• Das TACHELES

    heißt jetzt Fotografiska

    Es macht die allergrößte Freude, in das ursprünglich zerstörte, dann von Künstlern mit alternativ fröhlichem und durchaus politischen Leben besetzte Kunsthaus einzutreten. Die denkmalgeschützten Grafities melden sich wieder als Zeitzeugen für die Umbruchphase nach der Wende und die damalige Aufbruchstimmung und sie sind immer noch hoch aktuell. Das Treppenhaus und die Flure sind damit allein schon den Besuch wert.

    Daneben haben die Architekten Herzog & deMeuron moderne Ausstellungsräume gestaltet, die die alten Grundmauern stabilisieren und trotzdem sichtbar lassen.

    Fotografiska ist eingezogen, ein Privatunternehmen mit Sitz in Stockholm, das weltweit Immobilien besitzt und den dortigen Anspruch auf Kulturinhalt mit Ausstellungen moderner Fotografie füllt.

    Die Berliner Ausstellung zeigt zunächst mit „NUDE“ Nacktfotos, von Frauen fotografiert, die, vorwiegend an Hochglanzmagazine erinnern.

    In der zweiten Ebene stellt Juliana Hoxtable die binäre Gendereinteilung infrage und beschreibt die „Ussyfizierung“, was immer das auch sein soll. Doch ihre Werke sind bunt und reihen sich dadurch in die ursprüngliche „Graffitisierung“ etwas ein.

    Als Standort-spezifischen Beitrag könnte die Installation von Candice Breitz angesehen werden, die zwar 1972 in Südafrika geboren und früh als Weiße in der Situation der Apartheit aufwuchs, jetzt jedoch in Berlin lebt und arbeitet.

    Sie stellt in spannendem Kontrast TV-Kommentare amerikanischer Weißer sich selbst gegenüber. Dabei ist sie mit weißblonden Perücken und geisterhaften Haftschalen die Synchronsprecherin. Die Statements kreisen um die Angst der Weißen um ihre gesellschaftliche Vormachtstellung. Optisch, wie inhaltlich eine großartige anspruchsvolle künstlerische Arbeit in diesem Haus.

    Viel wurde über die kapitalistische Aneignung des Tacheles und des dahinter liegenden riesigen Areals diskutiert, das ein Filetstück in dieser Lage und jetzt mit ultrateuren Beton-Immobilien zugebaut wurde. Doch danach soll der Kunstgenuss zumindest nicht allein bewertet werden.

    Hoch lebe weiter der Geist des Tacheles und der Spaß daran!

  • Edvard Munch: Skandal und Psyche

    Meist berichtet dieser Blog über weniger bekannte und sehr zeitgenössische Ausstellungen und Künstler, doch Edvard Munch (1863-1944) ist ein Besuchermagnet, deshalb heute seine Story.

    Die Berlinische Galerie sieht ihre Spezialität immer darin, Ausstellungen zu zeigen, die einen direkten Bezug zu Berlin haben, so auch jetzt mit Werken von Edvard Munch. Dass die Verbindung zwischen Stadt und Künstler stark und prägend war, ist allgemein nicht wirklich bekannt. Doch der Maler verbrachte viele Jahre in Berlin, (1892 bis 1908), wo er großartige Inspirationen erfuhr, aber auch schwere Krisen durchlebte.


    1892 wurde der norwegische Maler vom Verein Berliner Künstler für eine Ausstellung eingeladen, weil damals in Berlin ein Hype für alles Nordische herrschte. Die erhofften romantisierten Landschaftsbilder brachte Munch jedoch nicht mit. Vielmehr zeigte er ein großes Interesse an der menschlichen Psyche und starken Emotionen! Noch dazu wurde sein Stil als roh, skizzenhaft und unfertig bezeichnet. Die Ausstellung war sofort ein Skandal in allen verfügbaren Medien. Nach drei Tagen und einer Abstimmung im verantwortlichen Verein wurde sie wieder geschlossen.


    Doch auch damals schon erwiesen sich die negativen Schlagzeilen als perfekte Promotion. Die Verbreitung und die Neugier der Menschen waren riesig. Wie reagierte nun Edvard Munch? Er siedelte sich in Berlin an, wohnte dort bis 1908! Belohnt wurde er letztlich mit einer hochgelobten großen Einzelausstellung 1910. Der Triumph und der Ruf, dass mit Munch die Moderne in Deutschland einzog, hielten an. Schon 1927 zeigte die Nationalgalerie Berlin mit 244 Werken eine große Retrospektive.


    Zur Zeit der vorletzten Jahrhundertwende herrschte unter Intellektuellen und Künstlern aller Genres eine intensive Auseinandersetzung mit der menschlichen Psyche. Als Bahnbrecher hatte bereits Siegmund Freud seine teils umstrittenen Erkenntnisse veröffentlicht.
    Edvard Munch entwickelte eine große Leidenschaft, seelische Zustände in seinem Malstil darzustellen: Angst, Melancholie, Eifersucht, Trauer, aber auch Liebe. Genau diese Fähigkeit, ohne fotorealistische Malerei mit wenigen Strichen Emotionen so perfekt und einfühlsam zu zeigen, hat ihn – gipfelnd in dem Bild „Der Schrei“ – weltberühmt gemacht. Fast jedes Kind findet bis heute diese Abbildung in einem Schulbuch oder zumindest als Emoji im Smartphone.


    Für Munch selbst brachten die Berliner Jahre nicht nur Freude und Erfolg. Der Treffpunkt mit anderen Intellektuellen wie z.B. August Strindberg im Lokal „Zum schwarzen Ferkel“ war mit immensem Alkoholkonsum verbunden. Seine große Liebe Trulla Larson trennte sich letztlich endgültig von ihm. Munch erlitt eine schwere depressive Krise. 1909 siedelte er wieder zurück nach Norwegen und musste längerfristig klinisch behandelt werden, inklusive Alkoholentzug und -Entwöhnung, was aber erfolgreich verlief. Diese selbst erlebten Zustände von Rausch und tiefen Krisen sensibilisierten ihn möglicherweise besonders für seine einfühlsamen Gemälde.

    Edvard Munch verstarb ohne familiäre Erben 1944 und vermachte sein Werk dem Norwegischen Staat. Die umfangreiche Sammlung befindet sich jetzt im Munch-Museum in Oslo auf 5 Etagen, woher ein großer Teil der aktuellen Ausstellung ausgeliehen werden konnte

    Eine spannende Ausstellung, auch wenn Maler und Werke bereits ubiquitär bekannt sind, besonders auch wegen des Berlin-Bezugs und der anschaulich gestalteten Info-Tafeln.

    Edvard Munch: „Zauber des Nordens“, 15.9.2023 bis 22.1.2024

  • Das Beste der Kunst 2022 kommt aus Haiti

    Die deutsche Sektion der AICA, der Gemeinschaft der Kunstkritiker, überreichte am 11.9.2023 die Auszeichungen gemeinsam mit der NRW Kulturministerin Ina Brandes in Krefeld. Hier steht das Museum des Jahres mit seinen 3 Häusern.

    Als beste Ausstellung 2022 wird das Künstler-Kollektiv Atis Rezistans aus Haiti geehrt, die die Kirche St. Kunigundis bei der Documenta fifteen künstlerisch so faszinierend gestaltet hat. Auch in diesem Blog wurde dies bereits am 18.September 2022 so beschrieben.

    Der Gründer des Kollektivs, Andre Eugene ist aus dem Ghetto in Port-au-Prince nach Deutschland angereist, um den Preis entgegenzunehmen. Er arbeitet dort in Blech-Hütten mit seinen Kollegen und regelmäßig auch mit Kindern und Jugendlichen, denen er zeigt, wie aus Holz- und Schrott großartige Skulpturen entstehen können. Kunst sei außer Autos zu montieren eine der wenigen Möglichkeiten, dass die jungen Menschen nicht nur in kriminellen Gangs landen.


    Die Welt, besonders die westlichen Mächte, die das Land als Kolonie ausgebeutet und abgeholzt hatten, überlassen Haiti inzwischen einfach sich selbst und verweigern jegliche Hilfe. Waffengewalt, Entführungen und politisches Chaos treffen dort zusammen mit Schlammlavinen und Erdbeben, während auf der anderen Inselhälfte, der Domenikanischen Republik westliche Urlauber im Luxus schwelgen.

    Vielleicht ist es ja gerade die furchtbare Realität, die die Kreativität von Atis Rezistans blühen läßt? Es sind meist symbolische Figuren der Voodoo-Geistlichen, die ihre besonderen positiven Kräfte auf die Menschen ausüben sollen, die sie verehren: für gute Augen ebenso wie für gesunde Fruchtbarkeit oder Lebensfreude.

    Übrigens bedeuten die zahlreichen Nägel in den Figuren (die an Günther Uecker erinnern), bei Atis Rezistans immer viel Kraft. Andre Eugene hat auch einige Werke seines Kollektivs hier gelassen, die darauf warten, Interessierten Freude zu machen. Die Einnahmen kommen selbstverständlich den Künstlern zu Gute.

    St. Kunigundis war der absolute Lieblingsort für die Besucher der D 15 und wird völlig zu Recht geehrt.

    2024 wird es eine neue Ghetto Biennale in Haiti geben, doch zur Sicherheit nicht in Port-au-Prince sondern in einem entfernten sichern Küstenort, in Jacmel

  • Coco Fusco

    Starke politische Performances im KW Berlin

    Die amerikanische Künstlerin (Jg 60) wurde vom KW-Institut eingeladen, um eine Retrospektive ihrer eindrücklichen kritischen Kunstperformances zu zeigen. Mehrfach demonstrierte sie auf künstlerische Art politischeThemen wie Rassismus, Feminismus sowie postkoloniale Problematik.

    Ihren ersten bahnbrechenden Erfolg stellte (1992/94) eine Aktion dar, bei der ein großer goldener Käfig in Mexiko in der Stadt aufgestellt wurde, in dem ein Mann und eine Frau (Coco Fusco selbst) in ethnologischer Kostümierung standen.“Discovered Indigenous“.Sie wurden auf dem Marktplatz der Bevölkerung als Sensation zur Schau gestellt, symbolisch wie früher exotische Tiere aus Kolonialgebieten. Diese Performance wanderte über mehrer Orte in Nord- und Süd-Amerika. Das Interessanteste daran waren die Reaktionen der Menschen. Viele glaubten das Spektakel, Kinder und auch Erwachsene wollten die vermeintlichen Exoten mit Bananen im Käfig füttern, andere gingen ignorierend oder missbilligend vorbei.

    Ein weiteres Beispiel für die Arbeit (2002/04) der Künstlerin ist ihr Werk mit dem Nachstellen der Foltermethoden des Amerikanischen Militärs in Abu-Grhraib im Irak im „Krieg gegen den Terror“ . Da knien größere Gruppen in Sträflingskleidung in der Öffentlichkeit und müssen die Straße mit Zahnbürsten reinigen. Auch hier gibt es zweifelndes Publikum am Straßenrand.

    Eine andere Gruppe wird in Ketten aneinander gefesselt mit schwarzen Kappen über Kopf und Gesicht durch Wälder getrieben.

    Coco Fusco besetzte Frauen mit der Gefangenenrolle. Dieses Paradox war auch ein Hinweis darauf, dass in den Gefangenenlagern u.a. Frauen durch aufreizende sexualisierte Auftritte die gefesselten Männer zutiefst demütigten, was einer schweren Folter entsprach. Hiervon berichten auch die Zeichnungen von Coco Fusco.

    Auch wenn jetzt lediglich die Videodokumentationen der aufwändigen zahlreichen weiteren Performances gesehen werden können, so geht immer noch eine bedrückende Ausstrahung von ihnen aus, die die Brisanz der jeweiligen Themen hervorhebt.

    „Tomorrow Iwill become an Island“ Coco Fusco im KW Institut for Contemporary Art, Berlin 14.9.2023 bis 7.1.2024

  • „Wir sehen euch auch ohne Licht.“

    Nadia Kaabi-Linke zeigt verborgene Spuren der Gewalt

    „Seeing without light“ ist der Titel der neuen Ausstellung im Hamburger Bahnhof .

    „Als in der Ukraine die ersten Bomben einschlugen, blieben die Menschen sitzen in Kälte und Dunkelheit.“ „Doch wenn man die Augen schließt, hört man nur sein Herz und mit dem Herzen.“ Das ist die Message von Nadia Kaabi-Linke. Ihre Kunst habe als wichtiges Thema die Dunkelheit, aber auf der Suche nach Licht, denn es gebe keine Schatten ohne Licht.

    Nadia Kaabi-Linke wurde in Tunesien geboren, hat ukrainische Wurzeln und lebt nach ihrem Studium in Frankreich jetzt in Berlin. Dies ist ihre erste große Einzelausstellung. Sie erforscht gezielt Spuren von Zerstörung und Gewalt, die wir gern verdrängen und vergessen.

    Der ersten Raum „Blindstrom for Kasimir“ zeigt nur schwarze Rechtecke. Sie symbolisieren Gemälde von Kasimir Malewitsch, die im Kunstmuseum der Ukraine schon in den 30ger Jahren vom sowjetischen Geheimdienst zensiert, beschädigt und beschlagnahmt wurden.

    Im Hamburger Bahnhof sind durch ein Fenster Reste stillgelegter Gleise zu sehen. Sie waren ein Teil der Strecke, auf der in der NS-Zeit Juden in Vernichtungslager in der West-Ukraine transportiert wurden. Die Künstlerin nahm zwei Holzbänke, die eigentlich an Bahnsteigen zum geruhsamen Verweilen auffordern. Sie verwandelte sie zu Folterbänken, um an diese Zeit der Grausamkeit zu erinnern.

    Ein großes farbenfrohes Gemälde ist ein richtiger Eyecatcher für die Besucher*Innen. Nadia Kaabi-Linke hat mit Papier einen Abdruck eines großen Grabmals auf dem Friedhof genommen, ihn auf die Leinwand kopiert und mit kräftigem Schwarz und Pink übermalt. Besonders imponiert das große schwarze Loch, das sogar den Namen der Familie unlesbar macht. Dieses stammt von einem Bombeneinschlag im 2. Weltkrieg. „Sogar nach dem Tod werden Menschen durch Krieg und Gewalt noch einmal zerstört.“ Doch das Pink stehe für Freude, Feiern und Genießen des Lebens, das all die schlimmen Traumata überdecken kann. „Feiern geht doch immer!“ ist auch ein ihrer Devisen.

    (Barbie is everywhere.)

    Die einzelnen Ausstellungsstücke sind aufwändig gestaltet und aesthetisch absolut beeindruckend. Doch sie entfalten ihre Großartigkeit erst, wenn man auch ihre Bedeutung entdeckt. Dafür lohnt es sich, die hervorragenden Erklärungstexte direkt neben den Werken zu lesen.

    Hamburger Bahnhof, Berlin 8.9. 2023 bis 24.3.2024

  • „Chara“ von Kris Lemsalu in Wien

    Kunst im öffentlichen Raum: ein „Blitzableiter“ für die Bevölkerung?

    In der Wiener Innenstadt steht seit dem 16. August für einige Monate eine neue, neun Meter hohe Skulptur als Kunst im öffentlichen Raum. „Chara“ (griechisch = Freude). Es ist die überdimensionale Darstellung eines Rentiergebisses aus Estland, das die estnische Künstlerin Kris Lemsalo, 38 Jahre, geboren in Tallin gestalten und aufstellen durfte. „Chara steht für mich symbolisch dafür, neue Kapitel und große Veränderungen ohne Angst anzugehen.“ Kris Lemsalu brachte ihre nordische Unbekümmertheit den Wiener Schaulustigen und Experten mit, indem sie einfach selbst 2 Flaschen Magnum ausschenkte; nicht ohne die Aufforderung, ein jeder müsse das Objekt durchschreiten.

    Geschmeidig passt sich das pinke Gebiss wirklich nicht in die klassische Stadtsilhouette vis a vis von Louis Vutton ein, aber es fordert zum Selfie auf. Somit wird es mit Sicherheit eine große Verbreitung in der digitalen Welt finden und die Diskussion um die Kunstmetropole Wien anregen.

    Vor etwa 10 Jahren fand eine Freundin der Künstlerin auf einem Waldspaziergang in Estland den Kiefer eines Rentieres und schenkte ihn ihr. Kris Lemsalu nahm die Form spielerisch in mehrere ihrer bekannt skurrilen Installationsideen auf, auch weil der Kiefer sie an ein Herz oder eine Vagina erinnerten.

    In der City von Wien wird das aktuelle Werk bestimmt sehr kontrovers von den Menschen aufgenommen. Es ist stets ein Unterschied, ob etwas Provokantes in einem geschlossenen Museum auf bewusst interessierte Kunst-Besucher*Innen trifft oder von meist kommunalen Politikern ausgewählt allen Bürger*innen aufgezwungen wird. Stets gibt es in solchen Fällen heftige öffentliche Auseinandersetzungen und vielleicht muss – wie vor einigen Wochen in Osnabrück die textile Verhüllung eines leeren Kaufhauses durch Ibrahim Mahama – das Kunstwerk professionell bewacht und vor Zerstörungen geschützt werden.

    In Wien gibt es die Besonderheit einer Institution, die über Kunstwerke im öffentlichen Raum entscheidet: KÖR = Kunst in öffentlichen Raum. Die Geschäftsbereiche der Stadt für Kultur, Stadtentwicklung und Wohnen gründeten diesen Fond – inzwischen eine GmbH – 2004 inklusive finanzieller Ausstattung. Sie wollen und sollen, künstlerisch qualifiziert, den öffentlichen Raum zum „Ort gesellschaftspolitischer und kultureller Debatten mit radikal ästhetischen Setzungen“ beleben. Mit dem Kunstwerk von Kris Lemsalu wird dies mit Sicherheit erreicht. Wie die Kuratorin Cornelia Offergeld vom Vorstand der KÖR äußerte, wird gespannt und mit Vorfreude auf emotionale „Blitzableiter“- Reaktionen der Bevölkerung gewartet.

  • „The Friendly Allien“ in Graz

    Ein durchaus spektakulärer Kunst-Tempel

    Der Außerirdische ist bereits 2003 in Österreich gelandet, als Graz Kulturhauptstadt Europas war. Die Architekten Peter Cook und Colin Fournier konnten ihn angesichts einer offensichtlich unglaublich toleranten Bürgerschaft als blau glänzenden Kontrapunkt in der sonst traditionell beschaulichen Stadtarchitektur plazieren. Inzwischen überstrahlt das Kunsthaus sowohl den Uhrturm als auch den Ruhm von Arnold Schwarzenegger in seiner Geburtsstadt.

    Die Räume seien laut einiger Mitarbeiterinnen extrem schwer zu bespielen, auch weil die tentakelartigen Lichtschächte mit ihren Spezialleuchten den großen Raum sehr dominieren.

    Trotzdem gliedert sich aktuell die Ausstellung „HERITAGE PROJEKT“ von Plamen Dejanoff wirklich harmonisch in den Raum ein. Der Künstler stammt aus Veliko Tarnovo, einer bulgarischen Stadt, die ihre Blüte im Mittelalter hatte. So sammelte er Gebäudestücke und ließ sie überarbeiten oder von Handwerkern in alter Technik nachbauen (Fenster und Lampen), um auf das kulturelle Erbe aufmerksam zu machen und somit exemplarisch den Wert aller alten Kulturen aufzuwerten.

    Doch auch in Graz ist der Star das Gebäude, das – ähnlich wie in Bilbao – durch viele Winkel, Durch- und Ausblicke eine besondere aesthetische Faszination ausübt.

    Am 27. September ist sein 20. Geburtstag. Gefeiert werden sollte dieses Kunsthaus auf jeden Fall.

  • Ernst Fuchs und sein „Phantastischer Realismus“

    Ernst Fuchs (1930 bis 2015) war ein erstaunlich beliebter Wiener Künstler und wurde nicht nur in Österreich hoch verehrt.
    In einer Zeit, als sich die Malerei eher zu immer stärkerer Abstraktion bis zum Minimalismus entwickelt hatte, schuf er große üppig farbige figürliche Gemälde, in denen er selbst erdachte religiöse und mystische Symbolik einfach vermischte.

    Und immer wieder sind Frauen Hauptmotive: da sind Ester, die Urmutter der Juden, aber auch Maria und Aphrodite, ebenso der Tod oder Vögel mit Teufelsköpfen.

    Auffällig bleibt, dass Fuchs seine Frauenfiguren übermäßig sexistisch, insbesondere mit extrem ausladenden Becken oder übermäßig spitzen Brüsten gestaltete, was heute sicher nicht mehr akzeptabel wäre.

    Auch eine Skulptur einer ägyptische Sphinx mit goldener Irokesen-Frisur findet sich in seinem Werk.

    Die Hintergründe der Gemälde erinnern eher an dystope Weltlandschaften. Die komplette Bildgestaltung von Ernst Fuchs könnte eher einem Vorläufer heutiger Fantasy-Illustrationen mythischer Welten darstellen.


    In den 1960er bis 1990iger Jahre war Ernst Fuchs hoch beliebt, auch bei Prominenten wie Grace Kelly oder Yoko Ono, die ihn in seiner ausschweifend, fast kitschig dekorierten Villa besuchten.

    Placido Domingo und Falco ließen sich von ihm porträtieren. Ausßerdem durfte er ein BMW-ART-CAR gestalten und mehrfach erschienen Bilder von ihm auf Briefmarken.

    Letztlich hinterließ Ernst Fuchs neben seinen Kunstwerken und seiner zum Museum gestalteten Villa eine große Familie mit z.B. 16 Kindern.

    Es kommt in diesem Museum rasch der alte Gedanke auf, sich zu fragen, ob das Kitsch oder Kunst sei. Doch im Sinn der Lehre von Beuys, dass jeder Mensch ein Künstler sein kann, bleiben wir doch einfach großzügig: Kunst ist auch, was gefällt?!


    Ernst Fuchs-Privatmuseum in der Otto-Wagner-Villa in 1140 Wien, Hüttelbergstr. 26

  • Jean Tinguely – Museum in Basel

    Wo pure Mechanik begeistert

    Unter dem Titel „La roue = c`est tout“(das Rad = das ist alles) präsentiert das von Roche geförderte Baseler Museum des Künstlers seine riesigen beweglichen Maschinen in neuer – funktionierender – Anordnung. Ihr Mechanismus wird abwechselnd aktiviert und das künstlerisch verbundene bunte Räderwerk mit seinen spielerischen Elementen begeistert das Publikum nach wie vor.

    Ein neues bewegliches reliefartiges Werk begrüßt die Besucher*Innen als Neuerwerbung gleich im Foyer.

    Jean Tinguely schuf nicht nur perfekt funktionierende Fantasiemaschinen, sondern auch provokativ solche mit Selbstzerstörungsmechanismen, die entweder in der anmerikanischen Wüste explodierten oder New Yorker Kunstpublikum völlig verstörten.

    Neben den großen bunten Eye-catchern findet sich auch eine düstere Sammlung von Spätwerken des Künstlers in einem Extra-Raum unter dem Titel „Mengele-Totentanz“. Ursprung war ein Stück Stahl mit dem Namensaufdruck. Es inspirierte Tinguely zu einer dunklen Serie, die kritisch mit dem Kriegsverbrecher Joseph Mengele verbinden sollte.

    Das Museum zeigt aktuell zusätzlich umfangreiche Werke des kanadischen Künstlerpaares Cardiff/Miller, (auch Documenta 13, 2012). Sie präsentieren – inspiriert von Jean Tinguely, „Dream Machines“, u.a. eine Klanginstallation, aus der aus 40 Lautsprechern Chöre zu hören sind, wenn sich Menschen darum herum bewegen. Außerdem „Escape-Room“ eine Miniatur-Fantasie-Stadt unterschiedlicher Gebäude. (Bis 24.9.23)

  • Der Teufelsberg – Street Art vom Feinsten

    In außergewöhnlicher Kulisse

    Street Art gibt es in Berlin an zig Hauswänden,…….

    ……. doch eine fantastische Ansammlung findet sich herausragend aus der Natur eines großen Waldes auf dem Teufelsberg.

    Er entstand nach dem WW 2, als auf einem Rohbau für eine wehrtechnische Universität bis 1972 tonnenweise Trümmerschutt aus zerbombten Gebäuden abgeladen wurde. Bereits ab 1957 wurde von den Amerikanern eine Abhörstation dort gebaut, die von der NSA und der US-Armee bis zur Wiedervereinigung genutzt wurden.

    Danach wurden die Gebäude von elektronischen Geräten entkernt und sich selbst, bzw. -wenn auch nicht lagalisiert- Künstlern überlassen. So entstand eine Art Freilicht-Galerie der besonderen Street Art.

    Der Aufstieg ist hart, aber es gibt einen Parkplatz, der auch Nichtsportler*Innen den Besuch ermöglicht.

    Bekannt ist das deutlich an einen Phallus erinnende Gebäudeensemble auch als beliebte Filmkulisse. So wurden auf der Plattform mit den flatternden bunten Stofffetzen u.a. die futuristischen Tanzszenen für das Video „Factory of the Sun“ von Hito Steierl, Professorin an der UdK, als Beitrag zur Venedig-Biennale 2011 im deutschen Pavillon gedreht.

    Ein weiterter Ort konzentrierter Street art ist das „Urban Nation Museum for Urban Contemporary Art“ (U-Bahn Haltestelle Nollendorfplatz), ebenso ein Must-see für Fans dieser farben- und lebensfrohen freiheitlichen jungen Kunst von oft hervorragender Qualität.