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Buchmesse 2023 Frankfurt

INArt and Communication, heute zur Buchvorstellung auf der Messe

Aus der Serie ART and COMMUNICATION stellt der Verlag mediagroupberlin den neuen Titel der Art Galerie vor. INArt ist eine Serie von Publikationen zum Thema Konfliktpotential der Kunst mit der Gesellschaft.
Das Buch ist hervorgegangen aus den Beiträgen dieses Blogs, die thematisch weiterentwickelt und in einen großen Kontext eingebunden wurden. Wie auch hier wird anhand von aktuellen Kunstreisen, Begegnungen mit Künstler*Innen und Kurator*Innen sowie Beachtung von Kritiken versucht, einem Nicht- Fachpublikum die aktuelle Kunstwelt ein wenig transparenter zu machen und Menschen für Ausstellungen zu begegeistern.
Zusätzlich wird ein Fokus auf die Bedeutung und Chance von Kunst für eine globale Kommunikation und damit Verständigung gelegt.
Besonderen Raum nimmt in den Beschreibungen der direkte Kontakt zu der Künstlergruppe Atis Rezistans aus Haiti oder auch dem Team um die Biennale in Sharjah ein. Basierend auf einem Erfahrungsschatz aus der Mitarbeit bei der DOCUMENTA werden über aktuelle Kunst-Projekte Rezessionen mit Betonung auf deren soziale Bedeutung aufgegriffen.
Der Kunstbetrieb hat heute ein Eigenleben entwickelt und nimmt teilweise die Sichweise von Menschen außerhalb dieses Kreises kaum wahr. Vielen Betrachter*Innen von Ausstellungen bleibt dann leider trotz großen Interesses der Zugang verborgen und die Freude daran vorenthalten. Eine Brücke zwischen beiden Seiten zu bauen ist ein wesentliches Anliegen des Blogs und jetzt auch des Buches. Es besteht die feste Überzeugung, dass jedoch am Ende das Können und die Stärke der Kunst sowie die Fähigkeit des/der Künstler/in, den Betrachter zu fesseln oder zum Nachdenken zu bringen über den Erfolg entscheidet.
Es ist schon die 2 Publikation in Buchform in kurzer Zeit mit Berichten aus verschiedenen Orten der Welt , die jedoch stets in Beschreibung und Kritik einen aktuellen Bezug haben.
Zielgruppe sind z.B. auch Kunstreisende, die einen schnellen Input als Vorbereitung und Entscheidungshilfe vor einem Abstecher in die Kunst möchten oder im Nachhinein ein paar Hinweise über Interpretationsmöglichkeiten. Letztlich bleibt aber jedem nicht nur die Möglichkeit, sondern auch die Notwendigkeit einer ganz persönlichen Empfindung. Doch auch allgemein an Kunst Interessierte sollen beim Lesen eine möglichst große Freude empfinden.
Jetzt mitten in der internationalen quirligen Atmosphäre der Frankfurter Buchmesse erscheint das Buch genau am richtigen Ort, um eine größere Fangemeinde zu begeistern und hoffentlich auch an den Blog dauerhaft zu binden.





INArt and Communication, Verlag mediagroupberlin Kunst GmbH 2023
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THE GREAT REPAIR
Konzepte zur Transformation in Kunst, Architektur und Gesellschaft
In der Akademie der Künste im Hanseatenweg in Berlin eröffnete eine Ausstellung über „Die Grosse Reparatur“. Wer hier eine große Werkstatt vermutet, liegt eher falsch und leider erklärt sich das Ausstellungskonzept nicht von allein. Zum Beispiel trifft man beim Eintritt in den ersten Saal zuerst auf einen großen Stapel Reinigungsutensilien. Da sind schon die Ausführungen des Hauptkurators Anh-Linh Ngo notwendig.


Wir leben in einem Zeitalter der multiplen Transformationen. Alles befindet sich angesichts der akut drohenden Klimakatastophen in Umbruchstimmung. An erster Stelle wird über die Energieversorgung diskutiert, wobei an Sonnen-, Wind- , Wasserenergie und Wasserstoff niemand vorbei kommt.
Zusätzlich müssen wir auch unsere weiteren Ressourcen schützen, besonders vor Verschwendung. Für die Architektur, die in dieser Ausstellung vorrangig im Fokus steht, bedeutet dies: „reparieren, nicht abreißen.“ Es muss gelernt werden, mit den Bestandsgebäuden zu arbeiten. Die Produktion von Zement und Beton erzeugt große CO2-Emissionen und genau diese beiden Materialien sind augenblicklich die am häufigsten verwendeten Baustoffe.
Es wird auch der „Mythos Beton“ problematisiert. Er sei der Inbegriff von Langlebigkeit, doch sehen wir überall marode Brücken und Bauwerke, wo Beton zerfällt.
Zurück zum Putzmaterial: Für Langlebigkeit von Gebäuden ist neben regelmäßigen Wartungs- und Reparaturmaßnahmen auch ihre permanente Pflege essenziell. Die Installation soll dies ausdrücken und zu Wertschätzung des Reinigungspersonals anregen. Es handelt sich um „Care-Arbeit“ am Gebäude.
Ein zauberhaftes Landschaftsmodell der ETH Zürich begeistert als absoluter Blickfang im nächsten Saal unter dem Titel:



„Power to the People“.
Nachgebaut wurde das Rheinische Braunkohlen-Revier, das uns bereits in den Nachrichten bewegt hat. Der große Stromkonzern RWE besitzt das Schürfrecht für das Gelände und hat vor kurzem trotz des beschlossenen absehbaren Endes des Kohleabbaus neues Gebiet mit Polizeigewalt von Demonstranten räumen lassen. Der Hambacher Forst und der Weiler Lützerath sind Symbole für den Umgang mit Menschen geworden, die zivilen Ungehorsam gelebt haben zur Erhaltung von Natur und Pflicht zur Neuorientierung. RWE baut zwar auch Windenergieanlagen genau in dieser Region, doch steht hier die Profitmaximierung im Vordergrund, wenn das Geschäft mit dem Ende der Fossilien-Verbrennung kompensiert werden soll.

Tim Kent nach Besuch des Rheinischen Kohlereviers 
Thematisch möchten die Aussteller die Besitzfrage von Energiequellen in die Diskussion bringen und weiterhin den Mut der Menschen zum Widerspruch beflügeln.
„Wissenswelten dekolonialisieren“


Dieses Ausstellungskapitel enthält den Aufruf, weltweit bereits vorhandenes Wissen um alternative Baukunst und Lebensgestaltung auch in unsere industrielle Welt wieder einfließen zu lassen.
Künstlerisch ist Kader Attia in der Ausstellung vertreten mit einer Miniatur“Stadt“ aus Pappmache, deren Formen sehr an nordafrikanische Siedlungen aus vorwiegend Lehm erinnern. Die Installtion, die bereits auf der Sharjah-Biennale 2023 gezeigt wurde, soll nicht nur an diese Form und das natürliche Material erinnern. Vielmehr sagt der Künstler, dass jede Wand in jedem Bauwerk auch die Erinnerungen an die Bewohner und verschiedenen Reparaturen und Epochen enthält. Wir sollten vielleicht mal hinhören, was sie uns zu erzählen haben und respektvoll, nicht mit Baggern mit ihnen umgehen. Hier gilt symbolisch wieder: Reparieren und nicht abreißen.
Kader Attia ist in Berlin bekannt als Kurator der letzten Berlin-Biennale und unter den Künstlern der Urvater des Repair-Gedankens. Schon auf der Documenta 13 (2012) präsentierte er das Thema in einem fantastischen Saal, u.a. mit Fundstücken aus Nordafrika, die Alltagsgegenstände zeigten, die zur Weiterverwendung sichtbar repariert wurden: Schalen, Spiegel, Tücher, aber auch umgestaltete Stahlhelme oder Patronenhülsen. Zusätzlich waren Fotos und Holz-Büsten von versehrten Weltkriegssoldaten ausgestellt, die keine perfekt rekonstruierten Gesichter hatten.



In der jetzigen Ausstellung hat der Fotograf Michael Wolf das Sammeln übernommen und präsentiert mehrfach reparierte Stühle aus China.



Wie schon Kader Attia postulierte, so sagt auch die Ausstellung, dass nach jeder Reparatur Narben zurück bleiben.
„Die Narben sichtbar lassen“
ist auch ein Credo der Repair-Ausstellung. Allerdings wird eingeräumt, dass nicht alle Wunden, die der Menschheit zugefügt werden, reparierbar seien.
Unter dem Titel
„A City within a Building“


wird eine stark berührende Filmdokumentation über das Bombardement der russischen Armee am 16.März 2022 des Drama-Theaters in Mariupol in der Ukraine gezeigt. In dem Gebäude hielten sich zu dem Zeitpunkt nahezu 2000 ukrainische Zivilisten auf, die dort Zuflucht nach den massiven Angriffen auf ihre Stadt gesucht hatten. Kurz danach bauten die russischen Streitkräfte erst einen extrem hohen Zaun um die Ruinen und rissen dahinter alles ab. Sie behaupteten der Angriff sei durch die ukrainische Armee begangen worden. Hier sollten keinerlei Spuren, sprich Narben der Gewalt sichtbar bleiben.

Das Kiewer Forschungskollektiv Center for Spatial Technologies hat zusammen mit Forensic Architecture eine virtuelle 3D-Rekonstruktion des Theaters und der Geschichte der Zeit der Zuflucht und Bombadierung hergestellt, um dieses Vergessen zu verhindern und ggf. Beweise für eine spätere Kriegsgerichtsbarkeit zu sichern.
Aus Augenzeugen-Berichten im Sinn kollektiver Erinnerungen und Handyvideos von den wenigen Überlebenden wurde dies in mühsamer Kleinstarbeit möglich.


Forensic Architecture ist eine Gruppe mit Sitz in London, die in ihren Projekten Gegenbeweise zu staatlicher Desinformation suchen. In Deutschland wurden sie erstmals auf der Documenta 14 bewußt wahrgenommen. Sie zeigten die Rekonstruktion des Mordes an Halit Yozgat in einem Internet-Cafe in Kassel. Offiziell wurde es lange als Konflikt zwischen rivalisierenden Familien deklariert. Später stellte sich heraus das Halit Opfer der NSU-Täter war, einer rechtsradikalen Gruppe. In der Rekonstruktion konnte auch belegt werden, dass der Verfassungsschützer Andreas Temme während der Schüsse in Nebenraum des Cafes anwesend war und seine Aussage, er habe nichts gehört und beim Hinausgehen auch nicht den Toten gesehen, unglaubwürdig war. Dieses Kunst-Projekt wurde im Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtages gezeigt; ein Beispiel, dass Kunst auch Macht haben kann.


The Great Repair endet mit der Vorführung von Baustoffen und der Machbarkeit ökologischen Bauens. Hier spielen natürliche Materialien wie Holz, Lehm oder Reet eine Rolle. Ein Planungsprojekt eines Industriegebietes wird vorgestellt mit dem Ziel, versiegelte Flächen -wie besonders Parkplätze- zu öffnen und zu renaturieren. Auf die Frage, wo danach die Autos bleiben können, gab es allerdings noch kein befriedigendes Konzept. Dies wird aber wohl gebraucht, zumal nicht alle Menschen, besonders in unserem doch regenreichen Land zum Radfahren bereit oder in der Lage sind.
Wie bereits zu Beginn berichtet, erklärt sich die Ausstellung nicht wirklich von selbst. Wenn man jedoch Kurator*Innen und Mitwirkende direkt fragt, eine Führung bucht oder bereit ist, sich durch die Beschriftungen oder den Katalog zu arbeiten, ist es eine besonders wertvolle Darstellung unserer Aufgaben, die die kommende Transformation auf so vielen Ebenen nötig machen wird.
„The Great Repair“, Akademie der Künste, Berlin, Hanseatenweg
vom 14.Oktober 2023 bis 14. Januar 2024
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ANSELM – der Film
GROSS – GRÖSSER – GIGANTISCH

Seit 12.10.2023 ist in deutschen Kinos die Biographie von Anselm Kiefer zu sehen. Wim Wenders begleitete den Künstler seit den späten 60er Jahren und gestaltete mit seiner Lebensgeschichte ein eigenes Kunstwerk.
1969 malte Anselm Kiefer Landschaften, in denen er sich selbst mit Hitlergruß hineinstellte. Er erregte damit das gewollte Aufsehen und wurde als Neonazi beschimpft. Im aktuellen Film begründet er seine künstlerische Provokation. Zu jener Zeit gab es den Aufstand junger Intellektueller, die gegen ihre Vätergeneration kämpften, weil bei ihnen die Zeit des Nationalsozialismus einfach verschwiegen werden sollte im Hinblick auf einen Wiederaufbau. Kiefer wollte mit dem Hitlergruß in der Öffentlichkeit das Vergessen der schrecklichen Verbrechen verhindern, ähnlich wie die Studentenaufstände.
Der Film zeigt riesige Ateliergebäude im Odenwald oder Südfrankreich, die nötig waren, um die extrem großen Bilder und Skulpturen des Künstlers entstehen zu lassen. Kiefer scheut keine noch so riesige Leinwand. In Szene gesetzt wird dies mit Drohnenflug-Bildern, wobei die 3D-Technik keinsfalls übertrieben scheint, sondern absolut passend die Kunstwerke darstellt.
Es wird kaum gesprochen. Einige philosophische Zitate von. z.B. Paul Celan wirken allerdings etwas zu pathetisch. Das Kind und der jugendlichen Anselm Kiefer werden von Schauspielern angemessen eingebaut.

Anselm Kiefers gigantische Gemälde oder eher Assemblagen sind hochgradig beeindruckend. Wer die Chance wahrgenommen hat, die Ausgestaltung des Zählsaales im Dogenpalast von Venedig 2022 zu erleben, konnte sich davon intensiv überzeugen. Gerade die Kombination von dick aufgetragenen Ölfarben mit Stroh vermischt plus eingebauter Alltergegenstände wie Einkaufswagen, Boote, Leitern und Kleidungsstücke sind typisch für seine unverwechselbare Technik.

Leider wird nur in wenigen Szenen gezeigt, wie die Bilder entstehen. An einer Stelle wird kurz mit Feuerwerfer und Löschwasser das Bild überarbeitet. An anderer Stelle werden einige Pinselwürfe von Ölfarbe gegen die Leinwand gezeigt oder der auf-, ab- und herumfahrende Kranwagen mit dem Künstler.


Ein faszienierendes Doppelkunstwerk! Anselm Kiefers Werke und die besondere Filmgestaltung sind trotz teils recht viel Pathos empfehlenswert, nicht nur für Kunstbegeisterte.
Die Fotos stammen nicht aus dem Film, sondern wurden in der Einzelausstellung im Dogenpalast Venedig 2022 aufgenommen, die im Film auch thematisiert wird.
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Die POSTMODERNE (1967 -1992)
Eintauchen in ein wunderbares wildes lebendiges Zeitalter in der Bundeskunsthalle Bonn


„Völlig losgelöst von der Erde….. schwebt das Raumschiff… völlig schwerelo.. hohoho…oos“ So klingt es beim Eintritt in diese Ausstellung, nein, eher beim Eintreten in eine/unsere wunderbare frühere Zeit der Freude, Freiheit und des Aufbruchs. Singen Sie auch schon mit? Und haben Sie auch schon diesen Ohrwurm? Dann eröffnet sich Ihnen hinter dem nächsten Vorhang in der Bundeskunsthalle in Bonn ein buntes wildes Kaleidoskop eines Zeitdokumentes der 70er und 80er-Jahre (plus-minus ein bisschen): ein Meer von traumhaften Design-Möbeln , glänzenden Tee-Services, eines Fantasie-Design-Citroen-Rennwagen-Prototypen oder einer gewagten Modekollektion von Vivien Westwood mit Schulterpolstern und Plateauschuhen. Es ist berauschend, sich wieder in die Zeit der großen Clubs und Diskos zurück zu träumen und wenigstens innerlich hier hindurch zu tanzen.






Ja, was war sie nun, die sogenannte POSTMODERNE? Die Ausstellungsmacher definieren sie von 1967 bis 1992. Ein Zeitalter, in dem sich alles aus der sogenannten Moderne befreite: die Kunst, Literatur, Musik, Technik, Medien, das Design oder der Film.
Beispielhaft die Architektur! Ein kurzer Lehrfilm des Architekturmuseums Frankfurt erklärt es. Ursprünglich prangten Ornamente und Figuren als Nachahmung prunkvoller Schlösser der Monarchen als Schmuck an den Hausfassaden. Die Moderne verbannte all dies und etablierte z.B. in den Entwürfen des Bauhauses den Stil des White Cube. Die Schlichtheit sollte soziale Gerechtigkeit und Gleichheit demonstrieren, was auch in schmucklosen monotonen Mehrfamilienhäusern sichtbar wurde.

Persiflage auf die Moderne 

Postmoderne Verspieltheit Doch dann kam DIE POSTMODERNE, die erneut eine Befreiung darstellte. Sie dekorierte wieder, aber ganz individuell, spielerisch, skurril, regellos und experimentell, zerstörte aber nicht alte Substanz, sondern verwandelte sie. Ein Beispiel ist das erste Wohnhaus von Frank O. Gehry. Er verkleidete eine alte kleine Villa mit Wellblech, Glas und Holzbalken kreativ gelockert ohne strenge rechte Winkel.

Am Beginn der Ausstellung startet die Apollo 11 Rakete, – völlig losgelöst von der Erde -, mit der die Menschheit auf dem Mond landete. Doch sie startete auch in dieses neue Zeitalter der Postmoderne. Mit dem Ereignis der Mondlandung wird von den Konzept-Verantwortlichen auch der Beginn der Epoche definiert, weil es den Anfang der modernen Medienverbreitung markiert. Der Fernseher machte die weltumspannende Life-Information möglich. Science fiction-Filme und TV-Serien folgten mit riesigem Erfolg.


„Barbarella“ Jane Fonda 
Design: Paco Rabane Unbedingt ergänzt werden soll an dieser Stelle als Ursache für den Beginn eines neuen Zeitgeistes auch die Zugänglichkeit der Antibabypille für jede Frau. Sie machte das exzessive Partyleben, die Freiheit der Sexualität und damit den ausschweifenden Lebensstil der Postmoderne erst möglich.
Eine Ikone der neuen Kunst- und Party-Welle war das Studio 54 in New York mit Andy Warhol.


Sein Bild der „Diamond Shoes“ bezeichnete die Kritik damals als exemplarisch für die endgültige „Flachheit postmoderner Kunst“. Postmodernes war oberflächlich ohne Tiefgang. Nicht „Form follows Function“ sondern „Form follows Fun“.


Querelle Rainer Werner Faßbinders letzter Film „Querelle“ läuft beispielhaft in der Ausstellung; sexuell ebenso skurril wie von der Handlung und der Regie.

“Anything goes“, alles schien möglich und man überschlug sich mit immer schrilleren, unmöglichen, provokativen Aktionen und Designs. Die Memphis-Kollektion von Ettore Sottsas mit dem gemeinsamen Essen im Boxring statt an prunkvoller Tafelrunde als Beispiel. Sicher spielten aber auch Drogen eine wesentliche Rolle. LSD war die damalige Lieblingsdroge, die alles optisch in ein buntes Farbenmeer verwandelte.



1982 sendete Jenny Holzer auf einer Werbetafel zwischen Leuchtreklamen am Times Square subtil widersprüchliche Botschaften: „Bewahre mich vor dem, was ich will.“ Für die jetzige Ausstellung revitalisierte die Künstlerin selbst das Werk, das mit aktueller LED Technik in 6 Meter Höhe im Saal leuchtet. Die Vermischung von Kunst und Kommerz war bereits in vollem Gang.
Nigel Coates war bereits Architekt der Postmoderne. Er ist mit seinem Team der Ausstellungs-ARCHITEKT. Fast möchte man sagen, ER ist der künstlerische Star! Anordnung, Ausleuchtung, Farbigkeit der Objekte sind hervorragend präsentiert und hierduch ein eigenständiges postmodernes Architektur-Kunstwerk. Eine Kunstausstellung ist damit bewiesenermaßen schon lange keine reine „Hängung“ mehr. Auch das Kuratieren allein reicht nicht. Ausstellungs-Architektur bringt erst ein Gesamtkunstwerk zustande. Sie beinhaltet hier in Bonn eine Fülle unterschiedlichster Darstellungsarten: abgetrennte Nebenbereiche zeigen Videos neben Plakaten und Vitrinen zu einem Subthema. Erklärende Hör-Nischen stehen wie aufgeschlagene Bücher im Raum und laden ein zum Sitzen und Lauschen. Flache und hohe Bühnen aus sichtbaren Gerüststangen sowie runde und vieleckige Zwischenwände lassen die Objekte einzeln strahlen und trotzdem aufeinander eingehen. Sogar die Musik ist bewußt wahrnehmbar, vermischt sich auch nicht zu einem Lärmteppich.

Sven Bergmann/Eva Kraus/Kolja Reichert 
Nigel Coates Dabei soll die kuratorische Arbeit, die in der Postmoderne-Ausstellung steckt, keinesfalls weniger gewürdigt werden. Neben Eva Kraus hat insbesondere Kolja Reichert die hunderte einzelner Ausstellungsstücke mit nachhaltiger Recherche in ihren komplexen Bedeutungszusammenhängen recherchiert und in das Gesamtkonzept dieser Epochen-Geschichte eingepasst.

Hätten Sie z.B. gewusst, dass Modern Talking mit dem seichten gleichförmigen Elektrosound typisch für die Postmoderne war und ist? Kein Popmusiker sei häufiger im Kreml auf getreten als Thomas Anders. War er damit nicht ein verbindender Kulturbotschafter ?!
Auch historische Dokumente werden präsentiert wie die Urkunde, in der die Stadt New York Donald Trump das Gelände seines Towers überläßt.
Interessant ist auch die Bemerkung, dass für die Ausstellungsplanung ein ganze Kraft eingestellt wurde, die sich nur um die Urheber-Rechte der gezeigten Objekte und Zustimmungen zur Präsentation kümmerte. Übertrieben? Laut Kolja Reichert: überhaupt nicht!


Viele faszinierende Möbelstücke der Memphis Kollektion von Ettore Sottsass stehen dominant und elegant im Zentrum der Ausstellung. Wer hätte nicht das berühmte Regal damals allzu gern in der eigenen Wohnung aufgestellt? 1980 sorgten diese Wohnobjekte auf der Architektur-Biennale in Venedig für einen Eklat und lösten Proteste in der Fachwelt aus, weil z.B. die Wiederkehr von Schnörkeln in den barocken, aber ironischen Sesseln als Abkehr von den Regeln der Moderne interpretiert wurden. Damit seien sie eine bedrohliche Rückwendung, ein erneuter „Historismus“.


Dass in der Postmoderne trotzdem alle Schranken verlassen werden durften, davon zeugt auch ein Bild von David Hockney, in dem er seine typische klassische Perspektive verlassen hat.

Gegen Ende der 80er Jahre wird die Leichtigkeit des Lebens von Angst abgelöst. AIDS fordert viele Todesopfer. General Idea, eine kanadische Dreier-Künstlergruppe ändert die Buchstaben des Werkes LOVE von Robert Indiana in AIDS. Diese Grafik leuchtete auf der gleichen Werbewand am Times Square 1987 wie zuvor Jenny Holzers Werk. In der Ausstellung wird dem eine große Wand gewidmet. Zwei Mitglieder der Gruppe starben früh an AIDS. AA Bronsen überlebte und wurde in die Ausstellungsgestaltung eingebunden.


General Idea Das Ende der Postmoderne wird mit 1992 etwas wirkürlich von den Ausstellungsmachern gesetzt. Das letzte typische Bauwerk sei die Bundeskunsthalle in Bonn selbst, obwohl sich ihr Architekt Gustav Peichl nicht gern mit diesem Begriff bezeichnen lasse. Doch es wird auch das 30 jährige Jubiläum des Hauses gefeiert, nur wenig verspätet wegen der Pandemie.


Der Katalog zur Ausstellung ist adäquat zum fantastischen Ausstellungsraum eine Augenweide. In einem Remake postmoderner Grafik ein Stück Kunst für sich.



Das Ende der Geschichte? Francis Fukuyama, amerikanischer Politikwissenschaftler schreibt 1992, dass nach Zusammenbruch des Ostblocks der Kalte Krieg vorbei sei, sich für immer liberale Demokratie und Kapitalismus als beste Staatsformen durchgesetzt hätten und ein ewiger Frieden einziehen werde. Dieses Zitat wurde in der Ausstellung für das Ende aufgegriffen.



Wo stehen wir aber heute in der Reihenfolge der Stil-Epochen? Noch mitten in der Postmoderne? Oder in einer Art Postpostmoderne? Oder muss erst noch eine weitere Generation abgewartet werden, bis von dort aus auf die Jetztzeit zurückgeblickt wird? Kunst wird inzwischen global gedacht, postkoloniale Einflüsse, das Einbeziehen des globalen Südens, die virtuelle Welt des Metaversums und auch die Klimazukunft sind heute evidente Bestandteile von Kunst, Architektur, Musik, Design, Film …… und Leben. Aber genießen wir doch die Ausstellung mit ihrem Blick in eine inspirierende fröhliche Lebensperiode und nehmen die Aufforderung mit:
„Back to the future“ „Zurück in die Zukunft!“



Bundeskunsthalle Bonn, 29.September 2023 bis 28. Januar 2024
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Kapwani Kiwanga
„Beauty, history and meaningfull material!“



Ausnahmsweise in Englisch, denn so sind die Werke der kanadischen Künstlerin angelegt, deren große Einzelausstellung das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt. Bei allen Werken entsteht auf diese Art eine Interpretationskette, die man schrittweise entdecken kann, aber nicht muss.
Kapwani Kiwanga (Jg 1978) studierte ursprünglich Antropologie und Religionswissenschaften und arbeitete zunächst als Dokumentarfilmerin, um auf die Themen aufmerksam zu machen, die ihr am Herzen liegen. Als sie in diesem Metier zunehmemd die Grenzen der Ausdrucks-möglichkeiten sah, wechselte sie zur Kunst mit all deren Freiheiten.
Die Künstlerin läd ein, ihre Werke rein aesthetisch zu genießen. Doch die Geschichten dahinter lösen bei Interessierten viel mehr Intensität und Bedeutung aus. Sie berichten über Rassismus, Disziplinierung oder Ausbeutung.

Bei Kapwani Kiwanga spielen stets die ausgewählten Materialien eine bedeutungsvolle Rolle. So geht es z.B. mehrfach um ganze und teilweise Sichtbarkeit: ein Paravant aus halbdurchsichtigen Spiegeln, der aber segmental komplette Durchblicke gewährt. Auch eine Jalousie erfüllt diese Funktion: wer sieht wen? Wer entscheidet darüber? Eine Anspielung auf Überwachungssituationen!
Für ein Werk, das neu für die Ausstellung in Wolfsburg angefertigt wurde, ist gitterartig gewebter Stoff verwendet worden, der unterschiedlich viel Licht durchlässt. „Black blue hour“ sei trotz der blauen Farbe nicht extra für Volkswagen angefertigt, betont die Künstlerin.
Ein großer transparenter Vorhang mit den Farben des Sonnenuntergangs in der Wüste hing bereits auf der Biennale di Venezia 2022. Vervollständigt wird dieses Werk („Terrarium“) durch zwei Glasobjekte: Sanduhren, ein Symbol für Vergänglichkeit, gefüllt mit Wüsten-Quarzsand, wie er beispielsweise zur Glasherstellung , aber auch für Fracking mit den bekannten schweren Umweltproblemen genutzt wird.


„Ein Blumenmeer für Afrika“: Das mit Eukalyptus behangene Tor diente ebenso wie die Blumengestecke als Dekoration bei Unabhängigkeitsfeiern am Ende der Kolonialherrschaft in afrikanischen Ländern. Kapwani Kiwanga hatte akribisch historische Fotos darüber gesammelt, die das besondere Ereignis abbilden. Zu jeder Ausstellung werden die Blumenarrangements von lokalen Floristinnen nachgestellt und dürfen verblühen: ein Indikator für Enthusiasmus und Ernüchterung in den neuen selbständigen Staaten? „Die Geschichte in die Gegenward bringen“ möchte die Künstlerin, gesellschaftsananlytisch, dokumentierend, nicht anklagend.


Kapwani Kiwangas Kunstwerke erfreuen und berühren schon allein durch ihre Schönheit. Andererseits berichten die dahinter stehenden Narrative über komplizierte ungereimte Situationen in unser globalisierten Welt.Das Kunstmuseum Wolfsburg hatte bereits für die frühere Empowerment Ausstellung (s.a. früherer Artikel hier im Blog) mit nur weiblichen Künstlerinnen Kontakt mit Kapwani Kiwanga aufgenommen, doch beide Seiten spürten rasch, dass die Werke Kiwangas den ganzen großen Raum mit ihrer Ausstrahlung erfüllen können.
„Die Länge des Horizonts“ Kunstmuseum Wolfsburg, 16.9.23 bis 7.1.2024 -
Tom of Finland
Kunst oder Porno?
Helsinki und Finnland widmen dem besonderen Zeichner im berühmten KIASMA Museum of Modern Art stolz ein große Ausstellung.


Der Künstler Tom wurde 1920 in Kaarina im Südwesten Finnlands geboren und 1939 zum Militär eingezogen, weil sich Finnland im Krieg gegen die Invasion durch die Soviet Union befand. Danach musste er sich seinen Lebensunterhalt als Klavierspieler in Bars verdienen, weil seine heimliche Leidenschaft fürs Zeichnen nie zu einer Chance in einer Akademie geführt hatte.
Unter Fans 
Der Zeichner Tom of Finland 1956 wurde sein Zeichentalent zufällig entdeckt und ein Freund schaffte es, die homoerotischen Bilder in die USA zu schmuggeln, wo sie von einem Bodybuilding-Magazin begeistert gedruckt wurden. Der Chefredakteur war Urheber des Namenszusatzes, jetzt „Tom of Finland“.


Sein Sujet war stets der perfekte Männerkörper. Anatomisch korrekt inzenierte Muskeln plus idealisierte übertrieben große Darstellung der männlichen Geschlechtsorgane inklusive drastischer homoerotischer Interaktionen sind durchgehende Motive. Zeichentechnisch wunderschön. In den USA gewannen die Zeichnungen rasch Kultstatus in der Gay-Szene. Doch auch in Dänemark und in Hamburg wurde Tom hoch verehrt.
1991 starb Tom of Finland an einer Lungenkrankheit, (COPD). Im gleichen Jahr kürte ihn die finnische Comic-Society als Cartoonist of the Year und er bekam seine künstlerische Anerkennung durch eine Ausstellung im Whitney Museum New York.
Kunst oder Porno?
Warum nicht von beides? Als spannende und geglückte Kombination, gerade in der heute doch deutlich toleranteren Gesellschaft?
Kiasma Museum für Moderne Kunst, Helsinki noch bis 29.10.2023 -
FOTOGRAFISKA auch in Tallinn
Nachdem im vorherigen Artikel über die spektakuläre Neueröffnung der Fotografiska in Berlin berichtet wurde, ist es interessant, eine weitere Dependance dieser Ausstellungskette anzuschauen. Die Gelegenheit ergab sich in Tallinn, der Hauptstadt von Estland. Hier gibt es schon seit März 2019 eine umgebaute Fabrikhalle mit Fotografiska. Das Gebäude ist eine charmante Einladung in eine wunderbare architektonische Kombination aus Alt und Neu , hervorragend geeignet als Event-Location, für Konzerte ebenso wie für Privatfeiern, als Bar oder Restaurant.


Die Fotoausstellung ergänzt das Ambiente als passende Dekoration, jedoch weniger aus künstlerischer Sicht. Eine Etage bespielt aktuell Miles Aldridge. Seine Fotos sind mit Schauspieler*Innen inszenierte Standbilder einer vergangenen Hollywood-Zeit der 1960/70er Jahre. Besonders die klischeehafte Rolle der Frauen in Petticoat-Rock und im Supermarkt oder auf ein Sexsymbol reduziert ist entweder ein Hohn oder eine bewusste Persiflage eines sinnvollen Feminismus. Bewertung: Muss nicht sein!




Auf einer weiteren Etage stellt Omar Victor Diop Fotos von sich als colored man in verschiedenen Kostümen wichtiger Persönlichkeiten aus.

Das haben wir von Samuel Fosso in Salzburg (jetzt noch in Schleswig) subtiler und authentischer erleben dürfen.



In der Funktion als Vergnügungsmeile ist das Areal um die Fotografika in Tallinn, besonders mit dem Blick von der Rooftop-Bar fantastisch. Die angebliche Fotokunst kann man jedoch gern vernachlässigen.


Estland, Tallinn, Telliskivi 60a-8
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Das TACHELES
heißt jetzt Fotografiska

Es macht die allergrößte Freude, in das ursprünglich zerstörte, dann von Künstlern mit alternativ fröhlichem und durchaus politischen Leben besetzte Kunsthaus einzutreten. Die denkmalgeschützten Grafities melden sich wieder als Zeitzeugen für die Umbruchphase nach der Wende und die damalige Aufbruchstimmung und sie sind immer noch hoch aktuell. Das Treppenhaus und die Flure sind damit allein schon den Besuch wert.





Daneben haben die Architekten Herzog & deMeuron moderne Ausstellungsräume gestaltet, die die alten Grundmauern stabilisieren und trotzdem sichtbar lassen.
Fotografiska ist eingezogen, ein Privatunternehmen mit Sitz in Stockholm, das weltweit Immobilien besitzt und den dortigen Anspruch auf Kulturinhalt mit Ausstellungen moderner Fotografie füllt.
Die Berliner Ausstellung zeigt zunächst mit „NUDE“ Nacktfotos, von Frauen fotografiert, die, vorwiegend an Hochglanzmagazine erinnern.


In der zweiten Ebene stellt Juliana Hoxtable die binäre Gendereinteilung infrage und beschreibt die „Ussyfizierung“, was immer das auch sein soll. Doch ihre Werke sind bunt und reihen sich dadurch in die ursprüngliche „Graffitisierung“ etwas ein.



Als Standort-spezifischen Beitrag könnte die Installation von Candice Breitz angesehen werden, die zwar 1972 in Südafrika geboren und früh als Weiße in der Situation der Apartheit aufwuchs, jetzt jedoch in Berlin lebt und arbeitet.

Sie stellt in spannendem Kontrast TV-Kommentare amerikanischer Weißer sich selbst gegenüber. Dabei ist sie mit weißblonden Perücken und geisterhaften Haftschalen die Synchronsprecherin. Die Statements kreisen um die Angst der Weißen um ihre gesellschaftliche Vormachtstellung. Optisch, wie inhaltlich eine großartige anspruchsvolle künstlerische Arbeit in diesem Haus.



Viel wurde über die kapitalistische Aneignung des Tacheles und des dahinter liegenden riesigen Areals diskutiert, das ein Filetstück in dieser Lage und jetzt mit ultrateuren Beton-Immobilien zugebaut wurde. Doch danach soll der Kunstgenuss zumindest nicht allein bewertet werden.


Hoch lebe weiter der Geist des Tacheles und der Spaß daran!
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Edvard Munch: Skandal und Psyche
Meist berichtet dieser Blog über weniger bekannte und sehr zeitgenössische Ausstellungen und Künstler, doch Edvard Munch (1863-1944) ist ein Besuchermagnet, deshalb heute seine Story.

Die Frau 
Die Berlinische Galerie sieht ihre Spezialität immer darin, Ausstellungen zu zeigen, die einen direkten Bezug zu Berlin haben, so auch jetzt mit Werken von Edvard Munch. Dass die Verbindung zwischen Stadt und Künstler stark und prägend war, ist allgemein nicht wirklich bekannt. Doch der Maler verbrachte viele Jahre in Berlin, (1892 bis 1908), wo er großartige Inspirationen erfuhr, aber auch schwere Krisen durchlebte.


Selbstportrait: Im Lokal unter Maske
1892 wurde der norwegische Maler vom Verein Berliner Künstler für eine Ausstellung eingeladen, weil damals in Berlin ein Hype für alles Nordische herrschte. Die erhofften romantisierten Landschaftsbilder brachte Munch jedoch nicht mit. Vielmehr zeigte er ein großes Interesse an der menschlichen Psyche und starken Emotionen! Noch dazu wurde sein Stil als roh, skizzenhaft und unfertig bezeichnet. Die Ausstellung war sofort ein Skandal in allen verfügbaren Medien. Nach drei Tagen und einer Abstimmung im verantwortlichen Verein wurde sie wieder geschlossen.
Eifersucht 
Doch auch damals schon erwiesen sich die negativen Schlagzeilen als perfekte Promotion. Die Verbreitung und die Neugier der Menschen waren riesig. Wie reagierte nun Edvard Munch? Er siedelte sich in Berlin an, wohnte dort bis 1908! Belohnt wurde er letztlich mit einer hochgelobten großen Einzelausstellung 1910. Der Triumph und der Ruf, dass mit Munch die Moderne in Deutschland einzog, hielten an. Schon 1927 zeigte die Nationalgalerie Berlin mit 244 Werken eine große Retrospektive.
Vampire 
Der Kuss
Zur Zeit der vorletzten Jahrhundertwende herrschte unter Intellektuellen und Künstlern aller Genres eine intensive Auseinandersetzung mit der menschlichen Psyche. Als Bahnbrecher hatte bereits Siegmund Freud seine teils umstrittenen Erkenntnisse veröffentlicht.
Edvard Munch entwickelte eine große Leidenschaft, seelische Zustände in seinem Malstil darzustellen: Angst, Melancholie, Eifersucht, Trauer, aber auch Liebe. Genau diese Fähigkeit, ohne fotorealistische Malerei mit wenigen Strichen Emotionen so perfekt und einfühlsam zu zeigen, hat ihn – gipfelnd in dem Bild „Der Schrei“ – weltberühmt gemacht. Fast jedes Kind findet bis heute diese Abbildung in einem Schulbuch oder zumindest als Emoji im Smartphone.
Melancholie 
Tuberkulose-Klinik
Für Munch selbst brachten die Berliner Jahre nicht nur Freude und Erfolg. Der Treffpunkt mit anderen Intellektuellen wie z.B. August Strindberg im Lokal „Zum schwarzen Ferkel“ war mit immensem Alkoholkonsum verbunden. Seine große Liebe Trulla Larson trennte sich letztlich endgültig von ihm. Munch erlitt eine schwere depressive Krise. 1909 siedelte er wieder zurück nach Norwegen und musste längerfristig klinisch behandelt werden, inklusive Alkoholentzug und -Entwöhnung, was aber erfolgreich verlief. Diese selbst erlebten Zustände von Rausch und tiefen Krisen sensibilisierten ihn möglicherweise besonders für seine einfühlsamen Gemälde.
Selbstportrait nach Influenza 
Der Tag danach Edvard Munch verstarb ohne familiäre Erben 1944 und vermachte sein Werk dem Norwegischen Staat. Die umfangreiche Sammlung befindet sich jetzt im Munch-Museum in Oslo auf 5 Etagen, woher ein großer Teil der aktuellen Ausstellung ausgeliehen werden konnte
Eine spannende Ausstellung, auch wenn Maler und Werke bereits ubiquitär bekannt sind, besonders auch wegen des Berlin-Bezugs und der anschaulich gestalteten Info-Tafeln.
Edvard Munch: „Zauber des Nordens“, 15.9.2023 bis 22.1.2024
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Das Beste der Kunst 2022 kommt aus Haiti



Die deutsche Sektion der AICA, der Gemeinschaft der Kunstkritiker, überreichte am 11.9.2023 die Auszeichungen gemeinsam mit der NRW Kulturministerin Ina Brandes in Krefeld. Hier steht das Museum des Jahres mit seinen 3 Häusern.
Als beste Ausstellung 2022 wird das Künstler-Kollektiv Atis Rezistans aus Haiti geehrt, die die Kirche St. Kunigundis bei der Documenta fifteen künstlerisch so faszinierend gestaltet hat. Auch in diesem Blog wurde dies bereits am 18.September 2022 so beschrieben.


Der Gründer des Kollektivs, Andre Eugene ist aus dem Ghetto in Port-au-Prince nach Deutschland angereist, um den Preis entgegenzunehmen. Er arbeitet dort in Blech-Hütten mit seinen Kollegen und regelmäßig auch mit Kindern und Jugendlichen, denen er zeigt, wie aus Holz- und Schrott großartige Skulpturen entstehen können. Kunst sei außer Autos zu montieren eine der wenigen Möglichkeiten, dass die jungen Menschen nicht nur in kriminellen Gangs landen.



Die Welt, besonders die westlichen Mächte, die das Land als Kolonie ausgebeutet und abgeholzt hatten, überlassen Haiti inzwischen einfach sich selbst und verweigern jegliche Hilfe. Waffengewalt, Entführungen und politisches Chaos treffen dort zusammen mit Schlammlavinen und Erdbeben, während auf der anderen Inselhälfte, der Domenikanischen Republik westliche Urlauber im Luxus schwelgen.Vielleicht ist es ja gerade die furchtbare Realität, die die Kreativität von Atis Rezistans blühen läßt? Es sind meist symbolische Figuren der Voodoo-Geistlichen, die ihre besonderen positiven Kräfte auf die Menschen ausüben sollen, die sie verehren: für gute Augen ebenso wie für gesunde Fruchtbarkeit oder Lebensfreude.

Übrigens bedeuten die zahlreichen Nägel in den Figuren (die an Günther Uecker erinnern), bei Atis Rezistans immer viel Kraft. Andre Eugene hat auch einige Werke seines Kollektivs hier gelassen, die darauf warten, Interessierten Freude zu machen. Die Einnahmen kommen selbstverständlich den Künstlern zu Gute.
St. Kunigundis war der absolute Lieblingsort für die Besucher der D 15 und wird völlig zu Recht geehrt.
2024 wird es eine neue Ghetto Biennale in Haiti geben, doch zur Sicherheit nicht in Port-au-Prince sondern in einem entfernten sichern Küstenort, in Jacmel