Von einem Traum zum nächsten wandeln

Die Lyon-Biennale hat sich – natürlich deutlich kleiner als Venedig – zu einer der wichtigsten Ausstellungen für zeitgenössische Kunst etabliert. Sie wird in diesem Jahr zum 18. Mal an drei Hauptschauplätzen präsentiert: in den „Les Grandes Locos“ ehemaligen Eisenbahnhallen, im „macLYON: Musée d’art contemporain“ und im „Musée des Tissus et des Arts décoratifs“. Zusätzlich sind einzelne Werke an verschiedenen Orten der Stadt verstreut, wobei das „Musee des Confluence“ als fantastisches Bauwerk am spannendsten ist, auch wenn lediglich drei Werke von Monira Al Qadiri das Foyer schmücken.


Unter dem Titel „Passer d’un rêve à l’autre“ („Von einem Traum zum nächsten gleiten“) kuratierte Catherine Nichols die diesjährige Lyon-Biennale. Sie möchte das Thema Wirtschaft thematisieren und bekam außerdem den Auftrag, einen Schwerpunkt auf Oceanien, insbesondere auf Australien und Neuseeland zu legen. Die Betonung der Länder ist mehrfach erkennbar, doch glücklicherweise befinden sich auch hervorragende Künstler*Innen und Werke aus anderen Weltregionen in der Ausstellung. Das Wirtschaft-Thema ist allerdings schwerer erkennbar. Allerdings möchte Catherine Nichols dies auch metaphorisch interpretieren lassen: „Ökonomie im weiteren Sinn“. „Wir verhandeln den politischen Rahmen zwischen uns nicht aggressiv politisch, sondern widmen uns fundamentalen philosphischen Fragen des Miteinander.“
Angesichts der Fülle der großen Präsentation werden hier ganz subjektiv nur einige wenige Highlights vorgestellt.

Mikhail Karikis bekommt die erste Stelle. Er ist an 3 Orten vertreten, wobei besonders seine großartige Multimedia-Installation, die – perfekt mit Chor und Orchester aufgenommen- sein Projekt „Sound of a Revolution“ dokumentiert. (Musée des Tissus et des Arts décoratifs). Er arbeitete über 2 Jahre in Lissabon mit 50 Jugendlichen, die mit Gesang den Satz „We are together, because…“ wiederholen und unterschiedlich ergänzen. Es geht um Zusammenhalt und die Stärke und Macht, die hierdurch erwächst.

„Es ist wichtig, mit Jugendlichen an so einer Sache für den Gemeinschaftssinn zu arbeiten, bevor sie wählen dürfen. In Portugal haben gerade die Erstwähler rechts gewählt.“ „Ich wurde gewarnt, nicht mit Kindern oder Tieren zu arbeiten, doch gerade die Jugendlichen haben das Projekt wunderbar mit ihren eigenen kreativen Ideen erst vervollständigt. Man sieht ihnen ihr ehrliches Engagement deutlich an.“ Die Inszenierung ist nicht nur ein Kunstwerk, sondern entwickelte sich während der Arbeit daran auch als wertvolle sozialpädagogische Arbeit.

Mikhail Karikis ist 1975 in Griechenland geboren, lebte später in New York und London und fand jetzt seinen Lebensmittelpunkt in Lissabon. Seine jungen Protagonisten singen daher auf Portugisisch. Für den Klang- und Performance-Künstler steht Gesang im Mittelpunkt, den er mit Sound und Video ergänzt, um seine Message auszudrücken.

Beim Eintreten in die riesigen „Grandes Locos“ irritiert sofort der Anblick multipler Container, die vermeintlich wahllos im Raum verteilt sind, als ob alles noch nicht fertig arrangiert ist. Dies unterstreicht den „Industrial Look“ des Ortes, denn es ist offensichtlich eine bewußte Austellungsarchitektur, um den Kunstwerken eigene abgegrenzte Areale zu ermöglichen, aber eben keine „White Cubes“ mit dem fragwürdigen Charme von Messeständen. Gerade den Video-Installationen innnerhalb einiger Container bietet sich auf diese Weise ein ungestörter Raum.


Laure Prouvost: Man kann hineingehen in einen riesigen atmenden Organismus. Dabei kommt rasch das Gefühl auf, im Magen eines Wals zu sein, der unseren ganzen Wohlstandsmüll mit den Resten von Meerespflanzen permanent versucht zu verdauen. „Hovering Caress amere“ bedeutet etwa „Eine schwebende Umarmung“. Die Brüsseler Künstlerin (1978) erstellt auch hier wieder eine neue gigantische, faszinierende multitechnologische Installation, wofür sie bekannt ist.


Miguel Rothschild: Der argentinische Künstler, der 1963 in Buenos Aires geboren wurde, stellt den sagenumwobenen Fluss „Rio de la Plata“ seiner Heimat künstlerisch mit seinen Wellen dar, die durch filigrane Aufhängung entstehen. Der spezielle Stoff schimmert je nach Beleuchtung silbrig oder rot. Geschichten erzählen, dass am Ende des Flusses ein riesiger Silbervorrat existiere, der dem Wasser den silbernen Glanz verleiht. Argentinien erhielt seinen Namen übrigens von Argentum (AG) = Silber. Die Annahme großer Silbervorkommen im Land blieb bis heute jedoch unbestätigt. Historisch belegt ist jedoch, dass Gefangene aus Flugzeugen in diese breite Flussmündung fallen gelassen wurden und nie wieder auftauchten. So ist er auch ein blutgetränkter roter Fluss.


Candrani Yulis hat die riesige Halle der Grand Locos mit einer herrlichen Spirale aus Kleiderbügeln und Stoffstreifen verschönert. Die Künstlerin wurde 1995 in Indonesien geboren, wo sie auch heute lebt und arbeitet. Ihr Werk ist leicht zu interpretieren, denn es entstehen sofort Gedanken an Fließbandarbeit, die bedrohte Textilindustrie, aber auch die Rolle von Frauen als ausgebeutete Näherinnen.


Akwasi Bediako Afrane, geboren 1990 in Ghana, wo er auch heute lebt und arbeitet, schenkt der Lyon-Biennale ein Haus im Haus, das aus lauter Elektroschrott gebaut ist. „Dance of Dialogue“ (2026) nennt er eine Komposition aus den wertlos gewordenen Einzelkomponenten alter elektronischer Geräte. Der Künstler arangiert Kollagen änlicher Bestandteile so, dass sie ein neues rein künstlerisches Ensemble bilden ohne ihre ursprüngliche Funktion. Das macht extrem neugierig, auf Entdeckungsreise durch die Gänge zu wandeln. Müll in Kunst zu verwandeln ist Transformation und eine Form von Nachhaltigkeit. Besucher*Innen können auf Fahrradergometern Strom erzeugen und als Interaktion eine zusätzliche Disco-Illumination einschalten. Außerdem ist dieses Werk richtig anregend, selbst etwas Ähnliches nachzubauen.


Mette Sterre: Ihr Werk bekam den Titel: „Hummelmania Paradise: Extreme Dreams Depend on Teams“ „ Extreme Träume hängen von Teams ab.“ Mette Sterre versetzt uns in ein völlig veraltetes Großraumbüro mit benutzten, leeren Kaffetassen und vertrockneten Planzen. Darin jubeln Figuren menschlicher Mitarbeiter einem Höheren Wesen zu, das als riesige aufgeblasene Hand von der Decke hängt. Der Gott der Bürokratie? Bei einer Performance kommt ein haariges Wesen in den Raum. Es ist der Hummelmann, eine groteske Verwaltungskreatur und ein augenzwinkernder Gott des Büroalltags und Kontrollzwangs. „Er ist zurückgelassen worden, der Gott der Arbeitswelt und des Bürowahnsinns. Sein Freund Mammon ist gestorben, daher gibt es keine Arbeitsplätze mehr und es werden auch keine Büros mehr benötigt.“ So aktuell diese Arbeitsplatz-Situation auf den ersten Blick noch auf uns wirkt, so schnell wird deutlich, wie gerade Büros immer mehr verschwinden zugunsten rein elektronischer Bearbeitung und Archivierung sowie Homeoffice.
Mette Sterre ist1983 in Delft geboren, lebt und arbeitet heute in Amsterdam. Sie arbeitet vorwiegend mit Performance, Skulptur und Installation.


Natur-Idyll in der Mauer versteckt
Es ist eine Riesenfreude, immer mehr Kunstwerke wie auf einer Schnitzeljagd in den Hallen und in der Stadt verteilt zu entdecken. Mühe macht jedoch, Hinweise zur Bedeutung und Interpretation einzelner Installationen zu finden. Die Schrifttafeln liefern ebenso wie der Katalog nur allgemeine Angaben zum Künstler und höchstens mal den Titel. Wenn man aber Glück hat, begegnet man dem Künstler an seinem Werk und fragt einfach, was absolut inspirierend ist.

Between this World & the Next

18. Biennale de Lyon Art contemporain: 19. Sept. – 13. Dez.2026, Lyon, Frankreich