• ANSELM – der Film

    GROSS – GRÖSSER – GIGANTISCH

    Seit 12.10.2023 ist in deutschen Kinos die Biographie von Anselm Kiefer zu sehen. Wim Wenders begleitete den Künstler seit den späten 60er Jahren und gestaltete mit seiner Lebensgeschichte ein eigenes Kunstwerk.

    1969 malte Anselm Kiefer Landschaften, in denen er sich selbst mit Hitlergruß hineinstellte. Er erregte damit das gewollte Aufsehen und wurde als Neonazi beschimpft. Im aktuellen Film begründet er seine künstlerische Provokation. Zu jener Zeit gab es den Aufstand junger Intellektueller, die gegen ihre Vätergeneration kämpften, weil bei ihnen die Zeit des Nationalsozialismus einfach verschwiegen werden sollte im Hinblick auf einen Wiederaufbau. Kiefer wollte mit dem Hitlergruß in der Öffentlichkeit das Vergessen der schrecklichen Verbrechen verhindern, ähnlich wie die Studentenaufstände.

    Der Film zeigt riesige Ateliergebäude im Odenwald oder Südfrankreich, die nötig waren, um die extrem großen Bilder und Skulpturen des Künstlers entstehen zu lassen. Kiefer scheut keine noch so riesige Leinwand. In Szene gesetzt wird dies mit Drohnenflug-Bildern, wobei die 3D-Technik keinsfalls übertrieben scheint, sondern absolut passend die Kunstwerke darstellt.

    Es wird kaum gesprochen. Einige philosophische Zitate von. z.B. Paul Celan wirken allerdings etwas zu pathetisch. Das Kind und der jugendlichen Anselm Kiefer werden von Schauspielern angemessen eingebaut.

    Anselm Kiefers gigantische Gemälde oder eher Assemblagen sind hochgradig beeindruckend. Wer die Chance wahrgenommen hat, die Ausgestaltung des Zählsaales im Dogenpalast von Venedig 2022 zu erleben, konnte sich davon intensiv überzeugen. Gerade die Kombination von dick aufgetragenen Ölfarben mit Stroh vermischt plus eingebauter Alltergegenstände wie Einkaufswagen, Boote, Leitern und Kleidungsstücke sind typisch für seine unverwechselbare Technik.

    Leider wird nur in wenigen Szenen gezeigt, wie die Bilder entstehen. An einer Stelle wird kurz mit Feuerwerfer und Löschwasser das Bild überarbeitet. An anderer Stelle werden einige Pinselwürfe von Ölfarbe gegen die Leinwand gezeigt oder der auf-, ab- und herumfahrende Kranwagen mit dem Künstler.

    Ein faszienierendes Doppelkunstwerk! Anselm Kiefers Werke und die besondere Filmgestaltung sind trotz teils recht viel Pathos empfehlenswert, nicht nur für Kunstbegeisterte.

    Die Fotos stammen nicht aus dem Film, sondern wurden in der Einzelausstellung im Dogenpalast Venedig 2022 aufgenommen, die im Film auch thematisiert wird.

  • Die POSTMODERNE (1967 -1992)

    Eintauchen in ein wunderbares wildes lebendiges Zeitalter in der Bundeskunsthalle Bonn

    „Völlig losgelöst von der Erde….. schwebt das Raumschiff… völlig schwerelo.. hohoho…oos“ So klingt es beim Eintritt in diese Ausstellung, nein, eher beim Eintreten in eine/unsere wunderbare frühere Zeit der Freude, Freiheit und des Aufbruchs. Singen Sie auch schon mit? Und haben Sie auch schon diesen Ohrwurm? Dann eröffnet sich Ihnen hinter dem nächsten Vorhang in der Bundeskunsthalle in Bonn ein buntes wildes Kaleidoskop eines Zeitdokumentes der 70er und 80er-Jahre (plus-minus ein bisschen): ein Meer von traumhaften Design-Möbeln , glänzenden Tee-Services, eines Fantasie-Design-Citroen-Rennwagen-Prototypen oder einer gewagten Modekollektion von Vivien Westwood mit Schulterpolstern und Plateauschuhen. Es ist berauschend, sich wieder in die Zeit der großen Clubs und Diskos zurück zu träumen und wenigstens innerlich hier hindurch zu tanzen.

    Ja, was war sie nun, die sogenannte POSTMODERNE? Die Ausstellungsmacher definieren sie von 1967 bis 1992. Ein Zeitalter, in dem sich alles aus der sogenannten Moderne befreite: die Kunst, Literatur, Musik, Technik, Medien, das Design oder der Film.

    Beispielhaft die Architektur! Ein kurzer Lehrfilm des Architekturmuseums Frankfurt erklärt es. Ursprünglich prangten Ornamente und Figuren als Nachahmung prunkvoller Schlösser der Monarchen als Schmuck an den Hausfassaden. Die Moderne verbannte all dies und etablierte z.B. in den Entwürfen des Bauhauses den Stil des White Cube. Die Schlichtheit sollte soziale Gerechtigkeit und Gleichheit demonstrieren, was auch in schmucklosen monotonen Mehrfamilienhäusern sichtbar wurde.

    Doch dann kam DIE POSTMODERNE, die erneut eine Befreiung darstellte. Sie dekorierte wieder, aber ganz individuell, spielerisch, skurril, regellos und experimentell, zerstörte aber nicht alte Substanz, sondern verwandelte sie. Ein Beispiel ist das erste Wohnhaus von Frank O. Gehry. Er verkleidete eine alte kleine Villa mit Wellblech, Glas und Holzbalken kreativ gelockert ohne strenge rechte Winkel.

    Am Beginn der Ausstellung startet die Apollo 11 Rakete, – völlig losgelöst von der Erde -, mit der die Menschheit auf dem Mond landete. Doch sie startete auch in dieses neue Zeitalter der Postmoderne. Mit dem Ereignis der Mondlandung wird von den Konzept-Verantwortlichen auch der Beginn der Epoche definiert, weil es den Anfang der modernen Medienverbreitung markiert. Der Fernseher machte die weltumspannende Life-Information möglich. Science fiction-Filme und TV-Serien folgten mit riesigem Erfolg.

    Unbedingt ergänzt werden soll an dieser Stelle als Ursache für den Beginn eines neuen Zeitgeistes auch die Zugänglichkeit der Antibabypille für jede Frau. Sie machte das exzessive Partyleben, die Freiheit der Sexualität und damit den ausschweifenden Lebensstil der Postmoderne erst möglich.

    Eine Ikone der neuen Kunst- und Party-Welle war das Studio 54 in New York mit Andy Warhol.

    Sein Bild der „Diamond Shoes“ bezeichnete die Kritik damals als exemplarisch für die endgültige „Flachheit postmoderner Kunst“. Postmodernes war oberflächlich ohne Tiefgang. Nicht „Form follows Function“ sondern „Form follows Fun“.

    Rainer Werner Faßbinders letzter Film „Querelle“ läuft beispielhaft in der Ausstellung; sexuell ebenso skurril wie von der Handlung und der Regie.

    “Anything goes“, alles schien möglich und man überschlug sich mit immer schrilleren, unmöglichen, provokativen Aktionen und Designs. Die Memphis-Kollektion von Ettore Sottsas mit dem gemeinsamen Essen im Boxring statt an prunkvoller Tafelrunde als Beispiel. Sicher spielten aber auch Drogen eine wesentliche Rolle. LSD war die damalige Lieblingsdroge, die alles optisch in ein buntes Farbenmeer verwandelte.

    1982 sendete Jenny Holzer auf einer Werbetafel zwischen Leuchtreklamen am Times Square subtil widersprüchliche Botschaften: „Bewahre mich vor dem, was ich will.“ Für die jetzige Ausstellung revitalisierte die Künstlerin selbst das Werk, das mit aktueller LED Technik in 6 Meter Höhe im Saal leuchtet. Die Vermischung von Kunst und Kommerz war bereits in vollem Gang.

    Nigel Coates war bereits Architekt der Postmoderne. Er ist mit seinem Team der Ausstellungs-ARCHITEKT. Fast möchte man sagen, ER ist der künstlerische Star! Anordnung, Ausleuchtung, Farbigkeit der Objekte sind hervorragend präsentiert und hierduch ein eigenständiges postmodernes Architektur-Kunstwerk. Eine Kunstausstellung ist damit bewiesenermaßen schon lange keine reine „Hängung“ mehr. Auch das Kuratieren allein reicht nicht. Ausstellungs-Architektur bringt erst ein Gesamtkunstwerk zustande. Sie beinhaltet hier in Bonn eine Fülle unterschiedlichster Darstellungsarten: abgetrennte Nebenbereiche zeigen Videos neben Plakaten und Vitrinen zu einem Subthema. Erklärende Hör-Nischen stehen wie aufgeschlagene Bücher im Raum und laden ein zum Sitzen und Lauschen. Flache und hohe Bühnen aus sichtbaren Gerüststangen sowie runde und vieleckige Zwischenwände lassen die Objekte einzeln strahlen und trotzdem aufeinander eingehen. Sogar die Musik ist bewußt wahrnehmbar, vermischt sich auch nicht zu einem Lärmteppich.

    Dabei soll die kuratorische Arbeit, die in der Postmoderne-Ausstellung steckt, keinesfalls weniger gewürdigt werden. Neben Eva Kraus hat insbesondere Kolja Reichert die hunderte einzelner Ausstellungsstücke mit nachhaltiger Recherche in ihren komplexen Bedeutungszusammenhängen recherchiert und in das Gesamtkonzept dieser Epochen-Geschichte eingepasst.

    Hätten Sie z.B. gewusst, dass Modern Talking mit dem seichten gleichförmigen Elektrosound typisch für die Postmoderne war und ist? Kein Popmusiker sei häufiger im Kreml auf getreten als Thomas Anders. War er damit nicht ein verbindender Kulturbotschafter ?!

    Auch historische Dokumente werden präsentiert wie die Urkunde, in der die Stadt New York Donald Trump das Gelände seines Towers überläßt.

    Interessant ist auch die Bemerkung, dass für die Ausstellungsplanung ein ganze Kraft eingestellt wurde, die sich nur um die Urheber-Rechte der gezeigten Objekte und Zustimmungen zur Präsentation kümmerte. Übertrieben? Laut Kolja Reichert: überhaupt nicht!

    Viele faszinierende Möbelstücke der Memphis Kollektion von Ettore Sottsass stehen dominant und elegant im Zentrum der Ausstellung. Wer hätte nicht das berühmte Regal damals allzu gern in der eigenen Wohnung aufgestellt? 1980 sorgten diese Wohnobjekte auf der Architektur-Biennale in Venedig für einen Eklat und lösten Proteste in der Fachwelt aus, weil z.B. die Wiederkehr von Schnörkeln in den barocken, aber ironischen Sesseln als Abkehr von den Regeln der Moderne interpretiert wurden. Damit seien sie eine bedrohliche Rückwendung, ein erneuter „Historismus“.

    Dass in der Postmoderne trotzdem alle Schranken verlassen werden durften, davon zeugt auch ein Bild von David Hockney, in dem er seine typische klassische Perspektive verlassen hat.

    Gegen Ende der 80er Jahre wird die Leichtigkeit des Lebens von Angst abgelöst. AIDS fordert viele Todesopfer. General Idea, eine kanadische Dreier-Künstlergruppe ändert die Buchstaben des Werkes LOVE von Robert Indiana in AIDS. Diese Grafik leuchtete auf der gleichen Werbewand am Times Square 1987 wie zuvor Jenny Holzers Werk. In der Ausstellung wird dem eine große Wand gewidmet. Zwei Mitglieder der Gruppe starben früh an AIDS. AA Bronsen überlebte und wurde in die Ausstellungsgestaltung eingebunden.

    Das Ende der Postmoderne wird mit 1992 etwas wirkürlich von den Ausstellungsmachern gesetzt. Das letzte typische Bauwerk sei die Bundeskunsthalle in Bonn selbst, obwohl sich ihr Architekt Gustav Peichl nicht gern mit diesem Begriff bezeichnen lasse. Doch es wird auch das 30 jährige Jubiläum des Hauses gefeiert, nur wenig verspätet wegen der Pandemie.

    Der Katalog zur Ausstellung ist adäquat zum fantastischen Ausstellungsraum eine Augenweide. In einem Remake postmoderner Grafik ein Stück Kunst für sich.

    Das Ende der Geschichte? Francis Fukuyama, amerikanischer Politikwissenschaftler schreibt 1992, dass nach Zusammenbruch des Ostblocks der Kalte Krieg vorbei sei, sich für immer liberale Demokratie und Kapitalismus als beste Staatsformen durchgesetzt hätten und ein ewiger Frieden einziehen werde. Dieses Zitat wurde in der Ausstellung für das Ende aufgegriffen.

    Wo stehen wir aber heute in der Reihenfolge der Stil-Epochen? Noch mitten in der Postmoderne? Oder in einer Art Postpostmoderne? Oder muss erst noch eine weitere Generation abgewartet werden, bis von dort aus auf die Jetztzeit zurückgeblickt wird? Kunst wird inzwischen global gedacht, postkoloniale Einflüsse, das Einbeziehen des globalen Südens, die virtuelle Welt des Metaversums und auch die Klimazukunft sind heute evidente Bestandteile von Kunst, Architektur, Musik, Design, Film …… und Leben. Aber genießen wir doch die Ausstellung mit ihrem Blick in eine inspirierende fröhliche Lebensperiode und nehmen die Aufforderung mit:

    „Back to the future“ „Zurück in die Zukunft!“

    Bundeskunsthalle Bonn, 29.September 2023 bis 28. Januar 2024

  • Kapwani Kiwanga

    „Beauty, history and meaningfull material!“

    Ausnahmsweise in Englisch, denn so sind die Werke der kanadischen Künstlerin angelegt, deren große Einzelausstellung das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt. Bei allen Werken entsteht auf diese Art eine Interpretationskette, die man schrittweise entdecken kann, aber nicht muss.

    Kapwani Kiwanga (Jg 1978) studierte ursprünglich Antropologie und Religionswissenschaften und arbeitete zunächst als Dokumentarfilmerin, um auf die Themen aufmerksam zu machen, die ihr am Herzen liegen. Als sie in diesem Metier zunehmemd die Grenzen der Ausdrucks-möglichkeiten sah, wechselte sie zur Kunst mit all deren Freiheiten.
    Die Künstlerin läd ein, ihre Werke rein aesthetisch zu genießen. Doch die Geschichten dahinter lösen bei Interessierten viel mehr Intensität und Bedeutung aus. Sie berichten über Rassismus, Disziplinierung oder Ausbeutung.

    Bei Kapwani Kiwanga spielen stets die ausgewählten Materialien eine bedeutungsvolle Rolle. So geht es z.B. mehrfach um ganze und teilweise Sichtbarkeit: ein Paravant aus halbdurchsichtigen Spiegeln, der aber segmental komplette Durchblicke gewährt. Auch eine Jalousie erfüllt diese Funktion: wer sieht wen? Wer entscheidet darüber? Eine Anspielung auf Überwachungssituationen!


    Für ein Werk, das neu für die Ausstellung in Wolfsburg angefertigt wurde, ist gitterartig gewebter Stoff verwendet worden, der unterschiedlich viel Licht durchlässt. „Black blue hour“ sei trotz der blauen Farbe nicht extra für Volkswagen angefertigt, betont die Künstlerin.


    Ein großer transparenter Vorhang mit den Farben des Sonnenuntergangs in der Wüste hing bereits auf der Biennale di Venezia 2022. Vervollständigt wird dieses Werk („Terrarium“) durch zwei Glasobjekte: Sanduhren, ein Symbol für Vergänglichkeit, gefüllt mit Wüsten-Quarzsand, wie er beispielsweise zur Glasherstellung , aber auch für Fracking mit den bekannten schweren Umweltproblemen genutzt wird.


    „Ein Blumenmeer für Afrika“: Das mit Eukalyptus behangene Tor diente ebenso wie die Blumengestecke als Dekoration bei Unabhängigkeitsfeiern am Ende der Kolonialherrschaft in afrikanischen Ländern. Kapwani Kiwanga hatte akribisch historische Fotos darüber gesammelt, die das besondere Ereignis abbilden. Zu jeder Ausstellung werden die Blumenarrangements von lokalen Floristinnen nachgestellt und dürfen verblühen: ein Indikator für Enthusiasmus und Ernüchterung in den neuen selbständigen Staaten? „Die Geschichte in die Gegenward bringen“ möchte die Künstlerin, gesellschaftsananlytisch, dokumentierend, nicht anklagend.


    Kapwani Kiwangas Kunstwerke erfreuen und berühren schon allein durch ihre Schönheit. Andererseits berichten die dahinter stehenden Narrative über komplizierte ungereimte Situationen in unser globalisierten Welt.

    Das Kunstmuseum Wolfsburg hatte bereits für die frühere Empowerment Ausstellung (s.a. früherer Artikel hier im Blog) mit nur weiblichen Künstlerinnen Kontakt mit Kapwani Kiwanga aufgenommen, doch beide Seiten spürten rasch, dass die Werke Kiwangas den ganzen großen Raum mit ihrer Ausstrahlung erfüllen können.


    „Die Länge des Horizonts“ Kunstmuseum Wolfsburg, 16.9.23 bis 7.1.2024

  • Tom of Finland

    Kunst oder Porno?

    Helsinki und Finnland widmen dem besonderen Zeichner im berühmten KIASMA Museum of Modern Art stolz ein große Ausstellung.


    Der Künstler Tom wurde 1920 in Kaarina im Südwesten Finnlands geboren und 1939 zum Militär eingezogen, weil sich Finnland im Krieg gegen die Invasion durch die Soviet Union befand. Danach musste er sich seinen Lebensunterhalt als Klavierspieler in Bars verdienen, weil seine heimliche Leidenschaft fürs Zeichnen nie zu einer Chance in einer Akademie geführt hatte.

    1956 wurde sein Zeichentalent zufällig entdeckt und ein Freund schaffte es, die homoerotischen Bilder in die USA zu schmuggeln, wo sie von einem Bodybuilding-Magazin begeistert gedruckt wurden. Der Chefredakteur war Urheber des Namenszusatzes, jetzt „Tom of Finland“.


    Sein Sujet war stets der perfekte Männerkörper. Anatomisch korrekt inzenierte Muskeln plus idealisierte übertrieben große Darstellung der männlichen Geschlechtsorgane inklusive drastischer homoerotischer Interaktionen sind durchgehende Motive. Zeichentechnisch wunderschön. In den USA gewannen die Zeichnungen rasch Kultstatus in der Gay-Szene. Doch auch in Dänemark und in Hamburg wurde Tom hoch verehrt.

    1991 starb Tom of Finland an einer Lungenkrankheit, (COPD). Im gleichen Jahr kürte ihn die finnische Comic-Society als Cartoonist of the Year und er bekam seine künstlerische Anerkennung durch eine Ausstellung im Whitney Museum New York.


    Kunst oder Porno?
    Warum nicht von beides? Als spannende und geglückte Kombination, gerade in der heute doch deutlich toleranteren Gesellschaft?


    Kiasma Museum für Moderne Kunst, Helsinki noch bis 29.10.2023

  • FOTOGRAFISKA auch in Tallinn

    Nachdem im vorherigen Artikel über die spektakuläre Neueröffnung der Fotografiska in Berlin berichtet wurde, ist es interessant, eine weitere Dependance dieser Ausstellungskette anzuschauen. Die Gelegenheit ergab sich in Tallinn, der Hauptstadt von Estland. Hier gibt es schon seit März 2019 eine umgebaute Fabrikhalle mit Fotografiska. Das Gebäude ist eine charmante Einladung in eine wunderbare architektonische Kombination aus Alt und Neu , hervorragend geeignet als Event-Location, für Konzerte ebenso wie für Privatfeiern, als Bar oder Restaurant.

    Die Fotoausstellung ergänzt das Ambiente als passende Dekoration, jedoch weniger aus künstlerischer Sicht. Eine Etage bespielt aktuell Miles Aldridge. Seine Fotos sind mit Schauspieler*Innen inszenierte Standbilder einer vergangenen Hollywood-Zeit der 1960/70er Jahre. Besonders die klischeehafte Rolle der Frauen in Petticoat-Rock und im Supermarkt oder auf ein Sexsymbol reduziert ist entweder ein Hohn oder eine bewusste Persiflage eines sinnvollen Feminismus. Bewertung: Muss nicht sein!

    Auf einer weiteren Etage stellt Omar Victor Diop Fotos von sich als colored man in verschiedenen Kostümen wichtiger Persönlichkeiten aus.

    Das haben wir von Samuel Fosso in Salzburg (jetzt noch in Schleswig) subtiler und authentischer erleben dürfen.

    In der Funktion als Vergnügungsmeile ist das Areal um die Fotografika in Tallinn, besonders mit dem Blick von der Rooftop-Bar fantastisch. Die angebliche Fotokunst kann man jedoch gern vernachlässigen.

    Estland, Tallinn, Telliskivi 60a-8

  • Das TACHELES

    heißt jetzt Fotografiska

    Es macht die allergrößte Freude, in das ursprünglich zerstörte, dann von Künstlern mit alternativ fröhlichem und durchaus politischen Leben besetzte Kunsthaus einzutreten. Die denkmalgeschützten Grafities melden sich wieder als Zeitzeugen für die Umbruchphase nach der Wende und die damalige Aufbruchstimmung und sie sind immer noch hoch aktuell. Das Treppenhaus und die Flure sind damit allein schon den Besuch wert.

    Daneben haben die Architekten Herzog & deMeuron moderne Ausstellungsräume gestaltet, die die alten Grundmauern stabilisieren und trotzdem sichtbar lassen.

    Fotografiska ist eingezogen, ein Privatunternehmen mit Sitz in Stockholm, das weltweit Immobilien besitzt und den dortigen Anspruch auf Kulturinhalt mit Ausstellungen moderner Fotografie füllt.

    Die Berliner Ausstellung zeigt zunächst mit „NUDE“ Nacktfotos, von Frauen fotografiert, die, vorwiegend an Hochglanzmagazine erinnern.

    In der zweiten Ebene stellt Juliana Hoxtable die binäre Gendereinteilung infrage und beschreibt die „Ussyfizierung“, was immer das auch sein soll. Doch ihre Werke sind bunt und reihen sich dadurch in die ursprüngliche „Graffitisierung“ etwas ein.

    Als Standort-spezifischen Beitrag könnte die Installation von Candice Breitz angesehen werden, die zwar 1972 in Südafrika geboren und früh als Weiße in der Situation der Apartheit aufwuchs, jetzt jedoch in Berlin lebt und arbeitet.

    Sie stellt in spannendem Kontrast TV-Kommentare amerikanischer Weißer sich selbst gegenüber. Dabei ist sie mit weißblonden Perücken und geisterhaften Haftschalen die Synchronsprecherin. Die Statements kreisen um die Angst der Weißen um ihre gesellschaftliche Vormachtstellung. Optisch, wie inhaltlich eine großartige anspruchsvolle künstlerische Arbeit in diesem Haus.

    Viel wurde über die kapitalistische Aneignung des Tacheles und des dahinter liegenden riesigen Areals diskutiert, das ein Filetstück in dieser Lage und jetzt mit ultrateuren Beton-Immobilien zugebaut wurde. Doch danach soll der Kunstgenuss zumindest nicht allein bewertet werden.

    Hoch lebe weiter der Geist des Tacheles und der Spaß daran!

  • Edvard Munch: Skandal und Psyche

    Meist berichtet dieser Blog über weniger bekannte und sehr zeitgenössische Ausstellungen und Künstler, doch Edvard Munch (1863-1944) ist ein Besuchermagnet, deshalb heute seine Story.

    Die Berlinische Galerie sieht ihre Spezialität immer darin, Ausstellungen zu zeigen, die einen direkten Bezug zu Berlin haben, so auch jetzt mit Werken von Edvard Munch. Dass die Verbindung zwischen Stadt und Künstler stark und prägend war, ist allgemein nicht wirklich bekannt. Doch der Maler verbrachte viele Jahre in Berlin, (1892 bis 1908), wo er großartige Inspirationen erfuhr, aber auch schwere Krisen durchlebte.


    1892 wurde der norwegische Maler vom Verein Berliner Künstler für eine Ausstellung eingeladen, weil damals in Berlin ein Hype für alles Nordische herrschte. Die erhofften romantisierten Landschaftsbilder brachte Munch jedoch nicht mit. Vielmehr zeigte er ein großes Interesse an der menschlichen Psyche und starken Emotionen! Noch dazu wurde sein Stil als roh, skizzenhaft und unfertig bezeichnet. Die Ausstellung war sofort ein Skandal in allen verfügbaren Medien. Nach drei Tagen und einer Abstimmung im verantwortlichen Verein wurde sie wieder geschlossen.


    Doch auch damals schon erwiesen sich die negativen Schlagzeilen als perfekte Promotion. Die Verbreitung und die Neugier der Menschen waren riesig. Wie reagierte nun Edvard Munch? Er siedelte sich in Berlin an, wohnte dort bis 1908! Belohnt wurde er letztlich mit einer hochgelobten großen Einzelausstellung 1910. Der Triumph und der Ruf, dass mit Munch die Moderne in Deutschland einzog, hielten an. Schon 1927 zeigte die Nationalgalerie Berlin mit 244 Werken eine große Retrospektive.


    Zur Zeit der vorletzten Jahrhundertwende herrschte unter Intellektuellen und Künstlern aller Genres eine intensive Auseinandersetzung mit der menschlichen Psyche. Als Bahnbrecher hatte bereits Siegmund Freud seine teils umstrittenen Erkenntnisse veröffentlicht.
    Edvard Munch entwickelte eine große Leidenschaft, seelische Zustände in seinem Malstil darzustellen: Angst, Melancholie, Eifersucht, Trauer, aber auch Liebe. Genau diese Fähigkeit, ohne fotorealistische Malerei mit wenigen Strichen Emotionen so perfekt und einfühlsam zu zeigen, hat ihn – gipfelnd in dem Bild „Der Schrei“ – weltberühmt gemacht. Fast jedes Kind findet bis heute diese Abbildung in einem Schulbuch oder zumindest als Emoji im Smartphone.


    Für Munch selbst brachten die Berliner Jahre nicht nur Freude und Erfolg. Der Treffpunkt mit anderen Intellektuellen wie z.B. August Strindberg im Lokal „Zum schwarzen Ferkel“ war mit immensem Alkoholkonsum verbunden. Seine große Liebe Trulla Larson trennte sich letztlich endgültig von ihm. Munch erlitt eine schwere depressive Krise. 1909 siedelte er wieder zurück nach Norwegen und musste längerfristig klinisch behandelt werden, inklusive Alkoholentzug und -Entwöhnung, was aber erfolgreich verlief. Diese selbst erlebten Zustände von Rausch und tiefen Krisen sensibilisierten ihn möglicherweise besonders für seine einfühlsamen Gemälde.

    Edvard Munch verstarb ohne familiäre Erben 1944 und vermachte sein Werk dem Norwegischen Staat. Die umfangreiche Sammlung befindet sich jetzt im Munch-Museum in Oslo auf 5 Etagen, woher ein großer Teil der aktuellen Ausstellung ausgeliehen werden konnte

    Eine spannende Ausstellung, auch wenn Maler und Werke bereits ubiquitär bekannt sind, besonders auch wegen des Berlin-Bezugs und der anschaulich gestalteten Info-Tafeln.

    Edvard Munch: „Zauber des Nordens“, 15.9.2023 bis 22.1.2024

  • Das Beste der Kunst 2022 kommt aus Haiti

    Die deutsche Sektion der AICA, der Gemeinschaft der Kunstkritiker, überreichte am 11.9.2023 die Auszeichungen gemeinsam mit der NRW Kulturministerin Ina Brandes in Krefeld. Hier steht das Museum des Jahres mit seinen 3 Häusern.

    Als beste Ausstellung 2022 wird das Künstler-Kollektiv Atis Rezistans aus Haiti geehrt, die die Kirche St. Kunigundis bei der Documenta fifteen künstlerisch so faszinierend gestaltet hat. Auch in diesem Blog wurde dies bereits am 18.September 2022 so beschrieben.

    Der Gründer des Kollektivs, Andre Eugene ist aus dem Ghetto in Port-au-Prince nach Deutschland angereist, um den Preis entgegenzunehmen. Er arbeitet dort in Blech-Hütten mit seinen Kollegen und regelmäßig auch mit Kindern und Jugendlichen, denen er zeigt, wie aus Holz- und Schrott großartige Skulpturen entstehen können. Kunst sei außer Autos zu montieren eine der wenigen Möglichkeiten, dass die jungen Menschen nicht nur in kriminellen Gangs landen.


    Die Welt, besonders die westlichen Mächte, die das Land als Kolonie ausgebeutet und abgeholzt hatten, überlassen Haiti inzwischen einfach sich selbst und verweigern jegliche Hilfe. Waffengewalt, Entführungen und politisches Chaos treffen dort zusammen mit Schlammlavinen und Erdbeben, während auf der anderen Inselhälfte, der Domenikanischen Republik westliche Urlauber im Luxus schwelgen.

    Vielleicht ist es ja gerade die furchtbare Realität, die die Kreativität von Atis Rezistans blühen läßt? Es sind meist symbolische Figuren der Voodoo-Geistlichen, die ihre besonderen positiven Kräfte auf die Menschen ausüben sollen, die sie verehren: für gute Augen ebenso wie für gesunde Fruchtbarkeit oder Lebensfreude.

    Übrigens bedeuten die zahlreichen Nägel in den Figuren (die an Günther Uecker erinnern), bei Atis Rezistans immer viel Kraft. Andre Eugene hat auch einige Werke seines Kollektivs hier gelassen, die darauf warten, Interessierten Freude zu machen. Die Einnahmen kommen selbstverständlich den Künstlern zu Gute.

    St. Kunigundis war der absolute Lieblingsort für die Besucher der D 15 und wird völlig zu Recht geehrt.

    2024 wird es eine neue Ghetto Biennale in Haiti geben, doch zur Sicherheit nicht in Port-au-Prince sondern in einem entfernten sichern Küstenort, in Jacmel

  • Coco Fusco

    Starke politische Performances im KW Berlin

    Die amerikanische Künstlerin (Jg 60) wurde vom KW-Institut eingeladen, um eine Retrospektive ihrer eindrücklichen kritischen Kunstperformances zu zeigen. Mehrfach demonstrierte sie auf künstlerische Art politischeThemen wie Rassismus, Feminismus sowie postkoloniale Problematik.

    Ihren ersten bahnbrechenden Erfolg stellte (1992/94) eine Aktion dar, bei der ein großer goldener Käfig in Mexiko in der Stadt aufgestellt wurde, in dem ein Mann und eine Frau (Coco Fusco selbst) in ethnologischer Kostümierung standen.“Discovered Indigenous“.Sie wurden auf dem Marktplatz der Bevölkerung als Sensation zur Schau gestellt, symbolisch wie früher exotische Tiere aus Kolonialgebieten. Diese Performance wanderte über mehrer Orte in Nord- und Süd-Amerika. Das Interessanteste daran waren die Reaktionen der Menschen. Viele glaubten das Spektakel, Kinder und auch Erwachsene wollten die vermeintlichen Exoten mit Bananen im Käfig füttern, andere gingen ignorierend oder missbilligend vorbei.

    Ein weiteres Beispiel für die Arbeit (2002/04) der Künstlerin ist ihr Werk mit dem Nachstellen der Foltermethoden des Amerikanischen Militärs in Abu-Grhraib im Irak im „Krieg gegen den Terror“ . Da knien größere Gruppen in Sträflingskleidung in der Öffentlichkeit und müssen die Straße mit Zahnbürsten reinigen. Auch hier gibt es zweifelndes Publikum am Straßenrand.

    Eine andere Gruppe wird in Ketten aneinander gefesselt mit schwarzen Kappen über Kopf und Gesicht durch Wälder getrieben.

    Coco Fusco besetzte Frauen mit der Gefangenenrolle. Dieses Paradox war auch ein Hinweis darauf, dass in den Gefangenenlagern u.a. Frauen durch aufreizende sexualisierte Auftritte die gefesselten Männer zutiefst demütigten, was einer schweren Folter entsprach. Hiervon berichten auch die Zeichnungen von Coco Fusco.

    Auch wenn jetzt lediglich die Videodokumentationen der aufwändigen zahlreichen weiteren Performances gesehen werden können, so geht immer noch eine bedrückende Ausstrahung von ihnen aus, die die Brisanz der jeweiligen Themen hervorhebt.

    „Tomorrow Iwill become an Island“ Coco Fusco im KW Institut for Contemporary Art, Berlin 14.9.2023 bis 7.1.2024

  • „Wir sehen euch auch ohne Licht.“

    Nadia Kaabi-Linke zeigt verborgene Spuren der Gewalt

    „Seeing without light“ ist der Titel der neuen Ausstellung im Hamburger Bahnhof .

    „Als in der Ukraine die ersten Bomben einschlugen, blieben die Menschen sitzen in Kälte und Dunkelheit.“ „Doch wenn man die Augen schließt, hört man nur sein Herz und mit dem Herzen.“ Das ist die Message von Nadia Kaabi-Linke. Ihre Kunst habe als wichtiges Thema die Dunkelheit, aber auf der Suche nach Licht, denn es gebe keine Schatten ohne Licht.

    Nadia Kaabi-Linke wurde in Tunesien geboren, hat ukrainische Wurzeln und lebt nach ihrem Studium in Frankreich jetzt in Berlin. Dies ist ihre erste große Einzelausstellung. Sie erforscht gezielt Spuren von Zerstörung und Gewalt, die wir gern verdrängen und vergessen.

    Der ersten Raum „Blindstrom for Kasimir“ zeigt nur schwarze Rechtecke. Sie symbolisieren Gemälde von Kasimir Malewitsch, die im Kunstmuseum der Ukraine schon in den 30ger Jahren vom sowjetischen Geheimdienst zensiert, beschädigt und beschlagnahmt wurden.

    Im Hamburger Bahnhof sind durch ein Fenster Reste stillgelegter Gleise zu sehen. Sie waren ein Teil der Strecke, auf der in der NS-Zeit Juden in Vernichtungslager in der West-Ukraine transportiert wurden. Die Künstlerin nahm zwei Holzbänke, die eigentlich an Bahnsteigen zum geruhsamen Verweilen auffordern. Sie verwandelte sie zu Folterbänken, um an diese Zeit der Grausamkeit zu erinnern.

    Ein großes farbenfrohes Gemälde ist ein richtiger Eyecatcher für die Besucher*Innen. Nadia Kaabi-Linke hat mit Papier einen Abdruck eines großen Grabmals auf dem Friedhof genommen, ihn auf die Leinwand kopiert und mit kräftigem Schwarz und Pink übermalt. Besonders imponiert das große schwarze Loch, das sogar den Namen der Familie unlesbar macht. Dieses stammt von einem Bombeneinschlag im 2. Weltkrieg. „Sogar nach dem Tod werden Menschen durch Krieg und Gewalt noch einmal zerstört.“ Doch das Pink stehe für Freude, Feiern und Genießen des Lebens, das all die schlimmen Traumata überdecken kann. „Feiern geht doch immer!“ ist auch ein ihrer Devisen.

    (Barbie is everywhere.)

    Die einzelnen Ausstellungsstücke sind aufwändig gestaltet und aesthetisch absolut beeindruckend. Doch sie entfalten ihre Großartigkeit erst, wenn man auch ihre Bedeutung entdeckt. Dafür lohnt es sich, die hervorragenden Erklärungstexte direkt neben den Werken zu lesen.

    Hamburger Bahnhof, Berlin 8.9. 2023 bis 24.3.2024