Frauen überall: Bei einer weiblichen Kuratorin und über 80 % Künstlerinnen auf dieser Biennale musste es ja dazu kommen, dass mindestens ein Kunstwerk „den Mann“ lächerlich und krank darstellt. Das riesige anatomische Modell männlicher Geschlechtsorgane mit plastischen spezifischen Krankheiten von Syphilis bis erektiler Dysfunktion inklusive Penispumpe bildet ein Gefährt ähnlich einer Kutsche, gezogen von 10 hohlen weißen Giraffen (Gier-Affen??). Die Künstlerin sagte u.a., dass die Zugtiere durchaus an Sperma erinnern sollten.
Atiz Rezistans in St. Kunigundis mit Künstlern der Ghetto-Biennale aus Haiti
Es ist eine renovierungsbedürftige kleine katholische Kirche in einem eher sozial problematischen Stadtteil von Kassel, die zu einem künstlerischen Hotspot dieser Documenta geworden ist. Auf skurrile kontrastierende Weise treffen katholische Reliquien mit einer Versammlung von Voodoo-Figuren zusammen und bilden ein erstaunlich harmonisches Miteinander. Die Künstlergruppe Atis Rezistans lebt im Wellblech-Ghetto von Port-au-Prince auf Haiti, einem der ärmsten Länder der Welt, das zusätzlich regelmäßig von Erdbeben erschüttert wird. Sie gestalten ihre Werke aus Fundstücken z.B. von Autowerkstätten und kombinieren sie teils mit echten Knochen Verstorbener, denn die Ahnen haben nach ihrem Empfinden einen großen Einfluss auf das Leben heute. Sie werden mysteriös beschworen, auch um sie zu beschwichtigen. Besteht hier womöglich eine Verbindung zum Katholizismus? Die Künstler bestätigen das gute Zusammenleben beider Religionen in ihrer Heimat und auch der Pfarrer von St. Kunigundis sei begeistert, habe sogar liturgische Gegenstände aus der Kirche für gemeinsame Installationen zur Verfügung gestellt.
Bereichert wird dieses Zusammenspiel durch Werke internationaler Künstler, die die Haitianer zu ihrer eigens gegründeten Ghetto-Biennale eingeladen hatten. Darunter Henrike Naumann aus Berlin, die eine Trance-Orgel vor die Kirchenorgel stellt. Oder auch das Architekten-Paar Vivian und Yukee von Studioverve aus London, die eine Stadtplan-Nachbildung des Ghettos an die Decke gehängt haben.
Die Documenta fifteen, fünf Jahre Wartezeit für uns Fans dieser weltberühmten Kunstausstellung…und jetzt so ein Sorgenkind! Oder doch nicht? Eine große Kampagne konservativer Politiker mit der Springerpresse weidete sich an antisemistischen kleinen Elementen eines riesigen Kunstbanners, politisierte und personalisierte eine publizistische Welle, die völlig aus dem Ruder lief.
Über tausend Künstler aus aller Welt wurden rücksichtslos damit auch diskreditiert. So zeigt sich also unser Staat: erst läd er Künstler aus Ländern des ärmeren Teils der Erde, dem sog. Globalen Südens ein mit der Verheißung, sie könnten ihre ureigenen Probleme künstlerisch der Welt präsentieren. Deutschland sei ja ein so vorbildliches, tolerantes global sozial engagiertes Land mit freier Meinungsäußerung, wo man alles sagen dürfe…… Alles? Nein! Es gibt doch krasse Verbote. Leidet ein Land, eine Bevölkerungsgruppe unter Problemen mit dem Staat Israel und dessen Politk und Handeln: dafür gibt es in Deutschland Redeverbot! Und jetzt werden bei uns diejenigen verunglimpft, die es frei geäußert haben. Super Gastgeber-Verhalten****
Durch den Austausch der Geschäftsführung ist hier etwas Ruhe eingetreten, so dass wir uns jetzt endlich dem Kunsterlebnis dieses Sommers widmen können. Der Besucherstrom ist trotz allem gut, Menschen sind neugierig auf das, was heute der neuste Trend in der bildenden Kunst sein soll.
Abreißen und neu bauen? Wäre das vielleicht die allerbeste Lösung gewesen?
Leer, weiß, spröde, so präsentiert sich in diesem Jahr der Deutsche Pavillon der Biennale in Venedig, Er ist kein Fest für die Sinne, nur für den Geist, für eine Imagination vielleicht. Teilweise aufgerissene Böden, wodurch die alten Grundmauern sichtbar werden, sowie Wandareale mit abgeklopftem Putz.
So etwas nennt sich Konzeptkunst: man sieht nichts, es soll aber anregen, sich große Gedanken zu machen. Maria Eichhorn ist die Künstlerin, die bekannt ist für diese Art von Kunst. Wie lautet ihr Konzept in diesem Fall?
Sie hatte die Idee, dass der ganze deutsche Pavillon für die Zeit der Biennale abgetragen und in Einzelteilen zwischengelagert wird, um ihn danach wieder exakt wie zuvor aufzubauen.
Hintergrund soll sein, dass der 1938 in tiefster Nazizeit umgebaute Pavillon so stark die damaligen Architektur widerspiegelt, dass fast jede/r Künstler/in hiermit haderte. Stets ging es bei vorherigen Ausstellungen an erster Stelle darum, den Nazi-Touch in den Hintergrund zu drängen. Hans Haake zertrümmerte z.B. die Bodenplatten.
Die Prüfung der Machbarkeit von Maria Eichhorns Vorschlag fiel angeblich sogar positiv aus, durchgeführt wurde das Projekt aber nicht. Möglicherweise hätte man wohl einen Aufschrei aus der Nation der Häuslebauer gehört, wenn hierfür Millionen Steuergelder ausgegeben worden wären. So blieben letztlich nur eine dicke Dokumentation der Konzeptgedanken und eine Broschüre übrig.
Wäre es aber nicht wunderbar gewesen, wenn der komplette Abriss des ungeliebten Klotzes das Kunstprojekt dieses Jahres gewesen wäre? Ein Architekturwettbewerb der Beitrag zur Architekturbiennale 2023 und dann der Aufbau eines ganz neuen innovativen Pavillons im Sommer 2024 als Performance der 60. Kunst-Biennale ?
So bleiben nur ein fader Nachgeschmack für eine entgangene konsequente Realisation sowie ein leerer, weißer, spröder Raum.
Wie oft hören wir von Ausstellungen mit angeblich weltbewegender hochwertiger Kunst: ein Pflichttermin für jeden Bildungsbürger. Dann kämpft das prestigebewußte Ich mit dem Unlust-Ich und ein heftiger Widerstand schleicht sich ein: „Nein, ich geh da nicht hin. Das ist sowieso nur kranker Unfug von verrückten Leuten, die sich Künstler nennen. – Allerdings reden morgen alle davon, während ich mich als Ignorant fühle und mich in mir selbst verstecken möchte.“
Doch für diesen Menschen, den weltgewandten Nörgler, ist dieser Blog genau richtig. Er liefert Informationen und die passenden Argumente. Die Autorin geht mit ironisch kritischem, aber doch empathischen Blick durch weltberühmte und weniger beachtete Ausstellungen und trägt offen ihre persönliche ungeschönte Ansicht zu den Kunstobjekten vor. Das kann man, muss man aber nicht übernehmen. Doch Vorsicht: manchmal ist sie sogar überschwänglich begeistert. Und manchmal findet sich hier auch ein kleines kaum beachtetes Thema zur Kunst, das vielleicht noch spannender ist.
Vorwort für intellektuelle Leser
Ist das Kunst oder kann das weg? – Eine höchst bekannte Aufforderung zu einer kritischen Betrachtungsweise in unserer Gegenwart, die regelmäßig bei großen internationalen Kunstausstellungen gefordert wird. Um einer persönlichen Entscheidung hierzu näher zu kommen soll dieser Blog einem breiten Spektrum von Rezipienten diverse, teils widersprüchliche aber kreative Argumente oder Betrachtungshinweise vermitteln, solange sie sich noch nicht selbst komplett von der Kunst weg bewegt haben. Dr. Ina Lange, Ärztin mit sonst scharfen Blick für komplexe Krankheitsbilder, nähert sich dem Abstrakten, Absurden, Konzeptionellen oder Naiven, als Kunst Präsentierten auf ihre höchst eigene direkte Art.
Diese individuelle, subjektive Betrachtungsweise soll durchaus anregen und auffordern, sich als Individuum mit einer höflichen Auseinandersetzung des heutigen Negativen zu beschäftigen, denn wer weiß, ob nicht morgen schon alles in einem völlig anderen Kontext neu bewertet werden muss. Ein Funke von Inspiration kombiniert mit aufgewühlter Emotion sollte im besten Fall auch jeden Betrachter zu neuen eigenen kreativen Höhenflügen anregen.