Es war ein großer Aufwand, die alte verfallene Halle der Schmiede im Areal des Kohle-Welt-Museums in Oelsnitz so aufzubauen, dass das auffälligste Kunstwerk des Purple Path hier seinen passenden Auftritt bekam. In die alte Stahlkonstruktion wurde ein fensterloser Bau gesetzt, der mit seinem Eingang wie aus einer anderen Galaxie gelandet erscheint, aus dem gleich Aliens herausschweben.
Doch es ist ein ortsspezifisches Kunstwerk von James Turrell (82), der bereits weltweit Lichtinstallationen plaziert hat, die unsere Wahrnehmungen verändern. Man tritt über eine pyramidenförmige Treppe durch ein vermeintlich monochromes Bild in einen erleuchteten Raum mit wechselnder Farbigkeit. Er ist so inszeniert, als lösten sich beim Innehalten Ecken und Kanten auf. ein Gefühl wie ein Schwebezustand entsteht. Man könnte meinen es sei die Sichtbarmachung der Schwerelosigkeit.
Mit diesem Weltkunstwerk endet das europäische Kunsthauptstadtjahr von Chemnitz, als habe man sich das beste für das Finale aufgehoben. Doch die eigentliche Ursache für diese Verspätung waren Verzögerungen am Bau, wie es fast regelmäßig üblich ist.
Als weiteres Highlight des Purple Path erweist sich auch eine Spiegelinstallation in der historischen Hospitalkirche St. Georg in Lößnitz. Auch hier geht es um optische Illusionen aus Licht, Metallkegeln und einem rotierenden Spiegel, die uns einen Blick in unendliche Tiefen erlauben. Die Künstlerin Rebecca Horn ist ebenfalls ein globaler Star der Kunstszene, die der Kulturhauptstadt am östlichen Ende Deutschlands etwas Ruhm und Glamour bringt.
Für Kunstbegeisterte bleiben nach dem offiziellen Ende des Kulturstadtjahres weiterhin viele Skulpturen des Purple-Path erhalten, die auch im kommenden Jahr abgefahren werden können. Beispielsweise ist das Lichtkunstwerk von James Turrell eine Leihgabe für 15 Jahre. Zwei weitere Landmarks sind auch noch hervorzuheben:
Via Lewandowski gestaltete den Taurastein-Turm, einen erstaunlichen Aussichtsturm in Burgstädt, um in einen „Wetterleuchten-Turm“ mit Gruseleffekten beim Hinaufgehen und Blitzen im Dunkeln.
Frank Maibier schenkte Lichtenau „8 Farben“ , auch einen Turm, der die Welt etwas bunter macht.
Wie ist aber die Bilanz von Chemnitz 2025, dem Kulturstadtjahr voller Feste und Projekte? Aufgegangen sei die Idee, durch Aktivierung von Eigeninitiativen der Bürger die Kultur direkt in die Bevölkerung zu transportieren. Maria aus Lößnitz sagte: „Es hat vor allem uns hier in der Stadt sehr intensiv zusammengebracht und uns stolz und fröhlich auf unsere Gemeinschaft schauen lassen.“ Die Mitarbeiter in Ölsnitz berichteten: „Unser Kohle-Welt-Museum hatte zwar einen Preis als bestes Museum gewonnen, doch Publikum aus anderen Bundesländern oder sogar aus dem Ausland würden den Weg hierher ohne James Turrell wohl nicht finden.“
Der künstlerische Leiter der Kulturstadt Stefan Schmidtke resümiert erschöpft aber voller Zufriedenheit, dass er sicher sei, dass Chemnitz einen deutlich besseren Ruf bekommen habe, gerade weil die Menschen gezeigt hätten, dass sie mit unglaublichem Engagement tolle Projekte realisieren können.
Chemnitz2025 war eine Kulturveranstaltung vorrangig von den Bürgern für die Bürger der Stadt und der umliegenden Gemeinden. Der Erfolg vor Ort ist evident. Die Menschen strahlen und die vielen freiwilligen Mithelfenden erklären den Gästen enthusiastisch, was es zu erleben gibt.
Statistische Zahlen beweisen auch eine Zunahme der Übernachtungen, der Museumsbesuche und der Tagesgäste.
„C the Unseen“ war das Motto und absolut treffend, denn die Stadt am Rande des Nirgendwo war zuvor lediglich mit Schlagzeilen über Rechtsradikalismus in Erscheinung getreten. Dem haben die Menschen jetzt etwas gänzlich anderes entgegengesetzt: die bisher ungesehenen kulturellen Fähigkeiten und einen großen Gemeinschaftssinn.
Hatte man mit dem Titel Kulturhauptstadt Europas aber nicht auf berühmte Namen gehofft, Großkonzerte von Weltstars, Künstler*Innen aus anderen Europäischen Ländern?
Wie sieht es aus mit der Nachnutzung?
Es lohnt sich, den Plan der Purple-Path-Kunstwerke schnell noch herunterzuladen, um ihn für zukünftige Ausflüge zu sichern, inklusive den genauen Koordinaten bei Google-Maps.
Die Kulturstadt-gGmbH bleibt noch 2026 bestehen für einen guten Übergang., denn Chemnittz möchte jetzt auf keinen Fall in den Dornröschenschlaf fallen wie damals 1999 Weimar. Ab 2027 ist von der Stadt eine regelmäßige „Unseen-Biennale“ geplant. Spannend bleibt dabei, ob sich hier ein Kunst-Event von internationaler Strahlkraft entwickelt, das Chemnitz auch über die Region hinaus wirklich sichtbar erhält.
James Turrell: „Beyond Horizons 2025“ in 09376 Oelsnitz/Erzgebirge
Rebecca Horn: „The Universe in a Perl“ in 08294 Lößnitz
Via Lewandowski: „Wetterleuchten“ und „Fersehen“ in 0949 Burgstädt
Europäische Kulturhauptstädte 2026 werden sein: Oulu in Finnland und Trencin in der Slovakei.
Marisol: zu diesem klangvollen Namen gehört eine Künstlerin, die zunächst die Kunstwelt in den 1960ger Jahren begeisterte, aber bald vergessen wurde. Doch nicht auf ewig, denn aktuell werden die einzigartigen scharfsinnigen Kunstwerke der beachtenswerten Künstlerin erstmals in Europa, im Louisiana-Museum in Dänemark gezeigt.
Die Geschichte von Marisol Escobar begann mit ihrer Geburt 1930 in Paris. Ihre Eltern stammten aus Venezuela, doch die Famile zog mehrfach um, in andere Länder, andere Kontinente. Von Paris nach New York oder Caracas. Als Marisol 11 Jahre alt war, starb ihre Mutter durch Suizid. In der Folge sprach das Mädchen über mehrere Jahre kein Wort. Aber sie zeichnete gern und studierte später an mehreren Kunstschulen, ab 1950 in New York.
Die schöne junge Frau wurde von vielen damals renomierten Künstlern entdeckt und gefördert. Ja! Hier wird nicht gegendert, denn es waren ausschließlich Männer! Hans Hofmann war ihr Lehrer an seiner School of Fine Arts. Mit Willem de Kooning, dem Vorreiter des Abstrakten Expressionismus war sie befreundet. Sie entwickelte aber rasch ihren eigenen Stil, der auch von der Kunst der Indiokulturen Südamerikas beeinflusst war. Es entstanden die ersten Skulpturen aus Holz, Kunststoff und diversen Fundstücken aus dem Alltag. Nicht nur der einflussreiche Galerist Leo Castelli war begeistert und ermöglichte ihr Ausstellungen.
Marisol zog auch eine Zeit lang für neue Ideen nach Italien, doch sie kam 1960 wieder zurück nach New York. Dort wurde sie bald vom Freundeskreis der POP-Art-Künstler begeistert entdeckt: Robert Indiana, Claes Oldenburg, James Rosenquist und Andy Warhol. Er förderte sie besonders, indem er sie in eigene Projekte einband, nannte sie für einen Film „One of the 13 most beautiful women“. Glücklicherweise war Marisol eher schüchtern und ließ sich nicht in die Party-Szene der Factory hineinziehen. Sie arbeitete stattdessen!
Ein großer Erfolg war 1968 die Teilnahme an der Biennale in Venedig, wo sie Venezuela mit einer Soloshow repräsentierte. Auch ein Auftritt bei der Documenta 4 im gleichen Jahr krönte ihren Erfolg.
Marisol musste in der damaligen Männerwelt der Kunst oft für ihre Anerkennung kämpfen. Als Schönheit aus Südamerika bekam sie zwar viel Aufmerksamkeit, doch ihre künstlerische Leistung im Bereich der Pop-Art wurde von den Männern als folkloristisch abgewertet.
„If you call my work folk art, it is only, because you are prejudiced about my South American background. Folk you!“
In Humlebaek, in dem wunderbaren Louisiana-Museum für Moderne Kunst wird Marisol jetzt ein fulminantes Comeback bereitet, bei dem jedem deutlich wird, dass sie große Kunst mit ihrem eigenen POP-ART-Stil geschaffen hat. Viele Objekte sind eine ironisch humorvolle Persiflage auf den Zeitgeist der Pop-Generation der 60ger Jahre. Aus heutiger Sicht könnte man ihr vorwerfen, sie sei für Abholzung des tropischen Regenwaldes mitverantwortlich gewesen, doch andererseits ist es ein Glücksfall, weil die Edelhölzer ihrer Werke für die lange Haltbarkeit der hervorragenden Skulpturen verantwortlich sind.
Vielleicht war Marisol mit ihrer Kunst zu gut, weckte Neid bei den Kollegen und Skepsis bei Galeristen und potentiellen Käufern. Bis heute wird ja für Kunst von Männern deutlich mehr bezahlt. Jedenfalls wurde es stiller um sie, während Warhol für Millionen gehandelt wurde. Hat vielleicht auch dazu beigetragen, dass ihre Schönheit mit zunehmendem Alter weniger aufregend für die patriarchale Gesellschaft wurde?
1995 gab es noch eine Retrospektive in Japan. Ab 2006 bemerkte sie selbst zunehmende Gedächtnisstörungen, eine Alzheimer-Erkrankung. Da war sie in der Kunstwelt schon fast vergessen. 2016 starb sie und vermachte ihr Werk dem Museum in Buffalo.
Der Weg nach Humlebaek lohnt sich wirklich, um die Kunstwerke von Marisol zu besuchen. Von Berlin sind es nur knapp 7 Stunden mit dem Auto über die Fähre von Rostock. Die Ausstellung wandert aber auch demnächst nach Zürich.
MARISOL: Louisiana-Museum, Humlebaek bei Kopenhagen: 1.Okt.2025 bis 22.Febr. 2026.
2025 war ein Jahr, in dem die Kunstwelt globale Themen, historische Reflexionen und technische Experimentierfreude gleichermaßen auf die großen Bühnen brachte. Diese Top Fifteen Hitliste versammelt Ausstellungen, Werke und Projekte, die durch Größe, Intensität, öffentliche Wirkung oder inhaltliche Dringlichkeit herausstachen. Die Auswahl orientiert sich an künstlerischer Innovationskraft, gesellschaftlicher Relevanz und der Fähigkeit, Zuschauer nachhaltig zu berühren. Ereignisse von monumentalen Retrospektiven bis zu subversiven Interventionen.
1. William Kentridge in Essen und in Dresden
William Kentridge bleibt der große Meister der multimedialen Bild- und Bühnenpoesie: seine Kombination aus Zeichnung, Animation, Film und Performance setzt sich mit der Kolonialgeschichte Afrikas und Erinnerung an politische Gewalt, nicht nur in den Goldminen Südafrikas auseinander. Im Folkwang-Museum Essen sind riesige Zeichnungen und Videos mit viel Selbstironie zu entdecken. Multimediale Installationen wie das kleine Welttheater sind auch handwerkliche Kunststücke. In Berlin gab es mit der Aufführung „The Great Yes and the Great No“ zusätzlich ein Bühnenwerk des vielseitigen Künstlers zu sehen. Spätestens seit der dOCUMENTA(13) ist sein Werk wegweisend für zeitgenössische Kunst und inzwischen auch Plichtstoff im Katalog für den Oberstufenunterricht an NRW-Gymnasien.
2. „WIR“ im Forum Kunst des Bundestags in Berlin
Kennen Sie das Grundgesetz? Die ersten 19 Artikel beinhalten die Menschenrechte. Für jeden Artikel wurde ein international bekannter Künstler beauftragt, ihn künstlerisch darzustellen. Die Verknüpfung von Verfassung, Bürgerrechten und künstlerischer Praxis verwandelt den Ausstellungsraum in einen Ort der politischen Bildung und Debatte, aber außergewöhnlich nur mit künstlerischen Mitteln. So wird ein Gesetzestext herrlich lebendig. Hätten Sie gedacht, dass beispielsweise ein Kunstwerk über das Postgeheimnis nicht nur ästhetisch großartig, sondern auch hochaktuell sein kann? Schließlich ist dieser Paragraf Grundlage für jegliche Datenschutzregelungen in allen Medien.
3. Jon Rafman: „Nine Eyes“
Dass das Louisiana-Museum für Moderne Kunst nicht in Amerika, sondern ganz in der Nähe in Dänemark in Humlebaek bei Kopenhagen liegt, war für sich schon eine prima Entdeckung. Doch die Arbeit von Jon Rafman begeisterte gleich wegen ihrer künstlerischen Idee. Im Prinzip ist es Konzeptkunst, denn es ist nur eine Sammlung zufälliger skurriler Fotos von Google-Street-View-Aufnahmen. Aber auch die Präsentation ist eindrücklich. Jon Rafmans Arbeit beleuchtet überraschende, verstörende und poetische Momente des Alltags unter der Bedingung digitaler Überwachung. „Nine Eyes“, benannt nach der Kamera auf den Google-Autos mit 9 Objektiven, fasst diese Funde zu einer Reflexion über Blick, Zufall und das fotografische Archiv unserer Zeit zusammen.
4. Tony Cragg: “Line of Thoughts” im Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal
Tony Craggs skulpturale Erforschung von Material, Form und Raum findet in dem wunderschönen Natur-Ambiente des Parks eine passende, kontemplative Einbindung. Die Ausstellung setzt Akzente zwischen organischer Gestalt, industrialer Materialität und provoziert neue Wahrnehmungsweisen im Lichtspiel zwischen den Bäumen. Tony Craggs Werke werden seit langem weltweit hochpreisig gehandelt. Die Zeitschrift KAPITAL setzt ihn auf Platz 5 der TOP 100 ihres Kunstkompasses. So sind auch in der diesjährigen Ausstellung seiner aktuellen Werke wieder neuartige Skulpturen, jetzt sogar aus Glas zu bewundern.
5. Victor Vasarely-Museum in Aix en Provence
Victor Vasarely war eher eine Wiederentdeckung in diesem Jahr, ein Deja-vue früherer Studentenzeiten mit Postern an WG-Zimmer-Wänden. Die Fondation in Aix en Provence würdigt Vasarelys Vermächtnis als Begründer der Op Art. Es ist beeindruckend, dass Vasarely seine optischen Effekte mit einer Dreidimensionalität ganz ohne Computergrafik gestalten konnte. Im Museum werden die Werke überdimensioniert bis zu 7m Höhe in 6-eckigen Räumen gezeigt, was ihre Effekte noch intensiviert.
6. Sigmar Polke in Arles, „Sous les paves, la terre“ (Unter dem Pflaster liegt die Erde)
Die Retrospektive in der Fondation Vincent van Gogh in Arles stellte sein spielerisches, zugleich kritisches Werk in den Mittelpunkt. Sigmar Polke zeichnete sich aus durch Experimente mit Material, ironischen Bildpolitiken und einem konsequent offenen, heterogener Stil, der traditionelle Kategorien sprengte. Als scharfsichtiger Beobachter und genialer Kopf, der sich stets neu erfand, brauchte Polke auch gar keinen einschränkenden STIL, weil er sich letztlich durch seine vielschichtigen Facetten ein Alleinstellungsmerkmal verschaffte.
7. Ayoung Kim: „Many Worlds Over“ im Hamburger Bahnhof Berlin
Die Präsentation der Preisträgerin des Guggenheim New York 2025 war wieder ein Beispiel für die Arbeit des Kuratoren-Teams Fellrath/Bardaouil, die so oft Künstlerinnen neu präsentieren, die uns überrascht aufmerken lassen, welche innovativen Tendenzen in der aktuellen Kunst existieren. Ayoung Kim zeigte mit allen erdenklichen technischen Finessen, wie eine utopische Idee künstlerisch umgesetzt werden kann. Ist unsere Welt nur eindimensional? Oder existieren in einem aufgelösten Raum-Zeit-Kontinuum parallele Welten? Und was passiert, wenn sie durchdringbar werden? Ein Training für unsere Vorstellungskraft über physikalische und soziale Denkschemata.
8. Anselm Kiefer: „Sag mir, wo die Blumen sind“ in Amsterdam
Wenn Anselm Kiefer etwas Neues schafft, dann muss es gross, riesig, gigantisch sein! So war die Ausgestaltung des repräsentativen Museums-Treppenhauses des Stedelijk-Museums in Amsterdam erneut überirdisch. Um die Monumentalität noch zu betonen, ließ er seiner beteuerten Freude an Blattgold zusätzlichen freien Lauf. Beim Betreten des immersiven Werkes waren durchaus Begeisterungs-Emotionen angebracht. Leider war der Auftritt des Künstlers nicht gerade respektvoll seinem Publoikum gegenüber, was die Bewertung in diesem Ranking negativ beeinflusst. Trotzdem ist die Idee, das alte Antikriegslied von Pete Seeger und Marlene Dietrich (deutsch) genau in dem Moment zu thematisieren, als in Deutschland wieder erste Worte über eine allgemeine Wehrpflicht fielen, großartig gewählt.
9. Christian Marclay „The Clock“
Christian Marclays „The Clock“ wurde zu Recht zu einem Jahrhundert-Kunstwerk gekürt. Das Schlüsselwerk der Videokunst erzeugt als 24 stündige Montage von Filmzitaten, die jeder Minute einer realen Uhrzeit entsprechen, ein überzeugendes Bewusstsein für Zeit, Kino und kollektive Erinnerung. Im März wurde The Clock in Stuttgart gezeigt, doch hier ein wichtiger Tip: The Clock ist nicht nur für Kunstfanatiker ein Must-See und es kann erneut vom 29.11.25 bis 25.1.26 in der neuen Nationalgalerie in Berlin erlebt werden.
10. Castello di Rivoli, Museum für Contemporary Art, bei Turin
Das Castello di Rivoli bestätigte erneut seine Rolle als ein europäisches Zentrum für zeitgenössische Kunst. Der Besuch ist ein Genuss aus Klassikern der Contamporary Art in dem romantischen Ambiente eines nur vorsichtig rekonstruierten alten Castell. Eine Sonderausstellung zeigte die vielseitige Arbeit von Enrico David.
11. Das LUMA, Frank Gehry’s Kunstpalast in Arles
Dem alten Industriegelände in Arles hat Frank Gehry mit seinem Turm, der zu jeder Tageszeit herrliche Spiegelungen zeigt, eine Sehenswürdigkeit, das LUMA beschert, das selbst das eigentliche Kunstwerk ist. Der markante Beitrag von Frank Gehry symbolisiert einen Schnittpunkt von Architektur, Kunst und Kulturförderung. Gehry’s Bau verändert auch hier das Stadtbild durch architektonische Kunst wie in Paris und Bilbao. Man spricht inzwischen als Fachausdruck vom „Bilbao-Effekt“. Dort hat das spektakuläre Guggenheim Museum von Frank Gehry die heruntergekommene Industriestadt zu neuer Blüte erweckt. Nicht nur Arles wäre das zukünftig auch zu wünschen.
12. Christoph Niemann, Zeichner mit Biss und Herz in Oldenburg
Christoph Niemann verbindet Comic und Präzision mit visueller Klarheit — seine „Randnotizen“ übersetzen Alltag, Politik und Popkultur in reduzierte, pointierte Zeichnungen. Die Oldenburger Schau zeigte die leichthändige, doch oft tiefsinnige Kraft der Illustration. Doch ebenso werden seine berühmten Cover-Grafiken für internationale Magazine wie den „New Yorker“ präsentiert.
13. Monira Al Qadiri und die Ölindustrie: Berlinische Galerie und KIASMA in Helsinki
Die kuwaitische Künstlerin mit marokkanischen Wurzeln thematisiert jeweils die kulturellen und ökonomischen Folgen der Ölindustrie durch beliebte ballonartige Skulpturen oder buntlackierte Nachbildungen von Bohrköpfen. In Berlin zeigt sie eine Installation aus Modellen von Ölfrachtern und LNG-Terminals. Außerdem sind Videoarbeiten und Glasskulpturen bedrohter Tiefseeorganismen von ihr bekannt. Ihre Arbeiten setzen Energiepolitik, Identität und Ästhetik in Beziehung und erzeugen so eine kritische Reflexion über Ressourcen, Gewalt und Zukunft.
14. „Utopia, Recht auf Hoffnung“ Kunstmuseum Wolfsburg
Die Ausstellung „Utopia, Recht auf Hoffnung“ versammelt künstlerische Entwürfe von Zukunft und Solidarität: sie fragt danach, welche Bilder von Hoffnung und politischem Möglichsein heute nötig sind und wie Kunst Räume für utopische Vorstellungskraft öffnet. Viele wunderschöne oder tiefsinnige Arbeiten finden sich zu einem vielfältigen Kunsterlebnis zusammen. Die KünstlerInnenliste ist lang und voller renomierter Namen, so dass es große Freude bereitet, viel Zeit in der Ausstellung zu verbringen. Die ist auch notwendig, weil die große Zahl hervorragender Filme auf keinen Fall ausgelassen werden sollte.
15. Chemnitz 2025 Kulturhauptstadt Europa
Der „Purple Path“ mit seinen 32 Kunstobjekten ist der eigentliche Schatz der Kulturhauptstadt 2025. Internationale Künstlerinnen und Künstler schufen ortsspezifische Skulpturen und Installationen nicht nur in Chemnitz, sondern auch in vielen kleinen Gemeinden um die Stadt herum. Sie bleiben und sollen den sonst vergessenen Orten eine spezifische aufwertende Identität geben. Leider ist es aufwändig, alle Werke aufzusuchen, denn oft trennen 20 bis 30 Minuten Fahrt mit dem Auto die Objekte voneinander. Doch die Schatzsuche lohnt sich! Zum Abschluss wird das letzte Projekt des Purple Path in Oelsnitz am 28.11.2025 eröffnet: eine Lichtskulptur von James Turrell.
Epilog: Diese Auswahl ist in ihrer Reihenfolge nicht so absolut zu werten. Vielmehr ist es ein Versuch, die facettenreichsten Eindrücke des Kunstjahres 2025 zu bündeln: von politischen Interventionen über retrospektive Rezeption bis zu technisch ästhetischen Grenzgängen. Jedes genannte Erlebnis verdiente 2025 besondere Aufmerksamkeit — als Moment, in dem Kunst ihre Fähigkeit zur Veränderung und zum Nachdenken eindrücklich bewies.
Die Welt liebt sie. Das ist völlig nachvollziehbar, seit Malgorzata Mirga-Tas den Polnischen Pavillon auf der Venedig-Biennale 2022 in ein Meer von Farben aus bunten Stoffen verzauberte. Ihre 12 riesigen Textil-Bilder reisten seither weltweit in Ausstellungen und wurden teilweise von Museen angekauft. Aktuell sind sie in Wolfsburg angekommen, um zu begeistern.
Heute wird die Künstlerin, die sie zweifelsohne ist, im Monopol-TOP-100-Ranking von 2025 auf Platz 54 erwähnt. Die Zeitschrift KAPITAL listet sie sogar auf Platz 8 der 100 „Stars von morgen“ der Kunstszene.
Jeweils 4,62 x 3,87m groß sind die 9 von insgesamt 12 Wandbildern, die auf der Venedig-Biennale gezeigt wurden und jetzt im Wolfsburger Kunstmuseum ihre beträchtliche Wirkung entfalten. Sie orientieren sich an den 12 Sternzeichen mit den passenden Monaten und thematisieren das historische Alltagsleben der Roma mit besonderer Betonung der Lebenssituation der Frauen.
Malgorzata Mirga-Tas gehört ebenfalls dieser Volksgruppe an, ist jedoch 1978 in Zakopane geboren und lebt bis heute dauerhaft in Polen.
Die zweite Serie der Ausstellung zeigt unter dem Titel „Herstories“ Bilder von „Heldinnen“ der Roma-Gemeinschaft. Auch sie sind weit überlebensgroß dargestellt.
Die Spezialität ihrer Kunst ist die komplette Darstellung mittels Textilien, die in Patchwork-Technik zusammengenäht sind. Da Mirga-Tas fast nur mit gebrauchten, gesammelten Stoffen arbeitet, sind es Werke der Nachhaltigkeit, wobei jedes Stück eine eigene Geschichte in sich trägt.
Sie beginne ein Bild stets mit einer Zeichnung, berichtet Malgorzata Mirga-Tas, die sie nach Original-Fotografien anfertige und zusätzlich collagenartig komponiere. Die hautfarbenen Bereiche und besonders die Gesichter bleiben gemalt auf Leinwand, wodurch der lebendige emotionale Ausdruck zur Geltung kommt.
Es bedarf schon einer weiten Auslegung des Kunstbegriffs für diese Art der Darstellung. Motivistisch entsprechen die Bilder naiver figürlicher Malerei und technisch sind sie das Resultat von Schneiderarbeit. Das erinnert an volkskundliches Kunsthandwerk. Doch wendet man die Definition von Joseph Beuys an, dass alles Kunst ist, was einem rein aesthetischen Zweck dient, so gibt es keinen Zweifel an einer künstlerischen Position. So viele Ausrufe der ungezügelten Begeisterung, wie sie in Venedig zu hören waren, können sich nicht irren.
Dabei erscheint der Faktor des riesenhaften Formates einen entscheidenden Anteil zu haben, was auch jetzt in Wolfsburg einen absoluten Wow-Effekt bewirkt. Zusätzlich ist die aufwändige ausgezeichnete handwerkliche Qualität der Näharbeiten extrem bewundernswert.
Die Kuratorin der damaligen Venedig-Biennale 2022, Cecilia Alemani wollte in ihrem Konzept vorrangig weibliche Künstlerinnen, gern auch aus ethnischen Randgruppen präsentieren, die im westlichen Kunstgeschmack zuvor kaum wahrgenommen worden waren. Dem schlossen sich die damaligen Kuratoren des polnischen Pavillons offensichtlich an. Malgorzata Mirga-Tas bringt nicht nur diesen Aspekt mit ein, sondern fügt noch einen feministischen Fokus hinzu. Womöglich waren aber an den Nährbeiten leider doch keine Männerhände beteiligt?!
Der Erfolg ist der sympatischen Künstlerin auf jeden Fall zu gönnen, denn ihr Werk hat es geschafft, den verdienten Respekt und die Wertschätzung sowohl für diese textile Technik als auch die Historie der Roma hervorzurufen und zu bestärken.
Malgorzata Mirga-Tas „Eine alternative Geschichte“, Kunstmuseum Wolfsburg, 22.Nov.2025 bis 15.März 2026
Das Horst-Janssen-Museum in Oldenburg präsentiert eine Fülle großartiger fröhlich eindringlicher Werke des Illustrators und Grafikers Christoph Niemann als Werkschau über 30 Jahre seiner künstlerischen Arbeit.
Schon die Fassade, die der Künstler vor zwei Jahren gestaltete, ist eine verlockende Einladung, der man unbedingt nachkommen sollte.
Christoph Niemann erzählt INArtberlin schmunzelnd: „Von meinen Galeristen hörte ich öfter, dass viele der Sammler meiner Arbeiten tatsächlich Psychologen und Psychiater sind. Warum das so ist, wissen wir aber nicht.“ Doch aus eigener Erfahrung der Autorin könnte es daran liegen, dass Christoph Niemans Zeichnungen und Illustrationen vorwiegend humorvoll und subtil ironisch sind, wodurch sie einfach Freude bereiten. Sie spiegeln Katastrophen der Welt nicht bedrohlich wider und Situationen aus dem normalen Alltag, wie wir ihn alle erleben, werden liebevoll karrikiert. Wenn sich ein Psychotherapeut täglich mit den verworrenen verknoteten Gedanken und Wahrnehmungen psychisch Kranker beschäftigen muss, ist es garantiert erholsam zu sehen, wie ein Künstler mit nur wenigen Strichen „den Nagel auf den Kopf“ treffen kann.
Seine große Bekanntheit gewinnt Christoph Niemann aus seinen vielfachen Covergestaltungen des „NEW YORKER“s. Auf dieser klassischen Print-Zeitschrift nimmt sie eine große weltweit verbreitete Community meist intellektueller Abonnenten wöchentlich wahr.
Ch.N.: „Meine hauptsächliche Tätigkeit ist wirklich die Magazinarbeit. Von Haus aus bin ich Kommunikationsdesigner, das habe ich studiert. Ich schaffe Überraschungsmomente. Meine Bilder sollen den Betrachtern in den wenigen Sekunden, die sie das Blatt anschauen, gleich etwas erzählen. -Printmedien sind ja nicht mehr von großer Bedeutung, doch zum Glück gibt es den NEW YORKER noch. Als Kult-Zeitschrift will er jede Woche mitteilen: So Leute, diese Woche unterhalten wir uns mal über dieses Thema.“
Doch auch für die „WELTKUNST“ gestaltete Niemann Cover in knalligen Farben. „Es sind Neuinterpretationen von bekannten Bildern, denen ich für das Extraheft einen Berlin-Bezug gab. Z. B. Frau am Fenster von Caspar David Friedrich. Oder das Bild von Friedrich dem Großen als Flötenspieler in Sancoussis von Adolf Menzel. Mein Flötist unterhält Reisende im Bahnhof von Potsdam. Für ein Kunstmagazin gehe ich halt davon aus, mit dem Wissen der Leser auch ein bisschen spielen zu können. Cover sind stets Auftragsarbeiten mit der Vorgabe eines Themas, was den Arbeitsprozess natürlich beeinflusst. „
Über seine Arbeitsweise sagt Christoph Niemann: „Zeichen-Sprache ist eine Sprache mit Bildern. Auch wenn es nicht Französisch oder Japanisch ist, muss ich darauf achten, für wen ich sie einsetze. Wenn ich beispielweise den Sisiphus als Metapher einsetze, dann geht das nicht in Thailand, weil ich nicht vorraussetzen kann, dass sie es dort verstehen.“
Die Zahnbürste war ein Cover für das amerikanische „Yearbook of Illustration“. „Das war eine riesengroße Ehre und erst hieß es, ich könne machen, was ich wolle. Da fiel mir zunächst überhaupt nichts ein, denn ich war es nicht gewohnt, etwas völlig ohne Auftrags-Thema zu entwerfen. Doch wenige Zeit später bekam ich einen Anruf, es sei für die 20. Ausgabe, also römisch „XX“ und deshalb solle das Cover doch „sanft“ sexuell sein. Und da fiel mein Blick auf meine Zahnbürste. Eigentlich eine völlig absurde Verknüpfung.“
„Mein Professor Edelmann hat mal etwas zu uns Studenten gesagt, was mir sehr im Gedächtnis geblieben ist: Eine gute Idee dauert eine Stunde und dann dauert es noch mal 20 Stunden, bis es so aussieht, als ob sie in 2 Minuten entstanden ist.“
Mit 27 Jahren ging Niemann nach New York und blieb dort 11 Jahre, in denen er auch heiratete und Kinder bekam. „Später in Berlin habe ich öfter selbst ohne Auftrag Themen gewählt, die ich zeichnen wollte.“ So entstand beispielsweise die Serie von „Urlaubsbildern“. Sie zeigt die vielfältigen Techniken, die Christoph Niemann beherrscht. Er sammelte hierfür einfache Urlaubseindrücke und gab ihnen seine subtil ironisch humorvolle Attitüde.
Bei der Kombination von Zeichnung und Sprache sei ihm wichtig, dass Text und Bild komplementär sind. Es gehe nicht, dass Theo eine Leiter hinaufklettert und darunter steht „Fortschritt“. Für Cartoons bietet sich auch der New Yorker alspassendes Medium an. „Das funktioniert, wenn das Wort für sich ebenso wenig Sinn macht wie das Bild allein. Nur zusammen sind sie zu 100% ein perfektes Team.“
Fotografie sei zwar nicht Niemanns primäre Technik, doch er musste sie im Studium erlernen. Er übermalte seine Fotos einfach auf seine spezielle Art, wodurch sie eine witzige Tiefe gewannen. Es ist seine Kunst des Erzählens mit wenigen Strichen, die das Werk einzigartig macht.
Ob es ein Unterschied sei, in der Weltmetropole New York zu arbeiten oder in Berlin?
„Eher nicht. New York ist zwar eine inspirierende Stadt, doch letztlich starrt man überall auf den Schreibtisch mit sehr viel Papier drauf. Da ist kein wirklicher Unterschied. Der Prozess meiner Arbeit ist unheimlich unspektakulär. Ich schau den ganzen Tag auf Zeichnungen, die ich schlecht finde. Ja, es ist schon anstrengend. Doch man kann das nur überwinden durch immer weiter zeichnen.“
Christoph Niemann ist heute einer der einflussreichsten Zeicher und Grafiker, weil er geschafft hat, sowohl dem Alltag als auch komplizierten Themen ein extrem leicht zu erfassendes Bild zu geben, das auch ohne Sprache in wenigen Sekunden verstanden wird. Die Ausstellung verführt trotzdem dazu, sich begeistert längere Zeit vor den Wänden aufzuhalten, weil es immer wieder neue amüsante Kleinigkeiten zu entdecken gibt.
Christoph Niemann „Randnotizen“ , Horst-Janssen-Museum Oldenburg/Niedersachsen, 14.11.2025 bis 17.Mai 2026
Bildgewaltige surrealistische Explosion des Staatsballetts Berlin
Staatsballett Berlin, Christian SpuckStaatsballett Berlin, Christian Spuck
Wer eine wirklich beeindruckende magisch unheimliche Performance erleben möchte, sollte dies zurzeit nicht in Kunstausstellungen suchen, sondern eine Aufführung des Staatsballetts Berlin im Schillertheater besuchen.
Der als „Chroreograpf of the Year“ ausgezeichnete Spanier Marcos Morau hat mit 30 großartigen Tanzenden eine mystisch gespenstische Inszenierung aufgebaut. Was zunächst mit einem einsamen, verloren auf die Bühne schreitenden Akkordeonspieler beginnt, mündet rasch in ein rhytmisch stampfendes Gruppenbild. Sofort wird klar, dass das Ensemble hier als Ganzes wie ein einziger Organismus lebt und Bewegungen grotesker Art völlig synchron auf die Bühne bringt.
Staatsballett Berlin, Christian SpuckStaatsballett Berlin
Jede auch noch so skurrile Bewegung erinnert zwar fast an eine Chorea Huntington, wobei jedoch die Synchronizität des Ensembles beweist, dass es bewußt einstudierte Abläufe unter Kontrolle aller beteiligten auch noch so kleinen Muskeln sind.
In hautengen und hautfarbenen Ganzkörperanzügen, die mit Symbolen wie Tätowierungen bemalt sind verschwinden die Gender-Grenzen nahezu vollständig. Dazu werden Lederbänder oder schwarze Glitzer-Westen und Galoschen-ähnliche Stiefeletten getragen. eine Reminiszenz an die wilden 20ger Jahre des letzten Jahrhunderts in Berlin. Mit der Musik eines brachialen Elektrosounds in einer Art Gothic-Rock mit Dark-Wave-Elementen bilden die androgynen Körper stets neue faszinierende Bilder und vervollständigen sie durch gruselig abgehackte verfremdete Mimik und Gestik. Ja, es ist laut, aber eine perfekte Verschmelzung von Bewegung und Sound zu einem Ganzen.
Diese ganze unwirkliche traumhafte Welt zieht die Zuschauer in einen 70 minütigen ungetrübten Bann.
Staatsballett Berlin,Leroy Mokgatle Foto: Christian Spuck
Auch wenn die Wunderkammer vorrangig als Ensembleleistung brilliert, ist Leroy Mokgatle hervorzuheben. Sie erhielt gerade als „Darsteller*In Tanz“ den Deutschen Theaterpreis „Faust“. Leroy Mokgatle tanzt sowohl burschikos als auch feminin außergewöhnlich und ist auch in der „Wunderkammer“ mit ihrer besondern nonbinären Körperausdrucksweise zeitweise solo im Vordergrund zu bewundern.
Marcos Morau bekam zuvor recht negative Kritiken aus der Tanzkritikergemeinde. Ausgebildet ist er in Fotografie, Bühnenbild, Kostüm- und Lichtdesign, bevor er zur Theater- und Tanzbühne kam. Daher präsentiert er nicht typische gängige Tanzchoreographien, sondern eher große bewegte Bilder mit bisher nie gesehenem Bewegungsrepertoire. Menschen, die gern Ausstellungen bildender Kunst besuchen, werden dies um so mehr lieben. Der fließende Übergang von künstlerischer Performance zu einem Gesamtkunstwerk aus Musik, tanzenden Menschen und kreativen Bühnenbild ist eher fließend und es wäre großartig, wenn eine gegenseitige Inspiration all diese Genres immer wieder zu so einem Hochgenuss wie der „Wunderkammer“ zusammenführen würde.
Staatsballett Berlin im Schillertheater: „Wunderkammer“ von Marcos Morau. Weitere Aufführungen: 30.Nov. 25 und 11., 17. und 23. April 2026
Dieses Museum kann sich in die Reihe hervorragender zeitgenössischer Kunstpaläste Europas ohne Abstrich einordnen. Ganz nah an Turin thront das alte Castell auf dem Hügel von Rivoli wie eine Trutzburg. Innen trägt es die Handschrift und die Ausstrahlung von Carolyn Christov-Bakargiev, der fast einzigen unumstrittenen Kuratorin einer Documenta, der D13 im Jahr 2012. Sie hatte schon vorher zur Arte Povera geforscht und im Castello die Rivoli, dessen Direktorin sie vor und nach der D 13 war, eine beispiellose Präsentation dieser Kunstrichtung zusammengetragen. Exemplarisch wird man am Eingang bereits von einem der berühmten Bronze-Bäume von Guiseppe Penone begrüßt, diesmal nicht mit einem Stein wie in Kassel, sondern mit einem Zwilling aus Aluminium ergänzt.
Nairy Baghamian
Zusätzlich gleicht die Künstler*Innenliste derjenigen der dOCUMENTA (13), jedoch ergänzt um wichtige künstlerische Positionen der folgenden Jahre. Der Charme der Präsentation moderner Werke in nur sanft restaurierten alten Prunkräumen lässt an Venedig in Biennale-Monaten denken. Dieser Kontrast von Alt und Neu fasziniert auch hier.
Maurizio Cattelan Allora & Calzadilla (Performane)Hito Steyerl
Ein weiterer langgestreckter Gebäudekomplex steht für Wechselausstellungen zur Verfügung. Aktuell werden die vielfältigen Skulpturen, Textilarbeiten und Installationen von Enrico David (geb. 1966 in Ancona, Italien, jetzt in London) präsentiert.
Enrico David
Das Castello di Rivoli ist ein Diamant im Kreis der Museen zeitgenössischer Kunst und komplettiert das Kunsterlebnis von Turin.
Castello die Rivoli, Museo d’Arte Contemporanea, Piazzale Mafalda di Savoia 2, Rivoli/Torino, offen Mittwoch bis Sonntag.
Ein Security-Mann steht mit Knopf im Ohr wie ein Wächter vor einer matten Plexiglastür. Der Kurator sagt zur Besucherin mit einem Lächeln: „Gehen Sie ruhig mal rein!“ Von innen hört man Klaviermusik. Die erste Tür öffnet sich in einen kleinen Flur. Man öffnet die zweite Tür. Drinnen steht ein Flügel, an dem zwei Pianistinnen vierhändig spielen. Doch sobald sich die Tür öffnet, stoppt das Spiel. Die Damen schauen den Besucher mit leerem Blick nur an. O.K. man schließt die Tür für den Rückzug. Prompt wird das Klavierspiel fortgesetzt.
Diese Szenerie nennt sich tatsächlich Performance, erlebbar in der aktuellen Ausstellung im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart. AHA! Das Stoppen der Musik ist das „Kunstwerk“. Doch liebe Ausstellungsmacher: Ist es wirklich euer Wille, Besucher zu brüskieren, lächerlich zu machen und sie damit zu verärgern? Gut, man hätte sich alles vorher neben der Tür durchlesen können. Die unterschiedlichen Reaktionen der Menschen sollen der künstlerische Inhalt dieser Spielerei sein. Doch ist das „wertvoll“? Lustig jedenfalls nicht.
Bei Performance assoziieren wir großartige Aufführungen wie von Anne Imhof auf der Venedig Biennale, wofür sie absolut zu Recht den Goldenen Löwen 2017 gewann. Da bewirkten die Performer ungeahnte Irritationen, Verblüffung und tolle Gefühle bei uns Besuchern allein durch ihre Art sich zu bewegen oder zu zeigen.
Tino Sehgal, 2025 in Berlin
Auch der tiefschwarze Raum von Tino Sehgal auf der Documenta 13 (2012) im Hugenottenhaus mit den leisen Melodien und ruhigen Bewegungen der Performer*Innen hinterließ tiefe Emotionen und spannende Entspannung bei uns Besuchern. Tino Sehgals andere Performance im Deutschen Pavillon in Venedig (2005) muss auch erwähnt werden, als das Aufsichtspersonal an Besucher dicht heran trat mit den Worten „This is so contemporary“. Das verblüffte zwar, war jedoch freundlich und hinterließ ein fröhliches Schmunzeln.
Eine ebenfalls fantastische Performance war auch der Littauische Beitrag zur Biennale Venezia 2019 mit der Opernperformance in einer Strandszene! Ausgebildete Sängerinnen und Sänger saßen und lagen auf Tüchern in Badekleidung wie Touristen im Sand und besangen die schlimmen Probleme unserer Zeit.
Das waren wirkliche Highlights an Performance-Kunst.
Doch was wird uns heute unter diesem Genre-Titel geboten? Da laufen junge Leute in einem beckenartig tieferliegenden großen Innenraum des Museums mit einem Glas Wein in der Hand leicht zu Techno-Klängen wippend wie Lemminge mal nach links, mal nach rechts. Warum nur? Ursache sind Fragen, die auf Englisch auf Bildschrimen flimmern, z.B.:“Do you have more than one black friend?“, „Did you ever kissed someone, you didn’t like?“, „Do you live in a big town?“. Nach links gehen bedeutet YES, nach rechts gehen NO. ( Gropius-Bau Berlin) Da sind die Spiele, die sich Eltern für die Kindergeburtstagsfeier ihrer Kleinen ausdenken, deutlich kreativer und spaßiger!
Deshalb VORSICHT!, wenn Sie die Bezeichnung PERFORMANCE im Zusammenhang mit Kunst hören! Besser, Sie erwarten nicht zu viel und schützen sich sicherheitshalber etwas davor, selbst benutzt zu werden.
Das Museum Hamburger Bahnhof stellt erneut einer junger Künstlerin eine großartige Ausstellungsarchitektur für die Vorstellung ihres vielfältigen Werkes zur Verfügung. In einer transparent, halboffenen Aufteilung kommen ihre 3 Videoarbeiten wunderbar zur Geltung. Annika Kahrs arbeitet mit Musik, jedoch konzeptuell an unterschiedlichen Orten. Im ersten Video musiziert eine Dorfkapelle eines kleinen italienisches Ortes. Besonders daran sei die soziale Funktion der Gruppe, die wie ein sozialer Klebstoff die Gemeinde zusammenhalte.
In einer entweihten Kirche in Lyon findet sich ein neuer Chor zusammen.
In dem weiteren, aktuell für diese Ausstellung produzierten Werk filmte Annika Kahrs in Berliner Kaufhäusern. Sie waren entweder im Nacht-Modus, schon endgültig geschlossen oder sogar ausgekernt. In diesen etwas unwirklichen Orten zeigt eine Sängerin ihr Können oder eine Techno-Queen füllt die leeren Räume mit rhytmischen Klängen. Ein Streichquartet wird im Kaufhof von einer Security-Kraft durch das Treppenhaus dirigiert. Die surreal entfremdeten Szenen lassen viel Raum für die Fantasie und das Einfühlen der Betrachter.
Es soll auch eine abendliche Lichtinstallation am Kudamm auf großer Werbeleinwand geben. Deshalb halten Sie die Augen offen beim Weihnachtseinkauf.
Und dann gibt es noch – angekündigt als etwas ganz Besonderes- eine Performance! Darüber lesen Sie bitte im nächsten Beitrag dieses Blogs.
Annika Kahrs: „Off Score“, Hamburger Bahnhof, Nationalgalerie der Gegenwart, 14.Nov. 2025 bis 3.Mai 2026
Dass der ehemalige Industriestandort italienischer TOP-Automarken jetzt ein Hotspot für Zeitgenössische Kunst ist, war bisher bestimmt nicht jedem geläufig. Zwar hatte Turin bereits in vorherigen Jahrhunderten eine kulturelle Geschichte, doch jetzt haben sich mehrere Stiftungen, Museen und Privat-Institutionen etabliert, die den Ort für aktuelle Kunst dieses Jahrhunderts erheblich interessant werden lassen.
Zeitgleich mit der Kunstmesse ARTISSIMA fanden mehrere Ausstellungseröffnungen statt. Hier einige Bespiele, die für eine „Reise zur Kunst“ animieren könnten:
FONDAZIONE MERZ: Sie ist das Vermächtnis von Mario Merz, dem Künstler der Arte Povera, der mit Iglos aus unterschiedlichen Materialien und Werken mit der Fibonacci-Zahlenfolge bekannt wurde. Erstaunlich, dass ein Künstler bereits die Vision hatte, dass genau dieses mathematische Konstrukt nicht nur in der Natur relevant ist, sondern auch im Finanzwesen und in der Computertechnologie einen hohen Stellenwert bekommen sollte. Die aktuelle Stiftungs-Ausstellung im ehemaligen Heizkraftwerk von LANCIA in Turin widmet sich dem Krieg in Palästina, den namhafte Künstler*Innen thematisiert haben. „Push the Limits“ noch bis 1.2.2026.
FONDAZIONE SANDRETTO RE RABAUDENGO: „News from Near Future”.
Die private Sammlung besteht schon seit 30 Jahren und zeigt zu diesem Jubiläum nicht nur in ihrem Museumsbau, sondern auch im internationalen Automobilmuseum Turin großartige Schätze moderner Kunst, die sie teils offenbar direkt von der Biennale Venezia erworben haben. Das Vermögen stammt aus deren Firma, die Wind- und Solar-Energieanlagen herstellt. Wie schön, dass solche Schlüsselwerke öffentlich gezeigt werden und nicht in dunklen Archiven verschwinden!
GGR-OFFICINE GRANDI RIPARAZIONI
Das ehemalige Eisenbahn-Reparationswerk ist aufwendig restauriert worden für wechselnde Kunstausstellungen als gigantische Kulisse mit dem besonderen Ambiente eines Industrie-Palastes. Besonders im Dunkeln wirken die drei neuen Shows eindrucksvoll.
Die Französin LAURE PROVOST zeigt hier ihre bereits von der LAS Art Foundation in Berlin präsentierte Installation und Performance „We felt a Star Dying“. Sie läd Besucher ein, auf weichen Liegesäcken in einer Kuppel Filmsequenzen anzuschauen, die zum Eintauchen ins eigene Seelenleben anregen. Dazu dekorieren bunte sanft flatternde Stoffe die esoterische Atmosphäre und skurrile Mini-Sateliten schweben durch die dunkle Halle.
„ELECTRIC DREAMS“ ist eine Ausleihe der Tate Modern in London und zeigt Licht- und Sound-Kunstwerke aus den Anfängen elektronischer Kunst aus den 50ger bis Ende der 90ger Jahre. Man fühlt sich zurückgesetzt in die Zeit der Diskos mit Lightshows und möchte gemeinsam mit dem flirrenden Lichteffekten tanzen. Auch die Weiterentwicklung durch Computergrafik und Internet ist herrlich nachvollziehbar. Erstaunlich, dass all das schon wieder historisch ist! Dabei ist durchaus diskutabel, wie hoch der künstlerische Wert der Arbeiten ist, wenn doch oft lediglich der Spieltrieb der Erschaffer mit den technischen Möglichkeiten im Vordergrund zu stehen scheint. Es macht aber großen Spaß, sich in diese Zeitreise zu begeben.
Beides bis 10.5.2026
PINACOTECA AGNELLI
Giovanni Agnelli war Chef von FIAT und mit seiner Frau Marella begeisterter Kunstsammler. Doch ihre Sammlung teurer Picasso- und Matisse-Gemälde ist weniger spannend anzuschauen.
Vielmehr faszinierend ist das Gebäude, in dem sie wie in einer Schatzkammer präsentiert werden. Es ist ein Aufbau von Renzo Piano auf der alten 500 m langen FIAT-Fabrik. Das Gebäude selbst ist schon ein Unikat, denn bis in die 80ger Jahre wurde dort die Test-Rennstrecke inklusive Steilkurve auf dem Dach genutzt. Heute kann man dort umrahmt von Gärten spazieren und hat auch noch einen großartigen Ausblick auf die Stadt. Ein Sightseeing-Hotspot vom Feinsten!
FONDAZIONE CERRUTI
Francesco Federico Cerruti besass eine Buchbinderei, doch reich wurde er mit der Ausgabe eines Telefon- und Adressbuches, das permanent aktualisiert wurde. Dieser Verkaufsschlager brachte ihm so gute Gewinne, dass er sich kostbare Kunstwerke erwerben konnte. Die Sammlung bewahrte er in seiner Villa in Rivoli auf, die er zwar für seine Eltern geplant hatte, die jedoch nie dort einzogen. Auch er selbst wohnte in einer kleinen Wohnung neben seiner Turiner Fabrik und habe in der Villa nur einmal geschlafen. Die Kunstwerke zeigte er nur selten und nur Kunstexperten. Erst nach seinem Tod sollten sie öffentlich zugänglich werden. Das geschah 2019 unter der Regie von Carolyn Christov-Bakargiev, der Direktorin des nebenan gelegenen Castello di Rivoli.
Das Spannende am Besuch der Cerruti-Villa ist der fast erste Blick auf Werke, die zuvor der Öffentlichkeit vorenthalten waren. Ansonsten ist das moderne Haus innen prunkvoll verschwenderisch wie ein romantisches Schloss des Sonnenkönigs ausgestattet. Dazwischen finden sich jedoch grandiose wertvolle Gemälde berühmter Künstler. Leider füllen sie im ganzen Haus wie eine Tapete in Peterburger Hängung die Wände und kommen so als einzelne nicht wirklich zu ihrer berechtigten Geltung.
Es gibt in Turin so viel zu entdecken und ein absolutes Highlight folgt auch noch im kommenden Beitrag: Das Castello di Rivoli