„Gelbe Briefe“ Film von Ilker Çatak

Ein deutscher Film erhält den Goldenen Bären der Berlinale 2026

Wenn bei uns gelbe Briefe eintreffen, bedeuten sie auch meist nichts Gutes, denn sie kommen von Staatsanwaltschaften oder Gerichten. In der Türkei werden in gelben Umschlägen Entlassungsbriefe verschickt. Die Hauptfiguren Derya und Aziz erhalten solche Schreiben und verlieren gleich beide ihre Arbeit am Staatstheater und an der Universität in Ankara. „Gelbe Briefe“ erzählt die Geschichte der Familie einer erfolgreichen Schauspielerin und eines Dramaturgen sowie Uni-Professors, deren Lebengrundlage ihnen plötzlich mit fadenscheinigen Argumenten entzogen wird. Das Paar lebt mit einer pubertierenden Tochter in einem despotischen System, in dem kritische Stimmen zwar nicht getötet, aber durch Job-Verlust zum Schweigen gebracht werden. Wie soll man weitermachen?  Weiterhin ideologisch korrekt das System kritisieren oder sich an die Verhältnisse anpassen?

Diese beiden Pole werden in der Beziehung von Derya und Aziz kontrovers, aggressiv, aber klug ausdiskutiert. „Meinst du immer noch, du kannst mit Kunst die Welt retten?“ fragt die Tochter den Vater. Letztlich nimmt Derya das Angebot einer lukrativen Rolle in einer Serie an, obwohl diese bei einem systemkonformen Sender läuft und sie ihre politischen Social-Media-Einträge löschen soll. Azis bleibt konsequent bei seiner kritischen Weltverbesserungs-Überzeugung. Der Unterschied der Einkommen bleibt folgerichtig auch nicht ohne Auswirkungen auf die Beziehung.

„Gelbe Briefe“ sollte ursprünglich als türkischer Film komplett auf türkisch und auch in der Türkei vorbereitet und gedreht werden. Doch in den knapp 5 Jahren der Arbeit an dem Film änderte sich die politische und soziale Realität so, dass Regisseur Ilker Çatak, der seit Kindheit in Deutschland lebte, studierte und arbeitete, diese Sicht deutlich von außerhalb des Systems erzählen wollte. Reale Geschichten von Entlassungen und sogar Verhaftungen aus geringen konstruierten Anlässen waren ihm persönlich berichtet worden und Anlass für den Film. Letztlich entschied er sich für den Kunstgriff, dass die Produktion nach Deutschland verlegt werden sollte. So sehen wir jetzt Einblendungen: „Berlin ist Ankara“ und „Hamburg ist Istanbul“ und schon ist die Elbphilharmonie deutlich im Hintergrund, während in der Handlung die Darsteller mit dem Boot über den Bosporus fahren. Das irritiert und führt gleichzeitig zu Aufmerksamkeit.

Die konfliktreichen Dialoge werden excellent von Tansu Biçer und Özgü Namal schauspielerisch umgesetzt. Beide sind gefeierte Schauspieler in der Türkei, was dem Film hochgradige Kompetenz verschafft. Die Ambivalenz und Zerrissenheit der Rollen werden fantastisch spürbar dargestellt.

Doch dieser Film ist mehr als eine Beziehungsgeschichte in der Türkei. Es ist eine angstauslösende Botschaft, denkt man darüber nach, was jedem einzelnen von uns angesichts drohender politischer Wendungen passieren kann. Die Möglichkeit ist in letzter Zeit so nah gerückt, dass wir sie nicht einfach verdrängen können. Auch durch die Verzahnung der Orte im Film rückt die Handlung näher an unsere eigene Realität heran.

Handwerklich ist „Gelbe Briefe“ in Regie, Kameraführung, Bild, Schnitt, Sprache und Ton perfekt sowie inhaltlich eine großartige Bereicherung, die fasziniert und erscheckt zugleich. Ein Kunstwerk!

Die Berlinale ist das bedeutendste Filmfestival Deutschlands, das international hohe Aufmerksamkeit genießt. Dass nach 2004, als Fatih Akin mit „Gegen die Wand“ gewann, jetzt endlich wieder ein deutscher Film den Goldenen Bären bekommt,  ist hoch erfreulich. Jury-Präsident Wim Wenders bestätigt in seiner Laudatio den „Gelben Briefen“ internationales Niveau und Aussagekraft.

INTERVIEW:

INArtberlin sprach mit Luzie Lohmeyer (Prokuristin und Geschäftsführung bei IF-production) direkt nach der Preisverleihung:

I.B. Herzlichen Glückwunsch zum Gewinn des Goldenen Bären! Ihre Produktiomsfirma IF…production (Ingo Fliess) ist ja ein recht kleines Unternehmen und jetzt haben Sie nach der Oscar-Nominierung für „Lehrerzimmer“ im letzten Jahr schon wieder ein Meisterwerk produziert!

L.L.: „Wir sind total glücklich, doch es war eine hervorragende intensive Arbeit nicht nur von Ilker Çatak, sondern auch von unserem hoch motivierten Team, das sich während der Zeit immer wieder hinterfragt und so verbessert hat.“

I.B.: Sie sind diejenige, die stets dafür sorgt, dass die organisatorische und besonders finanzielle Situation des Projektes gesichert ist?

L.L.: „Genau, ich bin für die Zahlen verantwortlich. Das funktioniert nicht nur, weil ich Mathematikerin bin, sondern auch ein großes Herz für unsere Filmprojekte habe. Man muss sich hohe Kompetenzen über die Projekte verschaffen, um bei den Förderanträgen und Investoren gut zu argumentieren.

Die Kalkulation der „Gelben Briefe“ war zunächst komplett geregelt, als Ilker plötzlich die Idee hatte, die Produktion aus der Türkei nach Deutschland zu verlegen. Das bedeutete auf einen Schlag eine Verdreifachung des notwendigen Budgets. Er überzeugte uns jedoch alle im Team, weil wir den Sinn inhaltlich nachvollziehen konnten. So war es für mich auch nicht so schwer, das den Geldgebern kompetent zu vermitteln. Natürlich zog auch die Oscar-Nominierung vom „Lehrerzimmer“, das ja auch von Ilker Çatak inszeniert war. Allerdings bedeutete dieser Erfolg auch eine große Herrausforderung. Konnte ein zweites Mal ein solches Kunststück gelingen? Das Lehrerzimmer durfte kein One-Hit-Wonder bleiben. Erst seit heute mit dem Goldenen Bären ist diese Angst bei uns allen zerstreut worden.“

I.B.: Auffällig ist, dass überall nach staatlichen Fördergeldern gerufen wird.

L.L: „Es stimmt, dass ohne solche Fördergelder kein Film produziert werden kann. Schließlich müssen hohe Summen im Vorfeld für den Prodiktionsprozess aufgewendet werden, bevor Einnahmen entstehen. Viele Menschen müssen ihren Lebensunterhalt in den Jahren der Produktion bestreiten. Hervorragende Schauspieler bekommt man auch nicht für kleine Gagen. Und ich kann wohl am besten beurteilen, wieviel unsichtbare Kosten anfallen: Hotelkosten, Flüge, Unterbringung von Kindern oder auch für Arbeitsgenehmigungen und noch viel mehr. Durch die Produktionsverlegung musste beispielsweise für jeden türkischen Mitarbeitenden ein Arbeitsvisum beantragt werden. Das größte Problem bleibt aber, dass aktuell die Kosten enorm gestiegen sind, doch die Höhe der Fördersummen stehen bleibt.“

I.B.: Wie hat es mit dem Film begonnen?

L.L.: „Wir machen Autorenfilme, was bedeutet, dass wir an erster Stelle unseren Autoren vertrauen! Ilker Çatak kam mit der Geschichte vor fast 5 Jahren zu uns. Doch es herrscht kein blindes Vertrauen trotz seiner tollen vorherigen Erfolge. Er sucht aber sowieso stets einen konstruktiven Dialog mit uns, ist dabei super empathisch und kooperativ mit allen Beteiligten. Eine Zeit lang es gab es sogar gemeinsame Zweifel, ob die Thematik überhaupt einen großen Film trägt. Doch die politische Realität hat dies immer eindrücklicher bestätigt. Das Filmthema wuchs enorm an aktueller Bedeutung während der Produktionszeit.

I.B.: Machen Sie sich Sorgen um die Schauspieler, die ja weiterhin in der Türkei leben?

L.L.: „Darüber haben wir intensiv diskutiert, denn der Film soll ja auch in der Türkei gezeigt werden. Das wurde mehrfach mit allen offen kommuniziert. Aktuell stehen alle hinter dem Projekt und es besteht die Hoffnung, dass eine internationale erfolgreiche Sichtbarkeit auch ein Schutz sein kann. Der Goldene Bär ist dafür hoffentlich der erste Faktor.“

I.B. Nochmals herzlichen Glückwunsch und vielen Dank für das Gespräch.

Kinostart in Deutschland: 5. März 2026. Achtung: Wenn dieser deutsche Film in einem Kino als „OmU“ (Original mit Untertiteln) angekündigt wird, ist das Türkisch, aber auch ohne Sprachkenntnisse spannend, weil noch authentischer.


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