, bei einer so weltpopulären Person ein vorurteilsfreies Urteil zu fällen? Brad Pitt meinte gegenüber der Presse, seine Werke seien nach der Trennung von Angelina Jolie als Spiegel einer ehrlichen Selbstreflektion entstanden, durch die er seine Fehlentscheidungen überdacht und dargestellt habe.
„Aiming at you I saw me but it was too late this time“ ist der Titel eines Wandreliefs mit 8 Figuren im bewaffneten Kampf ohne Sieger. Ein bronzefarbener Sarg lässt sofort viele Fantasien aufkommen über Todesideen des Künstlers. Da ist die Skulptur, bei der ein Mann seinen Kopf in einem Schraubstock gepresst hält, eher einfach zu interpretieren.
Die Objekte wirken erstaunlicherweise bemerkenswert spannend und sehenswert. Sie strahlen tiefe Empfindungfähigkeit aus und sind handwerklich völlig untadelig, folglich keine pure Persönlichkeits-Show als Werbung für einen neuen Film, wofür der eher versteckte Ausstellungsort auch spricht. Respekt!
Nick Cave zeigt dagegen selbst bemalte Porzellanfiguren über den Lebensweg und Tod des (arroganten) Teufels, denen es an mehrdeutiger Strahlkraft eher mangelt, für ihn wohl vorwiegend eine Beschäftigungsvariante in der Pandemie.
Im Werk des professionellen Künstlers Thomas Houseago sind dagegen ohne Zweifel hervorragende Skulpturen und Gemälde zu sehen, die den Betrachter zu multiplen Interpretationsideen anregen und ästhetisch bereichern.
„Was haben Sie für Erfahrungen mit Kollektiven?“ fragt die Sobat (Kunstführerin der Documenta) in die Runde der TeilnehmerInnen des Kunstvereins aus Berlin. Das kollektive Entwickeln von kreativen Ideen und neuen Freundschaften war ein Kernanliegen der Documenta fifteen. Offenbar haben sich die geladenen Künstlerkollektive auch intensiv ausgetauscht. Aber die Besucher? Es fällt auf, dass auf die Frage mehrere sofort an ihre Teams bei der Arbeit dachten und dass der Job nicht ohne Hierarchien erfolgreich funktioniere. Für Menschen, die in der DDR aufgewachsen waren, haben Kollektive wiederum eine ganz andere Konnotation. Sie waren dazu angelegt, Konkurrenzen unter den einzelnen Kollektiven zu generieren, um die Effizienz der Produktion zu steigern.
Ein Beispiel für das Documenta-Kollektiv-Denken ist dagegen die Lumbung Gallery. Die bestehende Gruppe „TheArtists.net“ wurde gezielt eingeladen, um die KünstlerInnen beim Verkauf ihrer Kunstwerke zu unterstützen. Martin Heller von der Lumbung Gallery erklärt, dass zunächst in den einzelnen Kollektiven Preise für die Werke berechnet und festgelegt wurden. Kalkuliert wurden u.a. Materialkosten und Arbeitslohn, orientiert am reichsten vertretenen Land. Alle Entscheidungen wurden bis Eintritt der Einstimmigkeit diskutiert.
Die Erlöse gehen zu 70 % an das Künstlerkollektiv, das intern über die Verteilung entscheidet. Von den 30% sollen alle teilnehmenden Kollektive etwas bekommen, auch die, die nicht verkauft haben.
Ist das ein wesentliches Vermächtnis der Documenta fifteen für die Zukunft der Kunst, der Beginn einer Revolution des Kunstmarktes? Kein gehypter Einzel-Künstler, nur erfolgreiche Kollektive? Werden sich Künstler solidarisieren und auch bei persönlich großem Gewinn an die Kollegen etwas abgeben? Ein Händler habe zu Martin Heller gesagt: „Ihr habt jetzt die größte Gallerie der Welt!“ Dies ist jedoch auch eine große Verantwortung!
Augenblicklich seien die Anfragen sehr hoch und der politische Skandal der Documenta scheint die Lust der Interessenten an den Kunstwerken überhaupt nicht zu mindern. Die Abwicklung mache den Mitarbeitenden der Lumbung Gallery und dem Registrar-Team der Documenta dementsprechend extrem viel Arbeit.
Treten Sie ein! Doch wo hinein? Das Entree ist eine Art Höhleneingang, der in eine große Wellblechhalle mündet. Das Wajukuu Project aus Kenia ist verantwortlich für die Einkleidung der ersten Halle mit verrostetem und abgenutzten Wellblech. Man taucht ein in die Atmosphäre ihres Slums in Nairobi. Künstler arbeiten dort mit Kindern und Jugendlichen, denen sie Kunst nahebringen, um ihnen einen Horizont zu eröffnen, der eine Alternative zum Leben und Kämpfen auf der Straße bieten könnte. Shabu, Mitglied und schon anerkannter Künstler erklärt sein Werk für die Documenta: Es zeigt zwei Menschenfiguren in einem überdimensionalen Käfig. Dieser ist aber ebenso gebaut wie einer, mit dem Hühner zum Markt getragen werden. „Beide, Menschen und Hühner glauben nur, sie seien frei!“ Der Mann und die Frau im Käfig schauen nach unten in einen Spiegel. Sie sollen ihre eigene Gefangenschaft erkennen.
Ein weiteres Werk ist aus abgenutzten Messern zusammengestellt. „Wenn das Messer zu scharf ist, scheidet es den Besitzer selbst.“ Das sei ein Sprichwort, das zu diesem Werk führte. Dieses Werk wurde letztlich von der Stadt Kassel angekauft und wird auch zukünftig hier zu sehen sein. Ein Erinnern an wirklich spannende Kunst, die unter dem Schatten der Antisemitismus Diskussion leider zu wenig gesehen und gewürdigt wurde.
Allerdings erhielt das Kollektiv Wajukuu Art Project den mit 10 000 Euro dotierten renomierten Arnold-Bode-Preis 2022 der Stadt Kassel.