In der Berlinischen Galerie eröffnete die koreanische Künstlerin Jeewi Lee (1987) ihre Ausstellung, die ihr der GASAG-Kunstpreis ermöglichte. Er wird aus junge KünstlerInnen vergeben, deren Kunst Schnittstellen zu Wissenschaft und Technik verkörpert.
Bei Jeewi Lee geht es ausschließlich um Sand: den Stoff, der das Silzium für elektronische Geräte ebenso liefert wie auch geliebte Situationen des Lebens prägt, vom Spiel im Sandkasten bis zu entspannten Stunden am Strand. Jeewi Lee ließ einzelne Sandkörner aus aller Welt mit einem bildgebenden MRT-Mikro-Verfahren analysieren und die Daten auf einen 3D-Drucker übertragen. Dieser gestaltete die jetzt vergrößerten Skulpturen aus einer Mischung aus Sand und Weizenkleie als Bindemittel. Zu sehen sind die sehr fragilen Modelle, die zeigen, dass Sand auf keinen Fall aus gleich strukturierten Körnern wie z.B. Kristallen besteht, sondern individuelle komplexe Formen annimmt. Die Projektion von Schichtaufnahmen der MRT-Bilder belegt, dass im Inneren eines Sandkorns auch Hohlräume existieren.
Die Ausstellung ist jedoch nicht nur eine naturkundliche Dokumentation. Vielmehr besticht die Darstellung der Skulpturen durch ästhetische Schönheit, die durch die Installation im Raum zusätzlich gewinnt. Die Beleuchtung in verschiedenen Gelb-Tönen symbolisiert die passende Atmosphäre von Sandstürmen.(1987)
Ein deutscher Film erhält den Goldenen Bären der Berlinale 2026
Premiere
Wenn bei uns gelbe Briefe eintreffen, bedeuten sie auch meist nichts Gutes, denn sie kommen von Staatsanwaltschaften oder Gerichten. In der Türkei werden in gelben Umschlägen Entlassungsbriefe verschickt. Die Hauptfiguren Derya und Aziz erhalten solche Schreiben und verlieren gleich beide ihre Arbeit am Staatstheater und an der Universität in Ankara. „Gelbe Briefe“ erzählt die Geschichte der Familie einer erfolgreichen Schauspielerin und eines Dramaturgen sowie Uni-Professors, deren Lebengrundlage ihnen plötzlich mit fadenscheinigen Argumenten entzogen wird. Das Paar lebt mit einer pubertierenden Tochter in einem despotischen System, in dem kritische Stimmen zwar nicht getötet, aber durch Job-Verlust zum Schweigen gebracht werden. Wie soll man weitermachen? Weiterhin ideologisch korrekt das System kritisieren oder sich an die Verhältnisse anpassen?
Diese beiden Pole werden in der Beziehung von Derya und Aziz kontrovers, aggressiv, aber klug ausdiskutiert. „Meinst du immer noch, du kannst mit Kunst die Welt retten?“ fragt die Tochter den Vater. Letztlich nimmt Derya das Angebot einer lukrativen Rolle in einer Serie an, obwohl diese bei einem systemkonformen Sender läuft und sie ihre politischen Social-Media-Einträge löschen soll. Azis bleibt konsequent bei seiner kritischen Weltverbesserungs-Überzeugung. Der Unterschied der Einkommen bleibt folgerichtig auch nicht ohne Auswirkungen auf die Beziehung.
„Gelbe Briefe“ sollte ursprünglich als türkischer Film komplett auf türkisch und auch in der Türkei vorbereitet und gedreht werden. Doch in den knapp 5 Jahren der Arbeit an dem Film änderte sich die politische und soziale Realität so, dass Regisseur Ilker Çatak, der seit Kindheit in Deutschland lebte, studierte und arbeitete, diese Sicht deutlich von außerhalb des Systems erzählen wollte. Reale Geschichten von Entlassungen und sogar Verhaftungen aus geringen konstruierten Anlässen waren ihm persönlich berichtet worden und Anlass für den Film. Letztlich entschied er sich für den Kunstgriff, dass die Produktion nach Deutschland verlegt werden sollte. So sehen wir jetzt Einblendungen: „Berlin ist Ankara“ und „Hamburg ist Istanbul“ und schon ist die Elbphilharmonie deutlich im Hintergrund, während in der Handlung die Darsteller mit dem Boot über den Bosporus fahren. Das irritiert und führt gleichzeitig zu Aufmerksamkeit.
Ilker Çatak, Özgü Namal, Tansu Biçer
Die konfliktreichen Dialoge werden excellent von Tansu Biçer und Özgü Namal schauspielerisch umgesetzt. Beide sind gefeierte Schauspieler in der Türkei, was dem Film hochgradige Kompetenz verschafft. Die Ambivalenz und Zerrissenheit der Rollen werden fantastisch spürbar dargestellt.
Doch dieser Film ist mehr als eine Beziehungsgeschichte in der Türkei. Es ist eine angstauslösende Botschaft, denkt man darüber nach, was jedem einzelnen von uns angesichts drohender politischer Wendungen passieren kann. Die Möglichkeit ist in letzter Zeit so nah gerückt, dass wir sie nicht einfach verdrängen können. Auch durch die Verzahnung der Orte im Film rückt die Handlung näher an unsere eigene Realität heran.
Handwerklich ist „Gelbe Briefe“ in Regie, Kameraführung, Bild, Schnitt, Sprache und Ton perfekt sowie inhaltlich eine großartige Bereicherung, die fasziniert und erscheckt zugleich. Ein Kunstwerk!
Die Berlinale ist das bedeutendste Filmfestival Deutschlands, das international hohe Aufmerksamkeit genießt. Dass nach 2004, als Fatih Akin mit „Gegen die Wand“ gewann, jetzt endlich wieder ein deutscher Film den Goldenen Bären bekommt, ist hoch erfreulich. Jury-Präsident Wim Wenders bestätigt in seiner Laudatio den „Gelben Briefen“ internationales Niveau und Aussagekraft.
INTERVIEW:
INArtberlin sprach mit Luzie Lohmeyer (Prokuristin und kaufmännische Leiterin bei if…Productions) direkt nach der Preisverleihung:
I.B. Herzlichen Glückwunsch zum Gewinn des Goldenen Bären! Ihre Produktionsfirma if…Productions (Produzent: Ingo Fliess) ist ja ein recht kleines Unternehmen und jetzt haben Sie nach der Oscar-Nominierung für „Das Lehrerzimmer“ im vorletzten Jahr schon wieder ein Meisterwerk produziert!
L.L.: „Wir sind total glücklich, doch es war eine hervorragende intensive Arbeit! Allen voran von Ilker Çatak, aber auch von unserem hoch motivierten Team, das sich während der Zeit immer wieder hinterfragt und dadurch stetig verbessert hat.“
I.B.: Sie sind diejenige, die stets dafür sorgt, dass die organisatorische und besonders finanzielle Situation des Projektes gesichert ist?
L.L.: „Genau, ich bin für die Zahlen verantwortlich. Das funktioniert nicht nur, weil ich Mathematikerin bin, sondern auch ein großes Herz für unsere Filmprojekte habe. Man muss sich gut in den Projekten auskennen, um bei den Förderanträgen und Investoren richtig zu argumentieren.
Für „Gelbe Briefe“ hatten wir zunächst ein Budget von rund 1,5 Millionen Euro eingeplant, das uns für einen Film mit kompletten Dreharbeiten in der Türkei realistisch und finanzierbar schien. Als dann das Autorenteam von Ilker Çatak, Ayda Çatak und Enis Köstepen die Idee entwickelte, den Film ins Exil zu schicken und die Dreharbeiten nach Deutschland zu verlegen, waren wir alle sofort begeistert, auch wenn das auf einen Schlag fast eine Verdreifachung des notwendigen Budgets bedeutete. Weil wir den inhaltlichen Sinn so gut nachvollziehen konnten, war es für mich auch nicht so schwer, das den Geldgebern und Förderern überzeugend zu vermitteln. Natürlich half dabei der Erfolg von „Das Lehrerzimmer“, ebenfalls von Ilker Çatak, das ja eine Oscar-Nominierung erhalten hatte und mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt worden war. So konnten wir z.B. unsere wunderbaren französischen Koproduzenten Haut et Court für das Projekt gewinnen. Allerdings bedeutete dieser Erfolg auch eine große Herausforderung. Konnte ein zweites Mal ein solches Kunststück gelingen? Das Lehrerzimmer durfte kein One-Hit-Wonder bleiben. Mit dem Goldenen Bären ist „Gelbe Briefe“ nun aus dem Schatten des „Lehrerzimmers“ herausgetreten.
I.B.: Auffällig ist, dass überall nach staatlichen Fördergeldern gerufen wird.
L.L: „Es stimmt, dass ohne solche Fördergelder kein Film dieser Größenordnung in Deutschland produziert werden kann. Schließlich müssen hohe Summen im Vorfeld für den Produktionsprozess aufgewendet werden, bevor an Einnahmen überhaupt zu denken ist. Von den Schauspielern bis hin zum gesamten Team müssen viele Menschen ihren Lebensunterhalt bestreiten. Hervorragende Schauspieler beanspruchen auch verdientermaßen mehr als kleine Gagen. Dazu kommen noch viele unsichtbare Kosten für Hotels, Flüge, Kinderbetreuung, Arbeits-genehmigungen und noch viel mehr. Durch die Produktionsverlegung musste beispielsweise für jeden türkischen Mitarbeitenden ein Arbeitsvisum beantragt werden. Das größte Problem bleibt aber, dass aktuell die Kosten enorm gestiegen sind, doch die Höhe der Fördersummen stehen bleibt.“
I.B.: Wie hat es mit dem Film begonnen?
L.L.: „Wir machen Autorenfilme, was bedeutet, dass wir an erster Stelle unseren Autoren vertrauen! Ilker Çatak kam mit der Geschichte vor fast 5 Jahren zu uns. Dieses Vertrauen bedeutet aber nicht, dass wir unsere Autoren allein lassen. Wir begleiten den Schreib- und Entwicklungsprozess intensiv. Ilker Çatak sucht aber sowieso stets einen konstruktiven Dialog mit uns, ist dabei super empathisch und kooperativ mit allen Beteiligten und behält dabei seine künstlerische Vision im Auge. Eine Zeit lang gab es sogar Zweifel, ob das Thema nicht an Aktualität und Relevanz verlieren könnte, bevor der Film fertig ist. Doch die politische Realität hat dies immer eindrücklicher bestätigt. Das Filmthema wuchs enorm an aktueller Bedeutung während der Produktionszeit.
I.B.: Machen Sie sich Sorgen um die Schauspieler, die ja weiterhin in der Türkei leben?
L.L.: „Darüber haben wir intensiv diskutiert, denn der Film soll ja auch in der Türkei gezeigt werden. Das wurde mehrfach mit allen offen kommuniziert. Unsere türkischen Koproduzenten Liman Film sind dabei enorm wichtig und wir vertrauen auf ihre Einschätzung der Lage. Aktuell stehen alle hinter dem Projekt und es besteht die Hoffnung, dass eine internationale erfolgreiche Sichtbarkeit auch ein Schutz sein kann. Der Goldene Bär ist dafür hoffentlich der erste Faktor.“
I.B. Nochmals herzlichen Glückwunsch und vielen Dank für das Gespräch.
Kinostart in Deutschland: 5. März 2026. Achtung: Wenn dieser deutsche Film in einem Kino als „OmU“ (Original mit Untertiteln) angekündigt wird, ist das Türkisch, aber auch ohne Sprachkenntnisse spannend, weil noch authentischer.
Emeka Ogboh hat zu der großen Afrika-Ausstellung „The True Size of Africa“ in der Völklinger Hütte drei Kunstwerke neu und side-specific geschaffen. INArtberlin sprach mit ihm über seine ungewöhnliche Art des Kunstschaffens anlässlich der Ausstellungseröffnung.
Inartberlin: „Schon 2017 bei der Documenta 14 ließen Sie ein spezielles Bier damals in Einbeck brauen. Es war eine dunkle Komposition mit besonderen afrikanischen Aromen und recht hohem Alkoholgehalt. Der Name Sufferhead signalisierte die Wirkung am Tag danach.“
Emeka Ogboh: „ Für Völklingen jetzt hat das Bier keinen hohen Alkoholgehalt oder afrikanische Gewürze. Es ist rotbraun, ein Red Ale und trägt den Namen“ROST“. Es ist ein Symbol für den Stahl, der hier hergestellt wurde, ein extrem hartes Material, das aber doch von Korrosion zerstört werden kann. Und Korrosionen passieren auch mit Menschen, wenn sie geschunden und ausgebeutet werden. Der Bergbau ist eine Gemeinsamkeit zwischen dem Süden Afrikas und dem Saarland. Es bleibt bei der Produktion rote Schlacke übrig. In Afrika färbt zusätzlich roter Sand die Luft. Das Bier aber wird von allen Bergleuten nach einem schweren Arbeitstag an der Theke getrunken!“
Auch das zweite Werk für die aktuelle Ausstellung knüpft an die gemeinsame Bergbautradition an. Als Mehrkanal-Soundinstallation lässt Ogboh afrikanische Sänger das Steigerlied singen, jedoch auf einer afrikanischen Sprache Namibias mit von ihm neu verfassten Text. Dieser handelt vom Leid der Arbeiter durch Ausbeutung in der Kolonialzeit. Der Klang ist gleich am Eingang eine immersive Einstimmung der Besucher auf die Welt Afrikas oder Unter Tage.
Inartberlin: Sie sind aus Nigeria, aus Lagos und leben jetzt in Berlin. Warum?
Emeka Ogboh: „Sound-Kunst kann ich nicht in Lagos machen. Da ist es unglaublich laut. Sie denken, Berlin sei laut. Doch das bisschen Straßenlärm ist gar nichts gegen Lagos. Da würde jede Soundinstallation übertönt.“
Als drittes Kunstwerk ist „Der Chor der Aufgegebenen“ im Außengelände der Völklinger Hütte zu erleben. Fünf ausrangierte Hängebahn-Loren werden durch kleine Motoren in wechselnder Choreographie „zum Leben erweckt“.
E.O.: „ Es klingt erst wie ein unterschiedliches Quietschen und Knarren, aber auch ein wenig wie Glocken, die die Zeit ansagen.“
I.B.: Welche nächsten Projekte können wir von Ihnen erwarten?
E.O.: „Ich möchte auch etwas Ungewöhnliches mit Speisen machen. Dafür recherchiere ich jetzt in Berlin. Es gibt dort so eine riesige fantastische Vielfalt internationaler Küchen!“
Emeka Ogboh ist mit seinen Werken der markanteste Künstler der Ausstellung „The true size of Africa“ und ein hervorragendes Beispiel dafür, wie wirkungsvoll Kunst auch durch Sound oder Getränke als Darstellungsformen sein kann.
Emeka Ogboh bei „The true size of Africa“ in der Völklinger Hütte, 9.11.2024 bis 17.August 2025
Sie ist Bildhauerin mit Weltruhm. Ihre Skulpturen waren und sind ausgestellt nicht nur in Zürich, sondern auch in Venedig, New York, Nimes, Kopenhagen, Dallas, Wien, Madrid, Mailand oder Berlin. Sie bestehen aus unterschiedlichen Materialien wie Aluminiumguss, Stahl und Stein und sind in ihrer Formgebung völlig abstrakt. Ohne Hinweise auf menschliche oder naturalistische Vorlagen zeigen sie sich als dreidimensionale spielerisch verbundene Objekte im Raum, die unsere Versuche einer Interpretation grundsätzlich scheitern lassen….sollen. Nairy Baghramian spricht oft von FREIHEIT. Sie liebt und lebt ihre absolute Freiheit bei der Gestaltung und sieht die Kunstwerke auch passenderweise als Symbol für Freiheit.
Nairy Baghramian ist 1971 im Iran geboren. Ihre Familie gehörte der Minderheit der armenischen Christen an. Nach dem Sturz des Shah-Regimes und der Errichtung des islamischen Gottesstaats flohen sie nach Berlin, damals West-Berlin, als sie 13 Jahre alt war. Auch heute lebt und arbeitet die Künstlerin in Berlin.
Aktuell zeigt die Galerie Hauser und Wirth in Zürich eine Einzelschau mit einer Werkauswahl, die deutlich macht, dass die Mischung aus weichen Formen in zartem Rosa mit den kantigen spiegelglatten Stahlkonstruktionen komplex kontrastiert.
Eine weitere Serie besteht aus einer Art Mobiles teils mit Fotos kombiniert. Ähnliche Objekte sind außerdem zurzeit Im Palazzo Grassi in Venedig als Zusatz der Ausstellung von Julie Mehretu zu sehen, wobei ebenfalls der Kontrast zu den zweidimensionalen Bildern der Kollegin und dem prunkvollen Palast eine großartige Wirkung entfaltet.
Im Züricher Haus Konstruktiv ist ebenfalls ein Werk zu finden, denn sie war 2016 auch eine Preisträgerin des von dort vergebenen „Zurich Art Prize“.
Auch Nairy Baghramian war bereits Teilnehmerin einer Documenta, und zwar der D14 in Kassel und Athen (2017).
Die Skulpturen wirken auf den ersten Eindruck sperrig und machen ratlos, doch nach Einlassen auf Material und die Tatsache, dass man keine tiefe Bedeutung suchen muss, ergibt sich eine erstaunliche Strahlkraft.
Hauser und Wirth: Zürich Limmatstrasse bis 7.September, Haus Konstruktiv: Zürich Selnaustr.25; Venedig: Palazzo Grassi bis 6.1.2025