60. Venedig Biennale 2024

Der Olymp zeitgenössischer Kunst?

Venedig ist eine Insel der Glückseligkeit, wenn dort in den Stätten der Kunst die internationale Biennale stattfindet. Sie wird manchmal auch als Kunst-Olympiade bezeichnet, weil in Pavillons, die teilweise über die ganze Stadt verteilt sind, die unterschiedlichen Länder ihre aktuelle Kunst präsentieren und um den Goldenen Löwen für den besten Länderpavillon konkurrieren.

Hinzu kommt an den beiden großen Locations, den Giardini und dem Arsenale, die von einem Kurator – in diesem Jahr Adriano Pedrosa aus Brasilien – präsentierte Hauptausstellung.

Adriano Pedrosa will unserem eurozentrischen Kunstgeschmack die Kunst des sogenannten Globalen Südens, das Fremde, nahebringen. Als Titel wählte er: „Foreigners everywhere“: „Fremde überall“ oder inhaltlich besser „Überall Fremdsein“. Hierbei kann es um das Fremdsein in einer Gemeinschaft, einem fremden Land oder auch im eigenen Körper gehen.

Zur Veranschaulichung wählte Pedrosa für seine Hauptausstellung vorwiegend Künstler*Innen mit Außenseiterpositionen:  Non-Hetero Sexualität oder anders ausgedrückt aus der Queer-Community, indigener Herkunft, Coloured People oder Menschen mit komplexer Migrationsgeschichte. Dadurch steht nicht unbedingt das extrem innovative Kunstwerk im Vordergrund, sondern das fremde, bisher noch nicht gesehene. In manchen Ausstellungsräumen hängen Bilder eher museal historisch und kontextual korrekt, doch wenig begeisternd. An anderer Stelle findet sich eher folkloristisches anmutendes Kunsthandwerk. Das lässt erneut die alte Diskussion aufblühen: „Was ist Kunst?“ Trifft das auch auf diese Werke zu? Wahrscheinlich Ja, nur benötigt es eine andere Betrachtungsweise. Auf jeden Fall sind letztlich wir als Besucher*Innen gefordert, aber auch berechtigt, unsere ganz persönlich spannenden „Perlen“ herauszusuchen. Doch keine Sorge, davon lassen sich unglaublich viele finden.

Die diesjährige Biennale empfängt und erfreut uns sofort mit einer farbenprächtig komplett bemalten Fassade des zentralen Biennale-Pavillons in den Giardini. Dort ist sofort zu erkennen, was in diesem Jahr gezeigt wird. In typisch südamerikanisch ornamentalen Stil hat die brasilianische Gruppe WAHKU eine Legende illustriert, die erzählt, dass die Kontinente der Erde an der Beringstraße zwischen Alaska und Sibirien in früherer Zeit eine Verbindung hatten, die Menschen in beide Richtungen genutzt haben. Ein großer freundlicher Alligator bildete mit seinem Körper eine Brücke. Als Wegzoll bekam er von den Menschen Nahrung. Eines Tages jedoch töteten Menschen einen anderen Alligator, was den Großen so sehr verärgerte, dass er verschwand. Von da an blieben die Kontinente getrennt.

Im großen Mittelraum des Biennale-Pavillon wird diese ursprüngliche Verbundenheit der Menschen aus unterschiedlichen Erdregionen anhand von Bildern der modernen Abstraktion thematisiert. Hier hängen Werke aus Asien und Südamerika gegenüber und lassen vorwiegend Gemeinsamkeiten erkennen. Die geometrischen Muster entsprechen eher nicht unsere Art der Abstraktion, die wir seit dem Bauhaus kennen, sondern zeigen ihren eigenen Stil südlicher Kultur.

Innen beginnt der Biennale Pavillon mit einer neuen Aufstellung von Nil Yalters „Exile is a hard work“, die auch zuletzt im Berliner KW-Institut für zeitgenössische Kunst zu sehen war. Es bezieht sich auf die türkischen Gastarbeiter aus den 60ger Jahren, bleibt aber immer noch aktuell, weil sie universelle Bedeutung entfaltet. Nil Yalter wurde in diesem Jahr auf der Biennale mit dem Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk ausgezeichnet.

Ganz subjektiv betrachtet sind zeitgenössisch spannende Werke mehr noch im Arsenale zu finden. In den riesigen ehemaligen Werftanlagen Venedigs wirken die Ausstellungsstücke besonders faszinierend. Gleich am Eingang empfängt die Besucher der „Refugee Astronaut“ von Yinka Shonibare, dem britisch-nigerianischen Künstler. In Deutschland ist er von der Documenta 11 (2002) bereits bekannt und somit kein unbekannter Außenseiter. Der Astronaut fordert uns auf, ihm auf dem Weg seiner „Flucht“ in die Ausstellung zu folgen.

In der ersten großen Halle schwebt an der Decke ein zeltförmiges Geflecht, das fantastische Schattenspiele ermöglicht. Dies wurde von der Biennale-Jury als bestes Kunstwerk der Ausstellung gekürt. Es stammt vom neuseeländischen MATAAHO Kollektiv, einer Gruppe Maori-Frauen und sei aus der Tradition von Geburtsmatten entstanden. Allerdings benötigte die massive Stahlkonstruktion mit der industriell perfekten Aufhängung sowie dem Flugzeug-Gurtmaterial sicher professionelle Ingenieure und Handwerker.

Ein weiteres Highlight ist „The mapping journey project“ von Bouchra Khalili. Die marokkanische Künstlerin lebt und arbeitet jetzt in Wien und ist ebenfalls keine Unbekannte im Kunstbereich. Beispielsweise bekam sie auf der Sharjah-Biennale 2023 den Preis für eins der 3 besten Werke. Bouchra Khalili hat für ihr Projekt Menschen in Cafes, auf öffentlichen Plätzen, Bahnhöfen oder an Haltestellen angesprochen und sie über ihre Wege der Migration aus Afrika oder Asien nach Europa befragt. Gezeigt werden auf 8 großen Screens Landkarten-Videos, auf denen die Hände der Protagonisten mit einem Stift ihre Fluchtwege nachzeichnen und dazu berichten. Selbstverständlich gibt es eine englische Übersetzung. Diese Einzelschicksale sind bedrückend, weil sie ganz persönlich über durchgemachte Strapazen, Quälereien und Ausbeutung berichten.

Die Auszeichnung als beste Nachwuchskünstlerin bekam Karimah Ashadu, eine in Hamburg und Lagos lebende nigerianische Künstlerin für ihre Videoarbeit „Machine Boys“. Hier schildert sie anschaulich die Not junger Männer als Motorad-Taxifahrer in Lagos, die diesen Weg gefunden haben, um aus Armut und Kriminalität herauszukommen. Wenn man bedenkt, wie mächtig die nigerianische Mafia ist, dann ist vorstellbar, wie schwer es auch ist, dieses „legale“ Leben zu führen und auch weiterhin zu verteidigen.

Es sind hier nur einige wenige künstlerische Positionen aus der Fülle der Werke der Hauptausstellung der 60. Kunst-Biennale beschrieben, die jedoch allein schon den Besuch wert wären. Dazu verlockt aber immer auch Venedig als herrliche Kulisse u.a. mit der Via Garibaldi, dem Aperol Sprizz und den großartigen Plaudereinen und kontroversen Gesprächen mit vielen Kunstbegeisterten. Ein fantastisches Erlebnis!

60.Biennale di Venezia, 20.April 2024 bis 24.November 2024

Achtung:

Sehr bald wird an dieser Stelle weiter über die Biennale berichtet. Dann geht es um die LÄNDERPAVILLONS: Sind sie noch zeitgemäß? Welche Bedeutung hat der Gedanke des „olympischen“ Kunstwettbewerbs? Wer hat den Goldenen Löwen gewonnen und welches sind die „Gewinner“ der Herzen oder der Fachleute? Was zeigt speziell der Deutsche Pavillon? Welche besonderen Kunst-Entdeckungen gibt es aktuell noch in Venedig?……
































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