Jean Nouvel hat in dem größten der Vereinigten Emirate ein Gebäude für Kunst geschaffen, das sich nicht nur flach und rund in die Landschaft von Wüste, Küste und Meer einfügt, sondern auch Elemente der Nachhaltigkeit und emissionsarmer Architektur aufweist. Im Klima des Landes herrscht nicht wie bei uns die Notwendigkeit zu heizen, sondern stark zu kühlen. Doch große Bereiche des Louvre Abu Dhabi müssen nicht künstlich klimatisiert werden. Das gewölbte Dach, dessen Träger wie mehrere Schichten Korbgeflecht aussehen und die offene Bauweise am Meer bewirken eine ständige angenehme natürliche Durchlüftung. Auch die nur teils durchgelassenen Sonnenstrahlen beleuchten das Innere mit wechselndem Muster ausreichend, ohne zu blenden.
Für die wertvollen Kunstschätze gibt es jedoch zusätzlich sichere geschlossene Räume. Neben ortstypischen Sonderausstellungen alter Schriften oder wertvollen arabischen Schmuckes finden sich die Säle, die von den ältesten Figuren aus Jordanien (etwa 6500 Vor Chr.) über griechische, römische oder ägyptische Statuen eine komplette exemplarische Zeitreise durch die Kunst bis zu zeitgenössischen abstrakten Installationen bieten. Sowohl für Kunsthistoriker als auch Kunstbegeisterte ein Paradies.
Es ist bereits viel diskutiert worden, ob und warum ein ultrareiches Emirat der Vereinigten Arabischen Emirate antike Kunstschätze aus dem Fundus des Pariser Louvre in der Wüste präsentieren sollte. Handelt es sich um kulturelle Aneignung? Oder um eine arrogante Demonstration finanzieller Macht?
Auf der anderen Seite sind die Archive des Louvre wie auch anderer europäischer klassischer staatlicher Museen ungeheuer voll mit fantastischen erstklassischen Werken der Kunstgeschichte. Viele von ihnen hätten trotz riesiger Hallen wegen Platzmangels niemals die Chance im Stammhaus öffentlich ausgestellt zu werden. So kommt beim Wandeln durch die auf jeden Fall ebenfalls weitläufigen Räume in Abu Dhabi eher das Gefühl auf, dass hier sonst vielleicht in Lagerräumen verstaubende und vergessene Werke gesehen werden, die auch ein größeres Publikum aus aller Welt inklusive nichteuropäischer Kulturkreise begeistern können.
Blick in die Zukunft
Schaut man sich beim Herausgehen genau die Umgebung des Louvre an, so findet man als ultraspannenden Vorgeschmack auf hochkarätige contemporäre Kunstpräsentation zwei Großbaustellen in direkter Nachbarschaft. Norman Fosters Entwurf des Nationalmuseums für moderne Kunst ist bereits in seiner späteren Form mit vier riesigen Segeln recht gut zu erkennen.
In einem weiteren Areal am – oder ist es schon im Meer? – ragen mehrere massive Baukörper und asymmetrische Gerüstkonstruktionen in den Raum, die die Basis für einen erneuten fantastischen Museumsbau von Frank O‘ Gehry darstellen. Dies wird ein weiteres Guggenheim Museum und lässt vermuten, dass es die Gehry-Bauten in Paris (Fondation Louis Vuitton) und des Guggenheim Bilbao an Größe und Außergewöhnlichkeit noch weit übersteigern soll.
Ein Wiederkommen nach Abu Dhabi wäre 2025 wohl ein Hochgenuss für Kunst- und Architektur-Fans.
Als Pendant zu dem fantastischen Guggenheim-Museum in Bilbao konstruierte Frank O. Gehry einen weiteren ebenso großartigen Palast für Moderne Kunst für einen Privat-Investor. Diesmal ist es Bernard Arnauld, der über mehrere Luxusmarken wie Louis Vuitton, Dior, den Champagner Moet Chandon und den Cognac Hennessy herrscht.
Das Gebäude am Bois de Boulogne schwebt wie eine Wolke aus Schleiern wie Eis über dem Park. Faszinierend ist nicht nur die Außenansicht, sondern auch die Innengestaltung. Hier finden sich im Kern die schlichten Ausstellungsräume mit einer Höhe bis zu 9 Metern. Verbunden sind sie locker mit vielen asymmetrischen Übergängen, durch die stets neue Ein- und Durchblicke entstehen. 12 Schleier aus gebogenen Glasplatten schweben fast kontaktlos über der Grundkonstruktion. So entsteht ein offener Dachgarten auf multiplen Ebenen, der Ausblicke sowohl auf den Eiffelturm, als auch La Defense, das Skyline-Quartier von Paris freigibt.
Ein besonders imposantes und perfekt in einen freien Bereich eingepasstes Kunstwerk ist die Installation von Katharina Grosse. Sie wirkt ebenfalls schwebend, jedoch mit ihren typischen bunten Farben.
Die aktuelle Ausstellung ist Mark Rothko gewidmet. (18.10.2023 – 2.4.2024) Der amerikanische Maler ist bekannt durch seine Reduktion auf wenige Farbfelder mit Umrahmungen, bei denen die Übergänge verwischt gestaltet sind. Er lebte von 1903 bis zu seinem Suizid 1970. Seine Grundidee hierbei basiert angeblich darauf, dass wir Menschen zwischen Vergangenheit und Zukunft ständig intensiv daran arbeiten, unsere Gegenwart zu gestalten, in dem wir Erfahrungen von früher so verwerten, dass sie für die Zukunft eine gute Perspektive schaffen. Die Farbflächen symbolisieren diese Epochen. Dabei sei wichtig, dass Farbe wie halbdurchsichtig ist. Man kann einfach von außen darauf sehen, aber auch hindurch. Je geringer der Helligkeitsunterschied zwischen den zwei Farbflächen sei, desto mehr sei das Jetzt harmonisch mit Vergangenheit und Zukunft im Reinen.
Andererseits sind in der Chronologie der in Paris gehängten Bilder im Laufe der Jahre immer düsterer werdende Farben bis zu einer komplett schwarzen Fläche deutlich erkennbar, wonach der Suizid folgte. So entspricht dies womöglich mehr einer zunehmenden Düsterheit auch der Seele, also einer Depression und nicht der vollkommenen Harmonie. Ob die Zuspitzung wegen oder trotz Rothkos intensiver Beschäftigung mit der Philosophie Friedrich Nietzsches erfolgte, bleibt der Spekulation überlassen.
Mark Rothko war selbstverständlich auch Teilnehmer bei einer Documenta, und zwar der zweiten im Jahr 1959, was auch die Bedeutung dieser einmaligen alle 5 Jahre erneut stattfindenden Ausstellung untermauert.
Beim Besuch sollte auf keinen Fall das Untergeschoss vergessen werden. Die dortige Anlage des Wasserbasins ermöglicht herrliche Spiegelungen. Ebenso ist die ständig überlaufende Treppe ein Ort der Meditation.
Fondation Louis Vuitton, 8 Av. du Mahatma Gandhi, 75116 Paris
Die so lange sogar von den erfahrenen früheren Kurator*innen ausgesuchte Findungskommission für die Documenta 16 ist geplatzt. Sie hat sich einfach aufgelöst. Und woran lag es?
Natürlich liegt die große Konfliktsituation im Nahen Osten zwischen Israel und den umliegenden muslimischen Staaten, insbesondere Palästina dem zugrunde. Da werden Greueltaten an Zivilisten auf allen Seiten angerichtet, die keinesfalls gutzuheißen sind.
Die Unmöglichkeit einer für alle Seiten akzeptablen friedlichen Lösung ist und bleibt aber ein Weltproblem, für das sich die Künstler*innen und Kunst-Liebenden jedoch nicht vereinnahmen lassen sollten.
Die Documenta ist eine Institution, die sich von Beginn an gegen politische Einmischung bekannt hat, indem sie „entarteter Kunst“ wieder ihre Ehre und den richtigen Platz in der Kunstgeschichte zugewiesen hat.
Momentan scheint es, dass ein populär-publizistischer Missbrauch dieser Kunstausstellung erneut aufblüht, wie er schon im Sommer 2022 hunderte unbescholtene wunderbare Künstler*innen kollektiv diffamierte. Die Findungskommission wollte sich verständlicherweise nicht diesen Anfeindungen und dem Misstrauen erneut aussetzen.
Was nun?
Können wir die Documenta nicht unter ARTenschutz der UNESCO stellen lassen?
Oder gründen wir eine Initiative der Freunde der Documenta mit dem Titel: „Finger weg von der Documenta“?
Aus solch einer Gruppe könnten wir auch gleich die neue bestimmt loyale Findungskommission selbst stellen!
Jetzt auch im Museum Barberini: Edvard Munch. In der Berlinischen Galerie sehen wir bereits seit ein paar Wochen Gemälde des norwegischen Malers. Hier wurde mit Herzblut und kompetenter Recherche ein eigenständiges Konzept entwickelt, das thematisch neuwertig den Fokus auf den Bezug Edvard Munchs zu Berlin legt und einen besonders empathischen Blick auf sein Leben und Werk wirft.
Das ganze Gegenteil prägt die Ausstellung in Potsdam. Hier wurde ein Komplettpaket vom Clark Art Institut in Williamstown eingekauft, das die US-amerikanische Herkunft nicht verleugnen kann. Möglicherweise liegt genau darin ein Grund für die große Distanz des Betrachtenden mit schwieriger Einfühlbarkeit und mangelnder Begeisterung.
Ein Holzfäller im bunten Wald, ein grell gelber Baumstamm, verwaschene, verschmierte Farben, die als Schneesturm definiert werden und nackte Männer am Badestrand. Wie passt das zusammen? Nun, die badenden Männer habe Munch gemalt, als er sich in Warnemünde am Ostseestrand von seiner Depression erholt hatte. Oder entspringen sie vielleicht doch einem sonst heftig abgewehrten erotischen Kontext?
Ein besonderer Raum ist der „Aula“ gewidmet. Edvard Munch bewarb sich in einem Wettbewerb um die künstlerische Ausstattung der Aula der Universität Oslo. Er fertigte dafür zunächst Entwürfe in kleinerem Maßstab an, die als Ensemble erhalten und in Potsdam ausgestellt sind. Der Titel ist „Licht und Wissen“. Trotz aller Genialität des Künstlers wirken sie nun richtig skizzenhaft und unfertig, was sonst dem regelrechten Werk von Munch ungerechtfertigt vorgeworfen wurde. Allerdings ist die thematisch führende Darstellung der Sonne gerade durch die Unvollkommenheit ein heiteres fröhlich frisches Gemälde.
Als kleines Highlight hängt jedoch ein „Schrei“ in der Potsdamer Ausstellung im Gegensatz zu Berlin, leider aber nur als recht kleine Lithografie. Auffällig der handschriftliche Titel: „Geschrei“! Dazu noch: „Ich fühlte das große Geschrei durch die Natur.“ Meint er, dass damals schon die Natur aufgeschrien hat, weil man sie zerstörte? Es soll zu jener Zeit durchaus Angst um die Natur bei den Menschen geherrscht haben, jedoch befürchtete man im Gegensatz zu heute eine bevorstehende Eiszeit. Oder war Munch von Stimmen oder Tinnitus geplagt?
Für Anhänger von Edvard Munch ist die Postdamer Ausstellung sicher ein schönes Zusatzgeschenk in diesem Winter, doch den zauberhaften „Zauber des Nordens“ in der Berlinischen Galerie kann sie in keinem Fall überstrahlen.
Ein Tipp für den Besuch: Es gibt Kombinationstickets für beide Ausstellungen für 20€.
Munch. Lebenslandschaften, 18.11.23 bis 1.4.2024, Museum Barberini , Potsdam
Ausgewählte Highlights der Sammlung von 1945 bis 2000 in der Neuen Nationalgalerie Berlin
Es war bestimmt die schwierigste, aber auch schönste Aufgabe für das Kurator*Innen-Team, im großen Schatz der Sammlung der Nationalgalerie zu stöbern und sich dann für diese grandiosen Perlen an Kunstwerken zu entscheiden. Ihnen dann jeweils eine thematische Zuordnung zu geben, war der intellektuelle Anteil, der historisch äußerst reizvolle Gegenüberstellungen hervorbrachte.
Beispielhaft, plakativ, doch so unmittelbar aktuell fällt die Plakatwand von Klaus Staeck ins Auge. Seine aufwühlenden sarkastischen Aufrufe aus den 70er Jahren sind heute extrem aktuell, wodurch sie endgültig ihren künstlerischen Charakter beweisen.
Die geschichtliche Besonderheit besteht darin, dass sowohl die Sammlung der Ex-DDR als auch die bundesrepublikanische Sammlung jeweils zeitgenössischer Kunst nach der Wende zusammenkamen, wodurch ein einmaliger Fundus von sowohl sozialistischer, als auch kapitalistischer Sichtweise entstand. Da hängt als Beispiel ein monumentales Gemälde von Willi Sitte in direkter Nähe zu Andy Warhol.
Im Themenbereich über Identitäten im Alltag findet sich ein Gemälde des Schweizer Künstlers Franz Gertsch von 1974 (Barbara und Gaby). Dem gegenüber hängt „Die Ausgezeichnete“, eine müde Frau mit schlappen Tulpen, die sie für besonders ausdauernde Arbeitstätigkeit im Kombinat erhalten hat.
Doch auch ohne jede thematische Zuordnungspflicht ist es ein großes Vergnügen, sich die fantastischen Werke anzusehen. Francis Bacon, Robert Rauschenberg, , Mark Rothko, Jean Tinguely, Victor Wasarely, Günter Uecker, aber auch Katharina Sieverding, Cindy Sherman, Joan Jonas und Charlotte Posenenske. Von 163 Ausstellungsstücken sind 25% der Werke von Künstlerinnen. Auf diesen Anteil wurde viel Wert gelegt und Klaus Biesenbach als Direktor der Neuen Nationalgalerie betonte, dass sie bis zur Fertigstellung des neuen „Berlin Modern“ den Frauenanteil durch Neuanschaffungen paritätisch erweitern möchten.
Dass diesmal nicht noch mehr Fotos in diesem Blog erscheinen, hat den einzigen Grund, den Besucher*innen nicht die Freude zu nehmen hinter jeder Trennwand immer wieder überraschende wunderbare Entdeckungen zu machen, denn davon gibt es extrem viele.
„Zerreißprobe“ Neue Präsentation aus der Sammlung der Neuen Nationalgalerie , 18.11.2023 bis 28.9.2025
Das österreichische Künstler*Innen Duo beeindruckt durch eine Show ihrer surrealen humorvollen Skulpturen und Gemälde. Mit einer Ausstattung durch blau/grüne Teppiche, Spiegel und genialer Beleuchtung verwandeln sie das unheimliche Untergeschoß des Palais de Tokyo in eine unterirdische Grotte mit enorm vereinnahmender Ausstrahlung.
Venedig 2022
Knebl/Scheirl`s Kunst spiegelt erneut die Lebensart der beiden wider, die sich keiner Gender-Identität zugehörig fühlen. Daher sind die Werke ebenfalls eine Spielerei mit sexuellen Identitäten und deren Dekonstruktion. Jetzt in Paris lieben sie die Worte und Inhalte, die mit TRANS zu tun haben: transhistorisch, transnatürlich, transmateriell, transmedial. Eine Kunst des „Transmorphismus“, der sich teils an Jugendstil, Luigi Colani, die Postmoderne der 70er Jahre oder auch Barbapapa-Figuren anlehnt.
Man kann diese Kunst als kitschig, schreierisch, sexistisch und schon mal dagewesen empfinden, das bleibt natürlich jeden Betrachter überlassen. Doch gerade hier wirkt die Gemeinsamkeit des kompletten Ensembles besonders anziehend durch den Kontrast der fröhlichen Farbigkeit in dem brutalistischen Bau des Pariser Palais de Tokyo.
Der Betonbau wurde 1937 zur EXPO als Asstellungshaus für Moderne Kunst eröffnet, die er auch zeigte, bis diese 1977 in das fertiggestellte Centre Pompidou umzog. Danach wechselten sich unterschiedliche Nutzungen mit bis heute unvollendeten Umbauten ab, so dass jetzt rohe Betonmauern und -böden mit rauhen unverblendeten Stützsäulen das Grundambiente bilden.
In das dunkle Untergeschoss haben nun Knebl und Scheirl ihre biomorphen genderfreien Kunstwerke kontrastreich und heimelig installiert mit einem Ambiente zwischen Dystopie und auch Utopie und haben dabei noch einen Wohlfühlort geschaffen.
Die beiden Künstler*Innen repräsentierten 2022 Österreich bei der Venedig Biennale, waren jedoch auch bereits auf der Documenta 14 in Kassel und Athen vertreten.
D14 Athen 2017Venedig 2022Venedig 2022
Wer nicht demnächst nach Paris kommt, kann darauf warten, die Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen im Frühjahr 2024 genussvoll erleben zu dürfen. Andererseits ist dort schwer vorstellbar, wie sich in den doch riesigen hellen weiträumigen Hallen ein ähnliches emotionales Erlebnis einstellen kann.
„Doppelgänger“, Jakob Lena Knebl und Ashley Hans Scheirl im Palais de Tokyo, Paris vom 19.10.2023 bis 7.1.2024
Zu Beginn der Ausstellung dominiert ein riesiges Wandplakat von Metropolis von den ersten Part der Ausstellung. Es ist die französische Version von 1927 und das einzig noch existierende Exemplar.
Hineingehen und in Erinnerungen schwelgen: das ist ein großes Vergnügen. Zu sehen sind Plakate der Rocky Horror Picture Show und Star Wars ebenso wie von Arthouse Filmen wie Fabian, Systemsprenger oder Lola rennt. Zusätzlich gibt es eine Vorführung von Trailern beliebter Filme, erstmal 10, doch hier sollen noch einige nachkommen.
Die Kunstbibliothek der Staatlichen Kunstsammlung besitzt ein großes Archiv mit etwa 5000 Filmplakaten, das mit endlich öffentlich gezeigt werden sollte. Von denen hängen etwa 300 in den zwei großen extrem hohen Hallen im Kulturforum.
Die Kuratorinnen betonen, dass die Auswahl schon für die Aufnahme in die Sammlung nahezu allein der künstlerische Aspekt war. So entstand ein chronologisches Bild der Zeitgeistentwicklung dieser Kunstrichtung von den Anfängen des „Lichtspieltheaters“ bis heute. Das älteste Plakat ist aus dem Jahr 1905.
Filmplakate sind ja eher Gebrauchskunst, also nicht wirklich dem Beuyschen Kunstbegriff zugehörig, zumal es keine Unikate sind, sondern sie werden zigmal vervielfältigt. Doch es sind Werke, die stets den Spagat zwischen Illustration, Kommerz, Werbung und künstlerischer Gestaltung erfüllen müssen. Ein Filmplakat soll möglichst das Narrativ der Filmhandlung beinhalten, die Blicke der Kunden anziehen und Emotionen wecken. Es soll eine große Kraft ausstrahlen, indem es ein Konzentrat des ganzen Filmes zeigt.
Die Kunstwelt ignoriert das Genre auch keinesfalls, denn z.B. bestand bei der letzten Documenta15 die riesige Längswand in der Documentahalle aus lauter gemalten Filmplakatmotiven.
Ursprünglich waren Filmplakate gemalt, später flossen mehr Fotocollagen in die Gestaltung ein, heute entstehen sie mittels Computergrafik und bald vielleicht mit Hilfe von KI. Es heißt dann „Digital Artwork und bildet das Konzept für die ganze Filmvermarktung als „Visual Art-Key“. Ein spezielles wiederkehrendes Element war und ist auch der „Schwebende Kopf“, meist die Hauptfigur des Filmes.
Die jetzige Ausstellung wurde nicht nur von den Kuratorinnen der Kunstsammlung zusammengestellt, sondern sie ist eine Kooperation mit der Stiftung Deutsche Kinemathek und der Berlinale. Außerdem waren 26 Menschen der Filmwelt gebeten worden, mitzuentscheiden. Jede/r von ihnen durfte sich ein Lieblingsplakat aus der Sammlung aussuchen, allerdings auf keinen Fall mit eigener Beteiligung.
ausgesucht von Mariette Rissenbeekausgesucht von Jasmin Tabatabaiausgesucht von Carlo Chatrian
Beispielsweise entschied sich Jasmin Tabatabai für die Rocky Horror Picture Show. Ihre Begründung ist, dass sie bei Erscheinen des Kultfilmes zu jung war und nicht ins Kino durfte. Ihr standen nur die Musik und die begeisterten Erzählungen ihrer Schwestern zur Verfügung, wodurch sich jedoch einen Art Audio-Story in ihrem Kopf entwickelte. Doch auch später faszinierte sie ebenso das Original.
Viele Blockbuster wurden in unterschiedlichen Ländern mit verschiedenen Plakat-Grafiken beworben. Ein interessantes Beispiel ist das für Star Trek in der Version der DDR. Das Kuratorenteam beteuert, dass ihre Recherchen ergaben, dass der Film wirklich dort lief: kurz und in sehr wenigen Kinos.
Auffällig ist, dass der Künstler oder die Künstlerin des Plakates im Gegensatz zu genuinen Kunstwerken auf ihrem Werk weder signiert haben, noch überhaupt namentlich genannt wurden.
Den Abschluss bilden große Gemälde des letzen lebenden Filmplakatmalers Götz Valien und schließen somit den Reigen vom Beginn mit Metropolis. Das Kino International in Berlin hält an der Tradition weiterhin fest, ihre Fassade bei neuen Filmen mit solchen Kunstwerken zu schmücken.
Die Ausstellung ist ein historisches Abbild unserer über hundertjährigen Unterhaltungskultur, wobei durchaus ein wissenschaftlich fundiertes Konzept enthalten ist. Doch vorwiegend macht diese wundervolle Flut an schönen Bildern große Freude, weil man sich an die vielen glücklichen Stunden in fremden Galaxien, rührenden Liebesgeschichten oder skurrilen Stories mit Tränen, Schrecksekunden oder Gruseln in den Kinosälen erinnern kann.
„GROSSES KINO, Filmplakate aller Zeiten“
im Kulturforum Berlin vom 3.November 2023 bis 3. März 2024
Lee Ufan muss ein weltberühmter Künstler sein, denn sonst hätte er nicht die Ehre bekommen, eine Espressotasse der Illy-Collection zu gestalten und sonst wären nicht so viele begeisterte AnhängerInnen aus Frankreich und Korea zur Eröffnung der neuen Retrospektive des Künstlers im Hamburger Bahnhof angereist.
Das Tassendesign ist nicht sehr dekorativ, sondern fällt sehr minimalistisch aus. Doch genau das ist absolut typisch die Kunst von Lee Ufan, ein Symbol für Reduktion, Entschleunigung und Konzentration auf das Wesentliche.
Auf den ersten Blick entfalten die ausgestellten Werke ihre tiefe Aussagekraft nicht wirklich, doch mit ein wenig Anleitung und Einblick in das Leben und die Intentionen des Künstlers verlieren die Felssteine, Blech- und dicken Glasplatten ihre Sperrigkeit.
Die Retrospektive des 87jährigen koreanisch-japanischen Künstlers Lee Ufan findet fast genau 50 Jahre nach seiner ersten Ausstellungsbeteiligung in Deutschland, damals in Düsseldorf statt.
Lee Ufan wurde 1936 im japanisch kolonialisierten Korea geboren, zog 1956 aber nach Japan, wo er bis heute lebt und arbeitet, allerdings mit häufigen Aufenthalten in Paris.
Es gibt einen Bezug zu Deutschland durch Teinahme an mehreren Ausstellungen, aber auch durch die Liebe des Künstlers zur deutschen Philosophie, die er mit anderen philosophischen Richtungen intensiv studierte. Bis heute schätzt Lee Ufan Martin Heideggers Konzept des Daseins, das die Basis seiner künstlerischen Philosophie bildet. Die Objekte und deren Anordnung im Raum gehen eine Beziehung ein, in die zusätzlich der Betrachtende eingebunden werden soll. Allein das Dasein aller Elemente hat Bedeutung.
Obwohl die Werke von Lee Ufan an die Strömung des Minimalismus erinnern, erklärt der Künstler den Unterschied seines asiatischen Ansatzes besonders im Vergleich zu dem amerikanischen Stil: „Die Minimalisten in Amerika entleeren die Objekte jeglicher Bedeutung. Ich gebe ihnen aber vermehrten Ausdruck, indem ich sie in einem Raum so installiere, dass sie miteinander und mit den Betrachtern in Beziehung treten.“ Somit ist zum Verständnis nicht ein einzelnes Objekt zu bewerten, sondern der ganze Raum. Wenn dieser interpretatorische Zugang verstanden ist, kann die dahinter stehende Idee langsam wahrgenommen werden und ermöglicht vielleicht ein Eintauchen in die Denkwelt des Künstlers.
Lee Ufan ist künstlerischer Schwerstarbeiter. Wie kaum ein Mensch ist er bereits 60 Jahre lang aktiv. Schon Ende der 60er Jahre fiel Lee Ufan mit Kunstwerken auf, bei denen er einen schweren Stein ganz langsam anhob und auf eine Glasplatte fallen lies, die daraufhin zersprang. Solch ein Werk ist in der aktuellen Ausstellung erneut zu sehen. Auf die Frage, ob er es vor Ort produziert oder die zerstörten Teile mitgebracht und zusammengelegt habe, erklärt Kurator Till Fellrath: „Die Installation hat Lee Ufan hier neu erstellt, inklusive des Anhebens und Fallenlassens des Steins.“ Der Künstler erläutert: „Früher in den 60gern gab es Unruhen unter jungen Leuten. Da war der Vietnamkrieg, gegen den alle protestierten und auch gegen die ältere Generation. Diese Art von Kunst-Aktion war damals ein rebellischer Prozess: It was strong political power!“ Heute habe sich sein Fokus geändert. Auf der einen Seite liege die Glasscheibe als industrielles Produkt und darauf der Stein, ein Stück Natur, der symbolisch am Ende gewinnt. Lee Ufan könne jetzt auch die poetische Schönheit in diesem Kunstwerk sehen, nicht vorrangig die Zerstörung. Die grafischen farbigen Bilder im selben Raum stammen auch aus dem Jahr 1968, passend zur jugendlichen Rebellion im Popart – Zeitalter.
Die Gemälde der Ausstellung wirken etwas spröde und recht leer. Sie entspringen einer Koreanischen Künstlerbewegung der 1970er Jahre (Dansaekhwa) mit Abstraktion in monochromer Malerei. Der Künstler tauchte den Pinsel in Farbe und trug sie rhytmisch auf die Leinwand auf. Er erklärt auch heute, dass die leeren Bereiche seinem Körper entsprechen und deshalb nicht wirklich leer seien. In den neueren Gemälden finden sich eher sporadische Pinselstriche, aber in kräftigem Rot und Blau. Mit etwas Fantasie und Empathie drücken sie Bewegung, Tiefe und Rhythmus aus. Es fällt ein bisschen schwer, sich den großen Leinwänden mit den minimalen Farbanteilen zuzuwenden und ihre Intention zu fühlen. Denkt man aber entsprechend des Grundgedankens der Beziehungen aller Werke im kompletten Raum, ist es etwas leichter.
Lee Ufan äußert sich auch zur aktuellen Diskussion über AI (artificial intelligence): „AI comes from human and human comes from nature.“ Auch wenn wir im Zeitalter der Digitalisierung leben, so bleiben doch Spiritualität und Menschlichkeit weiterhin wichtig. „Die AI kann Antworten geben, doch die Aufgaben stellt der Mensch.“
Viele Werke enthalten den Titel „Relatum“, was Ausdruck für die wechselseitige Beziehung einzelner Elemente in einem System/Raum bezeichnen soll. Zum Beispiel stehen industrielle Materialien wie Stahl oder Glas natürlichen Steinen gegenüber.
Ein ganz besonderer Raum der Interaktionen der Objekte ist der letzte der Ausstellung, in dem ein Original-Rembrandt-Selbstbildnis am Ende eines Spiegelweges mit Stein-Begrenzungen hängt („The Narrow Sky Road“).
Lee Ufan ist lebenslang Bewunderer des Malers: „Rembrandts Selbstbildnisse leuchten aus den Tiefen des Gesichts, den Tiefen der Menschheit und der Erde. Stehe ich also vor einem, so erzittert das Innerste in meiner Seele.“ So wünscht er sich auch, dass die BesucherInnen von seinen eigenen Werke ergriffen werden.
LEE UFAN 27.10. 2023 bis 28.4.2024 im Hamburger Bahnhof, Berlin
INArt and Communication, heute zur Buchvorstellung auf der Messe
Aus der Serie ART and COMMUNICATION stellt der Verlag mediagroupberlin den neuen Titel der Art Galerie vor. INArt ist eine Serie von Publikationen zum Thema Konfliktpotential der Kunst mit der Gesellschaft.
Das Buch ist hervorgegangen aus den Beiträgen dieses Blogs, die thematisch weiterentwickelt und in einen großen Kontext eingebunden wurden. Wie auch hier wird anhand von aktuellen Kunstreisen, Begegnungen mit Künstler*Innen und Kurator*Innen sowie Beachtung von Kritiken versucht, einem Nicht- Fachpublikum die aktuelle Kunstwelt ein wenig transparenter zu machen und Menschen für Ausstellungen zu begegeistern.
Zusätzlich wird ein Fokus auf die Bedeutung und Chance von Kunst für eine globale Kommunikation und damit Verständigung gelegt.
Besonderen Raum nimmt in den Beschreibungen der direkte Kontakt zu der Künstlergruppe Atis Rezistans aus Haiti oder auch dem Team um die Biennale in Sharjah ein. Basierend auf einem Erfahrungsschatz aus der Mitarbeit bei der DOCUMENTA werden über aktuelle Kunst-Projekte Rezessionen mit Betonung auf deren soziale Bedeutung aufgegriffen.
Der Kunstbetrieb hat heute ein Eigenleben entwickelt und nimmt teilweise die Sichweise von Menschen außerhalb dieses Kreises kaum wahr. Vielen Betrachter*Innen von Ausstellungen bleibt dann leider trotz großen Interesses der Zugang verborgen und die Freude daran vorenthalten. Eine Brücke zwischen beiden Seiten zu bauen ist ein wesentliches Anliegen des Blogs und jetzt auch des Buches. Es besteht die feste Überzeugung, dass jedoch am Ende das Können und die Stärke der Kunst sowie die Fähigkeit des/der Künstler/in, den Betrachter zu fesseln oder zum Nachdenken zu bringen über den Erfolg entscheidet.
Es ist schon die 2 Publikation in Buchform in kurzer Zeit mit Berichten aus verschiedenen Orten der Welt , die jedoch stets in Beschreibung und Kritik einen aktuellen Bezug haben.
Zielgruppe sind z.B. auch Kunstreisende, die einen schnellen Input als Vorbereitung und Entscheidungshilfe vor einem Abstecher in die Kunst möchten oder im Nachhinein ein paar Hinweise über Interpretationsmöglichkeiten. Letztlich bleibt aber jedem nicht nur die Möglichkeit, sondern auch die Notwendigkeit einer ganz persönlichen Empfindung. Doch auch allgemein an Kunst Interessierte sollen beim Lesen eine möglichst große Freude empfinden.
Jetzt mitten in der internationalen quirligen Atmosphäre der Frankfurter Buchmesse erscheint das Buch genau am richtigen Ort, um eine größere Fangemeinde zu begeistern und hoffentlich auch an den Blog dauerhaft zu binden.
INArt and Communication, Verlag mediagroupberlin Kunst GmbH 2023
Konzepte zur Transformation in Kunst, Architektur und Gesellschaft
In der Akademie der Künste im Hanseatenweg in Berlin eröffnete eine Ausstellung über „Die Grosse Reparatur“. Wer hier eine große Werkstatt vermutet, liegt eher falsch und leider erklärt sich das Ausstellungskonzept nicht von allein. Zum Beispiel trifft man beim Eintritt in den ersten Saal zuerst auf einen großen Stapel Reinigungsutensilien. Da sind schon die Ausführungen des Hauptkurators Anh-Linh Ngo notwendig.
Wir leben in einem Zeitalter der multiplen Transformationen. Alles befindet sich angesichts der akut drohenden Klimakatastophen in Umbruchstimmung. An erster Stelle wird über die Energieversorgung diskutiert, wobei an Sonnen-, Wind- , Wasserenergie und Wasserstoff niemand vorbei kommt.
Zusätzlich müssen wir auch unsere weiteren Ressourcen schützen, besonders vor Verschwendung. Für die Architektur, die in dieser Ausstellung vorrangig im Fokus steht, bedeutet dies: „reparieren, nicht abreißen.“ Es muss gelernt werden, mit den Bestandsgebäuden zu arbeiten. Die Produktion von Zement und Beton erzeugt große CO2-Emissionen und genau diese beiden Materialien sind augenblicklich die am häufigsten verwendeten Baustoffe.
Es wird auch der „Mythos Beton“ problematisiert. Er sei der Inbegriff von Langlebigkeit, doch sehen wir überall marode Brücken und Bauwerke, wo Beton zerfällt.
Zurück zum Putzmaterial: Für Langlebigkeit von Gebäuden ist neben regelmäßigen Wartungs- und Reparaturmaßnahmen auch ihre permanente Pflege essenziell. Die Installation soll dies ausdrücken und zu Wertschätzung des Reinigungspersonals anregen. Es handelt sich um „Care-Arbeit“ am Gebäude.
Ein zauberhaftes Landschaftsmodell der ETH Zürich begeistert als absoluter Blickfang im nächsten Saal unter dem Titel:
„Power to the People“.
Nachgebaut wurde das Rheinische Braunkohlen-Revier, das uns bereits in den Nachrichten bewegt hat. Der große Stromkonzern RWE besitzt das Schürfrecht für das Gelände und hat vor kurzem trotz des beschlossenen absehbaren Endes des Kohleabbaus neues Gebiet mit Polizeigewalt von Demonstranten räumen lassen. Der Hambacher Forst und der Weiler Lützerath sind Symbole für den Umgang mit Menschen geworden, die zivilen Ungehorsam gelebt haben zur Erhaltung von Natur und Pflicht zur Neuorientierung. RWE baut zwar auch Windenergieanlagen genau in dieser Region, doch steht hier die Profitmaximierung im Vordergrund, wenn das Geschäft mit dem Ende der Fossilien-Verbrennung kompensiert werden soll.
Tim Kent nach Besuch des Rheinischen Kohlereviers
Thematisch möchten die Aussteller die Besitzfrage von Energiequellen in die Diskussion bringen und weiterhin den Mut der Menschen zum Widerspruch beflügeln.
„Wissenswelten dekolonialisieren“
Dieses Ausstellungskapitel enthält den Aufruf, weltweit bereits vorhandenes Wissen um alternative Baukunst und Lebensgestaltung auch in unsere industrielle Welt wieder einfließen zu lassen.
Künstlerisch ist Kader Attia in der Ausstellung vertreten mit einer Miniatur“Stadt“ aus Pappmache, deren Formen sehr an nordafrikanische Siedlungen aus vorwiegend Lehm erinnern. Die Installtion, die bereits auf der Sharjah-Biennale 2023 gezeigt wurde, soll nicht nur an diese Form und das natürliche Material erinnern. Vielmehr sagt der Künstler, dass jede Wand in jedem Bauwerk auch die Erinnerungen an die Bewohner und verschiedenen Reparaturen und Epochen enthält. Wir sollten vielleicht mal hinhören, was sie uns zu erzählen haben und respektvoll, nicht mit Baggern mit ihnen umgehen. Hier gilt symbolisch wieder: Reparieren und nicht abreißen.
Kader Attia ist in Berlin bekannt als Kurator der letzten Berlin-Biennale und unter den Künstlern der Urvater des Repair-Gedankens. Schon auf der Documenta 13 (2012) präsentierte er das Thema in einem fantastischen Saal, u.a. mit Fundstücken aus Nordafrika, die Alltagsgegenstände zeigten, die zur Weiterverwendung sichtbar repariert wurden: Schalen, Spiegel, Tücher, aber auch umgestaltete Stahlhelme oder Patronenhülsen. Zusätzlich waren Fotos und Holz-Büsten von versehrten Weltkriegssoldaten ausgestellt, die keine perfekt rekonstruierten Gesichter hatten.
In der jetzigen Ausstellung hat der Fotograf Michael Wolf das Sammeln übernommen und präsentiert mehrfach reparierte Stühle aus China.
Wie schon Kader Attia postulierte, so sagt auch die Ausstellung, dass nach jeder Reparatur Narben zurück bleiben.
„Die Narben sichtbar lassen“
ist auch ein Credo der Repair-Ausstellung. Allerdings wird eingeräumt, dass nicht alle Wunden, die der Menschheit zugefügt werden, reparierbar seien.
Unter dem Titel
„A City within a Building“
wird eine stark berührende Filmdokumentation über das Bombardement der russischen Armee am 16.März 2022 des Drama-Theaters in Mariupol in der Ukraine gezeigt. In dem Gebäude hielten sich zu dem Zeitpunkt nahezu 2000 ukrainische Zivilisten auf, die dort Zuflucht nach den massiven Angriffen auf ihre Stadt gesucht hatten. Kurz danach bauten die russischen Streitkräfte erst einen extrem hohen Zaun um die Ruinen und rissen dahinter alles ab. Sie behaupteten der Angriff sei durch die ukrainische Armee begangen worden. Hier sollten keinerlei Spuren, sprich Narben der Gewalt sichtbar bleiben.
Das Kiewer Forschungskollektiv Center for Spatial Technologies hat zusammen mit Forensic Architecture eine virtuelle 3D-Rekonstruktion des Theaters und der Geschichte der Zeit der Zuflucht und Bombadierung hergestellt, um dieses Vergessen zu verhindern und ggf. Beweise für eine spätere Kriegsgerichtsbarkeit zu sichern.
Aus Augenzeugen-Berichten im Sinn kollektiver Erinnerungen und Handyvideos von den wenigen Überlebenden wurde dies in mühsamer Kleinstarbeit möglich.
Forensic Architecture ist eine Gruppe mit Sitz in London, die in ihren Projekten Gegenbeweise zu staatlicher Desinformation suchen. In Deutschland wurden sie erstmals auf der Documenta 14 bewußt wahrgenommen. Sie zeigten die Rekonstruktion des Mordes an Halit Yozgat in einem Internet-Cafe in Kassel. Offiziell wurde es lange als Konflikt zwischen rivalisierenden Familien deklariert. Später stellte sich heraus das Halit Opfer der NSU-Täter war, einer rechtsradikalen Gruppe. In der Rekonstruktion konnte auch belegt werden, dass der Verfassungsschützer Andreas Temme während der Schüsse in Nebenraum des Cafes anwesend war und seine Aussage, er habe nichts gehört und beim Hinausgehen auch nicht den Toten gesehen, unglaubwürdig war. Dieses Kunst-Projekt wurde im Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtages gezeigt; ein Beispiel, dass Kunst auch Macht haben kann.
The Great Repair endet mit der Vorführung von Baustoffen und der Machbarkeit ökologischen Bauens. Hier spielen natürliche Materialien wie Holz, Lehm oder Reet eine Rolle. Ein Planungsprojekt eines Industriegebietes wird vorgestellt mit dem Ziel, versiegelte Flächen -wie besonders Parkplätze- zu öffnen und zu renaturieren. Auf die Frage, wo danach die Autos bleiben können, gab es allerdings noch kein befriedigendes Konzept. Dies wird aber wohl gebraucht, zumal nicht alle Menschen, besonders in unserem doch regenreichen Land zum Radfahren bereit oder in der Lage sind.
Wie bereits zu Beginn berichtet, erklärt sich die Ausstellung nicht wirklich von selbst. Wenn man jedoch Kurator*Innen und Mitwirkende direkt fragt, eine Führung bucht oder bereit ist, sich durch die Beschriftungen oder den Katalog zu arbeiten, ist es eine besonders wertvolle Darstellung unserer Aufgaben, die die kommende Transformation auf so vielen Ebenen nötig machen wird.
„The Great Repair“, Akademie der Künste, Berlin, Hanseatenweg