

Christoph Schlingensief (1960-2010) ist bereits 16 Jahre tot, doch es existieren noch viele Devotionalien und Dokumentionen seiner Aktionen, die in den 1990 ger und 2000 der Jahren laut, schrill und intensiv die Gesellschaft irritierten. Hieraus speist sich die neue Ausstellung im Gropiusbau. Seine Auftriite, auch im öffentlichen Raum schockierten und verstörten damals viele Menschen, aber sie bewirkten bei einem künstlerisch interessierten Publikum auch große Bewunderung. Die hemmungslose freche unbändige Energie, die er ausstrahlte und mit der er sich für Themen seiner Zeit einsetzte, waren schon ansteckend. Er nutze hierfür alle möglichen Genres: Film, Theater, Oper, Demonstrationen und Plakatmalerei. Heute würde man sagen: multimediale Performances.
Schnell schleicht sich der Gedanke ein, dass seine Aktionen schwerlich als Kunstwerk einzuordnen sind. Doch spätestens Joseph Beuys hatte den Kunstbegriff ja schon erweitert. In dem Sinn schuf Schlingensief „Soziale Plastiken“. Ihm war dabei die Partizipation der Menschen extrem wichtig. Christoph Schlingensief (1960-2010) war Autor, Künstler und Regisseur. Er wollte sein Publikum nicht beruhigen, sondern überfordern. Seine Kunst sollte Fragen zu Angst, Politik, Religion und gesellschaftlicher Verantwortung stellen.


2003 schuf er die „Church of Fear“, eine parodistische Glaubensgemeinschaft, deren einzige Ideologie der „Glaube an die Angst“ sein sollte. Schlingensief predigte darüber in ritualhaften Aktionen und Interventionen im öffentlichen Raum. Die Idee knüpfte an die Ereignisse von 9/11 an und den Beginn der fragwürdigen Angriffe der USA auf den Irak: beides Ereignisse, die das Ende unserer Illusion weltweiten friedlichen Zusammenlebens erschütterten. Die kleine hölzerne Kirche stand auf der Venedig-Biennale 2003 und ist jetzt im Gropiusbau in Berlin erneut aufgebaut. Sie ist Eyecatcher der großen Schlingensief-Ausstellung und trifft durchaus auch den heutigen Zeitgeist angesichts der aktuellen kriegerischen Handlungen. Ob aber heute noch große Mengen der Gesellschaft von der Aktion der „Church of Fear“ schockiert wären, bleibt mehr als fraglich. Laute Proteste prägen aktuell unsere gesellschaftliche Situation, jedoch im Gegensatz zu Schlingensief nicht nur gegen Ungerechtigkeit und für die Freiheit der Kunst.
Da Schlingensief stets sich selbst als wesentlichen Bestandteil seiner Aktionen inszenierte, sind seine Auftritte nicht wiederholbar. So wirken die Filmeausschnitte in der Ausstellung sehr historisch und können die damalige Energie nicht wirklich nachfühlbar darstellen.
Ein Projekt Schlingensiefs war 1998 die Gründung der Partei „Chance 2000“ zur Bundestagswahl. Das Ziel des Künstlers war, die Sichtbarkeit von Behinderten und anderen Menschen am Rande der Gesellschaft zu vergrößern. Provokative Wahlplakate mit „Wähle dich selbst“ oder „Macht Fehler“ sind Bestandteil der Ausstellung.



1998 war eine progressive politische Zeit. Gerhard Schröder wurde in einer Rot-Grünen Koalition Bundeskanzler. Möglicherweise war Schlingensief auch Vorreiter, eine Parteigründung als künstlerisch kabarettistische Position zu nutzen. Martin Sonneborn gründete 2004 „Die Partei“, die später sogar 2 Sitze im Europa-Parlament bekam. Entstanden aus dem Satire-Magazin TITANIK bot sie politische Agitation ganz in Schlingensief- Tradition.
Christoph Schlingensiefs letztes großes Projekt wurde das Operndorf in Afrika, in Burkina Faso/Westafrika. Er wollte endgültig die Oper aus der Welt priviligierter intellektueller Eliten herauslösen und für Menschen aller Couleur erlebbar machen. Seine Lebenspartnerin Aino Laberenz berichtet anläßlich der aktuellen Ausstellung in Berlin, dass sich das Projekt langsam, aber kontinuiertlich entwickle. Eine Grundschule sei dort auch entstanden, die jetzt sogar offiziell staatlich sei.

War Christoph Schlingensief vielleicht nur ein moderner Hofnarr? Letztlich ist sich die Kunstwelt aber einig geworden über seine Einzigartigkeit als Künstler. Größte Ehre und ein endgültiger Ritterschlag wurde ihm posthum mit dem Goldenen Löwen der Venedig-Biennale 2011 zuteil. Sein Entwurf einer „Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ füllte wie eine Kathedrale den Deutschen Pavillon 2011 mit einem wirklich überfordernden, aber großartigen Konvolut vieler seiner Werke. Die Atmosphäre vermittelte hervorragend die Mischung aus Protest, Traurigkeit und trotzdem Zuversicht. Der Ausspruch Schlingensiefs, der jetzt Titel der Ausstellung ist, entstand zwar in einem anderen Zusammenhang, doch passt er hierzu hervorragend:
„Es ist nicht mehr mein Problem, macht eure Scheiße alleine!“
Christoph Schlingensief, Gropiusbau, Berlin , 9.Oktober 2026 bis 17.Januar 2027