Im Gropiusbau in Berlin gilt es einzutauchen in ein Labyrinth von Gestängen wie in einer skulpturalen Installation von Piet Mondrian, umgeben von Schwarz-Weiß-Fotografien der New Yorker Fotografin Diane Arbus (1923 – 1971). Die besondere Konstruktion und Anbringung der Fotos mit verwirrender Vervielfältigung durch Spiegelungen ist ein Raumkunstwerk für sich. Das Umherirren und immer wieder zufälligen Auffinden der unterschiedlichen Fotomotive ohne zwingenden Zusammenhang ist absolut gewollt. So hinterlässt jeder einzelne Blick auf ein neues Bild eine extrem intensive und individuelle Wirkung.
Diane Arbus bekam 1941 ihre erste Kamera als Hochzeitsgeschenk ihres Ehemannes. Zuvor hatte sie bereits Kunst in New York studiert. Beide gründeten nach dem Krieg 1946 eine Agentur für Modefotografie. Mit Fotos für Hochglanz-Zeitschriften sicherte sich Diane Arbus auch weiterhin ihren Lebensunterhalt. Sie erschienen bei Haarper’s Bazaar ebenso wie in der VOGUE.
Doch viel mehr faszinierten die Fotografin Menschen, die nicht dem Schönheitsideal der Zeit entsprachen: Behinderte, Kleinwüchsige, Ausgestoßene, Travestie-Künstler: Menschen, die eher nicht die gesellschaftlichen Normen verkörpern.
Diane Arbus‘ außergewöhnliche Fotos begeisterten Kunstkenner und wurden zunehmend in berühmten Museen wie dem MOMA in New York oder postum auch in Paris und Ontario ausgestellt. 1972, ein Jahr nach ihrem frühen selbstgewählten Tod zeigte die Biennale in Venedig Fotos von Diane Arbus. Es war das erste Mal, dass Fotografien den Rang von Kunstwerken erreichten.
Neil Selkirk
Im Gropius-Bau in Berlin werden 450 Fotos gezeigt. Es sind Abzüge, die Neil Selkirk genau in der Art wie die Künstlerin selbst hergestellt hat. Er ist ebenfalls Fotograf und war Schüler bei Diane Arbus. Mit seinen technischen Kenntnissen hatte er ihr damals oft zur Seite gestanden, weshalb nur er von ihr autorisiert wurde, auch weiterhin Abzüge ihrer Negative herzustellen.
Es ist faszinierend, wie sich im Blick der Fotografin ihre Liebe und Wertschätzung andersartiger Menschen auf ihren Fotos abbildet. Sie sind eine Anregung für uns Betrachtetende, uns selbst der Welt und den Menschen in ihrer Vielfältigkeit offen und bewundernd zu nähern.
Diane Arbus: „Konstellationen“, Gropius-Bau Berlin, 16.Okt.2025 bis 18.Januar 2026
„Díe Kunst ist die höchste Form der Hoffnung!“ Dieses Zitat von Gerhard Richter anläßlich der Documenta 7, 1982, begleitete heute das Richtfest für das Gebäude des „Berlin Modern“. Es wird als Museum für das 20. Jahrhundert errichtet und soll deutlich mehr aus dem Schatz der Sammlung der „Stiftung Preußischer Kunstbesitz“* öffentlich zeigen, als es bisher in anderen Berliner Museen möglich war.
Zum heutigen traditionellen Fest der Handwerker, die es glücklicherweise noch gibt, kamen sowohl die neue Präsidentin der SPK*, der größten staatlichen Kunstinstitution des Landes, Marion Ackermann, als auch der aktuelle Kulturstaatsminister und seine Vorgängerinnen Claudia Roth und Monika Grütters, die zuvor für diesen Bau politische Verantwortung trugen.
Jaques Herzog repräsentierte sein Architekturbüro „Herzog & De Meuron“ aus Basel. Mit Bauten wie der Bayern-Arena und dem Olympiastadion in Peking, „Vogelnest“ genannt, gehören sie durchaus zur Weltelite der Architektur. Klaus Biesenbach sprach als zukünftiger Hausherr, denn er ist nicht nur aktuell Direktor der Neuen Nationalgalerie, sondern auch bereits designierter künstlerischer Direktor des „Berlin Modern“.
Jaques Herzog, Marion Ackermann, Wolfram Weimer, Klaus Biesenbach
Doch was zeichnet den Neubau besonders aus? Er ist groß, extrem groß und er wird das Zentrum des sogennanten Kulturforums, wo er sich schon jetzt in voller Riesenhaftigkeit breit macht. Der Bau ist auch extrem schnell gewachsen: die Grundsteinlegung war erst im Februar 2024 und die Kosten sind bisher nicht explodiert. Ist er auch schön? Ja! Schon der Rohbau mit seinen vielen Stützen und den rauhen ungeglätteten Betonwänden und -böden und den freien Durchblicken zu den umgebenden Gebäuden übt in seinem brutalistischen Zustand eine ungeheuere Spannung aus, die danach ruft, mit Kunst bespielt zu werden.
Rebecca Horn
Erste Kunstwerke im Rohbau
17.10.2025
Es war bestimmt nicht einfach, ein Haus zu konzipieren, das viel Platz für Kunst bietet, aber zwischen Architektur-Ikonen wie der Philharmonie von Hans Scharoun und der Neuen Nationalgalerie von Mies van der Rohe strahlen kann, ohne sie zu erdrücken. Das gelingt u.a. durch den Bau weit in die Tiefe, von wo aus trotzdem kathedralenartige Räume erhaben bis zum Dach hinauf ragen können.
Platane hinter dem Gerüst
Eine reizende Besonderheit zeigt eine Einbuchtung in das Gebäude, eine spielerisch wirkende Störung, die dem Haus den Charakter eines Klotzes letztlich vollkommen nimmt. Die Architektur musste einem Natur-Riesen Ehrerbietung zeigen. Es geht um die 150 Jahre alte Platane, die sich und ihren Standort verteidigt. Sie hat den ersten Weltkrieg überlebt, die wilden 20ger-Jahre in Berlin, den zweiten Weltkrieg, die Teilung und Wiedervereinigung des Landes und sie ist Zeuge der großen Hoffnung auf dauerhaften Frieden. Jetzt trotzt sie der Betonierung durch den Menschen: ein wunderbares Symbol für heutige Rücksichtnahme und Wertschätzung der Natur.
Performance von Joan Jonas
Perfektioniert wurde der ursprüngliche Entwurf durch die grundlegende ökologische Umplanung, die das Architektenteam nicht nur duldete, sondern begeistert umsetzte.
Als Reminiszenz auf Joseph Beuys, der zur bereits genannten Documenta 7mit 7000 Eichen Kassel unter dem Titel „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ begrünen ließ, sollen um das jetzige Museum herum ebenfalls Bäume gepflanzt werden. Aktuell müssen die ersten des Projektes leider noch in Kübeln wachsen.
Die Kunstwerke des 20.Jahrhundert sind ebenso wie die Platane wichtige Zeugen für unsere Geschichte mit all ihren Schrecken, aber auch den wunderbaren Entwicklungen von Toleranz, ökologischem Gewissen, Menschenrechten, friedlichem Zusammenleben und der Hoffnung auf lange Stabilität dessen. Darum ist es wichtig, dass sie in diesem Museum groß und laut gesehen werden können.
Richtfest des „Berlin Modern“ am Kulturforum Berlin am 17.Oktober 2025
Kuratorenteam: Veronika Mehlhart, Dino Steinhof, Andreas Beitin, Friedrich von Borries
„Utopien entstehen als Visionen häufig in Zeiten der Unzufriedenheit über eine negativ empfundene Gegenwart.“ So leiten die Ausstellungsmacher des Kunstmuseums Wolfsburg rund um den Direktor Andreas Beitin die Thematik des aktuellen Projektes in der großen Halle ein. „You may say I’m a dreamer, but I’m not the only one.“ Dieses Zitat von John Lennon aus „Imagine“ gilt dem Untertitel: „Recht auf Hoffnung“. Ehemals utopische Gedanken und was aus ihnen geworden ist werden präsentiert. Ebenso finden sich Kunstwerke, die künstlerische Darstellungen und Projekte für eine positive Zukunft visualisiert.
Von Thomas Demand stammt das fast originalgroße Foto der Schaltzentrale des Atomkraftwerks in Fukushima. Richtig ist, dass das AKW 2011 komplett durch den Tsunami zerstört wurde. Es war ursprünglich eine Utopie der Menschheit, dass mit der Atomtechnologie unendlich viel Energie bereitgestellt werden könnte. Doch diese Vorstellung zerplatzte mit der Katastrophe endgültig. Tschernobil 1986 blieb also kein Einzelfall. Der Künstler hat übrigens für das Foto den Raum vollständig aus Papier nachgebaut.
Auch die Wiedervereinigung Deutschlands war jahrzehntelang eine Utopie, die fast jeder als unrealistisch empfunden hatte. Sven Johne stellt diese Realität gewordene schöne Utopie in einer Fotoserie dar, die gefundene Heilpflanzen zeigt, die er im ehemaligen Todesstreifen gefunden hat.
Daneben liegen demolierte Eisensterne auf dem Boden von Raimund Kummer und Stefen Huber. Sie symbolisieren die vom Himmel gefallenen Sterne der Flaggen sozialistischer Staaten, in denen die Utopie ihres Staatssystems kein geglücktes Ende fand. Ob die Künstler die „Stars and Stripes“ der US-Flagge mit einbeziehen, bleibt zunächst offen.
Die dem gegenübergestellte zukünftige hoffnungsvolle Utopie einer nationalstaatenfreien Menschheit möchte die Collage der Société Realisé ausdrücken. Hier sind die Nationalflaggen in ihre Bestandsfarben abstrakt reduziert worden und bilden gemeinsam ein vielfältiges buntes Miteinander.
Mit hoher Anziehungskraft lockt die BesucherInnen ein Ensemble eleganter Porzellanskulkpturen unter dem Titel „Mare Mediterraneum“: AES+F hat als Gruppe von KünstlerInnen Szenen dargestellt, die das Thema Mittelmeer verbindet. Da gibt es kitschige Luxustouristen ebenso wie bedrohte Flüchtlingsboote. Alles enorm attraktiv anzuschauen.
Der Licht- und Aktionskünstler Olafur Eliasson ist mit einem „Navigation Star for Utopia“ vertreten, der uns offensichtlich in eine helle bunte Zukunft navigieren soll.
Eine abstrahierte Palmeninsel von Phillipp Fürhofer symbolisiert unsere utopischen Fantasien und Sehnsüchte nach einer paradisischen Südseeinsel.
Yinka Shonibares Öko-Astronaut ist auch auf dem Weg zu neuen friedlichen ökologischen Welten.
In dieser Art gilt es 60 künstlerische Umsetzungen zum Thema Utopie auf der Wolfsburger Ausstellung zu entdecken. Man sollte auch Zeit mitbringen, denn es sind viele großartige Video-Arbeiten von z.B. Francis Alys (Childrens Game), Melany Bonayo (Nocturnal Gardening), Cao Fei oder Yael Bartana (aus dem deutschen Pavillon der Venedig Biennale) auf jeden Fall sehenswert, die ein ausgiebiges Verweilen mit großem Genuss belohnen.
terreform ONE: New Y0rk als Post Carbon CityWiederverwendung von alten WindkraftflügelnPilze als neuer Werstoff
Der Katalog ist eine wunderbare hintergründige Sammlung von guten Essays über Utopien. Leider ist er als Erklärung für die einzelnen Kunstwerke mühsam und nicht so hilfreich.
„UTOPIA, Recht auf Hoffnung“ im Kunstmuseum Wolfsburg, 27.9.2025 bis 11.1.2026
Ein Extra-Tipp von INArtberlin: Besuchen Sie auf jeden Fall das Café im c/o Berlin. Dort sollte das Werk von Christoph Niemann auf keinen Fall unbeachtet bleiben, denn es ist weit mehr ist als eine dekorative Wandverkleidung.
Christoph Niemann ist ein weltweit erfolgreicher Grafiker und Illustrator. Er gestaltet regelmäßig das Cover der beliebten Zeitschrift „The NEW YORKER“ und schuf u.a. den Entwurf für den Innenbereich der U-Bahnstation Wannsee oder auch eine Briefmarke der Deutschen Post. Für das Café im c/o Berlin entwarf er den gewebten Wandteppich als Analogie zu einem der ersten fotografischen Experimente: „Der gedeckte Tisch“ des französischen Erfinders Nicéphore Niépce aus dem Jahr 1822. INArtberlin sprach mit Christoph Niemann anlässlich der Eröffnungsausstellung.
I.B.: Welche Idee hatten Sie für diese sogenannte „künstlerische Intervention“ der Wandgestaltung und wie ist sie realisiert worden?
Christoph Niemann: „Technisch ist es ein Wandteppich, ein gewebtes Stück Stoff, 16m lang, 2 m hoch mit zusätzlichen Arbeiten auf Leinwänden, die erhaben daraufmontiert wurden, um die reine Fläche aufzulockern. Seit ich auch Museumsausstellungen mache, weiß ich, dass die Gestaltung eines Raumes andere Anforderungen stellt. Theoretisch ist alles immer eine Frage der Zeichnung, aber zwischen einem Blatt Papier und einer Wand ist mehr Unterschied als alles nur zehnmal grösser, weil Räume anders funktionieren als einfach nur die Vergrößerung einer Zeichnung. Wenn ich zum Beispiel ein Magazin aufschlage, habe ich 2 Sekunden, um gefangen zu werden. In einem Raum sitze ich länger, da brauche ich eine mehrschichtige Textur, nicht nur einen Inhalt.
Bei der Herstellung des Wandteppichs arbeitete ich mit der Textildesign-Professorin Veronika Aumann zusammen. Wir haben mehrere Web-Techniken ausprobiert, was für mich absolut neu war. Besonders toll finde ich, dass man für eine schwarze Fläche die Fäden einfach herausspringen lassen kann, was einen dreidimensionalen und lebendigen Eindruck hinterlässt. Die Schattierungen entstehen aus Punkten schwarzer und weißer Fäden in unterschiedlicher Menge und Dichte. Das war für mich auch eine Verbindung zu meiner fotografischen Arbeit.
Oft entstand so auch für mich Überraschendes. Einerseits will ich immer alles kontrollieren. Doch gleichzeitig passierte während der Produktion das Interessante, wenn die künstlerische Vorstellung auf die Realität traf,z.B. die Fäden plötzlich über der Fläche flatterten. Das spannende Element des Unvorhersehbaren ist oft ein großartiges Erlebnis.“
I.B. Vielen Dank für Ihre instruktiven Erklärungen.
Christoph Niemann: „Premier Plat“ im Café des c/o Berlin, September 2025 bis September 2026
„Wenn dein Foto nicht gut genug ist, warst du nicht nah genug dran.“ Auf dieser Aussage von Robert Capa, dem Mitbegründer der renomierten Foto-Agentur Magnum basiert der Titel der neuen Ausstellung im c/o Berlin. Hier geht es aber nicht um Centimeter, sondern um die emotionale Nähe zwischen Fotografin und ihrem Motiv. Die Ausstellung präsentiert Fotoserien von 12 internationalen Fotografinnen, mit denen sie auf ganz besondere Weise diese Beziehungen darstellen. Exemplarisch werden drei von ihnen hier vorgestellt.
SABIHA CIMEN ist Türkin und fotografierte zwischen 2017 und 2020 Mädchen in der Istanbuler Koranschule, die sie selbst früher besucht hatte. Wahrscheinlich kann nur eine Frau gleicher Herkunft diese beeindruckenden Aufnahmen bekommen, die tiefe Einblicke in die Seele und das Leben der Abgebildeten möglich erscheinen lassen.
Sabiha Cimen Künstlerin
Ein anderes Beispiel ist HANNAH PRICE. Sie war in einer Vorstadt von Colorado aufgewachsen und gerade in die Metropole Philadelphia umgezogen. Dort erlebte sie als attraktive junge Frau oft, dass fremde Männer ihr übergriffig hinterherpfiffen. Als Reaktion entwickelte sie vorsichtig die Fähigkeit, diese schwierige Situation zu entschärfen, indem sie die Männer ansprach und nach kurzem Gespräch fragte, ob sie sie fotografieren dürfe. Vorwiegend reagierten die Männer irritiert und verschüchtert. Ihrer Fotoserie gab sie den Titel: „City of Brotherly Love“
CHRISTINA DE MIDDEL gab 2015 für ihr Fotoprojekt „Gentlemen’s Club“ in Rio de Janeiro eine Zeitungsanzeige auf, in der sie Kunden von Sexarbeiterinnen gegen ein Honorar bat, sie über ihre Motivation, Gefühle und Erfahrungen mit bezahltem Sex befragen und fotografieren zu dürfen. Die Resonanz und Offenheit überraschte sie und so führte sie ihr Projekt in weiteren Städten fort: Havanna, Mexico City, Paris, Amsterdam, Lagos, Mumbai, Los Angeles, Kabul.
Die 12 künstlerischen Positionen, ausschließlich von Frauen fotografisch gestaltet, zeigen, dass es einen speziellen weiblichen Blick gibt und die große Nähe zu den abgebildeten Menschen eine beeindruckende Ausstrahlungskraft entwickeln kann.
c/o Berlin im Amerika-Haus: „Close enough“, Perspectivs by Women of MAGNUM, vom 27.September 2025 bis 28. Januar 2026
Betritt man die großen Rieckhallen im Hamburger Bahnhof, wird man eingehüllt in eine Welt aus Fabelwesen, einer untergehenden Sonne und umhüllt von weicher farbiger Beleuchtung sowie von zarten Opernmelodien. Petrit Halilaj (Jg 1986) hat seine bunte Installation aufgebaut wie eine Theaterkulisse und tatsächlich ist sie auch die kleine immersive Welt, in der seine Oper spielt. Diese basiert auf einer Anekdote, die in seiner Heimat, dem Kosovo erzählt wird. Danach verliebten sich Fuchs und Hahn – absichtlich ein queeres Paar – und wanderten nach dem Verstoß aus dem Paradies in das uralte Dorf Syrigana, wo sie letztlich nach einigen Wirrungen von der Bevölkerung liebevoll aufgenommen und verheiratet wurden.
Nicht Adam und Eva, nicht die Schlange, sondern der Schneider, nicht der Apfel, sondern die Birne; es bleibt die eindeutige Anlehnung an die biblische Geschichte, die alle drei monotheistische Religionen vereint. Tatsächlich hat der Künstler die komplette Oper inzeniert und sie am Ursprungsort im Kosovo, in dessen Nähe er selbst an der Grenze zwischen Serbien und Albanien aufgewachsen ist, uraufgeführt: im Freien und durchaus gegen Widerstände in der vormaligen Kriegsregion. Ein Brandanschlag auf die Kulissencontainer musste überwunden werden. Die Zweisprachigkeit (serbisch und albanisch) wurde kompensiert, indem die meist vogelartigen Rollen mit zwitschernden Stimmen singen. Doch es wurde ein Riesenerfolg, an dem 1200 Menschen vor der Kulisse eines sagenumwobenen Felsens teilhaben konnten.
Die Ausstellungsversion in Berlin lässt dies erahnen, wenn man sich hineinziehen lässt. Doch auch einzelne Skulpturen wirken schon in ihrer verspielten Art magisch inspirierend. Symbolisch sind es Motten, Vögel oder Engel.
Halilajs Installation ist ein typisches Beispiel für ein Kunstwerk, das mit den Grenzen der verschiedenen Kunst-Genres spielt. Die Musik einer Oper, die Literatur eines Märchens, die bildende Kunst als skulpturale Installation und textile Arbeiten als Mode bzw. Kostüme: ein Crossover, wie es dem mega-aktuellen Trend in der Kunst entspricht. Diese multimediale Anregung aller Sinne lässt die Besucher in eine wundervolle eigene Traumwelt eintauchen, wenn sie sich darauf einlassen möchten.
Petrit Halilaj: „An Opera Out of Time”, 11.9.2025 – 31.5.2026 im Hamburger Bahnhof in Berlin.
Achtung: Geplant ist konsequenterweise eine reale live-Aufführung der Oper in den Ausstellungsräumen im April 2026. Deshalb sollte man regelmäßig schauen, wann es Tickets gibt.
Roger M. Buergel (Jg. 1962) war 2007 künstlerischer Leiter der Documenta 12 diskutiert die aktuelle Rolle von Kuratoren in der Kunstszene und deren Verhältnis zur Politik.
IB: Herr Buergel, wie wichtig ist die Position der Kuratoren in der Kunstszene heute? Werden sie wirklich zu wichtig beschrieben und stehlen den Künstlern die Show?
RB: Der Begriff des Kurators entwickelte sich erst in den 2000er Jahren, auch bedingt durch neue Märkte. Insbesondere in Asien hatten Kuratoren die Aufgabe, den Menschen Überblicksausstellungen zu bieten. Doch der Kurator ist keine Art neoliberales Künstler-Subjekt, der andere für sich arbeiten lässt, alles nur irgendwie zusammenfasst und am Ende als seine Vision vermarktet. Heute geht es darum, die Werke mehrerer Künstler in Beziehung zu setzen und zu verknüpfen. Das führt oft zu einem kritischen Widerspruch, also Ärger, weil man vermeintlich dem Künstler ein Stück weit sein Werk wegnimmt. Auf diesen Machtkampf muss man Lust haben. Ich bin aber überzeugt, dass es dazu keine Alternative gibt.
IB: Welche Rolle spielen Sammler in diesem Konstrukt?
RB: Eine völlige Freiheit ist beim Kuratieren nie gegeben, sie muss erkämpft werden. Das war auch schon bei Königen, Päpsten so und existiert heute ebenfalls bei amerikanischen Milliardären. Sammler, die jedoch nur zur Selbsthuldigung ausstellen, tun sich keinen Gefallen, denn sie schaffen letztlich nur zahnlose Ausstellungen. Die Lösungen sind sehr spezifisch.
IB: Was macht eine schlechte Ausstellung aus?
RB: Eine schlechte Ausstellung zeigt Kunst, die nur dem Markt dient. Beispiele sind die Pinault-Ausstellungen in Venedig 2024. Die Julie Mehretu-Ausstellung im Palazzo Grassi kann ich schon wegen der Menge nur als „Kaufhaus-Kunst“ bezeichnen. Bei Pierre Huyghe, einem wirklichen Super-Künstler, war der Raum der Punta della Dogana mit der schwarzen Verkleidung geschmacklos und kalt – das scheiterte formal. Da ist einfach zu viel Geld im Spiel.
Julie MehretuPierre HuyguePierre Huygue
IB: Wie stark sind Sie dem Einfluss von Galeristen und Lobbyisten ausgesetzt? RB: Man ist nur den Leuten ausgesetzt, denen man erlaubt, sich ihnen auszusetzen. Das Kunstfeld ist heterogen, und es gibt viele Galeristen, die aus echter Begeisterung investieren.
IB: Ist es auch eine Aufgabe von Kuratoren, Künstler zu entdecken und berühmt zu machen?
RB: Das lässt sich nicht vorhersagen. Die Einladung von Ai Weiwei 2007 zu unserer Documenta beispielsweise kam durch politische Vermittlung des Schweizer Botschafters in Peking zustande. Im asiatischen Raum hatte Ai Weiwei schon einen Namen. Dass seine Karriere dann in kürzester Zeit weltweit explodierte, konnten wir gar nicht beeinflussen. So etwas passiert einfach.
Documenta 12: 3 mal Ai Weiwei-Werke
IB: Welche neuen Entwicklungen sehen Sie in der zeitgenössischen Kunst in China seit 2007?
RB: China ist ein großes Land mit komplexen Debatten. Künstler navigieren geschickt in diesem System. Es gibt besonders in China schon traditionell keine festen Kategorien von Kunst und junge Leute interessieren sich auch für digitale Trends. Die aktuelle Entwicklung ist erfreulich grenzüberschreitend und fließend zwischen den Kategorien: Architektur, Mode, Musik, Gestaltung, Literatur und Technologie inklusive KI. Junge Leute begeistern sich z.B. für digitale Sneekers. Das schafft spannende neue Möglichkeiten.
Bei der Documenta 12 gab es schon eine künstlerische Modenschau!
IB: Sehen Sie ähnliche Tendenzen in Deutschland und Europa?
RB: Nein, nicht in dem Maße. In China gibt es eine lange Geschichte, in der Kunst und Kunsthandwerk ineinander übergingen. In Europa gibt es aber auch besonders in der jungen Generation eine wachsende Sensibilität für die Schnittmengen zwischen verschiedenen Disziplinen.
IB: Sie haben mal gesagt, der Kunst werde zu viel Politik zugeschrieben. Welche Funktion sollte in diesem Kontext die Documenta haben?
RB: Die Documenta muss sich jedes Mal neu definieren. Politisierung hat viele Aspekte. Viele Künstler thematisieren politische Inhalte, oft aber anstelle künstlerischer Substanz. Es gibt andereseits auch die Identifikation junger Menschen mit Protestthemen, die aber mehr mit ihnen selbst zu tun haben. Persönliche Enttäuschungen über das eigene Leben oder den Wohlstandsverlust in Europa werden stellvertretend auf die Solidarisierung mit anderen Krisengebieten übertragen und zornig ausgerufen.
Documenta 15, 2024Venedig Biennale 2024
IB: Es gab bei jeder Documenta „Skandale“.
RB: Ja, bei uns 2007 wurde heftig debattiert, ob es Kunst sei, einen Koch einzuladen oder dass wir bunte Wände verwenden.
Die Documenta 15 musste stärkere Kritik aushalten, weil hier die Reibungen mit der Staatsdoktrin deutlich wurden. Ruan Grupa war schlecht beraten und lief ungeschützt ins Messer. Das wird sich so nicht mehr wiederholen. Zukünftige Skandale werden kommen, aber andere Formen annehmen.
IB: Das hat Tradition bei der Documenta.
RB: Richtig. Wenn man sich auf diese Aufgabe als Kurator einläßt, kann man nicht nur geliebt werden, sondern muss den Finger in Wunden legen, letztendlich auch in die eigenen und das ist schmerzhaft. Klar gibt es dann einen Aufschrei. Doch wie bereits gesagt: man muss Freude an intersivem Diskurs haben. Ich jedenfalls mag das!
Alle reden über Kentridge. WIR AUCH! Doch nicht nur, weil momentan sowohl in Essen als auch in Dresden riesige Ausstellungen den südafrikanischen Künstler zu seinem 70. Geburtstag feiern, sondern weil sein Werk wirklich großartig ist.
Seit 50 Jahren ist William Kentridge künstlerisch tätig und spätestens seit der dOCUMENTA(13) 2012 verbreitete sich seine Beliebtheit exponentiell. Damals schuf er mit „The Refusial of Time“ eine herrliche immersive Installation, als dieser Begriff noch gar nicht benutzt wurde. Ein Raum, in den man eintrat und sofort in die philosophische Auseinandersetzung mit der uns dominierenden ZEIT-Taktung mit allen Sinnen eintauchte.
Im Folkwang-Museum in Essen wird aktuell aus dem umfangreichen Werk des Künstlers zunächst das Thema Bergbau in den Vordergrund gestellt, ein verbindendes Element zwischen dem Ruhrgebiet und Johannisburg, der Heimat des Künstlers. Etwa ein Viertel des weltweiten Goldes stammt aus Minen der Umgebung. In beiden Regionen findet jetzt jedoch kein aktiber Bergbau mehr statt, sondern eine Transformation von Arbeit und Gesellschaft. Die Kunstwerke haben sich dementsprechend von schweren Bedingungen für die Bergleute zu Landschaften und Kunst, auch aus Literatur und Theater verändert.
Ein zweiter Themenbereich sind die Auswirkungen des Kolonialismus in Afrika. Hierzu wird bespielsweise ein automatisches Theater mit Zeichnungen und Figuren gezeigt, das den Völkermord an den Herero durch die kaiserliche deutsche Armee in Süd-West-Afrika verübt hat.
Doch auch die Migrationsbewegungen, die bis heute folgten, sind künstlerisches Thema in der Ausstellung. Zu sehen ist u.a. ein riesiger Wandteppich mit einem Boot-Motiv. Gefragt wurde, wie und wer ihn hergestellt habe. William Kentridge erklärt:“Ich habe nie gedacht: Oh, ich will einen Teppich, dann suche ich mal in der Welt eine Fabrik. Nein, die Werkstätte für die Tappisserie gab es vorher schon ganz nah an Johannisburg. Wir hatten uns getroffen und gemeinsam überlegt, was wir zusammen machen könnten. Dann haben viele fleißige Hände aus Mohairwolle der Region das Bild gewebt.“ Auch die kleine Vorlage hierfür ist in der Ausstellung zu sehen.
Bei all diesen dramatischen Geschichten schwingt bei Kentridge oft auch eine heitere humorvolle Machart mit. Danach befragt erklärt der Künstler, dass er dies eher als Groteske meine. Massaker und Kriege seien letztlich doch unsinnig und grotesk.
Man braucht für die Freude an der Kunst von William Kentridge jedoch gar nicht alle Themen sofort zu verstehen, sondern kann von der feinen perfekten Art des Zeichnens und der Spannung in der Zusammensetzung von Linien und Kollagen einfach begeistert sein. Es sind grafische Meisterwerke und gleichzeitig Suchbilder.
Berühmt ist der multimediale Künstler auch für seine Animationsfilme, die er in Einzelbildern durch kleine Veränderungen von Kohlezeichnungen aufnimmt. Doch auch Theaterstücke oder Opern inszeniert er, meist mit KünstlerInnen aus Johannisburg inkusive Brass-Band.
Das ging plötzlich nicht mehr, als wir alle zur Tatenlosigkeit im Corona-Lockdown verpflichtet wurden. Kentridge ging allein in sein Atelier – seinen Lieblings-Lebensraum – und produzierte eine 9teilige Filmsequenz, in der er mit einem Doppelgänger über sein Leben und Schaffen philosophierte. Gleichzeitig gibt er hierin einen wunderbaren Einblick in seine Arbeitsweise. „Self-Portrait as a Coffee Pot“ ist genau das groteske und gerade deshalb das ehrlichste seiner Werke. (Fun-fact: Er möge den Kaffee aus dieser Zubereitung eigentlich gar nicht, sondern lieber French-Press!) Wer sich die 9×30 Minuten komplett anschauen möchte, findet sie nicht nur in der Ausstellung, sondern auch bei MUBI.
Ganz Deutschland scheint im Kentridge-Fieber zu sein: In Berlin wird sein Stück „The great YES and the great NO“ im November aufgeführt. In Weimar gibt es eine Wiederkehr von „Faustus in Africa!“, eine alternative Puppenspiel-Adaptation, die Kentridge vor 30 Jahren beim Kunstfest Weimar vorgestellt hatte.
Weiterhin präsentiert die Dresdner Kunstsammlung die zweite Hälfte von „Listen to the Echo“ in drei Häusern. Eröffnet wurde sie spektakulär mit einer Live-Prozession in der Art von Kentridge vorbei am berühmten Fürstenzug, dem Wandbild aus Meißner Porzellan-Kacheln. (Fotos: B. Rühl)
Kentridge mag Prozessionen. So wird auch „More Sweetly Play The Dance“ auf 9 Leinwänden im Albertinum gezeigt, ein Ablauf des Lebens und Sterbens. Es gebe multiple Arten von Prozessionen, nicht nur spirituelle, meint der Künstler. Auch Protestmärsche gehören dazu. Z.B. zogen am Dresdner Fürstenzug schon „Fridays for-Future“-Schüler vorbei, doch auch rechtsextremistische ausländerfeindliche Demos oder Trauerzüge von Polizisten für ihre getöteten Kollegen. Viele Analogien sprachen für das Werk von William Kentridge an diesem Ort.
Es gibt eine Fülle an fantastischen Kunstwerken des sympatischen und nachdenklichen William Kentridge momentan wiederzusehen oder neu zu entdecken. Ein absolutes Pflichtprogramm für leidenschaftliche Kunstliebhaber*Innen!
William Kentridge: „Listen to the ECHO“
Museum Folkwang, Essen: 4.September 2025 bis 18.Januar 2026
Im Karussel der Kunstbiennalen entwickelt sich im europäischen Norden ein kleiner Diamant: die Helsinki Biennale! Zum dritten Mal findet sie nicht nur im HAM (Helsinki Art Museum), sondern besonders idyllisch auch auf der Insel Vallisaari statt. Vorwiegend wurden skandinavische Kunstschaffende eingeladen, doch auch international renomierte Künstlerinnen und Künstler.
Olafur Eliasson(Island/Berlin) ist einer der wenigen Künstler-Stars. Er brachte eine „Viewing machine“ nach Vallissari, die an einem nebligen Tag Mosaike entstehen läßt wie auf einem alten Schwarz-Weiß-Foto.
Eindrucksvoll und wunderschön stehen die Glasskulpturen von Tania Candiani aus Mexiko in einem ehemaligen Munitionsdepot. Sie sind Kleinstlebewesen aus der Tiefsee nachemfunden und strahlen in vielfältigen Farben.
Wie unter riesigen Vogelschwingen geborgen sollen wir uns unter dem zeltähnlichen Bau des Brasilianers Ernesto Neto fühlen, einer Reminiszenz an die Vielfalt der Vogelwelt der Insel und ebenfalls ein Statement für den Schutz der Natur.
Nomeda &Gediminas Urbonas aus Littauen bauten aus blauen Wasserleitungen mit unterschiedlicher Länge und Durchmesser ein schickes Klettergerüst, das jedoch an feuchten Tagen sehr rutschig ist.
Vallisaari war früher eine Militär-Insel, deren Zugang bis 2021 verboten war, zumal noch 1937 alte Munition explodierte. Auch heute sind 2/3 des Geländes wegen Explosions- und Vergiftungsgefahr eingezäunt und für Besucher unzugänglich. Im freien Bereich bereitet jedoch eine unverfälschte üppige Pflanzenwelt nicht nur Botanikern viel Freude.
Im Museum HAM inspiriert ein Video der norwegischen Sami-Künstler Jenni Laiti & Carl-Johan Utsi über das eigentümliche Herdenverhalten von Tausenden Retieren in eisig glitzernder Natur, doch wirft es auch viele Fragen auf, die nicht erklärt werden.
Die Künstlerin Aluainy Kaumakan stammt aus einer indigenen Bevölkerung Taiwans und präsentiert eine riesige flatternde feine textile Skulptur. Sie ist eine Hommage an die altertümlichen Möglichkeiten des Überlebens in einer schwierigen Umgebung.
Dies sind nur einige Positionen, die nicht gerade dem Mainstream künstlerischer Werke entsprechen, dafür aber spannend als Neuentdeckungen sind.
Doch zusätzlich sind auch ein typischer Bronze-Baum mit Stein von Giuseppe Penone und eine Blume von Yayoi Kusama zu sehen.
Die kuwaitische Künstlerin eröffnete vor kurzem noch ihre Ausstellung in Berlin. Doch auch das Finnische Museum für Moderne Kunst in Helsinki KIASMA widmet ihr deren großen Saal unter dem Dach für eine Einzelausstellung.
Die persönliche Thematik von Erdöl im Spannungsfeld zwischen Schönheit und zerstörerischer Kraft ist auch hier sichtbar, allerdings in ganz anderen Werkgruppen. Die großen schwebenden ballonartigen Molekularmodelle sind aus Kunststoff auf Erdölbasis hergestellt und schimmern ebenso herrlich wie erneut die Bohrköpfe der Erdölindustrie in Autolackfarben.
In einem Video inszeniert Monira Al Qadiri eine Ölraffinerie in Nachtbeleuchtung als prachtvollen „Palast“, der wie aus einem Weltraum-Sciencefictionroman schwerelos im All schwebt, während gegenüber aus einer Badewanne voller Öl die Arme eines Ertrinkenden ragen.
Monira Al Qadiri: „DEEP FATE” im KIASMA, Helsinki noch bis 7.9.2025