OULU 2026, Kulturhauptstadt Europa

Ansprechende Kunst erleben und das in unverbrauchter frischer Luft: das gibt es im hohen Norden Finnlands in der Umgebung von Oulu, der europäischen Kulturhauptstadt Europas 2026.
Antti Laitinen ist einer der bekanntesten Künstler Finnlands. Inartberlin traf ihn im Erholungsgebiet Koiteli Rapids in Kiiminki, nördlich von Oulu. Dort präsentiert er sein künstlerisches Projekt für Oulu 2026. Es ist Teil des „Climate Clock Art Trail“, eine Route zu 7 Orten, an denen Künstler*Innen Werke in beeindruckenden landestypischen Naturgebieten geschaffen haben.


Die Kunstwerke von Antti Laitinen bestehen aus Materialien des Waldes und befinden sich hier direkt in der urtypischen finnischen Natur, mitten in tiefen Wäldern zwischen Felsen, die von strömenden kleinen Flüssen umspült werden.
Antti Laitinens Beitrag sind zwei Arten von Kunstwerken, die er in Kiimiki erstellt hat. So gestaltete er mehrere kreisrunde „Fenster“ aus Ästen, die dauerhaft an ihrem Standort bleiben und so auch weiterleben. Mit primärer Hilfe eines Eisenringes entstanden Rahmen, die unseren Blick auf die dahinterliegenden natürlichen Formationen schärfen. Sie sind wie ein Auge oder ein Schlüsselloch, das unseren Blick neugierig in eine ganz besondere geheimnisvolle andere Welt lenkt. Wir sehen entweder besondere Pflanzenformationen, ein anderes Mal kleine Wasserfälle oder auffällig skurile Felsformationen.


Daneben gestaltete der Künstler auch Kugeln, die aus Ästen geformt und mit einer konzentrierten Lösung aus verschiedenen Flechtensorten getränkt wurden. Je nach Lichteinfall entwickeln sich dort Gebilde wie Bärte aus einem fadenförmigen Geflecht dieser speziellen Lebensform aus einem Pilz, Algen und Bakterien. Sie sind ein sensibler Marker für Umweltbelastungen. Doch in den weiten finnischen Wäldern treffen sie auf ein hervorragendes Millieu für ihr Wachstum und werden so zu einer Art Naturkunstwerk.


Antti Laitinen macht es möglich, dass aus natürlichen Materialien Kunst entsteht, die in ihrer ursprünglichen Umgebung bleibt und mit ihr eine Einheit bildet. Dabei dient das natürliche Sonnenlicht dazu, die Werke je nach Lichteinfall und Tageszeit komplett unterschiedlich erscheinen zu lassen: manchmal werden sie bei trübem Licht fast unsichtbar. Ein anderes Mal glitzern sie mit Tau in der Morgensonne wie von tausenden Glühwürmchen umschwärmt.
Antti Laitinnen stammt aus Oulu, lebt jetzt aber im Süden Finnlands. Er berichtet, dass er eigentliche Fotograf gelernt habe und den Beruf auch politisch ausüben wollte. Doch das wurde ihm zu langweilig, so dass er sich zunehmend konzeptuellen künstlerischen Arbeiten widmete. 2013 nahm er – erstmals auf internationalem Parkett – an der Biennale in Venedig teil. Er zeigte im Finnischen Pavillon drei fast unauffällige Fotografien. Doch um sie herzustellen hatte er im Wald ein Quadrat von 10 x 10 m Bäume gefällt und Waldboden abgetragen. Alle Materialien: Äste, Stämme, Blätter, Nadeln, Moos und Wurzeln sortierte Laitinen fein säuberlich und arrangierte sie grafisch in einem großen Quadrat, das er fotografisch festhielt. „Tree Reconstructions“ war der Titel.

Frage: „Ist es nicht schwierig, Ihre Kunstwerke zu verkaufen?
A.T.: „Nein, die Fotos waren und sind bis heute beliebt. Ein Sammler hat eins in seinem Wohnzimmer hängen und hat mir gerade den Auftrag erteilt, ein rundes „Fenster“ aus den Ästen seiner Bäume im Garten zu konstruieren. Die kreisrunden Gebilde bleiben dann auch – ebenso wie hier im Climate Clock Art Trail- dauerhaft bestehen. Natürlich müssen sie immer wieder nachbearbeitet werden, weil sie sonst zuwachsen, doch das kann später auch jeder Gärtner.“
„Ich möchte keine Natur zerstören. Meine Werke verschärfen einfach den Blick, die Einstellung und Beziehung von uns Menschen zu den Besonderheiten unserer natürlich schönen Umgebung.“
Die Einzelteile der „Tree Reconstruction“ hat der Künstler getrennt viele Jahre aufbewahrt und erst vor kurzem erneut in einem Museum ausgelegt. Im Unterschied zu damals seien nur die grünen Anteile getrocknet und somit deutlich verblasst.


Im EMMA-Museum in Espoo bei Helsinki gab es bis August diesen Jahres einen klingenden Wald von Antti Laitinnen. „Wir haben abgefallene Äste gesammelt, von der Rinde befreit, getrocknet und in kleinere Stücke zerteilt. Die lagen zunächst nur im Atelier herum. Doch ich merkte, dass sie schöne Töne erzeugen, wenn sie aneinander schlagen. So baute ich Ketten daraus, die ich mit einem kleinen Motor an die Decke hängte. Der Motor stammt aus Disco-Kugeln, die sich auch an der Decke hängend drehen. Das Holz klingt sehr natürlich, aber auch geheimnisvoll. Es gefiel dem Museum so gut, dass sie ganz viele davon für ihren großen Raum haben wollten.“
Zum Climate-Clock-Trail gehören noch weitere Natur-Orte, die für Oulu26 mit Kunstwerken bereichert wurden. Zwei davon sind besonders zu erwähnen.


Die nigerianische Künstlerin Ranti Bam zeigt um das Kierikki Science Center in Yli-li Ton-Skulpturen, die sie mit Hilfe ihres ganzen Körpers besonders geformt hat.
Von Superflex aus Dänemark wurde für den Fischereihafen von Oulu eine Skulptur gestaltet, die den Blick auf das Wasser und die Ferne sehr schön umrahmt.


Oulu2026 war neben dem Climate Clock Art Trail und Antti Laitinen außerdem eine Reise wert, weil neben vielen Festen wie der Luftguitarren-Weltmeisterschaft auch das Museum für Moderne Kunst tolle Ausstellungen bietet. So füllte das ganze Haus für mehrere Monate Mode, die nicht wirklich zum normalen Gebrauch gedacht ist, sondern eher als „tragbare Skulpturen“ bezeichnet werden sollte: Kunstwerke aus edlen Stoffen und künstlerischen Accessoires.


Auch der „Environmental Art Trail Pikinen Poloku“ ist zu erwähnen, weil er zufuß ein toller Spaziergang von Kunstwerk zu Kunstwerk ist, von lokalen Künstler*Innen gestaltet.



Der Titel Europäische Kulturhauptstadt ist für alle Städte eine große Chance, aber auch schwierige Herausforderung, denn sie müssen über viele Monate hinweg immer wieder kulturelle Events anbieten. Wie auch 2025 in Chemnitz entstand auch in Oulu der Eindruck, dass sich die lokale Bevölkerung intensiv freute, feierte und erleben durfte, dass kulturelle Projekte eine wunderbare Chance für das zwischenmenschliche Miteinander sind. Gäste aus dem Europäischen Ausland finden jedoch nicht, wie man vielleicht erwarten würde, überregional hoch relevante Kunst in großem Stil. Trotzdem ist es in jedem Jahr eine schöne Möglichkeit, unsere europäischen Nachbarn in all ihrer Besonderheit und ihrem speziellen Lebensraum näher kennenzulernen.
Wir freuen uns jetzt auf 2027 und auf den Besuch in Lettland, in der Küstenstadt LIEPAJA!